Sie liebt mich

Meine Freundin ist schön. Außerdem ist sie sehr klug. Als ob das alles nicht schon mehr als hervorragend wäre, kann sie - unter anderem - auch noch kochen. Da ich bei Schönheit und Klugheit nun mal nicht mehr aufholen kann, will ich doch versuchen, in punkto Kochen wenigstens gleichzuziehen. Ich habe sie genauestens dabei beobachtet, wie sie eine überaus schmackhafte Kürbissuppe zubereitete. Ich habe selten etwas so Anmutiges gesehen, wie meine schöne Freundin, die eine Kürbissuppe zubereitet. Nur wenn sie singt, sieht sie noch schöner aus. Aber ich will hier nicht herumprotzen. Kaum war ich wieder allein, weil meine Freundin eine wichtige Arbeit übernommen hat, die leider in einiger Entfernung von meinem derzeitigen Aufenthaltsort ausgeübt werden muss, machte ich mich daran, die Kürbissuppe nachzukochen. Ich hatte nicht erwartet, dass es mir auf Anhieb gelingen würde; schon gar nicht, dass ich nur eine annähernd gute Figur dabei machen würde. Aber welche Schwierigkeiten dann tatsächlich auftreten, ist doch immer wieder überraschend.

Zunächst gab es offenbar Engpässe in der Kürbis-Abteilung meines bevorzugten Lebensmittel-Discounters. Der Hokkaidokürbis, den sie verwendet hatte, war einen Tag vor Halloween nicht mehr vorrätig. Ich kaufte eine Bischofsmütze, die, wie ich fand, ein bisschen Ähnlichkeit mit der begehrten Kugelfrucht hatte. Zu Hause angekommen führte ich alle Arbeitsschritte mit peinlicher Genauigkeit aus, die ich mir sehr sorgfältig eingeprägt hatte. Ich schöpfte sogar vier Kellen Flüssigkeit ab, nur um sie schließlich wieder dazu zu füllen. So hatte ich es bei ihr gesehen. Dann ergab sich aber doch eine kleine Besonderheit, die ich nicht vorhergesehen hatte. Die Schale der vermaledeiten Bischofsmütze entwickelte zunächst die Konsistenz von Lorbeerblättern, um später in der Suppe zu treiben, wie Plastikmüll-Inseln in den Weltmeeren. Die Inseln ließen sich weder zerkochen, noch konnte ich sie zerdrücken.

Mein für solche Aufgaben nicht ausgestatteter Verstand arbeitete auf Hochtouren und lief heiß. Ich verfiel auf die Idee, die Suppe durch ein Geschirrhandtuch zu pressen, weil ich mal gesehen hatte, dass meine Freundin auf diese Weise Thüringer Klöße zubereitete. Zum Glück verwarf ich diesen Einfall wieder. Dafür fiel es mir ein, das Kochgut durch meinen Nudeldurchschlag zu passieren. Das war zwar sehr anstrengend und führte auf jeden Fall zu Verlusten an Volumen und höchstwahrscheinlich auch an Geschmacksstoffen. Im Ergebnis hatte ich dann aber doch eine verzehrfertige und genießbare Mahlzeit fabriziert, was mich mit nicht wenig Stolz erfüllte. Dafür sah es in der Küche aus, als ob dort ein Riesenkürbis explodiert wäre, ich habe Kochgeschirre eingesaut, mit denen ich ein Sechs-Gänge-Menü zubereiten könnte und ich musste mich komplett umziehen. Aber ich bin glücklich. Ich könnte mich so blöd anstellen, wie man es sich gar nicht ausdenken kann, meine Freundin würde es mich nicht merken lassen. Denn meine Freundin ist schön. Und: Sie liebt mich!

In den Gärten des Glücks

Während die Oktobersonne ihre Strahlen noch einmal wie ein Friedensangebot über die Erde streichen lässt, liege ich flach auf dem Rücken und töte Bakterien. Dazu verschlinge ich alle acht Stunden eine riesige Penicillin-Tablette. Dann warte ich. Es ist eine schöne Beschäftigung, die ich aber zehn Tage lang durchhalten muss, um alle Bakterien auszumerzen. An mir soll es nicht liegen, ich könnte auch noch ein paar Tage dranhängen. Natürlich wäre es mir lieber, wenn dazu draußen ein Wetter-Chaos tobte, in das man keinen Hund schicken würde, wenn es bereits Stein und Bein dort draußen fröre. Aber das tut es nicht. Es ist lau und mild. Die vermaledeiten Bakterien hatten sich in meinem Hals festgesetzt und Gott weiß, was sie noch alles befallen wollten. Daraus wird nun nichts. Was haben die Menschen vor dem Penicillin gemacht? Musste es das Fieber allein schaffen? Konnte es das? Ungefähr zur gleichen Zeit brach mein Backenzahn, der mir schon lange Beschwerden verursachte. So ein Backenzahn hat ja vier Höcker und einer der Höcker brach einfach ab. Das hatte die Zahnärztin nicht kommen sehen, aber sie war auch der Meinung, dass dieser Defekt schon angelegt war und dass er die Beschwerden verursachte. Sie modellierte mir einen schönen neuen Höcker aus einer geheimnisvollen Paste und von Stund an war ich von allen Schmerzen frei. 

Man wünscht ja keinem, krank zu werden. Aber wenn man schon krank wird, dann wünschte ich doch sehr, dass man die gleiche Hilfe erführe, die mir zuteil wurde. So hatte sich zum Beispiel eine junge Augenärztin in den Kopf gesetzt, mich von dem doppelten Gesichte zu befreien, das ich seit über einem Jahr mit mir herumschleppte und das mir schon nicht wenig Verdruss bereitete. Dazu wollte sie an meinem kleinen Augäpfelchen den unteren Muskel abschneiden und um acht Millimeter weiter nach hinten versetzen. Warum sie so sicher war, dass das funktionieren würde, weiß ich nicht, aber sie behielt recht. Meine beiden Augen weichen zwar immer noch geringfügig von einander ab, aber in den allermeisten Augenblicken kann mein Hirn gewissermaßen davon absehen. 

So wendet sich weiter und immer weiter alles zum Guten. Kann das gut enden? Was hat es zu bedeuten, dass es das Leid und das Elend trotzdem gibt? Ist das das wahre Leben? Muss ich dort hinaus? Oder kann ich nicht für immer hier bleiben, in den Gärten des Glücks und mich satt trinken an seinem Nektar? Ich weiß es nicht. Ich höre nur hin und wieder und unwirklich noch die dunklen Klänge hinter dem hellen Strahlen: Vorsicht! Vorsicht! Vorsicht!

Apfelbäumchen

Klar: Es steht nicht gut um uns und unser Schicksal liegt in der Hand von Verrückten. Das Letztere liegt in der Natur der Sache, denn man muss schon ziemlich verrückt sein, in diesen Zeiten Verantwortung für das Schicksal Vieler zu übernehmen. Die Welt geht aus den Fugen und das Ende scheint näher zu sein, als irgendein Anfang. Jeglicher Ausweg scheint verstellt und der Rückweg ist abgeschnitten. Der Wohlstand und das Glück, in dem ich mich wiege, gehören mir nicht, sondern sind denjenigen gestohlen und geraubt, denen ich möglichst nicht begegnen will, wenn sie hierher kommen und ungläubig an meinem Glück ein bisschen schnuppern wollen. Sie sollen wieder dorthin gehen, wo sie hergekommen sind oder besser gleich ganz dort bleiben. Es steht in der Tat nicht gut um uns, aber die Zeche werden diejenigen bezahlen, die nach uns kommen. 

Andererseits sind wir eben mit allem, was und wie wir sind, Teil des Problems. Das Problem besteht zu großen Teilen darin, das wir immer irgendetwas wollen. Darum wird es das Problem auch nicht lösen, wenn wir den Planeten retten wollen. Denn: Jedes Wollen führt zum Krampf und der Krampf verhindert letzten Endes das Gelingen. Wenn man will, dass einem etwas gelingt, darf man es nicht wollen. So einfach ist das. Es ist eine schöne Übung, das, was man eigentlich wollte, erst mal zu vergessen und etwas ganz anderes zu machen. Möglichst etwas Paradoxes. Es grenzt an Magie, wie daraus manchmal und immer öfter, genau das werden kann, was man eigentlich wollte und zwar gerade, weil man es nicht wollte. Ich habe viele Jahre meines Lebens darauf verschwendet, schöne Frauen dazu zu bringen, dass sie sich in mich verlieben. Ich habe gesungen und geredet, gelacht und geweint, versuchte witzig zu sein oder cool oder beides. Sie haben gelächelt und waren gerührt, aber keine ist bei mir geblieben. Als ich SIE dann endlich traf, hatte ich gar keine Kraft mehr dazu und war nur noch, der, der ich nun einmal bin. Und genau dafür liebt sie mich. Mich!! Es ist unfassbar. 

Das Paradoxeste, was man in einer dem Untergang geweihten Welt machen kann, ist, sich fortzupflanzen. Aber das machen Menschen nun mal am liebsten und der Untergang ist der Welt ins Stammbuch geschrieben: In fünf Milliarden Jahren bläht sich die Sonne zum Roten Riesen auf und verschlingt alles bis zur Marsbahn. Spätestens dann ist es aus und vorbei mit uns. Soll ich deswegen jetzt heulen und mit den Zähnen klappern? Nein! Ich will ein Apfelbäumchen!!

Lass uns telefonieren!

Ich wollte eine To Do Liste erstellen. Ich setzte mich hin und schrieb: To Do Liste. Dann wartete ich. Ich habe kürzlich eine Prästationäre Aufnahme im Krankenhaus hinter mich gebracht. Gleich zu Anfang wurde ich belehrt, dass es durch langes Sitzen oder Liegen zu einem Dekubitus kommen könnte. Dann saß ich sehr, sehr lange. Das fiel mir jetzt wieder ein und so veränderte ich nach  einer Stunde meine Warteposition. Aber auch diese Veränderung meiner Lage zeitigte keine Einfälle für eine To Do Liste. Wie es aussieht, habe ich einfach nichts zu tun. Nun wäre ich nicht ich, könnte ich selbst einem solchen Zustand nichts abgewinnen. Ich sprang auf und lief in meiner Wohnung umher. War ich dabei anfangs noch ganz ruhig, machte sich mit der Zeit eine wachsende Erregtheit bemerkbar, die ich als Tatendrang interpretierte. Dem darf man nun nicht sofort nachgeben.

Ich setzte mich in meinen Ohrenbackensessel und stellte eine Telefonverbindung mit meinem Vater her. Nach dem kurzen Austausch der spärlichen Neuigkeiten begannen wir unser übliches Kontakt-Geplauder, das sich schon mal über ein bis zwei Stunden hinziehen kann. Früher wurde ich dabei übellaunig, einsilbig und es ging mir schlecht. Nachdem wir endlich aufgelegt hatten, machte ich mir dann Vorwürfe: Für einen Besuch gehen zwei Tage drauf, kann ich da nicht mal zwei Stunden erübrigen, wenn ich schon nicht hinfahre? Heute telefoniere ich mit einem Ohrstöpsel, der mir völlige Bewegungs- und Handlungsfreiheit während des Telefonats verschafft.   Seit ich das so mache, habe ich kein Limit mehr. Solange ich allein bin, können wir auch telefonieren.

Gleich nach der Begrüßung stand ich auf und ging wieder durch die Wohnung. Als das Kontakt-Plaudern losging, machte ich mich daran, nebenbei die Rumpelkammer aufzuräumen. Ohne Konzept trug ich erst mal alles hinaus, was nicht im Regal stand, um den Fußboden wieder frei zu bekommen. Unserem Gespräch kann ich dabei mühelos folgen. Außerdem habe ich die Gelegenheit, um Rat zu fragen. Offenbar habe ich zu viele Stühle. Was kann ich damit machen? Ein Vorschlag lautete, zwei vor die Tür zu stellen, dorthin, wo die Nachbarn jetzt noch eine Sitzbank haben. Die Sitzbank könnte ich gut auf meinen Balkon stellen. Die Stühle sind leider nicht wetterfest. Was die Nachbarn dazu sagen, findet man nur im Experiment heraus. Gesagt, getan. Dann mussten wir das Gespräch aber leider doch beenden, weil ich auch noch staubsaugen wollte. Dabei fiel mir ein, dass ich den Staubsaugerbeutel schon lange nicht mehr gewechselt habe. Ich glaube, im Beutel befindet sich der Staub meiner Wohnung seit dem Tage meines Einzugs. Eine Goldgrube für die Staubsaugerbeutelarchöologen. Das Modell und die dazugehörigen Beutel gibt es schon nicht mehr, aber ich hatte mir einen schönen Vorrat angelegt, als ich noch ein junger Mann war. Ich muss die Dinger nur finden. Lass uns mal wieder telefonieren!

Besser paarweise

Ich dachte immer, ich gucke aus mir raus. Ich gucke aber in mich rein. Keine Ahnung, ob es "draußen" gibt. Eher unwahrscheinlich. Wenn einem das klar wird, bekommt man erst mal einen Schreck. Dann fühlt man sich einsam. Wenn man dann nicht verrückt wird, ist irgendwann alles wie vorher. Ich bin sogar etwas entspannter seit ich weiß, dass "Außenwelt" ein Konzept ist, das als kühn bezeichnet werden muss. Ich lächele dem Nachbarn zu, denn ich kann mich ganz gut leiden. Trotzdem finde ich es super, dass er seine eigene Wohnung hat. Es gibt auch überhaupt keinen Anlass mehr, sich über „andere“ Menschen wie den Dr. Rösler oder den Herrn Steinbrück oder gar die Frau Merkel aufzuregen. Das bin alles ich! Darum bin ich abends immer so zerschlagen. Und morgens auch, denn ich bin ja auch Obama, der ganze Kongress, NSA und FBI. Puhhh.
Letzten Endes führt das zu der Erkenntnis, dass man sich selbst am Wenigsten kennt. Das eigene Selbst ist so unerforscht wie die Tiefsee. Ein Leben wird nicht ausreichen, Licht ins Dunkel der Seele zu bringen. Jetzt verstehe ich endlich auch, warum es besser ist, diese Herausforderung paarweise anzugehen. Man kann sich eben selbst besser beobachten und studieren, wenn man vor einem steht. Oder sitzt. Ich hatte immer Angst, dass ich eine Hässliche, Unförmige nehmen muss. Jetzt weiß ich, das wird nicht passieren. Für mich wird sie die Schönste sein und bleiben, solange ich mich auch gern habe. Natürlich könnte man die Selbsterforschung auch so weitertreiben, wie ich es bislang mache: sich selbst aufschreiben. Das ist auf die Dauer aber irgendwie unerotisch, ich weiß auch nicht. Gibt es nicht ein Beispiel in der Literatur, wo sich ein Autor sozusagen seine Muse geschrieben hat? Irgendwie machen es ja alle so, aber ich meine eine zum Anfassen. Dass sie plötzlich da saß, gegenüber auf der Couch. Man kann aufhören zu schreiben und sich selbst als Objekt untersuchen.
Dieses Projekt verfolge ich jedenfalls zurzeit. Leider werde ich nicht weiter darüber berichten können, wenn es realisiert ist, weil ich ja dann nicht mehr schreiben muss. Das ist natürlich irgendwie schade, aber nicht zu ändern. Paulus hat eben nur deswegen so viel geschrieben, weil er keine Partnerin hatte. Sokrates war verheiratet und hat kein einziges Wort geschrieben. Das stammt alles von Platon, der wiederum unverheiratet war.

Aus: Debakel im Strandkorb (2013)

Lied mit „N“

Ännchen von Tharau ist, die mir gefällt,
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz 
Auf mich gerichtet in Liebe und Schmerz
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, 
Du meine Seele , mein Fleisch und mein Blut.

Käm‘ alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, 
Wir sind gewillt, beieinander zu stah‘n. 
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein 
Soll unser Liebe Verknotigung sein.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, 
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut. 

So wie ein Palmbaum über sich steigt,
Hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt,
So wird die Lieb‘ in uns mächtig und groß
Nach manchem Leiden und traurigem Los.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, 
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut. 

Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt:
Ich will dir folgen durch Wälder und Meer,
Eisen und Kerker und feindliches Heer.
Ännchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn‘,
Mein Leben schließt sich um deines herum. 

Simon Dach / Johann Gottfried Herder

Die Welt versinkt im Chaos

Ich muss mich korrigieren, was die Umfragen zum Fall Maaßen betrifft. Ich bin jetzt doch gebeten worden, an einer solchen teilzunehmen. Eine namhafte Wochenzeitung fragt, ob ich mit der Entscheidung zufrieden bin, dass Maaßen Sonderberater wird. Das ist eine neue Vorgehensweise. Warum haben sie nicht gefragt, ob ich mit der Entscheidung zufrieden bin, dass Gauland Fraktionsvorsitzender wird? Oder dass Adler Staatssekretär im Innenministerium wird? Ich finde das nicht gut. Einerseits ist es nicht gut, wenn den Zeitungslesern vorgegaukelt wird, sie lebten in einer direkten Demokratie. Es beleidigt die Intelligenz. In einer direkten Demokratie werden alle öffentlichen Fragen öffentlich auf dem Marktplatz verhandelt und durch die Bürger mehrheitlich entschieden. So etwas gibt es aber gar nicht. Andererseits ist es nicht gut, dass durch solche Umfragen ein Meinungsbild entsteht, denn es ist weder repräsentativ noch richtig. Selbst bei strengster politischer Enthaltsamkeit und der strikten Abstinenz von Informationsmedien fragt man sich nun doch langsam, was es zu bedeuten hat, wenn eine Regierung ein solches Kasperletheater aufführt.

Als erstes fällt mir natürlich Ablenkung ein. Was rechtfertigt ein derartig gigantisches Ablenkungsmanöver? Es gibt so einen Film, wo sie im Auftrag der Regierungen Archen bauen, weil eine Flut kommt. Die Plätze in der Arche sind aber begrenzt. Darum ist alles ganz geheim. Das könnte es sein. Offenbar liegen der Regierung Informationen über eine globale Superkatastrophe vor, die sich bald ereignen wird. Die Zeitungen wissen natürlich auch nichts, sie wurden nur geschickt für die Ablenkung eingespannt.

Was könnte das für eine globale Katastrophe sein? Nun, man muss kein Superhirn sein, um eins und eins zusammenzählen zu können. Es hat natürlich mit der Zeitumstellung zu tun. Irgendetwas ist schiefgegangen und jetzt steht uns am 28. Oktober ein Super-GAU ins Haus. Irgendein Trottel hat versucht, die Atomuhr schon mal um eine Stunde zurückzustellen und dabei sind ein paar Cäsiumatome rausgefallen. Jetzt funktioniert die Uhr nicht mehr, so dass eigentlich niemand mehr weiß, wie spät es eigentlich ist. Beim Umstellen am 28. Oktober zeigt dann jede einzelne Uhr nur noch ihre eigene Zeit an. Dann merkt auch noch keiner was, aber nach und nach wird die Abweichung immer größer und schließlich kann man überhaupt nichts mehr synchronisieren. Niemand sieht mehr die Tagesschau, weil keiner mehr weiß, wann sie kommt. Mit der Bahn kann man nur noch fahren, wenn man zufällig gerade am Bahnsteig steht und wohin die Reise geht, weiß man vorher nicht. Die Welt versinkt im Chaos.

Zwei Gläser

Es könnte sein, dass ich heute erfahre, dass ich befördert werde. Mein Urlaub ist vorbei und ich habe in der letzten Zeit ja so einiges von mir gegeben, was vielleicht verkehrt gewesen sein könnte. Dann muss ich meinen Hut nehmen. So sind die Regeln. Vielleicht haben sie schon das ganze Wochenende zusammengesessen und überlegt, was sie mit mir machen. Mein Chef will mich natürlich behalten, weil ich so einen tollen Job mache. Die anderen finden mich aber inzwischen auf meinem Posten nicht mehr tragbar. Freilich könnte mich mein Chef einfach in den Ruhestand versetzen, aber das wäre teuer, weil ich dann sehr lange ruhig bin und jeden Monat ein Ruhegehalt bekomme. Wenn er mich befördert, bekomme ich zwar noch mehr Gehalt, muss aber dafür etwas unruhiger leben. Vielleicht muss ich jeden Tag in ein Büro gehen und dort einen Computer einschalten. Das kann einen schon einen Tag lang beschäftigen. Ich habe gerade eine ganze Stunde gebraucht, um meinen Computer zum Laufen zu bringen! Er wollte einfach nicht starten. Ein grauer Bildschirm und ein Balken, der sich nicht mehr bewegte. Keine Ahnung, was das sollte.

Jetzt ist es auch schon fast wieder Abend. Ich würde mich natürlich lieber tagsüber mit solchen Sachen beschäftigen. Mein Chef weiß, dass ich das gut kann, also stünden meine Chancen nicht schlecht - wenn da nicht noch die anderen wären, die mir das alles nicht gönnen wollen. Zurücktreten kann ich selbstverständlich nicht, denn dann stünde ich mir nichts, dir nichts ohne Bezüge da. Ich habe schon jetzt nicht viele Bezüge. Zwei Kissenbezüge und drei Bettbezüge. Das ist schon alles. Wenn sie mir die jetzt auch noch wegnehmen, muss ich wieder den Schlafsack nehmen.

Das kann ja keiner wollen. Darum werde ich befördert. Oder wir tauschen, das geht natürlich auch noch. Vielleicht werde ich aber auch Botschafter auf einer einsamen Insel. Ehrlich gesagt hätte ich im Moment gar nichts dagegen. Irgendetwas in den Tropen, wo es schön warm ist, schön viel Ananas, Fisch und vielleicht ab und zu mal ein ordentlicher Vogel. Ich sitze in meiner Residenz aus Bambus und Palmblättern mit Blick aufs Meer und schreibe meine Botschaften, vielleicht auf Papier, das mir ein Schiff bringt, das einmal im Jahr kommt. Außerdem bringt es jeweils - na, sagen wir ungefähr 70 Kisten Rotwein. Die Botschaften stecke ich in die leeren Flaschen und ab geht die Post. Ach, und zwei Gläser bitte.

Was man tut

Wozu die Causa Maaßen gut war, kann man noch nicht sagen. Es ist einfach noch zu früh. Vielleicht wird sie für ein Sprichwort herhalten. Etwa wie: „In Maaßen ist dagegen nichts einzuwenden“. Oder so ähnlich. Oder auch: „Sie ärgerten sich über alle Maaßen“. Auf jeden Fall bedient sich jetzt auch die Bundesregierung mit ‚try and error‘ einer bewährten Methode zur Wahrheitsfindung. Die Kritik daran läuft in etwa darauf hinaus, dass das planlos und unprofessionell sei. Das stimmt aber so nicht. Vielmehr beweist die Kanzlerin, dass sie ihre Herkunft aus dem Wissenschaftsbetrieb nicht vergessen hat. Dort arbeitet man schließlich nur so. Woher soll man denn wissen, was richtig ist? Man macht eine Vorhersage und überprüft, ob sie stimmt. Falls nicht, probiert man eben was anderes. Manchmal kommt auch etwas heraus, das mit der eigentlichen Fragestellung gar nichts zu tun hat. So hat Alexander Fleming im Jahr 1928 das Penicillin entdeckt, weil ihm während der Sommerferien seine vergessenen Staphylokokken im Labor verschimmelt sind.

Allerdings weiß ich nicht, ob die „Reaktionen aus der Bevölkerung“ ein geeigneter Indikator für die Richtigkeit von Regierungsentscheidungen sind. Schließlich habe ich bis jetzt noch gar nicht reagiert und bei Umfragen werde ich gar nicht erst gefragt. Was allerdings auch sinnlos wäre, denn ich würde an einer Umfrage wahrscheinlich nicht teilnehmen. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass die Causa Maaßen inszeniert wurde um zum Beispiel geschickt von der Causa Seehofer abzulenken. Das funktioniert aber nicht, weil die Sache leider viel grundsätzlicher ist: Wir haben ein Personal-Problem. Und zwar in allen Bereichen. Es besteht hauptsächlich darin, dass die, die es könnten, keine Lust dazu haben und die, die es machen, können es nicht. Das ist schon alles. Aber es ist verheerend.

Ändern kann man das alles nur, indem man sich selbst in den Hintern tritt. Wer macht das schon? Gerade gestern habe ich im Fernsehen gesehen, wie sich Menschen für dafür engagieren, dass das Wohnen bezahlbar bleibt. Oder ich las über den Hambacher Forst, wo Menschen für eine gesunde Umwelt kämpfen. Manchmal habe ich dafür nur ein müdes Lächeln übrig, aber es sollte mir doch wenigstens Respekt abnötigen, wenn ich mich schon nicht bewegen will. Vielleicht hilft es ja, wenn man begreift, dass man nicht mehr nur für sich selbst lebt. Dass es nicht nur das eigene Glück ist, für das man auf der Welt ist. Dass es noch einen anderen Menschen gibt, für den es eine Bedeutung hat, was man tut. Oder nicht tut.

Das ganze Bild

Die gute Nachricht zuerst: Kein Mensch ist allein auf der Welt. Für jeden Menschen im Universum gibt es einen anderen, der zu ihm gehört und mit dem er zusammen froh und glücklich sein könnte. Die schlechte Nachricht: Es ist extrem unwahrscheinlich, ja genau genommen ganz und gar unmöglich, dass diese beiden Menschen zueinander finden. Sie existieren irgendwo, irgendwann und sie wissen nichts voneinander. Aber manchmal kommt es zu einer seltsamen Gleichgewichtsschwankung zwischen den Kräften des Universums und dann kann es passieren, dass sie sich diese zwei Menschen doch begegnen. Das sind dann die Sternstunden des Universums, die Zeit hört auf zu fließen und es entsteht etwas ganz und gar Neues.

Vor ein paar Tagen bin ich gefragt worden, ob ich das Gefühl kennen würde, dass etwas so schön ist, dass man es kaum aushalten kann. Ich kannte es nicht, aber ich hatte so eine Ahnung, dass ich es bald kennenlernen würde. Ich wäre dafür bereit. Nun habe ich „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder geschenkt bekommen. Ich begann sofort damit, es zu lesen und bei jedem Wort, jeder Zeile und jeder Seite bekomme ich es jetzt mit diesem Gefühl zu tun. Ich kann es fast nicht mehr aushalten, muss erst mal innehalten und doch muss ich gleich weiter darin lesen.

Kein Mensch ist allein auf der Welt. Für jeden Menschen im Universum gibt es einen anderen, der zu ihm gehört. Die meisten sind wohl ein Leben lang auf der Suche, ohne einander je zu finden und viele verirren sich hoffnungslos. Es ist ein wunderbarer Glücksfall des Lebens, wenn die beiden Puzzleteile, die zusammen gehören, auf einmal nebeneinander liegen. Da können sie dann was draus machen und das ganze Bild wird wieder ein bisschen klarer.

Es lohnt sich

Manche sagen ja, es gibt sie gar nicht. Sie wären nur Fabelwesen aus einer Phantasiewelt. Das stimmt aber nicht. Einhörner sind sehr selten und sie verbergen sich vor den Menschen aus gutem Grund. Aber es gibt sie. Vielleicht gibt es auch nur noch ein einziges. Ein Einhorn ist ein vollkommen reines und überaus verletzliches Wesen. Im Kontakt mit dem Groben und Gewöhnlichen wird es krank und leidet. Wenn es sich dann nicht zurückzieht, stirbt es. Darum ist es ganz und gar unwahrscheinlich, dass unsereiner so ein Geschöpf zu Gesicht bekommt. Wir machen schon beim Atmen einen solchen Lärm, dass ein Einhorn, sollte zufällig doch einmal eines hier auftauchen, über alle Berge auf und davon wäre, ehe wir auch nur in seine Nähe kämen. Nur sehr empfindsame, stille und aufrichtige Geschöpfe können sich einem Einhorn nähern und es beobachten.

Ich bin nun weder empfindsam noch still. Aufrichtig will ich schon sein, aber bin ich es? Kann ich es? Es gibt schon ein paar Tiere, die manchmal meine Nähe suchen. Katzen sind die edelsten unter ihnen. Hunde kommen auch, aber sie sehen dabei nicht so aus, als ob sie etwas Reines im Schilde führten. Gleich danach kommen Wespen und Fliegen. Alles andere macht eher einen großen Bogen um mich. Darum ist es in meinem Fall nicht nur ganz unwahrscheinlich sondern gleich völlig unmöglich, dass ich im Laufe meines Lebens jemals einem Einhorn begegnen könnte. Und falls doch, dann war es vielleicht erkältet und konnte nichts riechen und hören auch nicht und der Wind stand ungünstig und auf einmal stehe ich eben vor ihm. Spätestens dann jedoch müsste es zu Tode erschrecken und Reißaus nehmen.

Und trotzdem ist es passiert. Auf einmal standen wir voreinander, von Angesicht zu Angesicht und sie schien gar keine Angst zu haben. Ich hatte noch nie im Leben so etwas Schönes und Reines gesehen und ich blieb einfach stehen. Ich fühlte Glück in einer Intensität, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Mein Rücken begann weh zu tun und meine Füße fingen an einzuschlafen, aber ich bewegte mich nicht. Und so stehe ich immer noch und sehe sie an und sie sieht mich an. Es heißt, wenn es geschieht, dass ein Einhorn zu einem kommt und einem sein Horn in die ausgebreiteten Arme legt, wird man ganz heil und gesund. Man muss aber warten können und die Arme lange offenhalten. Das tut weh. Aber es lohnt sich.

Frühling

Ich bin verliebt. Es hat mich richtig erwischt. Dabei kennen wir uns schon eine ganze Weile. Natürlich habe ich sie gleich nach dem ersten Treffen mit nach Hause genommen. Wir haben die erste Nacht zusammen verbracht, weitere folgten. Dann traten Beschwerden auf. Mir tat morgens die Schulter weh. Ich musste eine Entscheidung treffen. Ich habe sie in die Ecke gestellt und eine Andere genommen.

Ich habe sie schnell vergessen, aber mit der Anderen war auch nicht alles schön. Zwar waren jetzt die Schmerzen weg, aber sie war irgendwie zu klein. Sicher, es gab auch Größere, aber die waren eben wieder zu groß. Es ist nicht leicht, in meinem Alter was Passendes zu finden. Nun war sie aber einmal da, ich wollte nicht schon wieder wechseln, also haben wir uns arrangiert. Ich wollte nicht wahrhaben, dass das Problem tiefer sitzt. Man hält sich dann an Äußerlichkeiten fest. Irgendwann habe ich alles auf das alte Schrankbett geschoben. Es ist bemerkenswert, was man für Energie entwickeln kann, wenn erst mal ein Sündenbock ausgemacht ist. Die freien Tage habe ich dafür genutzt, den Platz für das neue Bett zu schaffen. Es musste geräumt, gebohrt und geschraubt werden. Das alte Schrankbett wurde in die fensterlose, etwas verrümpelte Kammer verbannt und mit der Stahlbetonwand verdübelt.

Das neue Bett ist bestellt und kommt Anfang Mai. Ich konnte mich nicht dazu durchringen, in der fensterlosen, verrümpelten Kammer zu schlafen. Eine Nacht verbrachte ich allein auf dem extraharten Federkern der Wohnzimmercouch. Es war furchtbar. Da fiel SIE mir wieder ein. In der folgenden Nacht legte ich SIE auf die Couch. SIE schmiegte sich an mich, als wäre nichts gewesen. Ich sehne die Nacht herbei, um SIE wieder auf die Couch und mich auf SIE zu werfen. Ich liebe sie, mehr als je zuvor: Meine gute alte Kaltschaum-Rollmatratze.

Aus: Schwarze Banane, 2013

Gallseife

In einem Ausschank am Spreeufer verkaufen sie Würste, die offenbar hauptsächlich für die Verteidigung im Nahkampf bestimmt sind: Man beißt hinein und sofort schießt zu beiden Seiten der Bissstelle heißes Fett heraus. Mit einiger Übung kann man so Angreifer von zwei verschiedenen Seiten gleichzeitig kampfunfähig machen, indem man ihnen das heiße Fett in die Augen spritzt. Ohne Übung versaut man sich einfach nur die eigene Kleidung und muss sich nach dem Verzehr dieser Wurst komplett umziehen oder sich von einem Erziehungsberechtigten abholen lassen. Keine Klassenlehrerin der Welt lässt einen weiter am Wandertag teilnehmen, nachdem man sich derartig besudelt hat. Eher würde es noch toleriert werden, sich von Kopf bis Fuß mit Hefeweizen zu übergießen. Nach dem Trocknen bleiben hier kaum Spuren zurück und Hefeweizen riecht auch nicht so schlimm, wie gewöhnliches Bier. Zu meinem Glück war ich nun nicht im Klassenverband unterwegs und meine nette Begleiterin sah über meinen Fauxpas einfach hinweg, als hätte ich mich mit nichts anderem als mit reinem Blütenstaub benetzt. Sie sagte nur ein einziges Wort: Gallseife.

Nun gehört Gallseife nicht gerade zu den Ingredienzien, die ich in meinem Gehäuse vorrätig halte oder gar mit mir führe. Ich musste mir also anders behelfen. Der Prozess ist noch im Gange, so dass ich über seinen hoffentlich glücklichen Ausgang hier noch nicht berichten kann. Ich kann aber schon sagen, dass das betreffende Kleidungsstück eine allfällig auffällige Anfälligkeit für Verschmutzungen aller Art an den Tag legt. Ich kann es eigentlich nie länger als einen Tag tragen. Sofort nach dem Überstreifen schmiere ich mir irgendetwas drauf. Entweder habe ich noch Zahnpasta an einem Finger oder etwas Schlimmeres. Eigentlich sollte ich das wissen und das Teil wenigstens zum Frühstück ausziehen. Das mache ich aber nicht und so muss ich nach dem Frühstück sehr viele Stellen mit einem nassen Lappen bearbeiten. Bevor alles wieder trocken ist, gehe ich natürlich nicht raus.

So geht der Tag dahin und ich schaffe nichts Nennenswertes, sofern man dazu das Haus verlassen muss. In der Zwischenzeit ist der Reinigungsprozess des durch den Wurstangriff verunreinigten Kleidungsstückes zum Abschluss gekommen. Ich muss sagen, das Ergebnis ist ganz ordentlich. In Ermangelung der mit Rindergalle versetzten Kernseife hatte ich auf die Schadstellen Geschirrspülmittel aufgebracht und das Teil über Nacht im Wasserbad liegen lassen. Anschließend erfolgte die Standardbehandlung durch die Waschmaschine. Die Wurstspritzer sind raus! Nur die Zahnpasta nicht.

Fortsetzung folgt

Ich weiß gar nicht mehr, was ich zuerst machen soll! Schreiben, Musik machen, verabreden. Es ist schön und ich will überhaupt nichts anderes mehr machen, aber letztlich bleibt für alles zu wenig Zeit. Die Chorproben haben im September wieder angefangen, aber ich war noch nicht da. Ich kaufe nur noch das Nötigste ein, damit ich mich schnell wieder meiner eigentlichen Beschäftigung widmen kann und habe dann nichts zu essen im Haus. Meine Besucherin musste sich vor dem Verlassen meiner Wohnung die Füße waschen, weil sie sich unvorsichtigerweise die Schuhe ausgezogen hatte. Das darf man in meiner Wohnung eigentlich nicht machen. Meine Wohnung ist schließlich keine Moschee, sondern eher wie eine Wiese oder wie ein Wald. Oder wie eine Wiese im Wald. Man merkt es nicht gleich am Geruch, aber an den Füßen merkt man es sofort.

Jetzt muss ich auch gleich wieder los, denn man soll seine Verabredungen nicht warten lassen. Ich hatte eine Weile so gut wie überhaupt keine Verabredungen, darum hat das jetzt Priorität. Schreiben muss ich aber natürlich auch, sonst passiert ja nichts. Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass nur das passiert, was aufgeschrieben wird. Für die große Weltlage sind die Zeitungen zuständig. Leider scheint das dort keiner zu wissen, sonst würden sie vielleicht etwas behutsamer schreiben und nicht so grob alles durcheinander werfen. Chemnitz, Köthen, Küblböck. Was gerade so einfällt. Das ist nicht verantwortungsbewusst sondern eigentlich schon fahrlässig.

Dieses Blog hier war ja ursprünglich ein Projekt zur Rettung der Welt. Das funktioniert aber nun mal nicht aus einem Blog heraus. Darum habe ich mich bei allen bekannten Zeitungen um eine freie Mitarbeit beworben. Freilich hätte ich dort nicht über mich geschrieben, sondern eben über die Weltlage und dann sähe die Welt heute auch ganz anders aus. So, wie mein Leben heute auch viel besser und freundlicher aussieht, als früher. Die Sache mit Küblböck macht mir allerdings Angst, denn über Küblböck sollte eigentlich nur Küblböck schreiben dürfen und der hätte ganz bestimmt etwas anderes geschrieben. Was, wenn es auf einmal einer Zeitung gefällt, über mich zu schreiben? Vielleicht werde ich dann auf einmal berühmt und reich. Aber dabei bleibt es ja nicht, denn das wäre zu langweilig. Dann muss ich schrill werden, depressiv, schwul sowieso und Drogen nehmen. Schließlich, nicht zu früh aber doch rechtzeitig, bleibt nur ein rätselhaftes und doch tragisches Ende. Vielleicht verschwinde ich mit meiner Verabredung irgendwo im Wald und werde nie wieder gesehen. Die Suche wird nach zwanzig Minuten eingestellt. Wir werden beide für tot erklärt. Aber wer weiß schon, was dann passiert? Fortsetzung folgt.

Seele verkaufen

Da sieht man es mal wieder: Geld macht eben auch nicht glücklich. Geld ist nun mal zum Ausgeben da, das ist das Traurige am Geld. Man kann davon sammeln soviel man will, wenn man es nicht ausgibt, hat man nichts davon. Es ist eigentlich nur eine Zahl. Wenn man es aber ausgibt, macht es einen unglücklich, weil man es ja lieber behalten möchte. Es ist kaum möglich, dass man etwas dafür bekommt, was sein Geld wert ist. Denn Geld haben bedeutet ja, Möglichkeiten zu haben. Viele, viele und noch mehr Möglichkeiten. Alle diese Möglichkeiten schnurren bei der Geldausgabe auf eine einzige zusammen. Ein schlechter Tausch. Dann sitzt man mit dem Gegenwert seines Geldes da und ärgert sich darüber, dass man nun alles andere nicht mehr kaufen kann, was man sich hätte kaufen können. In dieser Hinsicht war das Leben in der DDR eben leichter. Das Sammeln von Geld dauerte zwar viel länger, weil man ja immer nur wenig davon bekam, aber dann konnte man es getrost für immer behalten, denn es gab ja nun mal nichts zu kaufen. Also nicht so, wie im Kapitalismus, dass man immer was Neues kaufen konnte. Man kaufte einen Farbfernseher und den hatte man dann eben. Es wäre total sinnlos gewesen, fünf Jahre später wieder den gleichen Farbfernseher zu kaufen. 
Falls der Fernseher mal kaputt ging, brachte man ihn mit dem Fahrradanhänger ins Fachgeschäft. Dort wurde er dann repariert. Es war verrückt. So konnte man ja nichts verkaufen. Aber das wollte auch keiner. Zufrieden war man aber natürlich ganz und gar nicht, sondern wütend, weil man eben ideologisch gegängelt wurde. Das verträgt man nicht gut. Vor allem nicht, wenn es so plump und offensichtlich passiert. Das war beim SED-Staat so und das war und ist auch immer mal wieder bei der Kirche so. Da will man nicht drauf reinfallen. 
Der Kapitalismus ist nun aber auch eine Ideologie (was man an der Endung -ismus ablesen kann), aber man merkt es ihm nicht an. Apple zum Beispiel ist geradezu eine Religion, gibt es aber nicht zu. Sie können das mit dem Menschen fangen viel besser, als Kommunisten und Christen zusammen, denn sie lassen es uns nicht merken. Und selbst wenn wir es merken - so wie ich - dann glauben wir, das sie uns nichts anhaben können, weil wir nicht darauf hereinfallen. Dann steckt man aber schon tief drin. Was ist nun besser? Nicht drauf reinfallen und wütend sein oder lieb und smart sein, aber dafür sein Seele verkaufen? 

Verabreden

Meine letzte Verabredung mit einer schönen Frau liegt schon eine Weile zurück. Also ein Rendezvous, nur die schöne Frau und ich. Wir gehen ins Kino, was essen oder in die Oper! Es ist immer unglaublich aufregend. Die schöne Frau ist einen ganzen Abend lang nur für mich da und ich stelle mir natürlich vor, wie es wäre, wenn sie für immer da wäre. Eine Zeitlang dachte ich, ich müsste das der schönen Frau sofort sagen. Das denke ich heute nicht mehr. Die schönen Frauen denken nämlich über ihre Männerbekanntschaften wahrscheinlich ganz anders, als ich mir das vorstelle. Ich denke: ‚Sind wir jetzt zusammen, oder was?!‘ Die schöne Frau denkt: ‚So ein schöner Abend!‘ Also vielleicht denkt sie das oder etwas vergleichbares. Ich weiß es bis heute nicht. Ich weiß nur, dass die Wahrscheinlichkeit von Folgeverabredungen rapide sinkt, wenn ich offen und rückhaltlos mein Herz ausschütte. 
Während des Studiums bekam ich so eine Verabredung mit einer schönen Frau. Wir saßen in einer angesagten Kneipe und redeten, lachten und sahen uns tief in die Augen. Ich brachte sie nach Hause und verriet ihr in der S-Bahn mein Geheimnis. Soll man nicht machen! Sie weiß es sowieso und dass ich es ihr sage, macht es für sie eben nicht einfacher. Viel besser ist es, sie zum Lachen zu bringen. Es gibt überhaupt kein größeres Glück, als eine schöne Frau zum Lachen zu bringen. Wenn das gelingt, ist das schon die halbe Miete. Wenn sie lächelt, ist das kein gutes Zeichen, aber Lachen ist eins, egal worüber. Vielmehr kann man als Mann eigentlich auch nicht machen. Alles Weitere liegt dann nicht mehr in unserer Hand. 
Eigentlich wollte ich schon immer ein Blog mit Dating-Tipps für Teenager schreiben. Es hat nur eine Weile gedauert, bis es so aus mir herauskam. Ich kann heute sagen, dass es hin und wieder vorkommt, dass eine schöne Frau einen Mann zu ihrem Partner wählt, der sie so erfolgreich zum Lachen bringen kann. Aber dann fängt der Ernst des Lebens an und es gibt vielleicht nicht mehr so viel zu lachen. Das muss man wissen. Wenn man das will, ist alles gut. Wenn nicht, dann sollte man aus Verantwortungsbewusstsein heraus auch keine schöne Frau zum Lachen bringen. Aber dann braucht man sich auch gar nicht erst zu verabreden. Ich habe es gemacht. Und ich hoffe sehr, dass sie lacht. 

8.2.2017

Abschied

„Der Abschied ist gekommen,
Ich glaub‘, ich füg‘ mich niemals drein,
Dabei hab ich ihm lang schon entgegengeseh‘n.“
Eigentlich hatte ich ja gedacht, so etwas passiert mir nicht mehr. Nie mehr wollte ich mich noch einmal so von einem Menschen berühren lassen, dass es irgendwann anfängt, wehzutun. Ich wollte dies schon schaffen, indem ich unter den Menschen lebte, sie nicht etwa floh oder hasste, sondern indem ich sie liebte. Aber so, dass ich jeden einzelnen von ihnen auch jederzeit wieder loslassen könnte, ohne zu trauern. „Nur so, wie man sich etwa in einen irdenen Krug oder in ein Kelchglas oder in ein Ding von dieser Art verliebt, damit du, wenn es zerbricht, dich seiner Beschaffenheit leicht entsinnst und ruhigen Gemüts bleibst.“ (Epiktet) Aber nun ist es doch anders gekommen. 
„Ich hab‘ nie Abschied genommen,
Ohne zerrissen zu sein,
Und einmal mehr wünschte ich jetzt, die Zeit bliebe steh‘n!“
Es war am Rande einer Tagung in Hogwarts. Wir saßen abends noch im Drei Besen auf ein Butterbier zusammen und eine der Schülerinnen bediente uns. Madame Rosmerta war gestorben und ihr Sohn, dem sie solange sie lebte noch zu Hand gegangen war, war auch schon alt und schaffte es kaum alleine, weil wir so viele waren. Ich fragte, wer denn diese Schülerin wäre und Professor McGonagall nannte mir ihren Namen. Ich fand es doch bemerkenswert, dass sie dem armen Wirt so selbstlos half, während ihre Mitschülerinnen alle um den Stammtisch herumsaßen und ihren Spaß hatten. Dann vergaß ich sie wieder, denn schon am nächsten Tag stand mir der Abschied von Erato bevor, der Liebevollen, der Sehnsucht Weckenden, die mich seinerzeit zu den Musen geführt und die ich gerade erst wieder getroffen hatte. 
„Doch das Leben ist wie ein reißender Fluß,
Der mich weitertreibt.
Der nie stehenbleibt.
Und erreich‘ ich ein Ufer,
Komm ich doch nur zum Schluß,
Daß ich weitergehen muß.“ 
Es verging ein ganzes Jahr oder auch zwei. Ich weiß es nicht mehr. Dann trafen wir uns wieder und sie fragte mich, ob sie ein Praktikum bei mir machen könnte. Und dann kam sie zu mir, in mein Dorf am Ende der Welt und hat dort alles verändert. Wir haben zusammen gesungen und die Zeit blieb stehen, wenn wir es taten. Mit ihrem sanften Wesen, ihrer Geduld und Beharrlichkeit hat sie meine Welt verändert. Und das ohne es zu wollen und ohne es zu machen. In dieser unglaublichen Fähigkeit liegt ihre große Kraft und ihre Stärke. Aber es war auch immer so eine Traurigkeit in ihrem Wesen und als sie schon viel länger bei mir geblieben war als gedacht, erfuhr ich von ihr, dass sie fortgehen würde. Weit fort. 
„Ja, ich weiß, die Stunden waren
Uns nur kurze Zeit gelieh‘n.
Wir sind uns nur begegnet, wie die Schiffe auf dem Meer,
Die sich im Vorüberfahren
Grüßen und dann weiterzieh‘n,
Dennoch, dich jetzt zu verlassen, fällt mir unsagbar schwer.“
So wird es nun kommen. Sie wird fortgehen und ich werde hierbleiben. Aber: Es ist schon jetzt etwas von ihr bei mir geblieben. Sie hat es mir gegeben in den vielen Stunden, die wir zusammensein konnten. Und nicht nur das. Es wird bald einen neuen Ort auf diesem Planeten geben, der für mich eine Bedeutung bekommt. Es gibt so viele Orte, aber sie bleiben für uns bedeutungslos, solange wir nichts und niemanden mit ihnen verbinden. So bin ich reicher geworden und bei aller Traurigkeit bin ich doch auch voller Dankbarkeit. Und Epiktet folgend will ich „weniger hoffen und weniger bedauern“, sondern mich versöhnen mit dem, was ist, mit der Gegenwart und sie lieben.
„Dein Name wird mich begleiten,
Deine Stimme, dein Gesicht,
Dein Lächeln hab‘ ich tief in mein Gedächtnis geprägt.
Es wärmt mich in dunk‘len Zeiten
Und es leuchtet, wie ein Licht
Auf den Straßen, wenn mir kalt der Wind entgegenschlägt!“

Die Zitate sind aus dem Lied „Abschied“ von Reinhard Mey.

Nach fest kommt lose

Die von Alfred Wegener entdeckte Kontinentaldrift ist ein sehr schönes Bild für die Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklung von menschlichen Beziehungen. Menschen sind nun mal keine Pinguine. Obwohl es sie mit aller Macht zueinander zieht, streben sie doch auseinander. Aber gerade dieses Auseinanderstreben bringt sie schließlich und endlich wieder zusammen. Der Superkontinent Pangäa existierte einhundertundfünfzig Millionen Jahre lang. Das ist eine lange Zeit. Aber schon eine ganze Weile brodelte es unter der Oberfläche und schließlich brach das ganze Riesending wieder auseinander. Von dieser Zeit an strebten die einzelnen Teile auseinander. Aber irgendwo stießen sie wieder zusammen und es gab ganz neue Verbindungen. Zum Beispiel krachte die adriatische Platte gegen das südliche Europa und bildete die Alpen. Der Aufprall ist immer noch im Gange und darum sind die Alpen noch lange nicht ausgewachsen. Mit dem Himalaya ist es genauso. Irgendwann werden sich auch Afrika und Südamerika wieder begegnen. Allerdings sozusagen von hinten und es kann sein, dass sie sich nicht gleich wieder erkennen und erst mal eine Weile fremdeln. Bevor sie dann auch miteinander verschmelzen und wieder etwas Neues entsteht. 
So ist das eben. Nach fest kommt lose. Und nach lose kommt ab. Das ist eine alte Schlosserweisheit, die sich die Hennigsdorfer lachend auf der Straße zuriefen, als sie noch demonstrationszugartig alle zusammen morgens zur Arbeit gingen. Es gab auch eine Fahrrad-Staffel, die sich gesondert auf den Weg machte. Als Simone mit ihrer Schwester und den Eltern aus Eisenach nach Hennigsdorf zog, guckten sie morgens um halb sieben aus dem Fenster ihrer neuen Wohnung und betrachteten fassungslos den Fahrrad-Korso, der sich dort jeden Morgen bildete. Als die Wende kam, war das schlagartig vorbei. Grund dafür waren hauptsächlich zwei Faktoren: Erstens die allgemeine Motorisierung der Arbeiterklasse und zweitens die Einführung der Gleitzeit. 
Was sich vorher jeden Morgen durch die zwei Werkstore ergoss, hatte allein durch seine Präsenz eine ziemlich Macht. Es war taktisch klug und folgerichtig, diese potentielle Gefahr aufzulösen, so, wie man einen Thrombus auflösen muss. Das gelang durch „Freibier und Würstchen“ und durch „Video, Marlboro und GTI“. Danach war das Land wieder vereint. Aber nichts ist für immer. Klar musste man wieder zusammen kommen, wenn man getrennt war. Aber wieder vereint bleibt nur, sich irgendwann wieder zu trennen. Wann das passiert, hängt von der Geschwindigkeit ab, in der sich das das Zusammenwachsen ereignet. Darum: Lasst es langsam krachen. Denn nach fest kommt: Lose.

Für immer

Einmal saß ich während einer Weiterbildung neben einer attraktiven Kollegin. Ich konnte gar nicht zuhören, weil ich damit beschäftigt war, mir vorzustellen wie ich mich herauswinde, wenn sie mich hinterher fragt, ob wir noch was trinken gehen. Sie hat selbstverständlich nicht gefragt. Ein anderes Mal erwischte ich mich dabei, wie ich sehr lange darüber nachdachte, wie ich verhindern könnte, dass eine junge Frau, die ich gerade kennengelernt hatte, bei mir einzieht. Sie kam nicht ein einziges Mal auch nur in die Nähe meiner Wohnung. Heute passiert mir so etwas nicht mehr. Vielleicht, weil ich gelernt habe, dass attraktive Frauen niemals über Männer herfallen und sie an den Haaren irgendwohin zerren. Trotzdem wüsste ich gern, wo diese Angst vor der Nähe herkam, die völlig unrealistisch war und die mich soviel Energie gekostet hat.
Ich glaube, die zweite Angst hat etwas mit dem Zustand meiner Behausung zu tun. Er entspricht einfach nicht den geltenden Standards. Ich kriege das auch nicht mehr hin. Ich müsste umziehen. Vielleicht ist das ja die Lösung. Aber für welches Problem? Egal. Wann ich erst mal die Lösung weiß, finde ich auch ein Problem dazu. Ein Adelie-Pinguin muss zum Beispiel ein Nest bauen -übrigens aus Steinen- mit dem er sich dann bei einem Weibchen bewerben kann. Wenn es ihr nicht gefällt, lässt sie ihn stehen. Der Pinguin sieht dann ziemlich bedeppert aus. Ich möchte das nicht erleben.
Eine junge Frau erzählte mir, dass sie mit ihrem Freund zusammenziehen will. Ich finde das nicht richtig. Für meine Begriffe geht das zu schnell. Wenn man einmal zusammen ist, gibt es schließlich nur noch eine Richtung, in die man sich entwickeln kann: auseinander. Darum sollte man, wenn man sich kennen gelernt hat, erst mal so weit wie möglich auseinander gehen. Das hat dann Potential. Wenn man dann nämlich wieder zueinander findet, ist es für immer.

Mein leises Lied

Ich bin nicht sicher, ob es in Ordnung geht, dass die Vereinigten Staaten von Amerika von einem Hirn regiert werden. Und wenn es auch das Hirn von Trump ist. Es ist trotzdem ein Hirn. Wurden die Wähler hinters Licht geführt? Oder wussten sie, dass sie eigentlich ein Hirn gewählt haben? Wie wäre das eigentlich in Deutschland? Zum Glück wählen wir ja hier unseren Regierungschef nicht selbst. Da müssen sich also die Abgeordneten mit herumschlagen. Aber wenn die herausbekämen, dass sie derartig hinters Licht geführt wurden-na dann Prost Malzeit! Aber das wurden sie ja nicht. Merkel ist immer noch Merkel, wobei ich schon denke, dass sie ganz schön schlau ist. Leider hilft uns das in Augenblick auch nicht weiter, denn die Dummheit ist ausgebrochen. Sie fängt an, das Land auszufüllen. Sie beginnt freilich in den Köpfen, aber dort bleibt sie nicht. Sie breitet sich erst langsam aus und dann immer schneller. Alles Bunte und Farbige wird grau. Und jeden Tag wird das Land ein bisschen grauer und kälter. 
Vielleicht ist sie auch schon längst hier, in meinem Haus und nur weil ich nicht richtig zuhöre und beobachte, merke ich es nicht. Vielleicht denken die Grauen auch schon lange, dass ich ja einer von ihnen bin, denn ich sehe keineswegs bunt aus. Die Gesichter sind alle so stumpf und ausdruckslos und wenn sie den Mund aufmachen, kriege ich Angst. Sie reden davon, wieviel alles kostet und dass es da oder dort billiger zu haben wäre und dass man sich doch aufregen muss, weil alles so schlimm ist. Und dann sehen sie so wütend und hilflos aus, dass man schon fast wieder Mitleid kriegt. 
Und dann brüllen sie, immer gegen „die Ausländer" und dass sie doch stolz sind und wie fremd sie sich fühlen, in ihrem eigenen Land. Und man denkt „Was denn für ein eigenes Land?" Glauben sie wirklich, sie könnten ein Land so besitzen, wie eine Eigentumswohnung? Ja, ja! Ich schreibe ja auch von „meinem Haus" und kann doch nicht beeinflussen, wer hier einzieht. Eigentlich müsste man mit ihnen reden, aber das kann ich nicht. Das will ich nicht. Ich will überhaupt nicht mehr reden, denn durch das ganze Gerede ist es so schlimm und es wird immer schlimmer. Ich will verstummen, nicht mehr reden und allenfalls noch singen. Und wenn, dann auch nur noch ganz leise. 



Offener Brief: Hilf mit, Unterschriften zu sammeln!

https://secure.avaaz.org/campaign/de/chemnitz_offener_brief_11/?cZTEsnb

Das Schlimmste, was passieren kann

Ich habe einen Timer installiert, mit dem ich meine Arbeitszeit überwachen kann. Ich hätte nicht gedacht, dass das mal notwendig werden könnte. Es ist auch nicht notwendig geworden, aber es macht Spaß. Ich vergesse nämlich immer, den Timer einzuschalten. Dann sieht es am Ende des Tages so aus, als ob ich überhaupt nicht gearbeitet hätte. Ein freier Tag also. Darüber freue ich mich dann sehr. Wenn alle Menschen solche Timer hätten, gäbe es wahrscheinlich viel mehr Freude an der Arbeit. Bisher bin ich noch nicht auf die Idee gekommen zu messen, wie lange ich am Tag mit Schreiben beschäftigt bin. Das ist auch schwierig. Wann ich nur messe, wie lange ich tatsächlich schreibe, werden nur ein paar Minuten zusammenkommen. Die meiste Zeit schreibe ich ja nicht, sondern gucke in die Luft, aus dem Fenster oder schlafe. Es ist ein wunderbare Beschäftigung, die ich nur für die Notdurft und zur Zubereitung von Malzeiten unterbreche. Meine Lieblingsposition ist die Rückenlage auf dem Bett. Mein Vorbild ist Spitzwegs armer Poet, nur dass es nicht reinregnet und ich nicht frieren muss. Mit der Armut kann ich mich aber schon mal anfreunden, denn sollte Trump nicht mehr Präsident sein, werden viele Menschen sehr arm werden. Ich wahrscheinlich auch. Nur durch Trumps Hirn sind wir alle so reich. Dazu muss das Hirn aber auch Präsident sein. 
Dabei fällt mir ein, dass ich bald unter das Messer muss. Ich werde am offenen Auge operiert und muss danach ein paar Tage zu Hause bleiben. Ich hoffe doch, dass ich weiter meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann. Schließlich werde ich ja nicht am Arm operiert! Das wäre schlimmer. Ich glaube, dann würden viele Menschen sehr hirn werden. Es ist nun mal dieser Arm, der alles im Gleichgewicht hält. 
In der Klinik, der ich mich anvertrauen werde, ist die Operation am offenen Auge schon oft durchgeführt worden. Der alte Chefarzt, der sie meisterhaft beherrschte, ist zwar nicht mehr da, aber die Oberärztin, die ihm immer assistiert hatte, macht es auch gut. Ich werde sie vorher noch kennenlernen. Es könnte ja sein, dass sie mir nicht gefällt und dass ich ihren Anblick bei offenem Auge nicht so lange ertragen mag. Aber ich glaube nicht, dass das passiert. Jedenfalls soll sie den unteren Augenmuskel abschneiden und ein Stück weiter hinten wieder annähen. Ich bin ganz froh, dass ich das nicht alleine machen muss, denn solche Fummelei liegt mir nun mal gar nicht. Ich würde lieber mal am offenen Hirn operieren. Da ist alles ein bisschen grober. Und das Schlimmste, was passieren kann ist, dass die Wirtschaft zusammenbricht. Na wenn schon. 

Singen kann jeder

Die natürliche Körperform des Mannes gleicht eher einem b. Die gesellschaftliche Idealisierung will uns stattdessen ein i vormachen. Ich erkenne den Fehler, wenn ich an einem Spiegel vorbeigehe und mein Profil aus den Augenwinkel wahrnehme. Es ist ein b. Man erkennt es auch, wenn man sich Darstellungen von Australopithecinen anschaut. Ich kann mir gar nicht erklären, wie es zum i gekommen ist. Vielleicht von „idealisieren" . Nun zeichnen sich Idealisierungen vor allem dadurch aus, dass es sie gar nicht gibt. Im Grunde genommen sind es Vereinfachungen, Weglassungen. Leider wird bei Idealisierung oft auch Wesentliches weggelassen. Es ist ein dummer Reflex, einem Ideal entsprechen zu wollen, denn es ist nicht möglich und es verursacht Kosten. Im konkreten Fall kostet es Energie, die kleidsame Ausstülpung am unteren Körperende nach innen zu ziehen und dann so zu verharren. Eine schier übermenschliche Anstrengung, die auch nicht gesundheitsfördernd sein kann. 
Darüber hinaus ist es auch völlig unnötig, die eigene Erscheinung im Profil wahrzunehmen. Ich interessiere mich ja auch nicht dafür, wie ich von hinten aussehe. Man hat mir vor kurzem gesagt, dass mein Hinterkopf einen ähnlich individuellen Anblick böte wie ein Gesicht. Ich habe es mir mal angesehen und es stimmt. (Ich dachte immer, ich könnte es gar nicht, weil ich dazu zwei Spiegel brauchte. Dann habe ich aber mal im Bus gesehen, dass ein Telefon auch ein prima Spiegel sein kann!) Ich bin von hinten sogar noch besser zu erkennen, als von vorn! Von vorn werde ich manchmal mit Russel Crowe verwechselt, wohingegen niemand, den ich kenne so aussieht, wie ich von hinten. Vielleicht mit Ausnahme der Mönche in „Der Name der Rose“. 
Aber zurück zur Ausstülpung. Sie hat sich in langen evolutionären Zeiträumen entwickelt und hat natürlich ihren Sinn. In dem Film „Schtonk" habe zum ersten Mal gesehen, wie sich Götz George in ein Korsett zwängt, um sie zu kaschieren. Das ist natürlich grundverkehrt. Die b-Form dient der verbesserten Bauchatmung, die für die Kommunikation durch Singen unerlässlich ist. Im Gegensatz zum brustatmenden Rivalen kann der Bauchatmer längere und präzisere Tonfolgen zur Kontaktaufnahme mit einem oder mehreren Weibchen erzeugen und den Kontakt auch viel länger aufrecht erhalten. Leider ist das Singen im Verlauf der kulturellen Entwicklung einer ähnlichen Idealisierung ausgesetzt worden, wie die Körperform. Darum trauen sich heute nur noch Wenige, in der Öffentlichkeit zu singen, weil ihnen gesagt wurde, dass sie es nicht können. Das kann man kaum noch reparieren. Ich schlage vor, den heutigen Kindern zu vermitteln, dass das Sprechen eine Kunst ist. Singen, so soll man es ihnen vorsingen, singen kann jeder.

Aschenputtel



Ich fragte: "Was kommt eigentlich nach dem Sommer?" und fand mich ziemlich schlau. Die Antwort lautete: "Rotkäppchen.“ Ich lächelte nachsichtig und fragte jemand anderen: „Nein. Was kommt nach dem Sommer?" Antwort: „Aschenputtel!“ Nun kann man freilich immer weiter widersprechen: „Nein,nein, nein, nein, nein." Mit immer mehr Nachdruck. So etwas kann einem immer wieder passieren, wenn man sich dumm stellt. Wenn man etwas weiß, dann soll man es eben einfach sagen und nicht scheinheilig danach fragen! Natürlich wollte ich „Herbst" hören, um dann von den bunten Wäldern singen zu können.
Aber soweit ist es ja noch lange nicht. Es ist ja noch Sommer. Ich bin mal gefragt worden, warum einen der Sommer eigentlich immer so traurig macht. Es liegt daran, dass wir im Sommer immer weiter in die Dunkelheit hinein fliegen. Erst Ende Dezember fliegen wir wieder in das Licht. Vorher wird es einfach nur dunkler und dunkler. Dass das so ist, verdanken wir der Neigung der Erdachse. Ohne diese wäre es überall immer gleich hell oder gleich dunkel. Es gäbe aber nur einen relativ schmalen Streifen, der von der Sonne beschienen würde und von den Polregionen aus würde sich die Kälte breit­machen. Der Planet würde nicht mehr richtig warm werden.
Da sieht man es mal wieder: nicht das Gerade, sondern das Schiefe und Krumme macht das Rennen. Der gerade Weg führt nirgendwo hin; der ungerade führt dagegen zum Leben. In diesem Sinne muss man vielleicht um die Ecke denken. Dann ver­steht man auch, warum Rotkäppchen nach dem Sommer kommt. Oder eben Aschenputtel.

Musik!

Ich und Musik! Das wir beide mal zusammenkommen, war nicht abzusehen. Ich hatte zwar nie Schwierigkeiten mit dem Singen, aber das war es dann auch schon. Alles andere betreffend war ich vollständig „unmusikalisch“. Falls es so etwas überhaupt gibt. Ich hörte mir keine Musik an und Discoveranstaltungen waren, solange es noch keinen Alkohol gab, eine Quälerei. Die Hitparade im ZDF und disco sah ich mir allerdings an. Schallplatten mit Musik hatte ich nicht und natürlich auch keine Kassetten. Auf Klassenfahrten hatten andere Jungs schon längst immer ein Köfferchen mit Kassetten dabei. Ich staunte. Oder ich staunte nicht. Ich weiß es nicht mehr. Simone brachte die ersten Schallplatten mit. Konstantin Wecker mit dem „Willi“ und Hermann van Veen mit dem „Kinderrad“. Und Gerhard Schöne. Der sang auf irgendeiner Platte vom Messias und vom „Großen Halleluja“. Irgendwann hatte ich dann auch so eine Platte. Bei Witti bekam ich dann gratis richtigen Unterricht. Der hatte ein Zimmer, das mit Schallplatten zugestellt war und einen Plattenspieler mit so einem Stapelwechsler, der bis zu 10 Platten fasste. Er kannte zu jeder Band alle Geschichten. Dazu rauchten wir Karo, bis seine Mutter von der Arbeit kam und stöhnend die Fenster aufriss. 
Axel hatte auch Platten, die durfte man aber nicht berühren. Er erzählte nicht so viele Geschichten dazu, dafür hörten wir mit großer Andacht zu. Danach gingen wir schweigend ins Wirtshaus und verzehrten ein Gericht aus Gehacktem und rohem Ei, dessen Name mir jetzt nicht einfallen will. Dann fand ich auf einem Dachboden ein altes Smaragd-Tonbandgerät. Zur Aussteuerung der Mono-Aufnahme gab es ein „Magisches Auge“. Ich trug das Trumm zum Käpt‘n, dem Kaplan der katholischen Gemeinde. Der hatte das Decade-Album von Neil Young. Ich saß dort stundenlang und beobachte, wie ein Mann mit dem Zölibat lebt. Der Frühstückstisch war immer schon gedeckt, wenn wir abends in der Küche saßen. Es gab eine Haushälterin, die sich um solche Sachen kümmerte. Das gefiel mir. 
Dann kaufte ich vom ersten Arbeitslohn eine „Stereoanlage“ und ein Kassettendeck. Das Kassettenteil schleppte ich zu Stefan nach Berlin um Heinz-Rudolf Kunze und Herbert Grönemeyer aufzunehmen. Heute kann man die Kassetten nicht mehr abspielen. Dann passierte lange nichts. Schließlich hörte ich an der Akademie für Musiktherapie bei Ulrike wieder Musik und bekam es mit mir selbst zu tun. Ich kaufte einen Ohrenbackensessel. Ich lernte Christoph kennen, der nicht müde wird, der Musik zu begegnen und andere damit anzustecken. Er hat mich wieder eingeladen, worüber ich mich sehr freue. Und wenn ich irgendwie kann, werde ich kommen. 

Die Bedeutung der Freiwilligen Feuerwehr im ländlichen Sozialraum

Ich habe eine ausgesprochen unterhaltsame Weiterbildung besucht. Der Dozent war Professor und Entertainer. Wahrscheinlich hätte er auch singen und tanzen können, sah aber aus Zeitgründen davon ab. Er hat mein Leben verändert. Unter anderem konnte er sehr anschaulich darstellen, wie sich die Vernachlässigung der Zahnpflege auf das Leben eines Menschen auswirkt. Karies wäre gar nicht das Problem, das dauere mindestens sechs Monate. Viel gefährlicher wäre die Aphtenbildung. Aphten im Mund seien ausgesprochen schmerzhaft. Ich verstand „Aften“ und wusste sofort, dass ich so etwas nicht im Mund haben wollte. Dann machte der Professor klar, dass das Kauen auf einer Seite durch die Aphten sehr schmerzhaft werden könnte. Wenn man dann nur noch auf der anderen Seite kaue, würde sich die Struktur des Kiefermuskels verändern. Die Kau-Seite würde hypertroph, die andere hypotroph. Erst bekäme man zusätzlich Kopfschmerzen, dann würde der Kopf auf der Kau-Seite größer und schwerer, was schließlich zu einer ganzkörperlichen Fehlhaltung führe, die mit schweren Wirbelsäulenschäden einhergehe. Dann nehme man unweigerlich Schmerzmittel, die wiederum innere Organe wie Magen, Leber und Niere auf die Dauer schwer schädigten. Anschließend schilderte er die sozialen Folgen des mit den Aphten einhergehenden Mundgeruchs, die ich uns hier aber ersparen will.
Dann ging unsere Feuerwehrsirene los. Mein Professor erstarrte. Zweifellos glaubte er, er müsse das Gebäude jetzt evakuieren und seine Schüler zum Sammelplatz führen. Er war wirklich entsetzt. Nur mit Mühe konnten wir ihn davon abhalten, seine Darbietung abzubrechen und den Saal zu räumen. Es kam zu Spontanreferaten aus dem Auditorium über die Bedeutung der Freiwilligen Feuerwehr im ländlichen Sozialraum. Der Professor hörte sich alles mit großem Unbehagen an. In Berlin, so dozierte er, gäbe es so etwas nicht. Er höre das Geräusch zum ersten Mal live.
Trotz dieser kleinen Ablenkung fühlten sich meine Zähne auf einmal irgendwie pelzig an. In der Mittagspause wollte ich einen Apfel verzehren und konnte nur noch rechts kauen. Links setzte es sofort furchtbare Schmerzen. Ich merkte, wie mein Kopf rechts immer schwerer wurde und der Rücken begann auf einmal höllisch wehzutun. Ich wollte entweder sofort eine Schmerztablette oder meine Zahnbürste, hatte aber beides nicht dabei. Unmittelbar im Anschluss an die Veranstaltung vereinbarte ich einen Zahnarzttermin. Die Schwester fragte, ob ich zur Kontrolle käme? Ich erklärte ihr, dass mich mein hypertropher Kaumuskel nach rechts vom Fahrrad reißen würde, wenn wir nicht schnell etwas unternähmen. Daraufhin bekam ich einen Termin für Mittwoch. Ich hoffe, das reicht noch. 

Vor dem Alltag

Mein Klamottenabo hat sich wieder gemeldet. Ich dachte ja, ich hätte sie jetzt erfolgreich abgewehrt: Emails habe ich nicht beantwortet und am Telefon habe ich sie angeschrieen. Jetzt kam aber eine neue Email: In zwei Wochen schicken sie meine neue Box. Was drin ist, würde ich schon sehen. Aus der Nummer komme ich jedenfalls nicht mehr raus. Das ist auch der Grund, aus dem ich in diesem Jahr nicht mehr in den Urlaub fahren kann. Ich werde das Geld brauchen, um die Rechnung für die neuen Klamotten zu begleichen. Irgendwie bin ich aber auch froh. Von Kleidung hat man nun mal länger was, als vom Urlaub auf den Inseln am rechten Rand von Deutschland. Vielleicht kaufe ich mir sogar noch einen Kleiderschrank. Als ich neulich mal erwähnte, dass ich keinen habe, kam die Frage, wo ich denn meine Sachen lassen würde. Antwort: Na, die habe ich an!

Aber Schwamm beiseite. Ich fahre wirklich nicht in den Urlaub, weil ich ja schon im Urlaub bin. Es ist eine Frage der Einstellung. Wenn man sich vorstellt, dass der Alltag Urlaub ist und der Urlaub Alltag, dann stellt man das Leben endlich vom Kopf auf die Füße. Mein letzter Alltag endete im Mai, ich war mit den Männerfreunden wandern und zwei lachende Mädchen haben uns im Alltag besucht. Es war schön. Außerdem hatte ich einige Familientermine zu absolvieren. Das war auch schön.

Danach wurde es aber immer schöner. Der Sommer kam lange vor seiner Zeit und er dauerte und dauerte. Ich wanderte viel und fuhr noch mehr mit dem Fahrrad, das ich von meinem Vater bekommen habe. Und dreimal in der Woche hatte ich die netteste Begleitung, die ich mir wünschen konnte und wir machten miteinander, was wir nun mal am besten konnten: zusammen singen. Aber auch der schönste Urlaub muss einmal aufhören und auch der längste Sommer geht irgendwann zu Ende. So beginnt in zwei Wochen wieder der Alltag mit seinen Kümmernissen, dem Abschied und den Tränen. Aber nicht lange und ein neuer Urlaub beginnt und mit ihm neue Abenteuer, neue Herausforderungen und Leben. Jede Menge Leben.

Verteilt Ohrenschützer!

Wenn es nicht so schlimm wäre, wäre es zum totlachen: Die Bahn will die Trinker mit Musik verjagen. Das geschieht ihnen ganz recht. Warum trinken sie auch so viel? Müssten sie ja nicht. Jetzt geht es ihnen an den Kragen. Sie werden mit Musik beschallt. Als ob das noch nicht reichen würde, um diesen grottigen Trinkern den Garaus zu machen, soll es auch noch atonale Musik sein. Atonale Musik!! Die spielt wahrscheinlich im Ultraschallbereich. Trinker können Ultraschall wahrnehmen und leiden beim Abspielen wie Hunde bei einer Feuerwehrsirene. Sie müssen sich dann mit beiden Händen die Ohren zuhalten. Dann können sie natürlich nicht mehr trinken, denn dazu brauchen sie mindestens eine Hand. Nähmen sie die vom Ohr weg, hörten sie den schrecklichen Lärm und müssten sofort wieder zuhalten, wollten sie nicht unter schrecklichen Qualen elendiglich verenden. Soweit der Plan der Bahn. Wer denkt sich sowas aus?

Allerdings weiß jedes Kind, das Harry Potter und die Kammer des Schreckens gelesen hat, wie man sich gegen Lärm wirkungsvoll schützen kann und trotzdem beide Hände frei und einen klaren Kopf behält. Beim Umtopfen von Alraunen entsteht nämlich ein ähnliches Problem, weil die garstigen Pflanzen dabei wie am Spieß schreien, was einen Mann umbringen könnte, wären die Alraunen schon ausgewachsen. Um bei dieser gefährlichen Schulgartenarbeit keinen Schaden zu nehmen, bekommen die Kinder Ohrenschützer - denkbar einfach. Also wird die Bahn mitnichten erleben, dass die Trinker aus ihren Bahnhöfen verschwinden. Vielmehr werden sie einfach Ohrenschützer aufhaben. Darum erteilt ein Kneipenwirt aus Binz auf Rügen Kindern übrigens inzwischen gleich ab 17:00 Uhr Hausverbot. Wahrscheinlich hatten sie Ohrenschützer auf und ließen sich deswegen mit Musik nicht mehr verjagen.

Ich überlege, ob ich an meinen freien Wochenenden nicht mit den Kindern durch die Bahnhöfe ziehen und kostenlose Ohrenschützer verteilen sollte, damit die armen Trinker nicht ihr mühsam erbetteltes Trinkgeld auch noch dafür ausgeben müssen. Vor einhundertunddreizehn Jahren gab es auch schon S-Bahnhöfe in Berlin und es gab auch „Trinker“, die dort herumlungerten. Ein Pastor und Abgeordneter aus Bielefeld namens Bodelschwingh wollte das auch nicht hinnehmen. Aber er kam nicht auf die kranke Idee, sie mit Musik zu vertreiben. Er gab ihnen Arbeit statt Almosen, ein eigenes Bett, einen Schrank und einen Vorhang zum Zuziehen. Er gab ihnen ihre Würde zurück. Und mit Musik hat er sie getröstet.

Nach dem Wochenende

Ich bin vor einiger Zeit gefragt worden, ob mir meine Arbeit Spaß mache. Das war mir ein Anlass, mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Von selbst wäre ich nicht darauf gekommen. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Ich gehe doch nicht zum Spaß arbeiten! Beim Arbeiten geht es in erster Linie um Geld und beim Geld hören Spaß und Freundschaft auf. Vielleicht ist es ja erhellend, dass das sich das deutsche Wort Spaß vom italienischen spasso ableitet, das wiederum Zerstreuung, Zeitvertreib, Vergnügen bedeutet. Wenn das der eigentliche Zweck der Arbeit sein sollte, dann haben wir es mit dem Spaß übertrieben. Dann ist daraus jetzt etwas geworden, das seinerseits wieder nach Zerstreuung und Vergnügen verlangt. Etwas, das einen ganzen Tag dauert, die ganze Woche beansprucht und das Denken und Träumen bestimmt, kann kein Spaß mehr sein!
Aber das muss es auch nicht. Die Frage, ob denn die Arbeit Spaß mache, kann sich eigentlich nur ein Kind der Spaßgesellschaft ausdenken. Auf der verzweifelten Suche nach Vergnügen und Zerstreuung verschwimmen die Unterschiede und man sieht am Ende gar nicht mehr, was man eigentlich zerstreuen wollte, nämlich die Sorgen des Alltags, die nun auf einmal selbst die Zerstreuung sein sollen.
Nein, die Arbeit darf keinen Spaß machen, gerade damit wir noch einen Unterschied machen können. Das ist übrigens der gleiche Gedanke wie der vom irdischen Jammertal: Wer hier schon in Freude und Fülle lebt, hat seinen Lohn dahin. Wenn diese Idee benutzt wird, um Menschen in Armut und Elend zu halten, ist das natürlich verwerflich. Aber die Wahrheit, die darin verborgen ist, ist die, dass das Loslassen vom Leben einem umso schwerer wird, je besser es einem geht. Aus einem für uns Sterbliche leider unersichtlichen Grunde kann ein Leben aber nur gelingen, wenn es losgelassen wird. Je früher und je lieber, desto besser.
Genauso ist es mit der Arbeit. Je weniger man daran hängt, um so besser. Nein, meine Arbeit macht mir in diesem Sinne keinen Spaß und ich habe nicht vor, das zu ändern. Eine Arbeit, die mir Spaß machen würde, wäre keine Arbeit mehr. Damit man sich locker machen kann, muss man sich erst mal anspannen. Nach dem Wochenende ist vor dem Wochenende. Der Montag geht schnell vorbei und von Dienstag nachmittag aus ist der Freitag schon in Sichtweite. Und nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub.
(Aus: liedersaenger, Wittgensteins Leiter, 2015)

Nonsens

Irgendwo muss ich noch das Nonstop-Nonsens-Buch haben. Ein kleines Buch mit Sketchen von Dieter Hallervorden. Seltsamerweise ist ausgerechnet dieses Buch irgendwie über die deutsch-deutsche Grenze gekommen, als sie noch aus Eisen und Beton war. Ich kann nicht mehr sagen, ob ich von diesem Buch irgendwelchen nennenswerten Gebrauch gemacht habe. Ich glaube, ich hatte Schwierigkeiten, die gelesenen Sketche lustig zu finden, aber das weiß ich nicht mehr. Es gab in meiner Umgebung wahrscheinlich auch niemanden, mit dem ich sie hätte aufführen können. Wie dem auch sei, das Buch ist jedenfalls noch da, aber ich werde die Sketche wohl trotzdem nicht aufführen, obwohl ich heute vielleicht schon Spielpartner finden würde. Ich glaube, meine Vorstellung von Humor hat sich inzwischen ein bisschen verändert. 
Es ist aber immer noch Nonsens. Vor ein paar Tagen war ich Beikoch in einer Kochshow. Es gab „Überraschungsauflauf mit Sommergemüse“. Das Sommergemüse bestand unter anderem aus Brokoli und Blumenkohl. Ich hielt den Brokoli hoch und bat um eine Vase für die Blumen. Das Publikum kreischte: „Das sind doch keine Blumen!“ Ich wollte noch irgendwie auf den Blumenkohl kommen, verlor aber leider völlig den Faden. Das sollte mir nicht noch einmal passieren. Auf dem Nachhauseweg entwickelte ich einen neuen Sketch, wobei ich mir jedes Wort genau einprägte.
Dabei geht es um eine reale Person, die Geschichte dazu dreht sich jedoch nur um ihren Namen und ist völlig frei erfunden. Ich kann hier natürlich nicht den wirklichen Namen schreiben, aber sagen wir, sie heißt Katrin Leonid. So heißt sie allerdings erst, nach dem sie Sebastian Leonid geheiratet hat. Ihr Mädchenname lautet Katrin Bernhard. Das muss man leider vorher wissen. Aber vielleicht auch nicht. Es käme auf einen Versuch an. Jetzt kommt der Sketch: 
Vorstellungsgespräch im Büro, 2 Darsteller
1 Personalchef
2 Bewerberin
Der Personalchef sitzt in seinem Büro. Es klopft. Eine attraktive junge Frau kommt herein. Der Chef steht auf.

Personalchef: Guten Tag, Herzlich willkommen Frau...
Bewerberin: ...Leonid. Katrin Leonid. ein bisschen aufgeregt Also früher, ja, da hieß ich ja Bernhard, wissen sie? Aber jetzt...
Personalchef: ...Katrin. Schon klar. Das ist überhaupt kein Problem für uns!
Black

Alles wieder gut

Meine Toleranz gegenüber Insekten im Allgemeinen und Fliegen im Besonderen hat in den letzten Wochen stark abgenommen. Allerdings muss ich feststellen, dass ich eher die Qualitäten eines Fluchttieres als die eines Jägers besitze. Insofern scheint es bei mir schon eine genetische Veränderung zu mehr Friedfertigkeit zu geben. Meine Aggressionsbereitschaft scheint eher kulturell bedingt zu sein. Darum lachen mich die Fliegen auch aus. Im klebrigen Fliegenfänger verfange ich mich nur selbst. Eine Fliege ist dort noch nicht gelandet. Daraufhin habe ich meine alte Fliegenklatsche wieder aktiviert. Sie ist inzwischen so alt, dass bei jedem Zuhauen ein Stück vom Griff absplittert. Dass die Fliegen trotzdem den Tod finden, liegt daran, dass sie vor lauter Lachen nicht aufpassen wohin sie fliegen und im Bierglas landen, worin sie dann ertrinken. (An diesem Beispiel kann man auch sehr schön den Unterschied zwischen „effektiv“ und „effizient“ verdeutlichen: Effektiv ist meine Methode schon, weil letztlich wirksam. Nur eben nicht effizient, was die eingesetzten Mittel und die aufzuwendende Zeit angeht.)
Auf der Internationalen Raumstation gibt es höchstwahrscheinlich keine Fliegen. Und zwar deshalb, weil sie da oben niemals das Fenster aufmachen. Ich finde, das ist keine Alternative. Ein offenes Fenster ist mir schon sehr wichtig. Statt dessen in der Kuppel zu sitzen und die Erde anzugucken, ist doch ein schlechter Tausch. Dann schon lieber auf der Erde sitzen und durch das offene Fenster den Himmel angucken. Auf dem Mond gibt es sicher auch keine Fliegen und auf dem Mars schon gar nicht. Aber was, wenn aus Versehen beim Start einer Mondrakete eine Fliege mitkommt? Wenn sie dann in irgendeine Kiste gerät, die für Mondsteine mitgenommen wird und da draußen irgendwie, was weiß ich schon, überlebt? Wenn sie sich dort vermehrt, wobei sie zweifellos rasant mutiert. Denn ihre Flügel kann sie ja nicht gebrauchen, weil es auf dem Mond keine Luft gibt. 
Wenn dann wieder einmal Menschen auf den Mond kommen, kriecht die mutierte Mondfliege wieder in das Raumfahrzeug und kommt mit ihrer ganzen Brut zurück auf die Erde. Sie ernährt sich von Gestein, etwas anderes gab es auf dem Mond ja nicht und hier gibt es davon mehr als genug. Sie gedeiht prächtig und hat in kurzer Zeit alle Bauwerke aus Stein befallen. Die Mondfliege frisst Häuser und Straßen, Brücken, Türme und Paläste. Bald entsteht eine weitere Mutation, die auch Eisen und Stahl verdauen kann und schließlich können immer mehr auch Plastik fressen. Ihre Ausscheidungsprodukte sind Wasser und fruchtbare Erde. Auf der Erde wachsen wieder Bäume und Holz kann die Mondfliege nicht verdauen. Als alles Gestein auf diese Weise durch die Mondfliege in Erde und Wasser verwandelt worden sind verschwindet die Mondfliege wieder von der Erde. Und alles, alles, alles ist wieder gut. 

Wollen und werden

Die Errichtung der Pyramiden von Gizeh war prägend für eine ganze Epoche. In einer zuvor nicht gekannten Kooperationsleistung arbeiteten die Menschen eines ganzen Landes über Generationen hinweg zusammen und erreichten ein gemeinsames Ziel. Wozu diese gewaltige Anstrengung gut sein sollte, erschließt sich uns Heutigen nicht mehr, aber sie hat das Land einst groß gemacht. Unsere Epoche bringt eine vergleichbare Leistung hervor: die Weltraumfahrt. Sie begann eigentlich als strategisches Manöver im Kalten Krieg, hat sich aber zu einem wahren Friedensprojekt entwickelt. Auf keinem anderen Gebiet arbeiten so viele Nationen friedlich zusammen. Vielleicht wird das Ziel dieser Anstrengungen den Menschen in viertausend Jahren ebenso rätselhaft vorkommen, wie uns das Ziel des Pyramidenbaus. 

Es ist allerdings fraglich, was von der Raumfahrt übrig bleiben könnte, das man so bestaunen könnte, wie Pyramiden. Die Weltraumbahnhöfe? Eine Raumstation? Satelliten! Vielleicht sogar ein Bauwerk auf dem Mond, das von der Erde aus zu sehen ist? Mit ziemlicher Sicherheit werden sie sich aber darüber wundern. Was um alles in der Welt wollten diese Menschen im Weltraum? Haben sie wirklich gedacht, sie könnten dort in einer Aluminium-Tonne lange genug überleben, um irgendwohin zu gelangen? Und wohin, glaubten sie, würden sie kommen? Haben sie wirklich gedacht, sie könnten irgendwo ankommen? Was wollten sie finden? Sich selbst? Warum unternahmen sie nicht ebenso große Anstrengungen, um auf den Meeresgrund zu gelangen? Wieso haben sie dort keine Stationen gebaut, wo es definitiv Leben gab? 

Das werden die Menschen in viertausend Jahren nicht mehr klären können. Vielleicht sitzen sie dann schon längst auf dem Grund der tiefsten Tiefsee und wissen aber ganz genau, was die Folgen der Weltraumfahrt gewesen sind: Dass die Menschen nämlich aufgehört haben, sich über Ideologien und Prinzipien zu streiten, weil sie eine gemeinsame Aufgabe hatten, an der sie wachsen konnten. Dass immer mehr Menschen die Schönheit und Verletzlichkeit ihres Planeten erkannten und immer mehr danach fragten, wie sie ihn hüten und bewahren könnten. Dass immer mehr Menschen lernten, in Frieden zusammen zu leben und zu arbeiten. Das könnte einmal das Resultat der Weltraumfahrt geworden sein. Obwohl - oder gerade weil - das nie jemand wollte. 


Es sei denn Liebe

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das anfing, aber irgendwann war ich der Meinung, Gefühle wären nur etwas für Mädchen und auch die würden sie sich nur einbilden. Ich hatte keine. Ich war in der Pubertät (oder zumindest in dem entsprechenden Alter) und ich war Dressur- und Springreiter. Das war ein Mädchensport und ich bekam immer die bockigen Pferde. Wenn ich in die Pfütze fiel, stand ich eben wieder auf, fing mein Pferd ein und stieg wieder auf. Jana sagte mir dann einmal, dass ich immer so cool aussehe, als ob ich niemals Angst hätte. Das hat mir sehr gefallen und ich konnte auch wirklich keine Angst mehr fühlen. Nicht dass ich keine Befürchtungen gehabt hätte, was alles nicht klappen könnte - aber das Gefühl der Angst war weg. Oder besser: ich konnte es nicht wahrnehmen. Genauso war es mit Glück und Trauer, Stolz und Freude, Wärme und Zuneigung und was das Leben sonst noch alles reich machen kann. Ich hatte mir das abgewöhnt und fing lieber an zu rauchen und zu trinken, weil das cool war.

Eigentlich war ich so drauf, bis ich so um die dreißig war. In dieser Zeit traf ich Fritz, einen Sozialarbeiter, der seinerzeit in Berlin-Kreuzberg die Offene Jugendarbeit erfunden hatte. Fritz organisierte dann eine Gedenkstättenfahrt für Jugendliche und ich konnte mich mit meiner kleinen Arbeit, die ich gerade anzufangen im Begriff war, dort einklinken. Ich glaube, die Fahrt ging über zwei Wochen und führte nach Stutthof, Danzig und Warschau. An diesen Orten versuchten wir uns gemeinsam mit den jungen Menschen mit einer schlimmen, schrecklichen Geschichte auseinanderzusetzen und auf einmal bekam ich es wieder mit Gefühlen zu tun. Ich konnte sie immer noch nicht spüren, aber sie standen jeden Abend in unseren Reflexionsgesprächen greifbar im Raum. Ich merkte, dass wir die jungen Menschen, die ich ja doch irgendwie mochte, zeitweise sehr unglücklich machten. Ich merkte, dass es die Gefühle wirklich geben musste. Aber ich glaubte noch, dass sie eigentlich etwas Schlimmes wären und dass ich Glück hätte, sie nicht wahrnehmen zu können. Denn Gefühle waren es doch, die ein ganzes Volk verführt und verleitet hatten! Weil sie millionenfach besoffen von Gemeinschaft, Stolz, Ehre und Vaterland die schlimmsten Verbrechen ermöglicht, dazu geschwiegen oder sogar begangen hatten. War es nicht richtig, die Gefühle für immer und allezeit und endgültig auszumerzen?

Seit dieser Zeit ist viel passiert. Ich zog aus, das Fürchten zu lernen. Ich fand den Mut, den eigenen Gefühlen wieder zu begegnen. Sie waren ja nie weg, sondern sie versteckten sich nur hinter seltsamen Bauchschmerzen, unerklärlichem Herzklopfen, trockenem Mund und zittrigen Fingern. Ich lernte, die abgespaltenen Gefühle wieder zuzuordnen und mein Leben wurde reicher und ich selbst vielleicht ein bisschen interessanter. Schließlich merkte ich, dass es nicht nur die eigenen Gefühle waren, die mich bewegten, sondern auch die, die andere bereit waren, mir zu zeigen. Meine Welt wurde wärmer und freundlicher und ich wurde mutiger, auch mehr von mir zu zeigen. Aber ich wusste nun auch, dass Gefühle eben niemals rational waren und dass sie nicht taugen, wenn es darum geht, um Klarheit und Wahrheit zu ringen, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden oder den richtigen Weg zu finden.

Aber erst heute kann ich sagen: Lasst euch nicht von Gefühlen leiten, wenn es darum geht, die besten Argumente zu finden. Tränen beenden jede Diskussion und Wut und Angst hören nicht mehr zu. Lasst nicht zu, dass die letzten Argumente in einem Pfeifkonzert, in Geschrei und Geheul untergehen oder dass alle „Ja“ sagen, weil es sich so wohlig und warm anfühlt. Verliert nicht euren Verstand an die Gefühle.

Es sei denn, es ist die Liebe. Ihr folgt bedingungslos.

(3.12.2017)

Sapere aude

Ich bin so dumm wie Bohnenstroh. Ich bin darüber hinaus sogar noch viel dümmer als die Polizei erlaubt. So blöd, dass mich die Schweine beißen. Meine Blödigkeit sprengt alle bisher bekannten Grenzen. Ich habe sie mit Löffeln gefressen und jetzt kommt sie mir zu den Ohren heraus. So würde ich gern noch eine ganze Weile weitermachen, aber weil ich so dumm bin, fällt mir eben nicht mehr ein. Außerdem muss ich befürchten, dass nicht weiter gelesen wird, denn wer will schon lesen, was ein Dummer geschrieben hat? Also schreibe ich jetzt erstmal, warum ich mich so eifrig der Dummheit bezichtigen will. Es ist wegen Martenstein. Im letzten Zeitmagazin hat Martenstein darüber geschrieben, dass die Intelligenz immer mehr abnimmt und die Menschen immer dümmer werden. Er kommt dann aber zu dem Schluss, dass das gar nichts macht, weil man zur Feststellung seiner Dummheit wenigstens noch ein bisschen Intelligenz benötige. Dumme würden gar nicht bemerken, dass sie dumm sind, sondern würden sich für ziemlich schlau halten und darum wäre am Ende wieder alles in Ordnung. Darum werde ich nicht müde zu erklären, wie sehr ich meine eigene Dummheit bemerke und zur Kenntnis nehme. 
Ich könnte mir das aber auch sparen, denn Intelligenz wird leider völlig überbewertet und wenn Dummheit nur das Fehlen von Intelligenz wäre, dann wäre sie eine wunderbare Eigenschaft. Ich kenne eine Menge liebenswerte Menschen, denen die Intelligenz nach unseren Standards völlig abgeht. Leider steht die Intelligenz so hoch im Kurs, dass sich das niemand als Kompliment gefallen lassen würde. Die Intelligenz ist aber nun mal in der Welt wie das Licht. Weil es das Licht gibt, haben sich die Augen entwickelt. Wo es kein Licht gibt, zum Beispiel unter der Erde oder in der Tiefsee, wären Augen völlig nutzlos. Ein Maulwurf ist in seinem Lebensraum nicht schlechter dran als ein Adler in der Luft. Setzt man beide an der falschen Stelle aus, machen sie eine jämmerliche Figur. 
Dummheit ist leider etwas anderes, als das Nichtvorhandensein von Intelligenz. Dummheit gibt es gerade wegen der Intelligenz. Dummheit ist Unmündigkeit. Frei nach Immanuel Kant: Unmündigkeit ist das selbstverschuldete Unvermögen, sich ohne Leitung eines anderen seines Verstandes zu bedienen. Selbstverschuldet ist dieses Unvermögen, wenn die Ursachen nicht im mangelndem Verstand sondern in Feigheit und Faulheit der Person liegen. Der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ist Aufklärung. Und dafür braucht es Mut. Wieder mal. Also: Sapere aude!