Es sei denn Liebe

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das anfing, aber irgendwann war ich der Meinung, Gefühle wären nur etwas für Mädchen und auch die würden sie sich nur einbilden. Ich hatte keine. Ich war in der Pubertät (oder zumindest in dem entsprechenden Alter) und ich war Dressur- und Springreiter. Das war ein Mädchensport und ich bekam immer die bockigen Pferde. Wenn ich in die Pfütze fiel, stand ich eben wieder auf, fing mein Pferd ein und stieg wieder auf. Jana sagte mir dann einmal, dass ich immer so cool aussehe, als ob ich niemals Angst hätte. Das hat mir sehr gefallen und ich konnte auch wirklich keine Angst mehr fühlen. Nicht dass ich keine Befürchtungen gehabt hätte, was alles nicht klappen könnte - aber das Gefühl der Angst war weg. Oder besser: ich konnte es nicht wahrnehmen. Genauso war es mit Glück und Trauer, Stolz und Freude, Wärme und Zuneigung und was das Leben sonst noch alles reich machen kann. Ich hatte mir das abgewöhnt und fing lieber an zu rauchen und zu trinken, weil das cool war.

Eigentlich war ich so drauf, bis ich so um die dreißig war. In dieser Zeit traf ich Fritz, einen Sozialarbeiter, der seinerzeit in Berlin-Kreuzberg die Offene Jugendarbeit erfunden hatte. Fritz organisierte dann eine Gedenkstättenfahrt für Jugendliche und ich konnte mich mit meiner kleinen Arbeit, die ich gerade anzufangen im Begriff war, dort einklinken. Ich glaube, die Fahrt ging über zwei Wochen und führte nach Stutthof, Danzig und Warschau. An diesen Orten versuchten wir uns gemeinsam mit den jungen Menschen mit einer schlimmen, schrecklichen Geschichte auseinanderzusetzen und auf einmal bekam ich es wieder mit Gefühlen zu tun. Ich konnte sie immer noch nicht spüren, aber sie standen jeden Abend in unseren Reflexionsgesprächen greifbar im Raum. Ich merkte, dass wir die jungen Menschen, die ich ja doch irgendwie mochte, zeitweise sehr unglücklich machten. Ich merkte, dass es die Gefühle wirklich geben musste. Aber ich glaubte noch, dass sie eigentlich etwas Schlimmes wären und dass ich Glück hätte, sie nicht wahrnehmen zu können. Denn Gefühle waren es doch, die ein ganzes Volk verführt und verleitet hatten! Weil sie millionenfach besoffen von Gemeinschaft, Stolz, Ehre und Vaterland die schlimmsten Verbrechen ermöglicht, dazu geschwiegen oder sogar begangen hatten. War es nicht richtig, die Gefühle für immer und allezeit und endgültig auszumerzen?

Seit dieser Zeit ist viel passiert. Ich zog aus, das Fürchten zu lernen. Ich fand den Mut, den eigenen Gefühlen wieder zu begegnen. Sie waren ja nie weg, sondern sie versteckten sich nur hinter seltsamen Bauchschmerzen, unerklärlichem Herzklopfen, trockenem Mund und zittrigen Fingern. Ich lernte, die abgespaltenen Gefühle wieder zuzuordnen und mein Leben wurde reicher und ich selbst vielleicht ein bisschen interessanter. Schließlich merkte ich, dass es nicht nur die eigenen Gefühle waren, die mich bewegten, sondern auch die, die andere bereit waren, mir zu zeigen. Meine Welt wurde wärmer und freundlicher und ich wurde mutiger, auch mehr von mir zu zeigen. Aber ich wusste nun auch, dass Gefühle eben niemals rational waren und dass sie nicht taugen, wenn es darum geht, um Klarheit und Wahrheit zu ringen, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden oder den richtigen Weg zu finden.

Aber erst heute kann ich sagen: Lasst euch nicht von Gefühlen leiten, wenn es darum geht, die besten Argumente zu finden. Tränen beenden jede Diskussion und Wut und Angst hören nicht mehr zu. Lasst nicht zu, dass die letzten Argumente in einem Pfeifkonzert, in Geschrei und Geheul untergehen oder dass alle „Ja“ sagen, weil es sich so wohlig und warm anfühlt. Verliert nicht euren Verstand an die Gefühle.

Es sei denn, es ist die Liebe. Ihr folgt bedingungslos.

(3.12.2017)

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