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Der glücklichste Mensch unter der Sonne

Ich hatte einmal mein eigenes Büro. Darin konnte ich machen, was ich wollte: rauchen, aus dem Fenster gucken, telefonieren, Besuch empfangen - kurz, was man eben so alles „arbeiten“ nennt. Eigentlich fehlte nur ein Schild mit meinem Namen drauf. Mein Chef war der Meinung, darum müsste ich mich schon selbst kümmern. Damit war ich nicht einverstanden, denn was ich selbst auf ein Schild schreibe ist die eine Sache, aber was mein Chef darauf schreibt, eine ganz andere. So kam es, dass es kein Schild gab. Aber das war wirklich das Einzige, was fehlte. Sonst hatte ich alles - dachte ich. Dann musste mein Chef aus seinem Büro ausziehen, zog in meines ein und ich hatte keins mehr. Immerhin hatte ich noch einen Musikraum, in dem ich einen Schreibtisch und einen Aktenschrank stellte.

Irgendwann gab ich auch den Musikraum auf. Weshalb ich das tat, weiß ich heute nicht mehr. Aus irgendeinem Grund zog ich es vor, keinen Raum mehr zu haben, für den ich selbst und allein verantwortlich war. Ich be…

Kopfrum

Manchmal muss man die Welt ein bißchen auf den Kopf stellen. Dann gehe ich morgens einkaufen und belade meinen Einkaufswagen, bis nichts mehr hineinpasst. An der Kasse ist es sehr voll. Ich muss lange anstehen. Ich lege jeden einzelnen Artikel auf das Band, denn ich habe nichts zu verschenken. Als ich endlich dran bin, scannt die Kassiererin und scannt und scannt. Manchmal muss sie etwas von Hand eintippen. Dabei kaut sie Kaugummi. Dann ist sie fertig und ruft triumphierend: Hundertfünfundsechszig fünfundsiebzig. Ich öffne mein Portemonnaie. Die Kasse springt auf und die Kassiererin zählt mir das Geld hin. Ich stecke es ein und bringe meinen Einkauf nach Hause. Je mehr man einkaufen kann, desto mehr Geld bekommt man. Ich schaffe nicht immer so viel. Ich habe auch nicht so viel Platz zu Hause und kenne nicht viele, die mir etwas von den Einkäufen abnehmen würden. Natürlich nicht für umsonst. Manche gehen aber mehrmals täglich einkaufen und haben Geld wie Heu. Keine Ahnung, wie sie das…

Was zu hoffen bleibt

Das Kurzzeitgedächtnis scheint ein bisschen angeschlagen. Alles, was ich mir nicht aufschreibe, verschwindet im Nebel. Das wäre nun nicht weiter schlimm, verschwände es dort auf Nimmerwiedersehen. Aber es kommt wieder raus, und zwar meistens nachts. Da kann ich es aber nicht gebrauchen. Ich habe wichtige Informationen für meine Kollegin, gleich werde ich sie sehen und kann alles loswerden. Sie kommt herein, ich freue mich - und weiß nicht mehr, was ich ihr eigentlich mitteilen wollte. Kein Problem, ich gehe noch mal die Treppe hoch und wieder runter - ja, da ist es wieder! Also nicht das, was ich eigentlich sagen wollte, aber etwas anderes, Wichtiges. Ich eile ins Büro - weg. Gähnende Leere. Nebelbänke. Mir bleibt nichts weiter übrig, als der Kollegin zu sagen, es gäbe eben sehr, sehr, ja geradezu existenziell wichtige Informationen. Da müsse sie nun aber allein drauf kommen, ich könne ihr nicht helfen. Was ich nicht aufschreibe, verschwindet im Nebel. Und es verschwindet schnell. Ic…

Wer ist B. Traven?

Was man bis heute nicht geschafft hat, schafft man bis zum Jahresende auch nicht mehr. Es gibt also keinen Grund für Hektik. Ich wollte zum Beispiel wieder ein kleines Buch machen, das ich als Weihnachtsgeschenk einwickeln kann. Ich habe es nicht geschafft. Das ist aber auch gar nicht notwendig, denn es gibt eine Vielzahl von Büchern, die andere schon geschrieben haben und die man genauso gut einwickeln und verschenken kann. Ich brauche mir auch gar keine Mühe damit zu geben, zu bemerken, dass das Buch diesmal nicht von mir ist. „Ja, Ja…“ Es wird verschmitzt gelächelt und das Geschenk wechselt den Besitzer. Da ich in den letzten Jahren nur Bücher von mir verschenkt habe, glaubt mir jetzt keiner mehr, dass ich auch fremde Bücher verschenken kann. Dass ein fremder Autor draufsteht irritiert niemanden, auf meinem ersten Buch stand ja auch nicht, dass es von mir war. B. Traven hat zeitlebens unter Pseudonym geschrieben. Die wahre Identität B. Travens ist bis heute umstritten. Würde ich b…

Doch Weihnachten

Bild
Eigentlich wollte ich gestern noch mal einkaufen. Ich saß beim Frühstück und öffnete mein Türchen für den 23.12. Meine Therapeutin, die auch meine Freundin ist, hatte mir einen digitalen Adventskalender gebastelt und hinter dem Türchen das Weihnachtsoratorium im Leipziger WG-Konzert versteckt. Ich kannte es noch nicht, sah bloß die Dauer von 52 Minuten und wollte es eigentlich nicht anmachen. Dann habe ich es aber doch geklickt und Weihnachten begann einen Tag früher. Ich wurde um das endzeitliche Gedränge im vorweihnachtlichen Lebensmitteldiscounter gebracht aber ich jauchzte und frohlockte 52 Minuten lang und ich tue es immer noch. Vor fünf Jahren wollte ein Leipziger Musikstudent seinen Abschied feiern und hatte die Idee, das Weihnachtsoratorium in seiner WG aufzuführen. An die achtzig junge Menschen drängeln sich in der 3-Zimmer-Altbauwohnung und machen mit großer Leichtigkeit große Musik. Warum sind wir eigentlich so verzagt? Ich weiß es gar nicht mehr. Zugegeben, vor fünf Jahren…

Kein Plan

Manchmal möchte ich gern in der Stadt wohnen. Ein bisschen erhöht, vielleicht im 2. Stock über einer schönen Einkaufsstraße. In so einer Erkerwohnung mit Blick nach mehreren Seiten. Besonders in der Weihnachtszeit ist dieser Wunsch sehr stark. Ich würde am Fenster sitzen und auf das bunte Gewimmel blicken. Es müsste natürlich auch in einer Fußgängerzone sein. Idealerweise schneit es noch und die Menschen haben alle bunte Päckchen und Pakete unterm Arm. Stattdessen wohne ich in einem Dorf mit Regionalbahnanschluss und gucke auf eine Landstraße. Das ist auch schön. Zurzeit fahren viele Autos vorbei, die sich Weihnachtsbäume auf das Dach gebunden haben. Ein schöner Brauch. Schnee liegt nicht und es fällt auch keiner, was sich aber zu dieser Jahreszeit schnell ändern kann.

Veränderungen fühlen sich immer dann unangenehm an, wenn man sich gerade eingerichtet hat, wobei einem dann dämmert, dass es so nicht bleiben wird. Dann bekommt man ein bisschen schlechte Laune. Eigentlich wäre es sch…

Advent

Leider bin ich in diesem Jahr mit der Adventsdeko ein bisschen in Verzug geraten. Weder bin ich schon dazu gekommen, Fenster und Balkon kunstvoll zu illuminieren, noch habe ich ein nach der Kirchenjahreszeit benanntes Kranzgebinde aufgestellt. Ich hoffe, dass ich das noch nachholen kann. Immerhin habe ich aber einen Türchenkalender geschenkt bekommen und kann nun jeden Tag eins aufmachen. So ein Adventskalender funktionierte übrigens auch mit einfachen kleinen Bildchen, ohne irgendwas besonderes. Es war trotzdem spannend. Ich glaube irgendwann hat meine Mutter mal einen wiederverwendbaren mit lauter beklebten Streichholzschachteln gebastelt, in die sie dann Süßigkeiten hineinsteckte. Ich habe jetzt den digitalen Adventskalender von Türchen.com, bis gestern mit Musikvideos. Am Wochenende besuchte ich meinen Vater und wir öffneten am Frühstückstisch das zehnte Türchen. Vier reizende junge Damen spielten als Streichquartett den Kanon von Pachelbel. Ich setzte ein verklärtes Gesicht auf …

Nur eins ist geblieben

Die Lieferdienste haben es auch nicht leicht. Erpressungen, Drohungen und nicht zuletzt die Kunden! Wenn die ganzen Kunden nicht wären, könnte so ein Lieferdienst ganz in Ruhe seine Arbeit machen. Nur wegen der Kunden entsteht der ganze Stress. Das ist eigentlich in der ganzen Arbeitswelt so. Im Krankenhaus stören die Patienten, bei Versicherungen die Versicherten und im Einzelhandel auch wieder die Kunden. Alle wollen sie irgendwas und dann immer das Falsche zum falschen Zeitpunkt. Das ist der Lauf der Welt und leider nicht zu ändern. Ich habe mir zum Weihnachtsfest ein neues Wohnzimmerradio bestellt. Der Verkäufer wusste, wie er mit Kunden umgehen muss und schickte es sofort los, damit er seine Ruhe hat und sein Geld behalten kann. Dann kam der Lieferdienst ins Spiel. Diesmal war es DPD. Ich bekam eine Email mit einem Knopf zur Paketverfolgung. Die verlinkte Internetseite nannte mir den Tag und sogar die Stunde, wann das Paket zugestellt würde.

Auf der Seite gab es wiederum ein Kn…

Ich glaube

Wir wurden alle von einer Mutter geboren. Jedenfalls, wenn wir einen Bauchnabel haben. Unmittelbar danach haben wir dann die verschiedensten Erfahrungen gemacht und an keine von ihnen können wir uns erinnern. So manche Seele wurde schlimm verletzt und für ihr Leben gezeichnet, viele erlebten Wärme und Geborgenheit. Wir haben aber alle immer wieder erlebt, wie der Kontakt zur lebensnotwendigen Mutter abbrach und wie uns Angst, Verzweiflung und Wut überfluteten. Wenn alles gut ging, dauerte dieses Verlassen-Sein nie lange und die Mama war wieder da mit ihrer Stimme, ihrem Geruch, ihrer Wärme und ihrem Herzschlag. Aber das Gefühl des Verlassen-Werdens bleibt und geht nie mehr weg. Die Reaktion darauf passt aber später nicht mehr zu den Situationen, durch die es ausgelöst wird. Darum ist es so wichtig, dieses Gefühl bei sich selbst genau zu kennen und wahrnehmen zu können. Denn nur dann, kann man es durchschauen und schließlich beherrschen. Dafür braucht man seinen Verstand.

Die materiel…

Es sei denn Liebe

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das anfing, aber irgendwann war ich der Meinung, Gefühle wären nur etwas für Mädchen und auch die würden sie sich nur einbilden. Ich hatte keine. Ich war in der Pubertät (oder zumindest in dem entsprechenden Alter) und ich war Dressur- und Springreiter. Das war ein Mädchensport und ich bekam immer die bockigen Pferde. Wenn ich in die Pfütze fiel, stand ich eben wieder auf, fing mein Pferd ein und stieg wieder auf. Jana sagte mir dann einmal, dass ich immer so cool aussehe, als ob ich niemals Angst hätte. Das hat mir sehr gefallen und ich konnte auch wirklich keine Angst mehr fühlen. Nicht dass ich keine Befürchtungen gehabt hätte, was alles nicht klappen könnte - aber das Gefühl der Angst war weg. Oder besser: ich konnte es nicht wahrnehmen. Genauso war es mit Glück und Trauer, Stolz und Freude, Wärme und Zuneigung und was das Leben sonst noch alles reich machen kann. Ich hatte mir das abgewöhnt und fing lieber an zu rauchen und zu trinken, weil …

Alt wie ein Stein

Die aktuellen Zeitläufte bieten gerade nicht so viel Schreibstoff, will man nicht in das aufgeregt besorgt-mahnende Gemurmel einstimmen. Darum gebe ich mich wieder der Erinnerung hin. Eine, die sich in den letzten Tagen und Wochen vermehrt eingestellt hat, war die, dass ich als Kind gerne alt sein wollte. Wäre eine gute Fee gekommen und hätte mir die ewige Kindheit geschenkt - ich hätte mich in meinem Akkordeonkoffer zusammengerollt und den Deckel zugeklappt. Nein, Kindsein war damals wirklich nichts für mich. Ich wollte lieber erwachsen sein und sehr gerne auch alt. Meine Urgroßmutter war zum Beispiel alt. Sie verbrachte die Vormittage vor einem großen Spiegel und ordnete ihr schütteres Haar. Dann machte sie sich in der Küche zu schaffen und zerkochte Kaninchen, Hühner und ähnliches Hof-Getier zu lutschbarer Konsistenz. Mir gefiel das gut.

Wenn ich mich sehr genau beobachte, kann ich feststellen: ich arbeite zurzeit genau darauf hin. Der einzige Unterschied ist noch, dass kein Enke…

Nichts als Musik

Musik ist eigentlich Bewegung. Bewegung ist Musik, die man (noch) nicht hört. Ohne Bewegung kann man keine Musik machen. Das gilt auch für Musik auf Tonträgern. Bei der Schallplatte bewegt sich noch ganz viel. Wenn man die Abtastnadel vergrößern könnte, würde einem bestimmt schwindelig davon, wie sie in der Rille tanzt. Bei CD’s und Magnetbändern dreht sich wenigstens noch etwas, aber es ist schon keine richtige Bewegung mehr drin. MP3-Player, Smartphones und Tablets sind aber auf der einen Seite absolut bewegungsfrei. Auf der anderen Seite bewegt sich immerhin noch eine Lautsprechermembran. Ich könnte nicht sagen, dass es schlechter klingt, aber irgendwas ist anders. Es mag ein bisschen Nostalgie drinstecken, aber Vinyl ist nicht zuletzt wegen der Bewegung wiedergekommen. Es ist sicher möglich, akustische Erlebnisse direkt ins Gehirn einzuspeisen. Dann braucht sich überhaupt nichts mehr zu bewegen. Das wäre dann das Ende der Musik. Dann könnten wir akustische Phänomene wie ein Compu…

Der gute Hirte

Jetzt ist es soweit! Ich finde meine eigenen Texte nicht mehr. Ich bin auf der Suche nach der Geschichte, die mit einem Brathering begann und mit dem Zusammenbruch des Versandhauses Quelle endete. Sie ist weg. Aber da es sich - wie bei allen Geschichten die ich schreibe - um eine wahre Geschichte handelt, kriege ich sie auch noch so zusammen. Also, ich wollte nicht mehr im Betriebsrestaurant essen, weil sie dort dynamitgefischten Brathering aufgetischt hatten und suchte nach einer Alternative. Ich war bereit, die Zubereitung meines Essens selbst zu bewerkstelligen. Zu dieser Zeit wohnte ich aber sehr abgelegen und besaß kein eigenes Kraftfahrzeug, um wenigstens die rudimentärsten Zutaten einzukaufen. Alle Lieferdienste winkten damals noch ab. Außer Bofrost. Als die erste Lieferung kam, merkte ich, dass ich ein Tiefkühlgerät benötigte und keins hatte. Ich bestellte eins bei Quelle, das dann nicht bei mir ankam.

Nach einigen Nachforschungen wurde mir mitgeteilt, dass mein Betreuer das…

Die Schildbürger

Vierhundert Kilometer über unseren Köpfen fliegen ständig sechs Menschen um die Erde herum. Sie bilden die Besatzung der Internationalen Raumstation. In zehn Kilometer Höhe sind es schon eine Million Menschen, die ständig gleichzeitig in der Luft sind. Sie sitzen in Flugzeugen und fliegen von irgendwo nach irgendwo. Genau genommen könnten sie also auch unten auf dem Boden bleiben, aber da laufen schon mehrere Milliarden herum. Wie viele davon ständig auf dem Wasser oder unter Wasser sind, weiß ich jetzt nicht. Wahrscheinlich nicht so viele, wie die, die durch die Luft fliegen. Das ist äußerst erstaunlich, denn der Mensch ist eigentlich nicht für das durch die Luft fliegen gemacht. Er tut es trotzdem. Aber wer weiß, wie lange noch. Das Ende ist schon abzusehen. Schon in fünfzig Jahren wird man sich wahrscheinlich fragen, wie sie es damals fertiggekriegt haben, einen Flughafen zu bauen. Genau, wie wir heute nicht wissen, wie sie Pyramiden gebaut haben. Es ist ein Rätsel.

Man wird auch…

Wer‘s glaubt

Unser Lebensgefühl unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem der Menschen vor 500 Jahren. Das kann man im zu Ende gehenden Lutherjahr noch mal schreiben. Die Menschen lebten in dem Gefühl, dass die Welt, wie sie sie kannten, vor die Hunde geht und vor allem, dass sie Schuld daran waren. Das kam nämlich alles wegen der Sünde, wegen der Schlechtigkeit in der sie ihr Leben lebten. Darum mussten sie ins Fegefeuer. Das wollte natürlich keiner und darum haben sie nach jedem Strohhalm gegriffen, der sich ihnen bot: Buße, Ablass, Opfer, Sündenböcke. Luther hat immerhin erkannt, dass das so nicht funktionieren kann. Er hat sich mit der Frage sehr gequält: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wir wissen heute auch, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor die Hunde geht. Nur nach einem gnädigen Gott fragt heute keiner mehr. Vielleicht ist das der Unterschied?

In der Tat. Wenn man sich bewußt macht, dass es keine philosophische oder theologische Frage war. Es war eine existenzielle Frage. Ihr A…

Schlüssel und Schloss

Alles hat seinen Ort und alles hat seine Bedeutung. Manchmal tun wir Dinge, die überhaupt nicht in die Situation passen, die wir oder die anderen gerade erleben. Eigentlich passiert uns das aber nur in früheren Phasen unserer Entwicklung. Als Erwachsene funktionieren wir so gut, dass wir uns adäquat verhalten können. Zum Beispiel singen wir nicht mitten in einer Sitzung plötzlich die Arie der Königin der Nacht. Grotesk wird es, wenn jemand nur noch zwei sehr hohe Töne aus dieser Arie singt, aber das immer wieder und ständig. Das ist auch nicht mehr sozialverträglich. Außerdem ist es nicht mehr als Teil dieser Arie zu erkennen, auch für den Sänger / die Sängerin nicht. Es ist ein großer Glücksfall, wenn es gelingt, das Verhalten und die passende Situation wieder zusammenzubringen. 
Ich habe noch eine Schul-Beurteilung in der steht, ich müsse noch lernen, meine Späße im richtigen Moment wirken zu lassen. Ich weiß nicht genau, ob ich es gelernt habe. Es ist ganz schön schwer, weil Situa…

Singen statt sülzen

Die Anschaffung des großen Bettes hat sich wirklich gelohnt. Es sollte mir ja den Lebensabend erleichtern und versüßen, aber irgendwie kam ich von der Bettflucht nicht los, die mich nie sehr lange auf den weichen Matten verweilen ließ. Erst fand ich abends nicht hinein und dann lag ich wach, lange bevor der Morgen graute. Tagsüber war mit mir nichts anzufangen. Seit meinem Glücks-Fall am 1. Juli hat sich das grundlegend verändert. Bereits mit Einbruch der Dämmerung am frühen Nachmittag setzt geradezu unstillbares Gähnen ein, das mich zwingt, meine Schritte in die Richtung meiner Wohnhöhle zu lenken, um sie zu erreichen, bevor mir die Augen zufallen. Idealerweise habe ich dann schon meine Lagerstatt erklommen und liege ausgestreckt wie ein leerer Sack auf dem Rücken. Bei der Verweildauer im Bett habe ich gerade einen neuen Rekord aufgestellt: 10 Stunden 35 Minuten. Natürlich schlafe ich nicht die ganze Zeit. Gefühlt mache ich kein Auge zu. Aber anders als früher, kann ich vom ausgestr…

Ein Glück

Als Kind hatte ich überhaupt kein Geld. Gar nichts. Niente. Rien. Nada. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass es mir gefehlt hätte. Irgendwann bekam ich „Taschengeld“, allerdings nur aus pädagogischen Gründen, wie mir erklärt wurde. Ich sollte den Umgang mit diesem zwar nutzlosen, jedoch gesellschaftlich notwendigen Accessoire erlernen. Zunächst bekam ich dreißig Pfennige im Monat, deren Eingang und Ausgang ich in einem eigens dafür angelegten Oktavheft zu dokumentieren hatte. Mein Bruder bekam - glaube ich - eine Mark. Mir war das egal, weil ich auch mit einer Mark nichts weiter anzufangen wusste. Dieses seltsam distanzierte Verhältnis zu Geld prädestinierte mich schließlich zum Essengeldkassierer meiner Schulklasse. Hier fand ich tatsächlich meine wahre Bestimmung: Ich konnte zählen, buchführen, herausgeben und abrechnen. Aufgrund ihres geringen Volumens war das mit meiner Privatschatulle bisher nicht möglich gewesen. Jetzt verstand ich endlich, was man mit Geld alles anfangen ko…

Die Stunde der Delfine

Die Zahnpasta ist alle. Schon seit einer Woche. Natürlich könnte ich einfach neue kaufen. Ich besuche zwei- bis dreimal in der Woche einen riesengroßen Einkaufsladen. Obwohl er bis 21:00 Uhr geöffnet hat, muss man sich ranhalten, weil man ihn aufgrund einer ausgeklügelten Logistik einmal ganz durchqueren muss, selbst, wenn man nur Zahnpasta kaufen will. Empfindsame Gemüter wie ich geraten dabei leicht in Stress, kaufen, was sie kriegen können und vergessen darüber die Zahnpasta. Dahinter steht natürlich planvolle Absicht, die bis in die Architektur der Zahnpastatube durchdacht ist. Denn wie oft kauft man schon Zahnpasta? Alle zwei Monate? Das hält kein Markt aus. Darum sind die Zahnpastatuben so konstruiert, dass sie auch, wenn sie leer zu sein scheinen, nicht leer sind. Man kriegt immer noch was raus! Ich stelle zwar jedes Mal fest, dass ich wieder die Zahnpasta vergessen habe, aber das macht gar nichts. Eine leere Bierflasche verhält sich nicht so.

Eigentlich ist das schade. Käme …

Klang der Klingel

Es ist soweit. Die Kinderbanden sind unterwegs. Früher bin ich an diesem Tag einfach abgehauen, an Orte wo es keine Kinder gibt. Das ist mir heute zu aufwändig. Also lösche ich das Licht und sitze stundenlang im Dunkeln. Ich vertreibe mir die Zeit damit, mir das Geräusch der Wohnungsklingel vorzustellen, denn sie wird nur an diesem einen Tag im Jahr von den Kinderbanden benutzt. Anständige Menschen klingeln nicht bei mir. Sie rufen an oder schreiben Nachrichten und dann treffen wir uns. Wenn die Klingel dann losgeht, bekomme ich einen riesigen Schreck. Ein Mordsschreck ist das, geradezu ein Ur-Schreck. Übelst! Wenn ich mich davon erholt habe, habe ich meistens wieder vergessen, wie das Geräusch nun wirklich klang. Aber das ist nicht weiter schlimm, es kommt ja noch ein paar Mal an diesem Abend.

Natürlich habe ich nichts gegen Kinder. Ich liebe sie. Nur wenn sie in Banden auftreten, machen sie mir Angst. Als ich noch jünger war, fuhr ich mal als Betreuer in ein Kinderferienlager nach…