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Kein Plan

Manchmal möchte ich gern in der Stadt wohnen. Ein bisschen erhöht, vielleicht im 2. Stock über einer schönen Einkaufsstraße. In so einer Erkerwohnung mit Blick nach mehreren Seiten. Besonders in der Weihnachtszeit ist dieser Wunsch sehr stark. Ich würde am Fenster sitzen und auf das bunte Gewimmel blicken. Es müsste natürlich auch in einer Fußgängerzone sein. Idealerweise schneit es noch und die Menschen haben alle bunte Päckchen und Pakete unterm Arm. Stattdessen wohne ich in einem Dorf mit Regionalbahnanschluss und gucke auf eine Landstraße. Das ist auch schön. Zurzeit fahren viele Autos vorbei, die sich Weihnachtsbäume auf das Dach gebunden haben. Ein schöner Brauch. Schnee liegt nicht und es fällt auch keiner, was sich aber zu dieser Jahreszeit schnell ändern kann.

Veränderungen fühlen sich immer dann unangenehm an, wenn man sich gerade eingerichtet hat, wobei einem dann dämmert, dass es so nicht bleiben wird. Dann bekommt man ein bisschen schlechte Laune. Eigentlich wäre es schlau, sich überhaupt nicht oder so wenig wie möglich einzurichten und jeden Tag neugierig zu sein, was sich so alles verändert. Aber so sind wir nicht. Irgendwie haben sich die sesshaften Einrichter auf diesem Planeten festgesetzt und ich bin einer ihrer Nachkommen. Die Wanderer, die es ja immer noch gibt, setzen sich eben nicht fest. Darum fallen sie nicht weiter auf und letztlich auch nicht ins Gewicht. Dabei ist die Weihnachtsgeschichte die Veränderungsgeschichte schlechthin! Alles wird auf den Kopf gestellt: Schwäche wird verehrt und man huldigt einem Neugeborenen. Die revolutionäre Kraft dieser Geschichte konnte nur eingedämmt werden, indem sie in Brauchtum eingehegt wurde. Durch das alljährliche Zelebrieren verbrämt mit regionaler Folklore verliert auch die Weihnachtsgeschichte ihren Schrecken und wird zur Dystopie.

Auf keinen Fall will ich hier den Eindruck erwecken, als wünschte ich mir irgendeine Veränderung! Mir wäre es im Gegenteil am liebsten, ich könnte wenigstens die nächste Woche mit allen ihren Ereignissen ganz genau planen und alles würde dann auch so ablaufen. Ich versuche es auch immer wieder. Es hat nur noch nie funktioniert und das verursacht mir doch immer eine gewisse Aufregung. In letzter Zeit bemerke ich jedoch eine neue Fähigkeit an mir. Ich habe nämlich inzwischen durch Erfahrung eine gewisse Sicherheit im Improvisieren gewonnen. Irgendwie weiß ich jetzt schon vorher, was aus Plan A und aus Plan B werden wird: „Geh’n tun sie beide nicht.“[^1] Darum bin ich bei der Planung inzwischen ein bisschen schlampiger geworden. Das spart Energie für’s Improvisieren und das macht dann wiederum immer öfter Spaß. So ist zum Beispiel dieser Text entstanden. Merkt man aber auch. Irgendwie.

[^1]: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/ballade-von-der-unzulaenglichkeit-menschlichen-planens-770#.WjU1qEuDOCQ

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