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Doch Weihnachten

Eigentlich wollte ich gestern noch mal einkaufen. Ich saß beim Frühstück und öffnete mein Türchen für den 23.12. Meine Therapeutin, die auch meine Freundin ist, hatte mir einen digitalen Adventskalender gebastelt und hinter dem Türchen das Weihnachtsoratorium im Leipziger WG-Konzert versteckt. Ich kannte es noch nicht, sah bloß die Dauer von 52 Minuten und wollte es eigentlich nicht anmachen. Dann habe ich es aber doch geklickt und Weihnachten begann einen Tag früher. Ich wurde um das endzeitliche Gedränge im vorweihnachtlichen Lebensmitteldiscounter gebracht aber ich jauchzte und frohlockte 52 Minuten lang und ich tue es immer noch. Vor fünf Jahren wollte ein Leipziger Musikstudent seinen Abschied feiern und hatte die Idee, das Weihnachtsoratorium in seiner WG aufzuführen. An die achtzig junge Menschen drängeln sich in der 3-Zimmer-Altbauwohnung und machen mit großer Leichtigkeit große Musik. Warum sind wir eigentlich so verzagt? Ich weiß es gar nicht mehr. Zugegeben, vor fünf Jahren sah die Welt noch ganz anders aus. Aber in dem Video sieht man die Menschen, die einmal ihre und unsere Welt gestalten werden. Es kann eigentlich nur ganz wundervoll werden.

Warum können nicht alle einfach nur Musik machen? Das Handwerkszeug dazu wäre das einzige, was man in der Schule zu vermitteln hätte. Alles andere lernt man so nebenbei, wenn man es denn überhaupt braucht. Jeder spielt ein, zwei, drei Instrumente, gut genug für den Hausgebrauch und jede freut sich über ihre Stimme, die sie nun einmal hat. Niemand käme auf die Idee, von sich selbst zu behaupten, man wäre unmusikalisch. Das wäre ungefähr genauso, als würde man von sich sagen, man wäre unmenschlich. Auf Arbeit ginge auch nichts ohne Musik. Musik wäre das, worum sich alles dreht. Wenn man damit fertig ist und noch Zeit hat, kann man ja noch etwas anderes machen. In den Supermarkt kämen die Leute hauptsächlich, um Musik zu hören. Wenn die Musik vorbei ist, wird vielleicht ein bisschen was verkauft oder mal kurz telefoniert. Aber es ist unwahrscheinlich, dass man jemanden erreicht, weil woanders ja auch gerade Musik gemacht wird. Musik machen funktioniert gut mit einer Flasche Bier aber gar nicht mit einem Smartphone. Das ist doch seltsam, nicht?

Bevor sie Politik machen wird erst mal musiziert. Nicht Nationalhymne singen oder die Internationale, sondern richtig miteinander singen und spielen. Vielleicht sollten Debatten auch nur als Sängerwettstreit durchgeführt werden. Dann wird gestimmt. Ich bin sehr zuversichtlich: Es wird doch Weihnachten und ich werde dabei sein.

https://www.youtube.com/watch?v=Wi0ekhf6_J0


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