Singen statt sülzen

Die Anschaffung des großen Bettes hat sich wirklich gelohnt. Es sollte mir ja den Lebensabend erleichtern und versüßen, aber irgendwie kam ich von der Bettflucht nicht los, die mich nie sehr lange auf den weichen Matten verweilen ließ. Erst fand ich abends nicht hinein und dann lag ich wach, lange bevor der Morgen graute. Tagsüber war mit mir nichts anzufangen. Seit meinem Glücks-Fall am 1. Juli hat sich das grundlegend verändert. Bereits mit Einbruch der Dämmerung am frühen Nachmittag setzt geradezu unstillbares Gähnen ein, das mich zwingt, meine Schritte in die Richtung meiner Wohnhöhle zu lenken, um sie zu erreichen, bevor mir die Augen zufallen. Idealerweise habe ich dann schon meine Lagerstatt erklommen und liege ausgestreckt wie ein leerer Sack auf dem Rücken. Bei der Verweildauer im Bett habe ich gerade einen neuen Rekord aufgestellt: 10 Stunden 35 Minuten. Natürlich schlafe ich nicht die ganze Zeit. Gefühlt mache ich kein Auge zu. Aber anders als früher, kann ich vom ausgestreckt-auf-dem-Rücken-liegen einfach nicht genug bekommen. Ich muss schier übermenschliche Willenskraft aufbringen, um aufzustehen. Hier kommt mir nun zugute, dass ich mir die Schultergymnastik wie das Zähneputzen angewöhnt habe. Sonst könnte ich mich nach den langen Liegezeiten wahrscheinlich gar nicht mehr bewegen. 

Tagsüber schaffe ich dann leider nicht mehr so viel, wie man an meiner eingeschränkten Schreibarbeit sehen kann. Es bleibt zwischen Mahlzeiten und Ruhephasen ein schmales Zeitfenster, das ich aufgrund vertragsmäßiger Pflichten für die Erwerbsarbeit nutzten muss. Hiermit bin ich außerordentlich gut bedient, was mir auch erst so richtig seit einem Vierteljahr bewußt wird: Den größten Teil der Zeit, die ich zur Verfügung stellen muss, kann ich das machen, was ich am besten kann: Lieder singen. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Manchmal müssen Menschen, die eigentlich malen können oder die Schauspieler sind, den ganzen Tag Zahlen untereinander in eine Tabelle schreiben oder in einem Callcenter arbeiten. 

Ein bisschen muss man aber immer machen, obwohl man es überhaupt nicht kann. Ich sollte vorige Woche Essen austeilen, das schon gekocht war, aber im Kühlschrank stand. Normalerweise stellt man es dann für 7 Minuten in eine Mikrowelle. Ich hatte mir das genau erklären lassen und es dann sehr gewissenhaft so gemacht. Es war aber Sülze und Remouladensauce. Immerhin war die Remouladensauce nach der Mikrowellenbehandlung noch da. Aber in der Verpackung, die zuvor die Sülze enthielt, war jetzt etwas anderes. Es hat mir sehr leid getan. Schuster bleib bei deinem Leisten! Will heißen: Singen statt sülzen. 

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