Der glücklichste Mensch unter der Sonne

Ich hatte einmal mein eigenes Büro. Darin konnte ich machen, was ich wollte: rauchen, aus dem Fenster gucken, telefonieren, Besuch empfangen - kurz, was man eben so alles „arbeiten“ nennt. Eigentlich fehlte nur ein Schild mit meinem Namen drauf. Mein Chef war der Meinung, darum müsste ich mich schon selbst kümmern. Damit war ich nicht einverstanden, denn was ich selbst auf ein Schild schreibe ist die eine Sache, aber was mein Chef darauf schreibt, eine ganz andere. So kam es, dass es kein Schild gab. Aber das war wirklich das Einzige, was fehlte. Sonst hatte ich alles - dachte ich. Dann musste mein Chef aus seinem Büro ausziehen, zog in meines ein und ich hatte keins mehr. Immerhin hatte ich noch einen Musikraum, in dem ich einen Schreibtisch und einen Aktenschrank stellte.

Irgendwann gab ich auch den Musikraum auf. Weshalb ich das tat, weiß ich heute nicht mehr. Aus irgendeinem Grund zog ich es vor, keinen Raum mehr zu haben, für den ich selbst und allein verantwortlich war. Ich bekam die Schlüssel für eine Kunstwerkstatt und konnte jetzt dort arbeiten, wenn die Werkstatt geschlossen war. Zu allen anderen Zeiten gehe ich seitdem dorthin, wo die Menschen gerade sind, mit denen ich arbeite. Erst hielt ich das alles für den langsamen aber stetigen Abstieg meiner Arbeit und ich befürchtete, sie würde in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Seit ein paar Wochen weiß ich es aber besser. Ich bin Hans im Glück! Ich bin auf dem besten Wege, alles zu verlieren, was einen bremst, aufhält und ablenkt. Statt dessen gewinne ich dafür alles, was glücklich macht: Anerkennung, Aufmerksamkeit und Zuneigung. Nun könnte man sagen, darum ginge es doch gar nicht. Es geht doch um die Menschen, für die man zuständig ist und denen man helfen soll. Aber man kann andern eben nur helfen, wenn man selbst einigermaßen glücklich ist.

Mein letzter Verlust in diesem Sinne war das kleine Auto. Aber seit es fort ist, sind auch all die kleinen und großen Kümmernisse verschwunden: Werkstatttermine machen, Reifen wechseln, Auto waschen, Geld zur Seite legen, Stellplatz verteidigen. Besonders das Letztere kostete viel Energie. Jetzt steht irgend ein Auto aus der Nachbarschaft auf dem Platz und hält ihn warm. Ich habe Hinweise aus der Bevölkerung bekommen und den Rat, das nicht zu dulden und etwas dagegen zu unternehmen. Aber ich werde mich hüten! Denn erst wenn alle Steine in den Brunnen gefallen sind, bin ich wirklich der glücklichste Mensch unter der Sonne.

Kopfrum

Manchmal muss man die Welt ein bißchen auf den Kopf stellen. Dann gehe ich morgens einkaufen und belade meinen Einkaufswagen, bis nichts mehr hineinpasst. An der Kasse ist es sehr voll. Ich muss lange anstehen. Ich lege jeden einzelnen Artikel auf das Band, denn ich habe nichts zu verschenken. Als ich endlich dran bin, scannt die Kassiererin und scannt und scannt. Manchmal muss sie etwas von Hand eintippen. Dabei kaut sie Kaugummi. Dann ist sie fertig und ruft triumphierend: Hundertfünfundsechszig fünfundsiebzig. Ich öffne mein Portemonnaie. Die Kasse springt auf und die Kassiererin zählt mir das Geld hin. Ich stecke es ein und bringe meinen Einkauf nach Hause. Je mehr man einkaufen kann, desto mehr Geld bekommt man. Ich schaffe nicht immer so viel. Ich habe auch nicht so viel Platz zu Hause und kenne nicht viele, die mir etwas von den Einkäufen abnehmen würden. Natürlich nicht für umsonst. Manche gehen aber mehrmals täglich einkaufen und haben Geld wie Heu. Keine Ahnung, wie sie das machen. Manchmal kommt es zu Einbrüchen in Supermärkten, wobei Ganoven versuchen, ganze LKW-Ladungen Ware wieder in die Regale zu stapeln. Darauf stehen schlimme Strafen. Zu Recht.

Was macht man nun mit dem ganzen Geld? Nun, die meisten bezahlen damit ihre Arbeitsplätze. So einen Arbeitsplatz muss man mieten und monatlich dafür abdrücken. Am teuersten sind natürlich die Arbeitsplätze, auf denen man am wenigsten tun muss. VW-Chef zum Beispiel. Dieser Posten ist aber schon wieder unbezahlbar. Ein politisches Amt kann sich dagegen fast jeder leisten. Allerdings hat man als Inhaber eines politischen Amtes keine Zeit mehr, einkaufen zu gehen und hat dann schnell kein Geld mehr, um seinen Arbeitsplatz zu bezahlen. Dann muss man zurücktreten. Darum sollte man verheiratet sein und die Partnerinnen und Partner von politischen Amtsträgern machen eigentlich nichts anderes, als einzukaufen.

Papst und Bischof sind dagegen zwei der wenigen Arbeitsplätze, die es unentgeltlich gibt. Darum müssen der Papst und Bischöfe auch nicht einkaufen. Wenn sie es doch machen, tun sie nur so, um sich mit dem Volk irgendwie gemein zu machen. Manche haben es in der Vergangenheit etwas mit dem Einkaufen übertrieben. Jeder weiß, ich meine den Bischof Tebarz-van Elst und seine goldene Badewanne. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass er eben nur so getan hat, als würde er einkaufen. In Wirklichkeit hatte er es gar nicht nötig.

Aus: Wittgensteins Leiter (2015)

Was zu hoffen bleibt

Das Kurzzeitgedächtnis scheint ein bisschen angeschlagen. Alles, was ich mir nicht aufschreibe, verschwindet im Nebel. Das wäre nun nicht weiter schlimm, verschwände es dort auf Nimmerwiedersehen. Aber es kommt wieder raus, und zwar meistens nachts. Da kann ich es aber nicht gebrauchen. Ich habe wichtige Informationen für meine Kollegin, gleich werde ich sie sehen und kann alles loswerden. Sie kommt herein, ich freue mich - und weiß nicht mehr, was ich ihr eigentlich mitteilen wollte. Kein Problem, ich gehe noch mal die Treppe hoch und wieder runter - ja, da ist es wieder! Also nicht das, was ich eigentlich sagen wollte, aber etwas anderes, Wichtiges. Ich eile ins Büro - weg. Gähnende Leere. Nebelbänke. Mir bleibt nichts weiter übrig, als der Kollegin zu sagen, es gäbe eben sehr, sehr, ja geradezu existenziell wichtige Informationen. Da müsse sie nun aber allein drauf kommen, ich könne ihr nicht helfen. Was ich nicht aufschreibe, verschwindet im Nebel. Und es verschwindet schnell. Ich kann gar nicht so schnell schreiben, wie es wieder weg ist. Eben war da noch der Gedanke: Wir müssen jemanden anrufen oder irgendwas anderes erledigen. Ich zücke den Notizblock - ja, wen anrufen und warum? Was erledigen und bis wann? Ich habe keine Ahnung. Die Informationen verschwinden immer schneller. Dabei fällt mir auf, dass ich mir die falsche Uhr gekauft habe. Es müsste doch eine Uhr geben, die man sich an die Schläfe halten kann, wenn ein Gedanke da ist. Dann piept das Telefon, und der Gedanke ist aufgeschrieben. Professor Dumbledore konnte sich mit seinem Zauberstab Erinnerungen aus dem Kopf ziehen, und sie für später aufbewahren. Das muss ein wunderbares Gefühl sein. 

Das Vergessen ist eine feine Sache. Wir wären alle verrückt, -also noch viel verrückter, als ich- wenn es das Vergessen nicht gäbe.  Man müsste nur noch selbst entscheiden können, ob und wann man wieder auf das Vergessene zugreifen will. Zurzeit entscheidet darüber noch das Vergessene. Es meldet sich zu den unpassendsten Zeiten und stiehlt einem die Gegenwart. Gedankenverloren gieße ich heißes Wasser über den Salat und Dressing über die Ingwer-Teebeutel. Man soll viel trinken in dieser Erkältungszeit. Die Schlüsselfrage aber lautet: Wie kriegt man die Gedanken aus dem eigenen Kopf. Leer werden. Nichts denken. Einfach morgen weitermachen. 

Menschen mit Großhirnrinden sind bemitleidenswerte Geschöpfe. Ein Fisch, ein Vogel, der Koala, das Faultier - sie alle kennen diese Quälerei mit dem Denken nicht. Sie leben im Paradies. Das wäre jedenfalls das, was zu hoffen bleibt. 

02.11.2016

Wer ist B. Traven?

Was man bis heute nicht geschafft hat, schafft man bis zum Jahresende auch nicht mehr. Es gibt also keinen Grund für Hektik. Ich wollte zum Beispiel wieder ein kleines Buch machen, das ich als Weihnachtsgeschenk einwickeln kann. Ich habe es nicht geschafft. Das ist aber auch gar nicht notwendig, denn es gibt eine Vielzahl von Büchern, die andere schon geschrieben haben und die man genauso gut einwickeln und verschenken kann. Ich brauche mir auch gar keine Mühe damit zu geben, zu bemerken, dass das Buch diesmal nicht von mir ist. „Ja, Ja…“ Es wird verschmitzt gelächelt und das Geschenk wechselt den Besitzer. Da ich in den letzten Jahren nur Bücher von mir verschenkt habe, glaubt mir jetzt keiner mehr, dass ich auch fremde Bücher verschenken kann. Dass ein fremder Autor draufsteht irritiert niemanden, auf meinem ersten Buch stand ja auch nicht, dass es von mir war. B. Traven hat zeitlebens unter Pseudonym geschrieben. Die wahre Identität B. Travens ist bis heute umstritten. Würde ich beispielsweise das Totenschiff verschenken, könnte das Rätsel als gelöst gelten. Schlussendlich wird dieser Umstand dazu führen, das einmal alle Bücher auf der Welt als von mir geschrieben gelten. Es abzustreiten hätte gar keinen Zweck.

So gesehen brauche ich also auch im nächsten Jahr kein neues Buch zu machen. Ein Buch mehr oder weniger, was soll’s? Was kann man noch alles nicht machen? Wie ist es mit Wäsche waschen? Ich glaube, das ist sogar verboten. Zwischen den Jahren Wäsche zu waschen ist ein No Go. Es bringt Unglück und schlimmstenfalls den Tod. Aber das ist natürlich alles Aberglaube. Wäsche waschen nach Neujahr ist selbstverständlich auch nicht besser.

Stattdessen sollte man… - Entschuldigung. Ich wurde gerade abgelenkt und jetzt ist dieser wichtige Gedanke unwiederbringlich futsch. Was man stattdessen sollte, bleibt nun für immer im Dunkeln, es sei denn, jemand anders weiß es. Ich war vor ein paar Monaten auf einmal in einem Krankenhaus und hatte keine Ahnung, wie ich dorthin gekommen war. Soweit ich weiß fand ich das damals kein bisschen beunruhigend. Irgendwann wusste ich ja auch wieder Bescheid. Trotzdem fange ich manchmal noch Sätze an, die wahrscheinlich gar nicht von mir stammen. Ich glaube mein User hat sie eingegeben. Dann bekam er einen Anruf und musste sich um andere Dinge kümmern. Ja, vielleicht sollte ich stattdessen herausfinden, wann ich von meinem User benutzt werde und wann ich ein Eigenleben führe. Dann: Wer ist mein User? Oder einfach: Wer ist B. Traven?

Doch Weihnachten

Eigentlich wollte ich gestern noch mal einkaufen. Ich saß beim Frühstück und öffnete mein Türchen für den 23.12. Meine Therapeutin, die auch meine Freundin ist, hatte mir einen digitalen Adventskalender gebastelt und hinter dem Türchen das Weihnachtsoratorium im Leipziger WG-Konzert versteckt. Ich kannte es noch nicht, sah bloß die Dauer von 52 Minuten und wollte es eigentlich nicht anmachen. Dann habe ich es aber doch geklickt und Weihnachten begann einen Tag früher. Ich wurde um das endzeitliche Gedränge im vorweihnachtlichen Lebensmitteldiscounter gebracht aber ich jauchzte und frohlockte 52 Minuten lang und ich tue es immer noch. Vor fünf Jahren wollte ein Leipziger Musikstudent seinen Abschied feiern und hatte die Idee, das Weihnachtsoratorium in seiner WG aufzuführen. An die achtzig junge Menschen drängeln sich in der 3-Zimmer-Altbauwohnung und machen mit großer Leichtigkeit große Musik. Warum sind wir eigentlich so verzagt? Ich weiß es gar nicht mehr. Zugegeben, vor fünf Jahren sah die Welt noch ganz anders aus. Aber in dem Video sieht man die Menschen, die einmal ihre und unsere Welt gestalten werden. Es kann eigentlich nur ganz wundervoll werden.

Warum können nicht alle einfach nur Musik machen? Das Handwerkszeug dazu wäre das einzige, was man in der Schule zu vermitteln hätte. Alles andere lernt man so nebenbei, wenn man es denn überhaupt braucht. Jeder spielt ein, zwei, drei Instrumente, gut genug für den Hausgebrauch und jede freut sich über ihre Stimme, die sie nun einmal hat. Niemand käme auf die Idee, von sich selbst zu behaupten, man wäre unmusikalisch. Das wäre ungefähr genauso, als würde man von sich sagen, man wäre unmenschlich. Auf Arbeit ginge auch nichts ohne Musik. Musik wäre das, worum sich alles dreht. Wenn man damit fertig ist und noch Zeit hat, kann man ja noch etwas anderes machen. In den Supermarkt kämen die Leute hauptsächlich, um Musik zu hören. Wenn die Musik vorbei ist, wird vielleicht ein bisschen was verkauft oder mal kurz telefoniert. Aber es ist unwahrscheinlich, dass man jemanden erreicht, weil woanders ja auch gerade Musik gemacht wird. Musik machen funktioniert gut mit einer Flasche Bier aber gar nicht mit einem Smartphone. Das ist doch seltsam, nicht?

Bevor sie Politik machen wird erst mal musiziert. Nicht Nationalhymne singen oder die Internationale, sondern richtig miteinander singen und spielen. Vielleicht sollten Debatten auch nur als Sängerwettstreit durchgeführt werden. Dann wird gestimmt. Ich bin sehr zuversichtlich: Es wird doch Weihnachten und ich werde dabei sein.

https://www.youtube.com/watch?v=Wi0ekhf6_J0


Kein Plan

Manchmal möchte ich gern in der Stadt wohnen. Ein bisschen erhöht, vielleicht im 2. Stock über einer schönen Einkaufsstraße. In so einer Erkerwohnung mit Blick nach mehreren Seiten. Besonders in der Weihnachtszeit ist dieser Wunsch sehr stark. Ich würde am Fenster sitzen und auf das bunte Gewimmel blicken. Es müsste natürlich auch in einer Fußgängerzone sein. Idealerweise schneit es noch und die Menschen haben alle bunte Päckchen und Pakete unterm Arm. Stattdessen wohne ich in einem Dorf mit Regionalbahnanschluss und gucke auf eine Landstraße. Das ist auch schön. Zurzeit fahren viele Autos vorbei, die sich Weihnachtsbäume auf das Dach gebunden haben. Ein schöner Brauch. Schnee liegt nicht und es fällt auch keiner, was sich aber zu dieser Jahreszeit schnell ändern kann.

Veränderungen fühlen sich immer dann unangenehm an, wenn man sich gerade eingerichtet hat, wobei einem dann dämmert, dass es so nicht bleiben wird. Dann bekommt man ein bisschen schlechte Laune. Eigentlich wäre es schlau, sich überhaupt nicht oder so wenig wie möglich einzurichten und jeden Tag neugierig zu sein, was sich so alles verändert. Aber so sind wir nicht. Irgendwie haben sich die sesshaften Einrichter auf diesem Planeten festgesetzt und ich bin einer ihrer Nachkommen. Die Wanderer, die es ja immer noch gibt, setzen sich eben nicht fest. Darum fallen sie nicht weiter auf und letztlich auch nicht ins Gewicht. Dabei ist die Weihnachtsgeschichte die Veränderungsgeschichte schlechthin! Alles wird auf den Kopf gestellt: Schwäche wird verehrt und man huldigt einem Neugeborenen. Die revolutionäre Kraft dieser Geschichte konnte nur eingedämmt werden, indem sie in Brauchtum eingehegt wurde. Durch das alljährliche Zelebrieren verbrämt mit regionaler Folklore verliert auch die Weihnachtsgeschichte ihren Schrecken und wird zur Dystopie.

Auf keinen Fall will ich hier den Eindruck erwecken, als wünschte ich mir irgendeine Veränderung! Mir wäre es im Gegenteil am liebsten, ich könnte wenigstens die nächste Woche mit allen ihren Ereignissen ganz genau planen und alles würde dann auch so ablaufen. Ich versuche es auch immer wieder. Es hat nur noch nie funktioniert und das verursacht mir doch immer eine gewisse Aufregung. In letzter Zeit bemerke ich jedoch eine neue Fähigkeit an mir. Ich habe nämlich inzwischen durch Erfahrung eine gewisse Sicherheit im Improvisieren gewonnen. Irgendwie weiß ich jetzt schon vorher, was aus Plan A und aus Plan B werden wird: „Geh’n tun sie beide nicht.“[^1] Darum bin ich bei der Planung inzwischen ein bisschen schlampiger geworden. Das spart Energie für’s Improvisieren und das macht dann wiederum immer öfter Spaß. So ist zum Beispiel dieser Text entstanden. Merkt man aber auch. Irgendwie.

[^1]: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/ballade-von-der-unzulaenglichkeit-menschlichen-planens-770#.WjU1qEuDOCQ

Advent

Leider bin ich in diesem Jahr mit der Adventsdeko ein bisschen in Verzug geraten. Weder bin ich schon dazu gekommen, Fenster und Balkon kunstvoll zu illuminieren, noch habe ich ein nach der Kirchenjahreszeit benanntes Kranzgebinde aufgestellt. Ich hoffe, dass ich das noch nachholen kann. Immerhin habe ich aber einen Türchenkalender geschenkt bekommen und kann nun jeden Tag eins aufmachen. So ein Adventskalender funktionierte übrigens auch mit einfachen kleinen Bildchen, ohne irgendwas besonderes. Es war trotzdem spannend. Ich glaube irgendwann hat meine Mutter mal einen wiederverwendbaren mit lauter beklebten Streichholzschachteln gebastelt, in die sie dann Süßigkeiten hineinsteckte. Ich habe jetzt den digitalen Adventskalender von Türchen.com, bis gestern mit Musikvideos. Am Wochenende besuchte ich meinen Vater und wir öffneten am Frühstückstisch das zehnte Türchen. Vier reizende junge Damen spielten als Streichquartett den Kanon von Pachelbel. Ich setzte ein verklärtes Gesicht auf und lächelte fein. Meinem Vater hingegen gefielen Stück und die Darbietung nicht. Es sähe aus, wie eine Übungsstunde. 

Dann fiel ihm ein, dass er von der Oma ein Album voller Schallplatten mit klassischer Musik geerbt hätte. Er holte es hervor. Es enthielt alle Folgen von „Willy Schwabes Rumpelkammer“ auf feinstem Vinyl. Er legte die erste Folge auf und es erklang „Jawoll meine Herrn“, dargeboten von Theo Lingen und Heinz Rühmann. Seine Laune besserte sich signifikant und wir frühstückten fröhlich zu Ende. Ich erinnerte mich daran, wie ich Hitparade spielte, wenn ich aus der Schule kam und niemand zu Hause war. Ich legte die Pösnecker Musikanten auf und moderierte Minuten lang „Du, du liegst mir Herzen“ an. Von meinem Entertainer-Talent weiß bis heute kaum jemand etwas. Ich pflegte es nur wenn ich allein war. Diese Zeit war knapp bemessen, darum nutzte ich auch die Sitzungen auf der Toilette. Vom Klopapier las ich meistens den Abspann wie Dieter-Thomas Heck. Nur einmal habe ich mich geoutet, als ich vor meinen Eltern und den Nachbarskindern Roger und Roland eine komplette Dalli-Dalli-Folge aufführte. Ich hatte sie wochenlang akribisch vorbereitet. Eltern und Kinder waren die Kandidaten-Teams. Ich war Hans Rosenthal und Peter Alexander als Stargast. Ich weiß nicht, ob ich ähnlichen Gleichmut wie meine Eltern bewahren könnte, wenn meine Nichten eine Folge GNTM zelebrieren würden.

Inzwischen habe ich zur angemessenen Dekoration der Wohnung wenigstens eine Kerze gefunden. Ich könnte sie anzünden, wenn ich jetzt auch noch ein funktionierendes Feuerzeug fände. Ach ja, der Advent. Was für eine schöne und aufregende Zeit!

Nur eins ist geblieben

Die Lieferdienste haben es auch nicht leicht. Erpressungen, Drohungen und nicht zuletzt die Kunden! Wenn die ganzen Kunden nicht wären, könnte so ein Lieferdienst ganz in Ruhe seine Arbeit machen. Nur wegen der Kunden entsteht der ganze Stress. Das ist eigentlich in der ganzen Arbeitswelt so. Im Krankenhaus stören die Patienten, bei Versicherungen die Versicherten und im Einzelhandel auch wieder die Kunden. Alle wollen sie irgendwas und dann immer das Falsche zum falschen Zeitpunkt. Das ist der Lauf der Welt und leider nicht zu ändern. Ich habe mir zum Weihnachtsfest ein neues Wohnzimmerradio bestellt. Der Verkäufer wusste, wie er mit Kunden umgehen muss und schickte es sofort los, damit er seine Ruhe hat und sein Geld behalten kann. Dann kam der Lieferdienst ins Spiel. Diesmal war es DPD. Ich bekam eine Email mit einem Knopf zur Paketverfolgung. Die verlinkte Internetseite nannte mir den Tag und sogar die Stunde, wann das Paket zugestellt würde.

Auf der Seite gab es wiederum ein Knopf, der zu einer Karte führte, auf der ein Schlitten mit Nikolaus auf seiner Position relativ zur Lieferadresse zu sehen war. Der Schlitten kam definitiv näher. Glöckchen klingelten. Zur bezeichneten Stunde sah ich wieder nach und diesmal stand dort, die Sendung hätte nicht zugestellt werden können. Hätte ich unten vor der Tür warten müssen, um das Paket entgegenzunehmen? Oder an der Straße, wo es abgeworfen wird, weil der Schlitten nicht jedesmal anhalten kann? Etwas später am Abend war auf der Internetseite zu lesen, der Nikolaus würde noch einmal kommen. Wenn es mir nicht passe, könne ich Optionen auswählen. An Optionen war die Lieferung an einen Paketshop, eine Abwurferlaubnis und die Angabe eines Wunschnachbarn verfügbar.

Ich entschied mich für den Wunschnachbarn oder besser für die Nachbarin, weil mir der Vorname des Mannes nicht einfallen wollte. Ohne Vornamen kam man aber nicht weiter. Am nächsten Morgen verließen der Nachbar und die Nachbarin das Haus. Ich sah schon kommen, dass ich zwar zu Hause sein, aber mein Paket trotzdem nicht kriegen würde, weil ich ja die Zustellung an die Nachbarin verfügt hatte. Letztlich ist aber alles gut gegangen. Der Nachbar war dann doch wieder zu Hause und ich bekam mein neues Radio. Seitdem kann ich leider nicht mehr fernsehen, weil beides gleichzeitig nicht gut funktioniert. Man kann mit Radios heute auch ganz andere Sachen machen als früher. Nur eins ist geblieben: Wenn man auf UKW Stereo hören will, rauscht es.

Ich glaube

Wir wurden alle von einer Mutter geboren. Jedenfalls, wenn wir einen Bauchnabel haben. Unmittelbar danach haben wir dann die verschiedensten Erfahrungen gemacht und an keine von ihnen können wir uns erinnern. So manche Seele wurde schlimm verletzt und für ihr Leben gezeichnet, viele erlebten Wärme und Geborgenheit. Wir haben aber alle immer wieder erlebt, wie der Kontakt zur lebensnotwendigen Mutter abbrach und wie uns Angst, Verzweiflung und Wut überfluteten. Wenn alles gut ging, dauerte dieses Verlassen-Sein nie lange und die Mama war wieder da mit ihrer Stimme, ihrem Geruch, ihrer Wärme und ihrem Herzschlag. Aber das Gefühl des Verlassen-Werdens bleibt und geht nie mehr weg. Die Reaktion darauf passt aber später nicht mehr zu den Situationen, durch die es ausgelöst wird. Darum ist es so wichtig, dieses Gefühl bei sich selbst genau zu kennen und wahrnehmen zu können. Denn nur dann, kann man es durchschauen und schließlich beherrschen. Dafür braucht man seinen Verstand.

Die materiellen Grundlagen unserer sozial-emotionalen Ausstattung haben sich seit mehr als 100.000 Jahren nicht mehr verändert. Für die Entwicklung von lebendigen Strukturen ist das auch eine kurze Zeit, aber für die Entwicklung von Kulturen sind 100.000 Jahre ziemlich viel. Die Angst vor fremden Individuen und Gruppen war einmal sinnvoll, denn aggressives Verhalten sicherte das Überleben in weiten Räumen mit begrenzten Ressourcen. In einer überfüllten Straßenbahn kommt diese Angst möglicherweise auch wieder, wenn ein fremd aussehender Mann laut auf arabisch telefoniert und sich drei andere in einer Sprache unterhalten, die man vielleicht noch nie gehört hat. Aber jetzt laut zu schreien und vielleicht mit einer Keule zuzuschlagen wäre für die Situation ganz sicher nicht förderlich und hätte für das Überleben der eigenen Gruppe auch keine positiven Folgen. Wir können uns beherrschen, wenn wir das Gefühl bei uns kennen, es durchschauen können und der Verstand sagt: Es wird dir nichts geschehen.

Es heißt, dass einmal ein Kind geboren wird, das alle diese Begrenzungen und Behinderungen hinter sich lässt. Ein neuer Mensch, der sich selbst und den anderen nur noch mit Liebe begegnet und der in der Lage ist, über die Instinkte aus der alten Welt zu herrschen, der er auch ja entstammt und angehört. Es ist diese Geschichte vom Advent, die mich angesichts einer aus den Fugen geratenen Welt zu trösten vermag. Diese Geschichte und die Zeichen dafür, dass sie wahr ist. Nach diesen Zeichen bin ich auf der Suche und ich sammle sie. Und falls mich einer fragt: Ja, ich glaube.

Alt wie ein Stein

Die aktuellen Zeitläufte bieten gerade nicht so viel Schreibstoff, will man nicht in das aufgeregt besorgt-mahnende Gemurmel einstimmen. Darum gebe ich mich wieder der Erinnerung hin. Eine, die sich in den letzten Tagen und Wochen vermehrt eingestellt hat, war die, dass ich als Kind gerne alt sein wollte. Wäre eine gute Fee gekommen und hätte mir die ewige Kindheit geschenkt - ich hätte mich in meinem Akkordeonkoffer zusammengerollt und den Deckel zugeklappt. Nein, Kindsein war damals wirklich nichts für mich. Ich wollte lieber erwachsen sein und sehr gerne auch alt. Meine Urgroßmutter war zum Beispiel alt. Sie verbrachte die Vormittage vor einem großen Spiegel und ordnete ihr schütteres Haar. Dann machte sie sich in der Küche zu schaffen und zerkochte Kaninchen, Hühner und ähnliches Hof-Getier zu lutschbarer Konsistenz. Mir gefiel das gut.

Wenn ich mich sehr genau beobachte, kann ich feststellen: ich arbeite zurzeit genau darauf hin. Der einzige Unterschied ist noch, dass kein Enkelkind auf meiner Ofenbank sitzt und mir ehrfürchtig zusieht. Das mag daran liegen, dass ich keine Ofenbank besitze, was wiederum dem Zufall geschuldet ist, dass ich meine Wohnung noch nicht mit einem solchen quasi-antiken Accessoire beheize, vor das man eine Ofenbank stellen könnte. Das kann alles noch kommen. In meiner ersten eigenen Wohnung hatte ich einen Kachelofen. Ich hatte Kohlen im Keller und wenn ich morgens los musste, bevor ich die Ofentüre zumachen konnte, war die Wohnung am Abend kalt und auch nicht mehr vor dem Schlafengehen warm zu kriegen. Aber ich war damals noch nicht alt genug für einen Kachelofen. Ich zog in modernisierte Wohnungen, in denen ich es dann gar nicht mehr in der Hand hatte, ob es warm wurde oder nicht. Alles nicht wichtig.

Ich weiß jetzt nicht, ob Enkelkinder unbedingt zum alt-sein dazugehören. Wenn ja, habe ich auch das wieder vergeigt. Wenn nicht, habe ich mein Ziel inzwischen erreicht. Ich bin so alt wie ein Stein. Jedenfalls fühlt es sich meistens so an. Ich finde das super. Endlich! Die Kindheit kann bleiben, wo sie ist: in der Erinnerung. Da ist sie gut aufgehoben. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! In Wirklichkeit habe ich mich übrigens überhaupt nicht verändert. Es ist nur so, dass alle meine Mitkinder jetzt eben auch alt sind. Die haben mir auch damals schon zugehört, mich ernst genommen und mich hin und wieder mal was gefragt. Sie hatten nur selber nichts zu sagen und konnten nichts bewegen. Das ist jetzt anders. Und es fühlt sich toll an.

Nichts als Musik

Musik ist eigentlich Bewegung. Bewegung ist Musik, die man (noch) nicht hört. Ohne Bewegung kann man keine Musik machen. Das gilt auch für Musik auf Tonträgern. Bei der Schallplatte bewegt sich noch ganz viel. Wenn man die Abtastnadel vergrößern könnte, würde einem bestimmt schwindelig davon, wie sie in der Rille tanzt. Bei CD’s und Magnetbändern dreht sich wenigstens noch etwas, aber es ist schon keine richtige Bewegung mehr drin. MP3-Player, Smartphones und Tablets sind aber auf der einen Seite absolut bewegungsfrei. Auf der anderen Seite bewegt sich immerhin noch eine Lautsprechermembran. Ich könnte nicht sagen, dass es schlechter klingt, aber irgendwas ist anders. Es mag ein bisschen Nostalgie drinstecken, aber Vinyl ist nicht zuletzt wegen der Bewegung wiedergekommen. Es ist sicher möglich, akustische Erlebnisse direkt ins Gehirn einzuspeisen. Dann braucht sich überhaupt nichts mehr zu bewegen. Das wäre dann das Ende der Musik. Dann könnten wir akustische Phänomene wie ein Computer wahrnehmen.

Das wollen wir aber nicht. Wir wollen uns bewegen. Manche Menschen bewegen sich so, andere anders. Das ist Musik. Tiere bewegen sich und Bäume auch und das Gras. Der ganze Planet bewegt sich und auch die anderen Planeten und ihre Monde. Das Sonnensystem ist in Bewegung und das Sternsystem auch. Der ganze Kosmos bewegt sich. In der pythagoreischen Kosmologie der Antike taucht das Konzept der Himmelsharmonie zum ersten Mal auf. Demnach erzeugt jeder Himmelskörper einen Ton, je nachdem wie schnell er sich bewegt und in welchem Abstand er sich zur Weltmitte befindet. Wir hören die Klänge der Himmelsharmonie aus demselben Grunde nicht, weswegen wir die Luft nicht wahrnehmen, die wir atmen: Man benötigt die Erfahrung der Abwesenheit von Etwas, um es bewusst wahrnehmen zu können.

So ist das eben mit Segen und Fluch neuer Erfindungen. Machten die Tonträger die Musik einerseits zum Allgemeingut, wird ihre ständige Verfügbarkeit und ihr unaufhörliches Vorhandensein schließlich dazu führen, dass wir sie nicht mehr hören können. Es wird vielleicht eine neue Form von Taubheit und Blindheit entstehen, die auf der Dauerbestrahlung mit Klängen und Bildern beruht. Dass wir die Sphärenmusik nicht hören können, sollte uns zumindest nachdenklich machen. Vielleicht gibt es sie ja auch gar nicht. In der modernen Physik gewinnt das uralte Konzept mit der Superstringtheorie jedoch wieder an Aktualität. Der Physiker Brian Greene meint, der ganze Kosmos sei „nichts als Musik“. Die Menschen haben es immerhin geschafft, ein bisschen davon hörbar zum machen. Sie schaffen auch wieder das Gegenteil. Das muss aber nicht sein. Denn überall ist ein Knopf dran.
Aus.

Der gute Hirte

Jetzt ist es soweit! Ich finde meine eigenen Texte nicht mehr. Ich bin auf der Suche nach der Geschichte, die mit einem Brathering begann und mit dem Zusammenbruch des Versandhauses Quelle endete. Sie ist weg. Aber da es sich - wie bei allen Geschichten die ich schreibe - um eine wahre Geschichte handelt, kriege ich sie auch noch so zusammen. Also, ich wollte nicht mehr im Betriebsrestaurant essen, weil sie dort dynamitgefischten Brathering aufgetischt hatten und suchte nach einer Alternative. Ich war bereit, die Zubereitung meines Essens selbst zu bewerkstelligen. Zu dieser Zeit wohnte ich aber sehr abgelegen und besaß kein eigenes Kraftfahrzeug, um wenigstens die rudimentärsten Zutaten einzukaufen. Alle Lieferdienste winkten damals noch ab. Außer Bofrost. Als die erste Lieferung kam, merkte ich, dass ich ein Tiefkühlgerät benötigte und keins hatte. Ich bestellte eins bei Quelle, das dann nicht bei mir ankam.

Nach einigen Nachforschungen wurde mir mitgeteilt, dass mein Betreuer das Gerät entgegengenommen hätte. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass ich einen Betreuer habe und bin dann auf die ungeheuerliche Tatsache gestoßen, dass wir in einem riesigen Netzwerk aus Betreuern und Betreuten leben. Jeder von uns hat einen Betreuer oder eine Betreuerin. Und diese Betreuerinnen und Betreuer haben auch wieder Betreuer und Betreuerinnen, die wiederum von Betreuerinnen und Betreuern betreut werden. Es ist einfach gigantisch. Damit die ganze Sache auch funktioniert, müssen diese Beziehungen und alle Aktivitäten natürlich geheim bleiben, denn wer lässt sich schon gern betreuen! Es handelt sich dabei um die sogenannte „Verdeckte Betreuung“. Wahrscheinlich ist die Geschichte auch deshalb aus allen denkbaren Medien verschwunden, weil sie eine zu große Entdeckungsgefahr darstellte. Auch mit diesem Text hier überschreite ich wieder eine Grenze.

Diesmal gehe ich aber noch einen Schritt weiter. Ich behaupte nämlich, dass es eine Person geben muss, die dieses gigantische Netzwerk kontrolliert. Am Anfang der vergangenen Woche dachte ich dabei noch an Steinmeier. Aber dann las ich ein Interview mit Gerhard Schröder. Ja, Schröder war es doch, der Steinmeier seinerzeit aus Brakelsiek in die große Stadt geholt hat! In dem Interview wusste Schröder einfach alles: wie die Sondierungen ausgehen, wie lange Trump noch an der Macht ist, wie man mit Erdogan umgehen muss und überhaupt. Aber dann hat er mich selbst auf die richtige Fährte gesetzt, als er über Putin gesprochen hat. Vor Putin muss man gar keine Angst haben, er ist der gute Hirte und alle tun ihm Unrecht. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, wer die Welt eigentlich in seiner Hand hält. Und ich lächelte in meine PC-Kamera hinein, klappte den Deckel zu und ging beruhigt schlafen.

Die Schildbürger

Vierhundert Kilometer über unseren Köpfen fliegen ständig sechs Menschen um die Erde herum. Sie bilden die Besatzung der Internationalen Raumstation. In zehn Kilometer Höhe sind es schon eine Million Menschen, die ständig gleichzeitig in der Luft sind. Sie sitzen in Flugzeugen und fliegen von irgendwo nach irgendwo. Genau genommen könnten sie also auch unten auf dem Boden bleiben, aber da laufen schon mehrere Milliarden herum. Wie viele davon ständig auf dem Wasser oder unter Wasser sind, weiß ich jetzt nicht. Wahrscheinlich nicht so viele, wie die, die durch die Luft fliegen. Das ist äußerst erstaunlich, denn der Mensch ist eigentlich nicht für das durch die Luft fliegen gemacht. Er tut es trotzdem. Aber wer weiß, wie lange noch. Das Ende ist schon abzusehen. Schon in fünfzig Jahren wird man sich wahrscheinlich fragen, wie sie es damals fertiggekriegt haben, einen Flughafen zu bauen. Genau, wie wir heute nicht wissen, wie sie Pyramiden gebaut haben. Es ist ein Rätsel.

Man wird auch nicht mehr wissen, wie man eine Fluglinie wirtschaftlich betreiben kann. Man wird nur noch wissen, dass die Menschen in der Vorzeit so etwas mal zustande gebracht haben. Schon gar nicht wird man in fünfzig Jahren in der Lage sein, eine Regierung zu bilden. Vielleicht waren es ja Außerirdische, die dieses geheime Wissen irgendwie auf die Erde gefunkt haben und im Laufe der Zeit ist es eben wieder verloren gegangen. So war es natürlich nicht. Der Mensch war mal ganz schön schlau. Er war von geradezu sagenhafter Schläue. Wie die Schildbürger. Die benutzten ihre Schlauheit irgendwann dazu, um ‚vernünftig zu verblöden‘, damit sie der Kaiser nicht mehr als seine Ratgeber von ihren Familien wegholte. Das hat auch funktioniert, nur dass der Kaiser dann nur noch tun konnte, was Kaiser eben ohne schlaue Ratgeber so können: Krieg führen. Da war es dann bald vorbei mit der Stadt Schilda und ihren Bürgern und an ihre Schlauheit konnten sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern.

Warum die Menschen heutzutage innerhalb von 2-3 Generationen freiwillig verblöden, kann man nicht sagen. Die Generation meiner Eltern hat noch alles gewusst. Das war die Generation, die es fertiggebracht hat, auf dem Mond zu landen. Meine Generation hat einen Großteil der dafür entwickelten technischen Intelligenz alltagstauglich und allgemein zugänglich gemacht. Die nächste Generation wiederum ist gerade dabei, ihr Gehirn und ihre Denkfähigkeit an die Produkte dieser technischen Intelligenz abzutreten. Die Alten schütteln ihre Köpfe und ich zucke mit den Schultern. Aber das wird wohl auch nicht helfen.

Wer‘s glaubt

Unser Lebensgefühl unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem der Menschen vor 500 Jahren. Das kann man im zu Ende gehenden Lutherjahr noch mal schreiben. Die Menschen lebten in dem Gefühl, dass die Welt, wie sie sie kannten, vor die Hunde geht und vor allem, dass sie Schuld daran waren. Das kam nämlich alles wegen der Sünde, wegen der Schlechtigkeit in der sie ihr Leben lebten. Darum mussten sie ins Fegefeuer. Das wollte natürlich keiner und darum haben sie nach jedem Strohhalm gegriffen, der sich ihnen bot: Buße, Ablass, Opfer, Sündenböcke. Luther hat immerhin erkannt, dass das so nicht funktionieren kann. Er hat sich mit der Frage sehr gequält: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wir wissen heute auch, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor die Hunde geht. Nur nach einem gnädigen Gott fragt heute keiner mehr. Vielleicht ist das der Unterschied?

In der Tat. Wenn man sich bewußt macht, dass es keine philosophische oder theologische Frage war. Es war eine existenzielle Frage. Ihr Auslöser war: Angst. Es ist nun nicht so, dass uns die Angst verloren gegangen wäre. In Deutschland ist die Angst geradezu zu Hause. Nur wovor wir uns ängstigen ist etwas ganz anderes als das, was das Mönchlein vor 500 Jahren umtrieb. Wir haben Angst vor Terrorismus, vor politischem Extremismus, vor Ausländern, vor der Finanzkrise, vor Schadstoffen in Nahrungsmitteln, vor noch mehr Asylbewerbern und vor Naturkatastrophen. Das wir an unserer Seele Schaden nehmen könnten, befürchtet den öffentlichen Umfragen zufolge niemand mehr. Dessen ungeachtet nehmen die Diagnosen seelischer Störungen ständig zu. Aber niemand fürchtet sich mehr davor, im Jüngsten Gericht vor seinem Schöpfer nicht zu bestehen oder sein Leben nicht verantworten zu können.

Wir ängstigen uns vor dem Falschen. Ich auch! Die größte Angst, die mich umtreibt und die hinter den oben genannten sieben größten Ängsten steht, ist die Angst, dass ich mein Leben verändern und auf Bequemlichkeiten und Gewohnheiten verzichten müsste und Angst vor Veränderung lässt nun mal keine Veränderung zu. Dagegen helfen auch keine Warnungen an die Menschheit, seien sie nun von 10 oder von 10.000 oder 100.000 Forschern unterschrieben. Hätte man den Menschen von vor 500 Jahren gesagt, sie sollen nur noch zum Kochen Holz verbrennen, hätten sie verständnislos geguckt. Wozu denn sonst noch? Wenn heute meine Heizung ausfällt, ist das eine Katastrophe und vierundzwanzig Stunden ohne Strom sind gar nicht vorstellbar. Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Gar nicht, es sei denn, geschenkt. Diese Erkenntnis sollte reichen, das eigene Leben zu verändern. Wer‘s glaubt!

Schlüssel und Schloss

Alles hat seinen Ort und alles hat seine Bedeutung. Manchmal tun wir Dinge, die überhaupt nicht in die Situation passen, die wir oder die anderen gerade erleben. Eigentlich passiert uns das aber nur in früheren Phasen unserer Entwicklung. Als Erwachsene funktionieren wir so gut, dass wir uns adäquat verhalten können. Zum Beispiel singen wir nicht mitten in einer Sitzung plötzlich die Arie der Königin der Nacht. Grotesk wird es, wenn jemand nur noch zwei sehr hohe Töne aus dieser Arie singt, aber das immer wieder und ständig. Das ist auch nicht mehr sozialverträglich. Außerdem ist es nicht mehr als Teil dieser Arie zu erkennen, auch für den Sänger / die Sängerin nicht. Es ist ein großer Glücksfall, wenn es gelingt, das Verhalten und die passende Situation wieder zusammenzubringen. 

Ich habe noch eine Schul-Beurteilung in der steht, ich müsse noch lernen, meine Späße im richtigen Moment wirken zu lassen. Ich weiß nicht genau, ob ich es gelernt habe. Es ist ganz schön schwer, weil Situationskomik nun mal nicht auf den richtigen Moment warten kann. Danach ist es eben nicht mehr komisch. Einmal habe ich - auch während der Schulzeit - gefragt, ob Kaninchen Geflügel sei. Mir wurde das sehr übel genommen. Es war aber so ein Benimm-Kurs nach Knigge und es ging gerade darum, dass man Geflügel mit der Hand essen dürfe. Meine Frage zielte auf die Ausnahmen von dieser Regel, was so formuliert aber nicht komisch gewirkt hätte. Ich hatte die Lacher auf meiner Seite, aber der Lehrkörper witterte Aufbegehren gegen Autoritäten und Lächerlichmachen der Veranstaltung. Ich war schon zu alt und zu groß, um am verdrehten Ohr hinausgeführt werden zu können, bekam aber eine verbale Breitseite. Ich glaube, der Referent hat die Sache aufgeklärt, denn diese Ausnahme gibt es ja tatsächlich. 

Aber auch diese Geschichte passt natürlich überhaupt nicht zum Thema. Manchmal fühlt sich ja das Leben selbst so fremd an, dass man meinen könnte, es passe ganz und gar nicht in die Situation, in die wir sozusagen geworfen sind. Es könnte schon sein, dass es in eine ganz andere Situation, gleichsam in eine ganz andere Welt oder Umwelt gehört. Vielleicht gibt es das ja auch für das eigene Leben, dass auf einmal ganz unvermittelt die Situation da ist, in die es hineinpasst, wie ein Schlüssel ins Schloss. Das ist dann ein großer Glücksfall und das Glück, das man dann fühlt, muss ganz einfach unbeschreiblich sein. 

Singen statt sülzen

Die Anschaffung des großen Bettes hat sich wirklich gelohnt. Es sollte mir ja den Lebensabend erleichtern und versüßen, aber irgendwie kam ich von der Bettflucht nicht los, die mich nie sehr lange auf den weichen Matten verweilen ließ. Erst fand ich abends nicht hinein und dann lag ich wach, lange bevor der Morgen graute. Tagsüber war mit mir nichts anzufangen. Seit meinem Glücks-Fall am 1. Juli hat sich das grundlegend verändert. Bereits mit Einbruch der Dämmerung am frühen Nachmittag setzt geradezu unstillbares Gähnen ein, das mich zwingt, meine Schritte in die Richtung meiner Wohnhöhle zu lenken, um sie zu erreichen, bevor mir die Augen zufallen. Idealerweise habe ich dann schon meine Lagerstatt erklommen und liege ausgestreckt wie ein leerer Sack auf dem Rücken. Bei der Verweildauer im Bett habe ich gerade einen neuen Rekord aufgestellt: 10 Stunden 35 Minuten. Natürlich schlafe ich nicht die ganze Zeit. Gefühlt mache ich kein Auge zu. Aber anders als früher, kann ich vom ausgestreckt-auf-dem-Rücken-liegen einfach nicht genug bekommen. Ich muss schier übermenschliche Willenskraft aufbringen, um aufzustehen. Hier kommt mir nun zugute, dass ich mir die Schultergymnastik wie das Zähneputzen angewöhnt habe. Sonst könnte ich mich nach den langen Liegezeiten wahrscheinlich gar nicht mehr bewegen. 

Tagsüber schaffe ich dann leider nicht mehr so viel, wie man an meiner eingeschränkten Schreibarbeit sehen kann. Es bleibt zwischen Mahlzeiten und Ruhephasen ein schmales Zeitfenster, das ich aufgrund vertragsmäßiger Pflichten für die Erwerbsarbeit nutzten muss. Hiermit bin ich außerordentlich gut bedient, was mir auch erst so richtig seit einem Vierteljahr bewußt wird: Den größten Teil der Zeit, die ich zur Verfügung stellen muss, kann ich das machen, was ich am besten kann: Lieder singen. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Manchmal müssen Menschen, die eigentlich malen können oder die Schauspieler sind, den ganzen Tag Zahlen untereinander in eine Tabelle schreiben oder in einem Callcenter arbeiten. 

Ein bisschen muss man aber immer machen, obwohl man es überhaupt nicht kann. Ich sollte vorige Woche Essen austeilen, das schon gekocht war, aber im Kühlschrank stand. Normalerweise stellt man es dann für 7 Minuten in eine Mikrowelle. Ich hatte mir das genau erklären lassen und es dann sehr gewissenhaft so gemacht. Es war aber Sülze und Remouladensauce. Immerhin war die Remouladensauce nach der Mikrowellenbehandlung noch da. Aber in der Verpackung, die zuvor die Sülze enthielt, war jetzt etwas anderes. Es hat mir sehr leid getan. Schuster bleib bei deinem Leisten! Will heißen: Singen statt sülzen. 

Ein Glück

Als Kind hatte ich überhaupt kein Geld. Gar nichts. Niente. Rien. Nada. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass es mir gefehlt hätte. Irgendwann bekam ich „Taschengeld“, allerdings nur aus pädagogischen Gründen, wie mir erklärt wurde. Ich sollte den Umgang mit diesem zwar nutzlosen, jedoch gesellschaftlich notwendigen Accessoire erlernen. Zunächst bekam ich dreißig Pfennige im Monat, deren Eingang und Ausgang ich in einem eigens dafür angelegten Oktavheft zu dokumentieren hatte. Mein Bruder bekam - glaube ich - eine Mark. Mir war das egal, weil ich auch mit einer Mark nichts weiter anzufangen wusste. Dieses seltsam distanzierte Verhältnis zu Geld prädestinierte mich schließlich zum Essengeldkassierer meiner Schulklasse. Hier fand ich tatsächlich meine wahre Bestimmung: Ich konnte zählen, buchführen, herausgeben und abrechnen. Aufgrund ihres geringen Volumens war das mit meiner Privatschatulle bisher nicht möglich gewesen. Jetzt verstand ich endlich, was man mit Geld alles anfangen konnte: zählen, aufteilen, einnehmen, ausgeben, es auf eine unendliche Reise schicken. Die Reise des Geldes endet niemals. Ich bekam es von den Mitschülern, die es von ihren Eltern erhielten; deren geheimnisvolle Quellen lagen im Dunkeln. Ich brachte es dann schließlich zur Frau des Hausmeisters. Sie bezahlte damit das Essen, das in großen grünen Kübeln täglich geliefert wurde. Dann verlor sich die Spur des Geldes wieder. Fest stand allein, dass es immer weiter reiste.

Eigentlich war klar, dass ich Banker werden musste. Aber das Schicksal geht sonderbare Wege. Erst bekam ich die Zulassung zum Abitur wegen politischer Unzuverlässigkeit nicht. Dann stellte sich heraus, dass ich auch für eine Ausbildung ohne Abitur aufgrund einer Farbschwäche nicht geeignet war. So war meine Geschichte mit dem Geld beendet, bevor sie richtig begonnen hatte und ich blieb so arm, wie zuvor.

Heute könnte ich mit Geld wahrscheinlich eine ganze Menge machen. Vielleicht könnte ich mir ein Haus kaufen. Aber wozu? Ich müsste es instand halten und hätte wieder nichts als Arbeit. Selbst wenn ich nur von meinem Geld leben wollte, müsste ich es wahrscheinlich irgendwie anlegen und hätte einen Haufen Sorgen. Darum ist es besser, wenn man erst gar kein Geld hat. Denn wenn es erst einmal im Haus ist, wird man es nicht so schnell wieder los. Dann kommen Leute, die etwas davon abhaben wollen, man soll Steuern zahlen und was weiß ich nicht alles. Nichts als Scherereien hat man mit dem Geld. Hab ich ein Glück, dass ich keins habe!

Die Stunde der Delfine

Die Zahnpasta ist alle. Schon seit einer Woche. Natürlich könnte ich einfach neue kaufen. Ich besuche zwei- bis dreimal in der Woche einen riesengroßen Einkaufsladen. Obwohl er bis 21:00 Uhr geöffnet hat, muss man sich ranhalten, weil man ihn aufgrund einer ausgeklügelten Logistik einmal ganz durchqueren muss, selbst, wenn man nur Zahnpasta kaufen will. Empfindsame Gemüter wie ich geraten dabei leicht in Stress, kaufen, was sie kriegen können und vergessen darüber die Zahnpasta. Dahinter steht natürlich planvolle Absicht, die bis in die Architektur der Zahnpastatube durchdacht ist. Denn wie oft kauft man schon Zahnpasta? Alle zwei Monate? Das hält kein Markt aus. Darum sind die Zahnpastatuben so konstruiert, dass sie auch, wenn sie leer zu sein scheinen, nicht leer sind. Man kriegt immer noch was raus! Ich stelle zwar jedes Mal fest, dass ich wieder die Zahnpasta vergessen habe, aber das macht gar nichts. Eine leere Bierflasche verhält sich nicht so.

Eigentlich ist das schade. Käme ich abends nach Hause und hätte vergessen, Bier zu kaufen (was niemals vorkommt), ja, was wäre dann? Könnte ich die (vermeintlich) leere Bierflasche nehmen und mir noch ein großes Glas daraus voll gießen? Und dann noch eins und noch eins? Wahrscheinlich nicht. Irgendetwas läuft hier falsch. Die Marktpsychologie wird nicht dazu genutzt, dass mein Leben leichter wird. Es geht ganz offensichtlich um etwas anderes. Das ist aber nicht weiter wichtig. Ich finde es eher interessant, dass ich mir die Zähne putzen muss, um mich einigermaßen wohl zu fühlen. Pferde putzen sich zum Beispiel niemals die Zähne. Fühlen sie sich darum weniger wohl? Würden sie aus ihren Koppeln ausbrechen und unsere Drogerien überfallen, wenn sie etwas über das Zähneputzen wüßten?

Das würden sie natürlich nicht tun, denn sie könnten mit ihren Hufen weder eine Zahnbürste halten, noch könnten sie die Zahnpasta zweckmäßig aus der Tube drücken. Das sagt erstmal noch gar nichts über ihr Hygienebewusstsein aus. Genau, wie man nicht daraus auf die Intelligenz von Delfinen schließen sollte, weil sie ihr Essen nicht kochen. Im Wasser kann man nun mal kein Feuer machen. Seit Menschen das an Land können, haben sie nicht aufgehört, alles halbwegs Brennbare auch anzuzünden. Es wird nicht mehr sehr lange dauern, bis nichts mehr übrig ist. Wir sind alle Rapa Nui und die Kontinente sind die auseinander gebrochene Osterinsel. Wenn nur noch unsere Steine übrig sind, die man nicht verbrennen kann, kommt die Stunde der Delfine.

Klang der Klingel

Es ist soweit. Die Kinderbanden sind unterwegs. Früher bin ich an diesem Tag einfach abgehauen, an Orte wo es keine Kinder gibt. Das ist mir heute zu aufwändig. Also lösche ich das Licht und sitze stundenlang im Dunkeln. Ich vertreibe mir die Zeit damit, mir das Geräusch der Wohnungsklingel vorzustellen, denn sie wird nur an diesem einen Tag im Jahr von den Kinderbanden benutzt. Anständige Menschen klingeln nicht bei mir. Sie rufen an oder schreiben Nachrichten und dann treffen wir uns. Wenn die Klingel dann losgeht, bekomme ich einen riesigen Schreck. Ein Mordsschreck ist das, geradezu ein Ur-Schreck. Übelst! Wenn ich mich davon erholt habe, habe ich meistens wieder vergessen, wie das Geräusch nun wirklich klang. Aber das ist nicht weiter schlimm, es kommt ja noch ein paar Mal an diesem Abend.

Natürlich habe ich nichts gegen Kinder. Ich liebe sie. Nur wenn sie in Banden auftreten, machen sie mir Angst. Als ich noch jünger war, fuhr ich mal als Betreuer in ein Kinderferienlager nach Österreich. 40 Kinder in einer Berghütte. Es regnete jeden Tag und alle blieben im Haus. Nach drei Tagen lagen alle Erwachsenen apathisch in ihren Betten, während um uns herum das Haus in seine Einzelteile zerlegt wurde. Der einzige, der wirklich wusste, wie man Kinderbanden bändigt, war Janus Korczack. Alle anderen Reformpädagogen haben letztlich kapituliert, bis zur Androhung von Waffengewalt (Makarenko). Auch die Internatsromane um Harry Potter (Rowling) sind so eine Kapitulation, weil die Erwachsenen die Kinder nur mit Zauberei in Schach halten können. Nicht umsonst spielt in ihnen Halloween eine herausragende Rolle.

Aber ich wollte nicht ins Dozieren abgleiten. Ich sitze immer noch im Dunkeln und es hat noch kein einziges Mal geklingelt. Vielleicht ist meine Klingel kaputt? Ich kann ja nur darum nicht aufmachen, weil ich keine Süßigkeiten im Haus habe. Das hängt wahrscheinlich mit meiner eigenen schwierigen Kindheit zusammen: Wir hatten damals einfach keine Süßigkeiten. Ich kaute Würfelzucker und Schlagersüßtafel. Beides konnte man nicht lutschen, weil man sich sonst damit den Gaumen aufschlitzte. So habe ich mir freilich die Zähne ruiniert. Das wäre das Einzige, was ich den Kinderlein mitgeben könnte, wenn sie bei mir klingeln: Esst nicht soviel Süßigkeiten!

Wie klingt meine Klingel denn nun eigentlich? Ich werde es nie erfahren.
(2016)