Klang der Klingel

Es ist soweit. Die Kinderbanden sind unterwegs. Früher bin ich an diesem Tag einfach abgehauen, an Orte wo es keine Kinder gibt. Das ist mir heute zu aufwändig. Also lösche ich das Licht und sitze stundenlang im Dunkeln. Ich vertreibe mir die Zeit damit, mir das Geräusch der Wohnungsklingel vorzustellen, denn sie wird nur an diesem einen Tag im Jahr von den Kinderbanden benutzt. Anständige Menschen klingeln nicht bei mir. Sie rufen an oder schreiben Nachrichten und dann treffen wir uns. Wenn die Klingel dann losgeht, bekomme ich einen riesigen Schreck. Ein Mordsschreck ist das, geradezu ein Ur-Schreck. Übelst! Wenn ich mich davon erholt habe, habe ich meistens wieder vergessen, wie das Geräusch nun wirklich klang. Aber das ist nicht weiter schlimm, es kommt ja noch ein paar Mal an diesem Abend.

Natürlich habe ich nichts gegen Kinder. Ich liebe sie. Nur wenn sie in Banden auftreten, machen sie mir Angst. Als ich noch jünger war, fuhr ich mal als Betreuer in ein Kinderferienlager nach Österreich. 40 Kinder in einer Berghütte. Es regnete jeden Tag und alle blieben im Haus. Nach drei Tagen lagen alle Erwachsenen apathisch in ihren Betten, während um uns herum das Haus in seine Einzelteile zerlegt wurde. Der einzige, der wirklich wusste, wie man Kinderbanden bändigt, war Janus Korczack. Alle anderen Reformpädagogen haben letztlich kapituliert, bis zur Androhung von Waffengewalt (Makarenko). Auch die Internatsromane um Harry Potter (Rowling) sind so eine Kapitulation, weil die Erwachsenen die Kinder nur mit Zauberei in Schach halten können. Nicht umsonst spielt in ihnen Halloween eine herausragende Rolle.

Aber ich wollte nicht ins Dozieren abgleiten. Ich sitze immer noch im Dunkeln und es hat noch kein einziges Mal geklingelt. Vielleicht ist meine Klingel kaputt? Ich kann ja nur darum nicht aufmachen, weil ich keine Süßigkeiten im Haus habe. Das hängt wahrscheinlich mit meiner eigenen schwierigen Kindheit zusammen: Wir hatten damals einfach keine Süßigkeiten. Ich kaute Würfelzucker und Schlagersüßtafel. Beides konnte man nicht lutschen, weil man sich sonst damit den Gaumen aufschlitzte. So habe ich mir freilich die Zähne ruiniert. Das wäre das Einzige, was ich den Kinderlein mitgeben könnte, wenn sie bei mir klingeln: Esst nicht soviel Süßigkeiten!

Wie klingt meine Klingel denn nun eigentlich? Ich werde es nie erfahren.
(2016)

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