Bin gleich wieder da

Seit ich die Känguru-Chroniken höre, bedaure ich es fast ein bisschen, dass ich mit Mäuschen zusammen bin. Immerhin kann sie nicht sprechen. Bisher fand ich das eher vorteilhaft. Wir ziehen auch nicht gemeinsam durch die Straßen. Wir machen eigentlich überhaupt nichts gemeinsam, außer fernzusehen. Und das auch nur, wenn ich daran denke, sie auf ihren Fernseh-Platz zu setzen. Wenn ich es vergesse, guckt sie einfach nur weiter aus dem Fenster. Andererseits wird Sprechen aber auch überbewertet. Ich stelle mir ein sehr altes Paar vor, das eigentlich schon alles besprochen hat. Reden die noch über irgendetwas? Ich meine nicht, dass sie sich vielleicht nichts mehr zu sagen hätten. Es ist einfach schon alles gesagt und über das, was sie sich immer wieder sagen wollen, verlieren sie nicht mehr viele Worte. So ist es eben auch zwischen mir und Mäuschen. Freilich gibt es darüber nicht so viel zu erzählen, wie über das Zusammenleben mit einem ständig plapperndem, vorlautem Känguru. 

Ich lag auf der Couch und starrte an die weiße Zimmerdecke. Hinter meinem Kopfende saß mein Arzt und machte in regelmäßigen Abständen „hm“. Er schrieb sich nichts auf, sondern diktierte seine Notizen in seine Armbanduhr. Da ich das nicht hören sollte, ging er dazu jedes Mal vor die Tür. Vorher sagte er immer „bin gleich wieder da…“ Auf etwa zwei bis drei „hm“ kam ein „bin gleich wieder da“. Einmal kam er lange nicht wieder herein und ich schlief auf seiner Couch ein. Als er dann doch wiederkam, nahm er keine Notiz von mir, hüpfte zu einem Tisch und packte Sachen aus seinem Beutel aus: Unter anderem eine Hängematte, eine Mao-Bibel, ein Paar roter Boxhandschuhe und mehrere Aschenbecher. Dann hüpfte er wieder zur Tür hinaus. 

Ich zog mir meine Schuhe an und ging nach Hause. Irgendwie tat mir der Mann auch leid. Er nahm sich immer alles so zu Herzen, was ich ihm erzählte. Dabei habe ich mir das Meiste einfach ausgedacht. Auch den Psychiater hatte ich mir natürlich ausgedacht, aber ich brachte es einfach nicht übers Herz, ihm das zu sagen. Dabei nehme ich es mir zu jedem neuen Termin fest vor. Aber wahrscheinlich würde er darauf auch nur „hm“ sagen und dann etwas in seine Armbanduhr diktieren. „Bin gleich wieder da...“

Gefährlicher Job

Ich wollte das Lexikon-Spiel spielen: Man schlägt ein Lexikon auf und zeigt mit geschlossenen Augen auf eine Stelle. Das Artikelstichwort muss dann erklärt werden. Mein Wort war „Polizei“. Das ist ja nun ein doofes Wort. Jeder weiß ja wohl, was „Polizei“ ist. Die Polizei ist dein Freund und Helfer. Trotzdem erstreckte sich der Artikel über mehrere Seiten. Ich habe selbst nicht viele Erfahrungen mit der Polizei. In unserem Aufgang wohnte unten ein Polizist, unser Abschnittsbevollmächtigter. Er hieß Heinz und mein Vater nannte ihn manchmal Pistolen-Heinz. Heinz hatte nämlich eine Pistole bei sich zu Hause, die er sich umschnallte, wenn er im Dienst war. Soweit ich mich erinnere, war Heinz immer im Dienst. Einmal fanden wir beim Spielen im Wald eine Gewehrpatrone oder sowas. Wir brachten sie schreiend zum Pistolen-Heinz. Gut, dass es ihn gab. Viel später habe ich ein  Jugendarbeits-Praktikum in Berlin gemacht und wir haben eine Disco in einem sozialen Brennpunkt-Viertel veranstaltet. Wir baten die Polizei darum, mal ein bisschen aufzupassen. Als die Disco in schönstem Gange war, kamen mehrere Mannschaftswagen, der Disco-Keller wurde gestürmt und die Disco beendet. 

Vielmehr fällt mir jetzt nicht ein. Einmal habe ich auf einem Parkplatz ein Auto gerammt. Als ich den Unfall später bei der Polizei anzeigen wollte, habe ich mich gewundert, dass da alles so verrammelt war. Nirgendwo konnte man einfach reingehen und wenn man jemanden zu Gesicht bekam, saß der hinter dickem Glas. In Filmen sieht das immer anders aus. Unsere Polizei hier muss schon ganz schöne Angst haben. Es wird sicher Gründe dafür geben. 

Ach ja, nach meinem Verkehrsunfall waren auch noch zwei Polizisten bei mir im Krankenhaus. Das war mein erster Besuch und ich habe mich sehr gefreut. Sie waren auch sehr freundlich und haben ihre Telefonnummer dagelassen. Irgendwo muss ich sie noch haben. Dabei fällt mir ein, dass es früher noch Verkehrspolizisten gegeben hat, die auf Kreuzungen den Verkehr geregelt haben. „Siehst du Brust und Rücken, musst du auf die Bremse drücken.“ Ich hatte mal ein Verkehrspolizei-Set für den Fasching. Es enthielt unter anderem einen Stab und einen Stempel für den Führerschein. Statt Punkten gab es wohl Stempel. Einmal war ich damit unterwegs in den Verkehrsgarten. Auf die Fahrradlenkstange hatte ich ein Lenkrad vom Autoschrottplatz geschraubt. Ich bin sofort auf die Fresse geflogen und habe mir den Stab sonstwohin gebohrt. Die Polizeiarbeit ist eben ein gefährlicher Job. 

Komplikationen

In meinem neuen Radio kommen jetzt jeden Abend Hörspiele von Sherlock Holmes. Leider geht es mir beim Radio hören ähnlich, wie beim Fernseh’n gucken. Ich schlafe mittendrin ein. Auf einmal hat Sherlock den Fall gelöst und ich weiß wieder nicht, wie. Dazu kommt, dass immer das Ende eines Kapitels abgeschnitten ist. Ich weiß nicht, ob ich da was einstellen kann oder wo. Vielleicht entgehen mir ja wichtige Informationen. Aber sonst ist es prima. Mich interessiert ja auch nie der Fall, sondern immer das Drumherum. Einmal saßen Sherlock Holmes und Dr. Watson zum Beispiel in ihrem gemütlichen Wohnzimmer behaglich am Kamin und tranken Tee und Sherry. Ich wusste sofort, was zu tun war. Statt mich und mein armes Fahrrad zweimal in der Woche mit dutzenden Bierflaschen zu beladen, kaufte ich einfach zwei Flaschen Sherry, große Mengen Tee und hatte ein für alle Mal ausgesorgt. Dafür brauchte ich nicht mal ein Fahrrad. An den folgenden Abenden hatte ich viel Spaß. Die Tage dagegen fühlten sich an, wie in Watte gepackt. Ich wollte jetzt eigentlich wieder hören, wie Sherlock und Dr. Watson Sherry tranken, aber das taten sie nicht mehr. Dafür bekamen sie alle Nase lang Brandy angeboten, den sie aber ablehnten. 

Ich selbst sehe mich nicht in der Lage, mir eine Kriminalgeschichte auszudenken. Ich weiß nicht mal, was mir dafür fehlt. Wahrscheinlich bin ich überhaupt nicht in der Lage, mir irgendetwas mit Zusammenhang einfallen zu lassen. Meine Einfälle kommen aus einem dichten Nebel, ziehen an mir vorbei, ich bestaune sie und dann verschwinden sie wieder im Trüben und Ungewissen. Eine zusammenhängende Geschichte kann ich einfach nicht erzählen. Nicht mal Witze. Die Komplexität und ich sind alte Feinde. Wir gehen uns aus dem Weg. Zu mir kommt die Einfachheit. Es muss einfach alles einfach sein. Dann ist es gut. 

Leider ist die Welt, in der wir nun mal leben nicht einfach. Der Grund für diese Tatsache entzieht sich meiner Erkenntnis, weil er naturgemäß auch nicht einfach sein kann. Es ist eben alles kompliziert. Eine Komplikation ist bei Uhren übrigens eine Zusatzfunktion, mit deren Hilfe zum Beispiel das Datum oder die Mondphase angezeigt wird. Je mehr Komplikationen eine Uhr besitzt, um so wertvoller wird sie. Die Vorstellung von der Welt als Uhrwerk ist ja nicht neu. Vielleicht ist die Welt darum so ungeheuer wertvoll, weil sie so viele Komplikationen aufweist. Und wahrscheinlich haben wir noch gar nicht alle entdeckt. 

Was sein wird

Nach dem selbstfahrenden Auto kommt nun also der selbsteinkaufende Lebensmittelmarkt (Amazon-Go). Beides gehört natürlich zusammen. Zuerst muss man noch selbst hingehen, aber irgendwann kann man einfach das Auto einkaufen schicken. Warum beschäftigen wir nicht einfach Personal? Billige Arbeitskräfte, die uns treu ergeben sind und dazu noch intelligent und vorausschauend. Weil es entwürdigend ist? Aber werden Maschinen nicht auch irgendwann eine Würde haben? Das werden sie zweifellos. Es werden sich Vereine organisieren, die für die Maschinenrechte eintreten und irgendwann wird die Ausbeutung der Maschinen genauso verwerflich sein, wie die Sklaverei. Soweit sind wir aber noch lange nicht. Zunächst sieht alles einfach nur sehr bunt und vielversprechend aus. Ich würde mich aber noch zurückhalten. Ich kaufe auch nie die erste Version eines neuen Gerätes. Erstens funktioniert sie noch nicht einwandfrei und zweitens ist sie veraltet, ehe man das Handbuch überhaupt erst gefunden hat. Das Problem am Amazon-Laden dürfte erst mal sein, dass er nicht gleich richtig differenzieren kann. Man guckt sich ein Produkt an und zack- schon wird abgebucht. 

Der nächste Schritt in diese Richtung ist damit bereits vorgegeben. Wir können ihn noch lange nicht gehen, ich werde das alles nicht mehr erleben, aber es zeichnet sich überdeutlich ab, wie es weitergehen wird. Die nächste Innovation wird die sich selbst bewohnende Wohnung sein. Ein Mieter wird nicht mehr benötigt. Das Wohnen besorgt die Wohnung selbständig. Sie macht sich alleine sauber und sie kauft auch ein. Selbstverständlich geht sie auch einer Erwerbsarbeit nach. Natürlich im Home-Office. Das muss sie tun, um die Miete bezahlen zu können, denn das Wohnen wird sehr, sehr teuer werden. Immer mehr Wohnungen können das nicht mehr bewältigen und werden schließlich obdachlos. Sie werden aus sich selbst herausgeworfen vegetieren ihres Daseinszwecks beraubt in Plastik-Beuteln dahin. 

Der Mensch kommt in diesem Konzept nicht mehr vor. Keine Ahnung, was Menschen dann noch machen. In den schlimmsten Horrorszenarien dienen sie nur noch als Bio-Energie-Lieferanten. Aber man muss ja nicht immer gleich alles schwarz malen. Leider neige ich ein bisschen dazu, denn ich habe gerade eine Mieterhöhung bekommen. Aber vielleicht war es ja die letzte Mieterhöhung in meinem Leben und jetzt habe ich für immer Ruhe. Vielleicht hat Deutschland zu Ostern eine neue Regierung. Und vielleicht wird der Flughafen noch zu meinen Lebzeiten fertig. Vielleicht ist Donald Trump gar nicht so schlecht und vielleicht will Kim Jong un nur den Frieden. Que sera, sera. 

Von null bis zehn

Ich hoffe sehr, dass ich nächtens tatsächlich in meinem Bett liege, denn zuletzt hatte ich sehr seltsame und verstörende Traumerlebnisse. Sollte ich doch noch in einer oder mehreren Parallelwelten unterwegs sein, bin ich geliefert. Mir kommt das vor allem deshalb komisch vor, weil es gestern beim ersten nächtlichen Blick auf die Uhr fast fünf war und beim zweiten halb zwei. Vielleicht läuft nachts meine Zeit rückwärts. Aber dann müsste ja jeden Morgen derselbe Tag sein. Wenn man allerdings jeden Morgen in einer anderen Parallelwelt erwacht, könnte man diese Tatsache vernachlässigen. Es ist aber extrem unwahrscheinlich, dass es sich so verhält, da meine Umgebung immer exakt die gleiche ist, wie am Abend zuvor. Geht man jedoch davon aus, dass es unendlich viele Parallelwelten gibt, kann es auch unendlich viele mit den exakt gleichen Umgebungen geben. Dass ich immer in ihnen aufwache, liegt vielleicht daran, dass ich alle diese Universen gewissermaßen in mir trage. Wenn ich in den Weltraum hinaus schaue, schaue ich in Wahrheit in mich hinein. Ich bin das Universum mit allen Paralleluniversen. Mag sein, dass es noch andere Universen gibt - für mich haben sie keine Bedeutung. Es gibt nur mich und alles Lebendige in diesen Universen bin ich selbst. 

Leider habe ich es noch nicht gelernt, mein Universum richtig zu handhaben, sonst käme es nicht andauernd zu unerwünschten Ergebnissen. Viel Unheil scheint dadurch zu entstehen, dass ich schlafen muss. Ein anderer Teil geht wahrscheinlich auf das Konto psychotroper Substanzen. Ein dritter, nicht zu unterschätzender Faktor ist meine Ignoranz. Wenn ich mich nur ein bisschen für Flughafenbau oder Regierungsbildung interessieren würde, wären wir wahrscheinlich schon viel weiter. 

Aber alles zu seiner Zeit. Ich hätte da noch ein paar andere Baustellen. Zunächst hoffe ich, dass ich mir nie wieder ein Möbelstück kaufen muss. Ich habe nämlich herausgefunden, dass meine Nachbarn, die die umfangreiche Hochtisch-Lieferung entgegengenommen haben, die sechs sperrigen Pakete die Treppe hochgetragen haben, weil der DPD-Mann das nicht machen wollte. Die Schamesröte steht mir immer noch im Gesicht. Manchmal ist man aber auch wie vernagelt. Hätte ich den Nachbarn meinen Schlüssel da gelassen, hätten sie den Tisch wahrscheinlich auch noch in meiner Wohnung aufgebaut. Dafür bekomme ich jetzt jeden Tag eine Email von Home24 in der sie fragen, wie wahrscheinlich es ist, dass ich sie meinen Freunden und Verwandten weiterempfehle. Von null bis zehn. 
Na? 
Ratet mal!

Schöner Brauch

Gerade eben ist mir eingefallen, dass es durchaus passieren könnte, dass ich mal sechzig Jahre alt werde. Oder sogar siebzig. So etwas kommt andauernd vor. Die Jubilare sehen dann immer so aus, als wären sie ihr Leben lang siebzig gewesen und sind nicht im mindesten überrascht. Für mich käme das ganz schön unerwartet. Bei dreißig war ich, glaube ich, noch ein bisschen stolz. Vierzig habe ich hingenommen. Bei fünfzig war ich sauer. Sechzig wäre eine Zumutung. Keiner würde ein Auto fahren, das sechzig Jahre alt wäre. Sechzig Jahre alte Mobiltelefone gibt es schon gleich gar nicht. Noch nie hat man etwas von einem sechzigjährigen Pferd gehört! Was soll die Zählerei überhaupt? Eins, zwei, drei, vier... - sind wir hier im Kindergarten, oder was? Ich mache nicht mehr mit. Ab heute zähle ich nicht mehr weiter. Ich wachse nicht mehr. Leider fällt mir das erst jetzt ein. Aber fünfzig ist ja eine schöne Zahl und man wird sie mir noch eine Weile abnehmen. 

Noch vor einhundert Jahren wusste kein Mensch, wie alt er ist. Woher denn auch. Man wusste höchstens, was man alles erlebt hatte, wenn man noch einigermaßen beieinander war. Ich weiß immerhin, dass ich gerade in die Lehre ging, als der Berliner Außenring elektrifiziert wurde. Das war was! Eine Folge war, dass die S-Bahn-Züge nicht mehr von Hennigsdorf nach Velten fahren konnten, weil sich Gleichstrom und Wechselstrom nicht vertrugen. Das war sehr ärgerlich, sonst wäre ich nämlich Bahnhofsaufsicht geworden, wegen der coolen Funkgeräte. Jetzt fuhren Doppelstockzüge mit E-Lock, man musste pfeifen und die Kelle heben. Uncool. Ein paar Jahre früher habe ich miterlebt, wie der große LEW-Schornstein aufgebaut wurde. Ich stand am Küchenfenster und sah dem Hubschrauber zu, der die einzelnen Ringe übereinander setzte. Ganz großes Kino. Aus irgendeinem Grund ist der Schornstein jetzt wieder kleiner. Ich war noch nicht ganz in der Schule, da starb Walter Ulbricht, ich hatte sie noch nicht ganz abgeschlossen, da war Breschnew tot. 

Viel weiter reicht meine Erinnerung nicht zurück. Daran sieht man, dass ich noch nicht sehr alt sein kann. Das reicht ja wohl und ich kann von heute an aufs Erbsenzählen verzichten. Natürlich geht das nur inoffiziell, denn die Berechnung des Lebensalters ist in Deutschland natürlich gesetzlich geregelt. In China war es früher üblich, dass Kinder bei der Geburt ein Jahr alt waren. An jedem Neujahrstag, wurden sie mit allen anderen Chinesen ein Jahr älter. Ein schöner Brauch! 

Beutel

Ich bin gespannt, wie sich das mit den Ladegeräten weiterentwickelt. Ich habe gerade eins gesucht, dass ich verräumt hatte. Dabei ist mir aufgefallen, wie viele von diesen Dingern in der Wohnung verteilt sind. Wenn ich dran denke, mache ich bei Inbetriebnahme eines neuen Gerätes ein Pflaster mit Beschriftung an das Kabel. Oft denke ich aber nicht daran. Manchmal denke ich auch, ich könnte es später noch machen. Das ist aber ein Irrtum. Später hat es sich in einem der Ladegerätenester verkrochen, die es zu Dutzenden in meiner Wohnung gibt und wo sie sich miteinander zu unentwirrbaren Knäuels verschlingen und höchstwahrscheinlich neue Ladegeräte zeugen. Ein ganz Bestimmtes zu finden ist dann ganz und gar unmöglich. Es gab mal diese Horrormeldungen in der Zeitung, wie Hunderte von Weberknechten ineinander verkrabbelt in einer dunklen Ecke der Wohnung auftauchen. Vor so was habe ich Angst. Erschrocken muss ich nun feststellen, dass sich statt der Weberknechte die Ladekabel bei mir angesiedelt haben. Ich werde einen Kammerjäger holen müssen. 

Wenn ich verreise habe ich inzwischen zusätzlich zum Waschbeutel einen Ladegerätebeutel. In der Priorität ist er etwa gleichrangig mit dem Medikamentenbeutel. Alle drei Beutel packe ich in den Campingbeutel, den ich dann auf dem Rücken trage. Der Vorteil der abnehmbaren Beutel beim Menschen gegenüber dem angewachsenen beim Känguru oder auch beim Koala liegt auf dem Band: Zum Beispiel bei Sicherheitskontrollen am Flughafen. Der Nachteil ist aber ebenso offensichtlich: Man kann seinen Beutel auch sehr leicht verlieren. In der S-Bahn stehen lassen, im Wartezimmer vergessen oder man wird von Beutelschneidern beraubt. Dann steht man da. Das Smartphone macht als erstes schlapp. Dann das Tablet, gefolgt vom Fitness-Tracker. Am längsten hält der EBook-Reader durch. Nach ein paar Tagen ist er auch am Limit. 

Ich glaube, dass das alles erst der Anfang ist. Nicht mehr lange, dann wird es elektronische Kleidung geben. Man wählt auf dem Smartphone die gewünschte Garderobe - fertig. Dafür trägt man irgend ein kleines Gerät auf der nackten Haut. Es muss jede Nacht aufgeladen werden. Wer darin schlampig ist oder einfach nicht das richtige Ladekabel findet, sitzt auf einmal nackig in der U-Bahn. Wenn das passiert, machen alle anderen Fahrgäste eine Laola-Welle. Peinlich wird es für Uniformträger, wie zum Beispiel Zugschaffner. Weil sie für die Dienstkleidung nur billige Geräte haben, kann man immer öfter umsonst mitfahren, weil die Schaffner Hals über Kopf in ihr Dienstabteil flüchten und ihre Uniform aufladen müssen. Irgendwann wächst uns dann hoffentlich wieder ein Fell. Und vielleicht ein Beutel. 

Meine Freundin

Es ist immer wieder ein Wunder! Am Ende werden hier dreihundertfünfzig oder ein paar mehr Worte stehen, obwohl es im Moment überhaupt nicht danach aussieht. Aber das ist am Anfang immer so. Am Ende werde ich wieder wissen, was ich geschrieben habe und ich werde staunen. Im Moment staune ich nicht. Ich stöhne vielleicht, aber das ist keineswegs erstaunlich. Eine Leserin oder ein Leser merkt davon freilich nichts. Ich dachte erst, dass ich über die Traurigkeit schreiben würde. Inzwischen glaube ich das nicht mehr. Obwohl ich sie sehr gern habe, meine Traurigkeit. Sie ist eine gute Freundin, auf die ich mich verlassen kann. Sie kündigt ihr Kommen nicht vorher an, dafür kommt sie mehrmals am Tag. Einfach so. Sie drängt sich gar nicht auf. Sie steht eher ein bisschen verschämt irgendwo herum. Wenn ich sie wahrnehme, nehme ich sie meistens auch in den Arm und dann bleibt sie ein paar Stunden da. Sie ist übrigens sehr schön und ich bin gern mit ihr zusammen. Aber ich würde es nicht aushalten, wenn sie für immer bei mir bliebe. Sie scheint das zu wissen. Und auch wenn wir manchmal zusammen ins Bett gehen, ist sie fast immer am Morgen verschwunden. Wie gesagt, ich habe sie sehr gern. Aber wenn sie wieder weg ist, wird mir immer irgendwie leicht ums Herz. 

Schreibe ich jetzt doch über die Traurigkeit? Nein. Nein, nein. Die Traurigkeit ist nämlich eine Perle. Sie zeigt uns, wer wir wirklich sind. Das kann sie. Wer bin ich? Die Traurigkeit weiß es. Manchmal nimmt sie mich in den Arm und dann weine ich. Die Traurigkeit und die Fröhlichkeit sind übrigens Schwestern. Lachen und Weinen sind wie Licht und Schatten. Das Eine ist nichts ohne das Andere. So ist das Leben. 

Ich lache ja viel. Aber nicht, weil ich mich lustig mache, sondern weil ich lieber nicht weinen will. Also nicht so im Offenen. Für mich allein weine ich ganz gern mal. Es ist eigentlich derselbe Gemütszustand, nur sozialverträglicher. Weinende Menschen machen einen immer so hilflos. Wenn sie lachen, kann man mitlachen. Die Traurigkeit, über die ich jetzt doch geschrieben habe, hat nichts mit der Depression zu tun. Die Traurigkeit ist meine Freundin. Sie ist schön und sie meint es gut mit mir. Die Fröhlichkeit muss weichen, wenn sie kommt aber trotzdem bin ich froh, dass sie da ist. Außerdem bin ich froh, wenn sie wieder weg ist. Aber ich weiß: Sie kommt wieder.
Und ich staune. 

Fantasie

Es gibt noch einen kleinen Trick bei der Benutzung des Postmelders: Wenn ich nach Hause komme und keine Post im Briefkasten ist, bewege ich die Briefkastenklappe. Auf und zu. Wenn ich dann in die Wohnung komme, blinkt der Postmelder und ich denke: Oh, ich habe ja Post. Dann gehe ich runter, schaue nach und natürlich ist keine Post drin. Das wirft zwar Fragen auf, denn selbstverständlich habe ich bis dahin schon wieder vergessen, dass ich es ja selbst war, der keine Post eingeworfen hat. Letztlich freut sich dann aber mein Schrittzähler. Ich habe nämlich ein neues Fitness-Armband, das mich regelmäßig abends noch mal auf Runde geschickt hat. Ich fand das lästig. Mit dem Briefkastentrick - zwei, drei mal wiederholt - entfällt die abendliche Tour. Man mag solche interaktiven Schrittzähler lästig finden - Betriebsärzte sind aber lästiger. Ich muss dort alle paar Jahre vorstellig werden. Jedesmal war es ein neuer Arzt. Allen gemeinsam war aber bisher, dass ihnen mein Blutdruck nicht gefällt. Sie haben immer so einen vorwurfsvollen Ton drauf, als ob ich das mit Absicht machen würde. Dabei hat die Schwester gemessen. Was kann ich denn dafür? 

Ich verstehe inzwischen nicht mehr, warum Ärzte keine Vorstellung vom Blutdruck-Messen haben. Sie gucken, was die Schwester gerade gemessen hat und schimpfen. „Das ist aber zu hoch“. Ja, dann sollen sie doch weniger messen! Ich war das doch gar nicht. Außerdem: Wenn ich selbst messe, ist immer alles in Ordnung. Und wenn nicht, messe ich eben so lange, bis es das ist. Außerdem gibt es so viele Faktoren, die meinen Bluddruck in die Höhe treiben. Einer ist zum Beispiel das Anlegen der Manschette. Ein anderer das Aufpumpen. Oder das Warten in engen Fluren. Damit können die meisten Ärzte sehr wenig anfangen. Warum fragt man sie dann nicht, ob sie lieber etwas Sinnvolles machen wollen? Niemand muss Arzt werden. Entgegen einer weitverbreiteten Vorstellung gibt es auch nicht zu wenig von ihnen. Eher zu viel. Darum müssen sich immer wieder welche als Betriebsärzte verdingen. Ob sie manchmal selbst ihren Blutdruck messen? Ich soll es jetzt für zwei Wochen dreimal täglich machen. Ich halte das alles für waschechte Projektionen. Aber ich lächle und atme. Nächster Termin: 2021.

Gesundheit ist eine feine Sache. Aber es gibt sie nicht. Sie ist eine Idee. Wer versucht, eine Idee Wirklichkeit werden zu lassen, gleicht dem, der als Masse Lichtgeschwindigkeit erreichen will. Es geht nicht. Kurz vor dem Ziel wird man immer schwerer und die Zeit wird immer länger, obwohl die Entfernungen immer kürzer werden. Man kann nur scheitern. Für den Umgang mit Ideen braucht man vor allem eins: Fantasie. 

Schon am morgen

Ich stehe ja auf Gadgets; auf nutzlosen Krimskrams. Nur funktionieren muss es. Mein Spy-Headset war in dieser Hinsicht eine Enttäuschung. Resignation ergriff mich und ich habe mir lange nichts mehr gekauft, von ein paar Uhren abgesehen, die am Morgen wussten, ob ich nachts gut geschlafen hatte. Jetzt habe ich seit ein paar Tagen einen Postmelder. Er besteht aus einem linealartigen Funksender und einem schönen runden Empfänger mit einem Leuchtknopf in Gestalt eines Briefkuverts. Den Empfänger klebt man von innen an die Briefkastenklappe. Wird die Klappe geöffnet und wieder geschlossen geht ein Signal an den Empfänger und er blinkt aufgeregt. Wenn ich nun nach Hause komme, schaue ich in den Briefkasten. Meistens ist er leer. Danach komme ich in die Wohnung und sehe, dass der Postmelder nicht blinkt. Dann weiß ich, dass ich keine Post habe und kann in aller Ruhe an der Bar Platz nehmen. Jetzt suche ich noch nach einer Lösung für meine gelegentlichen Abwesenheiten von zu Hause. Ich denke da an eine IP-Kamera, die auf den Empfänger gerichtet ist und durch das Leuchten Briefkuverts aktiviert wird. Dann bekomme ich eine Email auf mein Handy und weiß, dass ich Post habe. Gegebenenfalls kann ich dann alle Unternehmungen abbrechen und nach Hause eilen, um die wichtige Post zu empfangen. 

Ich hatte irgendwann einen Wohnungsschlüssel für die elterliche Wohnung. Einen Briefkastenschlüssel hatte ich nicht. Der Briefkasten hatte auf der Seite im Hausflur mehrere Löcher. Mit einer Rute aus den Büschen vorm Haus und etwas Geschick bekam man die Post auch ohne Schlüssel heraus. Wenn „Familie“ oder „Fam.“ daraufstand, durfte ich den Brief öffnen und lesen. Manchmal waren Briefe auch an mich persönlich adressiert. Oder Postkarten. Zum Beispiel von der Stadtbibliothek, weil ich ein Buch nicht zurückgebracht hatte. Ich wüsste heute gern, welche Bücher ich mir damals wohl in der Stadtbibliothek ausgeliehen habe. Ich kann mich an kein einziges erinnern. Ich glaube, ich besaß auch nur ein einziges Buch, als Simone als die erste „Außerirdische“ in meine Umlaufbahn einschwenkte. Es war eine Märchensammlung von Alexander Puschkin unter dem Titel „Der goldene Gockel“. Simone las ganz andere Bücher. Ich weiß nicht mehr welche, aber es waren immer mehrere auf einmal und ihre Titel klangen bedeutend. 

Manchmal liegt Post im Briefkasten und der Postmelder blinkt nicht. Ein anderes Mal wiederum habe ich keine Post und der Postmelder blinkt. Manchmal glänzt etwas und es ist doch kein Gold. Und manchmal bin ich schon am morgen müd‘. 

Chronik einer Woche - VI

Fünfte Rückblende: Eine Woche vor dem Feuerwehreinsatz
Ich traf mich mit einem Mann in der Stadt. Der Mann wollte einen Badschrank kaufen und ich sollte ihm dabei helfen. Das ist mein Beruf. Wir liefen also vom Bus zum Möbelhaus. Im Möbelhaus liefen wir auf dem vorgegebenen Zickzackpfad zur Badabteilung. Bei den Küchenmöbeln vibrierte mein  Schrittzähler. Ich hatte mein Ziel erreicht. Der Mann noch nicht, ging allein weiter und fand keinen passenden Badschrank. Ich jedoch sah einen Hochtisch mit Barhockern. Mir fiel ein, dass ich ja bis auf Couchtisch und Küchentisch gar keinen richtigen Tisch besitze. Ich fragte mich, wie der Tisch, wenn ich ihn kaufte, zu mir nach Hause käme. Ich müsste ihn liefern lassen und zum Liefertermin zu Hause sein. Dann könnte ich auch gleich einen im Versandhandel bestellen. 

Ich fuhr nach Hause, googelte Hochtisch und bestellte einen quadratischen Hochtisch mit vier Barhockern im Set. Der Lieferdienst schickte vier Tage später (dazwischen lagen Sonntag und ein Feiertag) eine E-Mail, dass meine Bestellung ausgeliefert werde. Da ich schon über Erfahrungen mit dem Lieferanten verfügte, wählte ich die Option „an Wunschnachbarn ausliefern“. Sicherheitshalber informierte ich meine Wunschnachbarn, dass sie die Lieferung wegen des zu erwartenden Umfangs nur vor der Wohnungstür abstellen lassen sollten. Als ich mittags nach Hause kam, standen sechs große Pakete vor meiner Tür. Ich schleppte alles in die Wohnung und begann, das größte Paket auszupacken. Es enthielt die Tischplatte des Bar-Tischs, die Querverstrebungen, Schrauben, Zapfen und Unterlegscheiben. Die Kleinteile lagen lose herum. Ich sammelte alles ein, hob die Tischplatte heraus und - KAPUUUUTTT ! Die Oberfläche der Tischplatte hatte eine kleinfingernagelgroße Schadstelle. Offenbar war sie irgendwo draufgefallen. Die Website des Möbelversands sah für solche Fälle vor, Fotos des schadhaften Teils zu machen und hochzuladen. Ich meldete den Schaden auf diese Weise und erwartete die Antwort innerhalb der nächsten Minuten. So wollte ich den Tisch nicht zusammenbauen. Die Antwort kam nicht, auch nicht innerhalb der nächsten Stunde. Dann musste ich wieder los. Ich überlegte mir, ob ich nicht gleich nach einem Preisnachlass fragen sollte. Die kaputte Tischplatte konnten sie sowieso nicht mehr verkaufen. Sie könnten mir eigentlich den gesamten Tischkaufpreis erlassen. Wenigstens aber die Hälfte. Am nächsten Morgen war noch keine Antwort da und auch mein Kundenkonto zeigte nur an, dass die Schadensmeldung eingegangen war. 

Ich rief beim Kundendienst an. Auf der Website hieß es, bei anerkanntem Regress liefere man neu und ich bekäme einen Rücksendeaufkleber. Damit sollte ich das Paket einfach im Paketshop abgeben. Mein Paket war 90x90 Zentimeter groß und wog ungefähr 10 Kilo. Paketshop war definitiv keine Option. Der Mann fragte mich, ob wir über einen Preisnachlass reden könnten. Was für ein emphatischer Gesprächspartner. Genau darüber wollte ich reden. Der Mann schlug 10 Prozent vor. Ich schluckte und verlangte dreißig. Dann sagte er, 25 sei die Schmerzgrenze - aber alles über 10 Prozent übersteige seine Gehaltsstufe. Offenbar zahlen die Kundendienstmitarbeiter dieses Möbelhändlers Preisnachlässe selbst. Hoffentlich finden sie noch einen, der so viel bezahlen kann, wie ich haben will. Der Mann sagte, er glaube schon, denn man wolle mich als Kunden behalten. Nach dem Gespräch hatte ich gute Laune und beschloss, das Möbelstück zusammenzuschrauben, egal, wieviel Gehalt sie mir nun dafür zahlen würden. Nur abholen könnten sie es dann eben nicht mehr. Die Aufbauanleitung gab 20 Minuten als Arbeitszeit an. Die Zeit benötigte ich, um den ebenfalls benötigten 13er Schlüssel zu finden. Als ich nach weiteren zwanzig Minuten die erste 20 cm lange 8er Schraube hineingedreht hatte, sah ich zum Glück noch, dass die Löcher für die Querverstrebung der Tischbeine nach außen zeigten. Nach diversen ähnlichen Fehlern und geschlagenen zwei Stunden stand der Quadrattresen endlich auf seinen langen Beinen. Die Barhocker brauchte ich zum Glück nicht mehr zusammenschrauben. Ich stellt meine neue kabellose Lampe auf die Schadstelle und war glücklich. Dann ging ich zum Bus und fuhr zur Arbeit. 

Ich besuchte einen Mann und eine Frau, die in ihrem Briefkasten einen Brief gefunden hatten, der offenbar nicht an sie adressiert war. Ich konnte helfen, identifizierte den richtigen Adressaten und wir übernahmen die Zustellung stellvertretend für den Postboten, der seine Brille nicht aufgehabt hatte. Dann suchte mich eine junge Frau im Büro auf und entschuldigte sich eine Weile dafür, dass sie fünf Minuten später als verabredet erschienen sei. Dann gähnten wir mehrmals spiegelneuronenbedingt und versuchten herauszufinden, wer angefangen hatte.  Ehe wir’s uns versahen, war unsere gemeinsame Zeit schon wieder um. Ich hatte es eilig, denn ich freute mich auf meinen neuen Bar-Tisch, an dem ich einen grandiosen Feierabend verbringen wollte. Ich lief zum Bus, fuhr nach Hause und verzehrte die erste Malzeit des Tages an dem neuen Möbelstück. Danach hörte ich mit Hilfe meines neuen Radios alte Schallplatten, Musik eines marktführenden Streaming-Dienstes und schließlich ein paar Geschichten von Marc-Uwe Kling und seinem Känguru. Ich verbrachte viele Stunden auf ein und demselben Barhocker bis mir schließlich der Rücken weh tat. 

Ich beschloss schlafen zu gehen. Als ich mein Schlafzimmer betrat, war darin alles blau und flackerte. Ich zog das Rollo hoch und - tadaa: genau unter meinem Fenster spielte sich der Aufmarsch von vier Krankenwagen, drei Feuerwehren und mehreren Polizeiautos ab. Duzende Menschen rannten aufgeregt hin und her. Im Haus gegenüber waren die Nachbarn herausgekommen und wohnten dem Schauspiel bei. Aus meiner Position lies sich der Grund für das Spektakel nicht ermitteln. Also ging ich zurück an die Bar, verbrachte noch weitere zwei Stunden mit Marc-Uwe und dem Känguru und setzte mich jeweils eine halbe Stunde lang auf einen anderen der vier Barhocker. Dann war der Spuk vorbei, alles war wieder ruhig und auch ich konnte ruhen. 

Am Morgen lese ich eine Meldung über einen Feuerwehreinsatz in meiner Straße. Auf einer Terrasse des Nachbarhauses war ein Feuer ausgebrochen, hatte auf die dazugehörige Wohnung übergegriffen und über ihr liegende Balkone in Mitleidenschaft gezogen. Zwei Kinder und ein Erwachsener mussten mit Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. 





Chronik einer Woche - V

Vierte Rückblende: Zwei Tage vor dem Feuerwehreinsatz
Ich bestellte einen quadratischen Hochtisch mit vier Barhockern im Set. Der Lieferdienst schickte vier Tage später (dazwischen lagen Sonntag und ein Feiertag) eine E-Mail, dass meine Bestellung ausgeliefert werde. Da ich schon über Erfahrungen mit dem Lieferanten verfügte, wählte ich die Option „an Wunschnachbarn ausliefern“. Sicherheitshalber informierte ich meine Wunschnachbarn, dass sie die Lieferung wegen des zu erwartenden Umfangs nur vor der Wohnungstür abstellen lassen sollten. Als ich mittags nach Hause kam, standen sechs große Pakete vor meiner Tür. Ich schleppte alles in die Wohnung und begann, das größte Paket auszupacken. Es enthielt die Tischplatte des Bar-Tischs, die Querverstrebungen, Schrauben, Zapfen und Unterlegscheiben. Die Kleinteile lagen lose herum. Ich sammelte alles ein, hob die Tischplatte heraus und - KAPUUUUTTT ! Die Oberfläche der Tischplatte hatte eine kleinfingernagelgroße Schadstelle. Offenbar war sie irgendwo draufgefallen. Die Website des Möbelversands sah für solche Fälle vor, Fotos des schadhaften Teils zu machen und hochzuladen. Ich meldete den Schaden auf diese Weise und erwartete die Antwort innerhalb der nächsten Minuten. So wollte ich den Tisch nicht zusammenbauen. Die Antwort kam nicht, auch nicht innerhalb der nächsten Stunde. Dann musste ich wieder los. Ich überlegte mir, ob ich nicht gleich nach einem Preisnachlass fragen sollte. Die kaputte Tischplatte konnten sie sowieso nicht mehr verkaufen. Sie könnten mir eigentlich den gesamten Tischkaufpreis erlassen. Wenigstens aber die Hälfte. Am nächsten Morgen war noch keine Antwort da und auch mein Kundenkonto zeigte nur an, dass die Schadensmeldung eingegangen war. 

Ich rief beim Kundendienst an. Auf der Website hieß es, bei anerkanntem Regress liefere man neu und ich bekäme einen Rücksendeaufkleber. Damit sollte ich das Paket einfach im Paketshop abgeben. Mein Paket war 90x90 Zentimeter groß und wog ungefähr 10 Kilo. Paketshop war definitiv keine Option. Der Mann fragte mich, ob wir über einen Preisnachlass reden könnten. Was für ein emphatischer Gesprächspartner. Genau darüber wollte ich reden. Der Mann schlug 10 Prozent vor. Ich schluckte und verlangte dreißig. Dann sagte er, 25 sei die Schmerzgrenze - aber alles über 10 Prozent übersteige seine Gehaltsstufe. Offenbar zahlen die Kundendienstmitarbeiter dieses Möbelhändlers Preisnachlässe selbst. Hoffentlich finden sie noch einen, der so viel bezahlen kann, wie ich haben will. Der Mann sagte, er glaube schon, denn man wolle mich als Kunden behalten. Nach dem Gespräch hatte ich gute Laune und beschloss, das Möbelstück zusammenzuschrauben, egal, wieviel Gehalt sie mir nun dafür zahlen würden. Nur abholen könnten sie es dann eben nicht mehr. Die Aufbauanleitung gab 20 Minuten als Arbeitszeit an. Die Zeit benötigte ich, um den ebenfalls benötigten 13er Schlüssel zu finden. Als ich nach weiteren zwanzig Minuten die erste 20 cm lange 8er Schraube hineingedreht hatte, sah ich zum Glück noch, dass die Löcher für die Querverstrebung der Tischbeine nach außen zeigten. Nach diversen ähnlichen Fehlern und geschlagenen zwei Stunden stand der Quadrattresen endlich auf seinen langen Beinen. Die Barhocker brauchte ich zum Glück nicht mehr zusammenschrauben. Ich stellt meine neue kabellose Lampe auf die Schadstelle und war glücklich. Dann ging ich zum Bus und fuhr zur Arbeit. 

Ich besuchte einen Mann und eine Frau, die in ihrem Briefkasten einen Brief gefunden hatten, der offenbar nicht an sie adressiert war. Ich konnte helfen, identifizierte den richtigen Adressaten und wir übernahmen die Zustellung stellvertretend für den Postboten, der seine Brille nicht aufgehabt hatte. Dann suchte mich eine junge Frau im Büro auf und entschuldigte sich eine Weile dafür, dass sie fünf Minuten später als verabredet erschienen sei. Dann gähnten wir mehrmals spiegelneuronenbedingt und versuchten herauszufinden, wer angefangen hatte.  Ehe wir’s uns versahen, war unsere gemeinsame Zeit schon wieder um. Ich hatte es eilig, denn ich freute mich auf meinen neuen Bar-Tisch, an dem ich einen grandiosen Feierabend verbringen wollte. Ich lief zum Bus, fuhr nach Hause und verzehrte die erste Malzeit des Tages an dem neuen Möbelstück. Danach hörte ich mit Hilfe meines neuen Radios alte Schallplatten, Musik eines marktführenden Streaming-Dienstes und schließlich ein paar Geschichten von Marc-Uwe Kling und seinem Känguru. Ich verbrachte viele Stunden auf ein und demselben Barhocker bis mir schließlich der Rücken weh tat. 

Ich beschloss schlafen zu gehen. Als ich mein Schlafzimmer betrat, war darin alles blau und flackerte. Ich zog das Rollo hoch und - tadaa: genau unter meinem Fenster spielte sich der Aufmarsch von vier Krankenwagen, drei Feuerwehren und mehreren Polizeiautos ab. Duzende Menschen rannten aufgeregt hin und her. Im Haus gegenüber waren die Nachbarn herausgekommen und wohnten dem Schauspiel bei. Aus meiner Position lies sich der Grund für das Spektakel nicht ermitteln. Also ging ich zurück an die Bar, verbrachte noch weitere zwei Stunden mit Marc-Uwe und dem Känguru und setzte mich jeweils eine halbe Stunde lang auf einen anderen der vier Barhocker. Dann war der Spuk vorbei, alles war wieder ruhig und auch ich konnte ruhen. 

Am Morgen lese ich eine Meldung über einen Feuerwehreinsatz in meiner Straße. Auf einer Terrasse des Nachbarhauses war ein Feuer ausgebrochen, hatte auf die dazugehörige Wohnung übergegriffen und über ihr liegende Balkone in Mitleidenschaft gezogen. Zwei Kinder und ein Erwachsener mussten mit Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. 



Chronik einer Woche - IV

Dritte Rückblende: der Vormittag
Ich rief beim Kundendienst an. Auf der Website hieß es, bei anerkanntem Regress liefere man neu und ich bekäme einen Rücksendeaufkleber. Damit sollte ich das Paket einfach im Paketshop abgeben. Mein Paket war 90x90 Zentimeter groß und wog ungefähr 10 Kilo. Paketshop war definitiv keine Option. Der Mann fragte mich, ob wir über einen Preisnachlass reden könnten. Was für ein emphatischer Gesprächspartner. Genau darüber wollte ich reden. Der Mann schlug 10 Prozent vor. Ich schluckte und verlangte dreißig. Dann sagte er, 25 sei die Schmerzgrenze - aber alles über 10 Prozent übersteige seine Gehaltsstufe. Offenbar zahlen die Kundendienstmitarbeiter dieses Möbelhändlers Preisnachlässe selbst. Hoffentlich finden sie noch einen, der so viel bezahlen kann, wie ich haben will. Der Mann sagte, er glaube schon, denn man wolle mich als Kunden behalten. Nach dem Gespräch hatte ich gute Laune und beschloss, das Möbelstück zusammenzuschrauben, egal, wieviel Gehalt sie mir nun dafür zahlen würden. Nur abholen könnten sie es dann eben nicht mehr. Die Aufbauanleitung gab 20 Minuten als Arbeitszeit an. Die Zeit benötigte ich, um den ebenfalls benötigten 13er Schlüssel zu finden. Als ich nach weiteren zwanzig Minuten die erste 20 cm lange 8er Schraube hineingedreht hatte, sah ich zum Glück noch, dass die Löcher für die Querverstrebung der Tischbeine nach außen zeigten. Nach diversen ähnlichen Fehlern und geschlagenen zwei Stunden stand der Quadrattresen endlich auf seinen langen Beinen. Die Barhocker brauchte ich zum Glück nicht mehr zusammenschrauben. Ich stellt meine neue kabellose Lampe auf die Schadstelle und war glücklich. Dann ging ich zum Bus und fuhr zur Arbeit. 

Ich besuchte einen Mann und eine Frau, die in ihrem Briefkasten einen Brief gefunden hatten, der offenbar nicht an sie adressiert war. Ich konnte helfen, identifizierte den richtigen Adressaten und wir übernahmen die Zustellung stellvertretend für den Postboten, der seine Brille nicht aufgehabt hatte. Dann suchte mich eine junge Frau im Büro auf und entschuldigte sich eine Weile dafür, dass sie fünf Minuten später als verabredet erschienen sei. Dann gähnten wir mehrmals spiegelneuronenbedingt und versuchten herauszufinden, wer angefangen hatte.  Ehe wir’s uns versahen, war unsere gemeinsame Zeit schon wieder um. Ich hatte es eilig, denn ich freute mich auf meinen neuen Bar-Tisch, an dem ich einen grandiosen Feierabend verbringen wollte. Ich lief zum Bus, fuhr nach Hause und verzehrte die erste Malzeit des Tages an dem neuen Möbelstück. Danach hörte ich mit Hilfe meines neuen Radios alte Schallplatten, Musik eines marktführenden Streaming-Dienstes und schließlich ein paar Geschichten von Marc-Uwe Kling und seinem Känguru. Ich verbrachte viele Stunden auf ein und demselben Barhocker bis mir schließlich der Rücken weh tat. 

Ich beschloss schlafen zu gehen. Als ich mein Schlafzimmer betrat, war darin alles blau und flackerte. Ich zog das Rollo hoch und - tadaa: genau unter meinem Fenster spielte sich der Aufmarsch von vier Krankenwagen, drei Feuerwehren und mehreren Polizeiautos ab. Duzende Menschen rannten aufgeregt hin und her. Im Haus gegenüber waren die Nachbarn herausgekommen und wohnten dem Schauspiel bei. Aus meiner Position lies sich der Grund für das Spektakel nicht ermitteln. Also ging ich zurück an die Bar, verbrachte noch weitere zwei Stunden mit Marc-Uwe und dem Känguru und setzte mich jeweils eine halbe Stunde lang auf einen anderen der vier Barhocker. Dann war der Spuk vorbei, alles war wieder ruhig und auch ich konnte ruhen. 

Am Morgen lese ich eine Meldung über einen Feuerwehreinsatz in meiner Straße. Auf einer Terrasse des Nachbarhauses war ein Feuer ausgebrochen, hatte auf die dazugehörige Wohnung übergegriffen und über ihr liegende Balkone in Mitleidenschaft gezogen. Zwei Kinder und ein Erwachsener mussten mit Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. 


Chronik einer Woche - III

Zweite Rückblende: der Nachmittag
Ich ging zum Bus und fuhr zur Arbeit. Ich besuchte einen Mann und eine Frau, die in ihrem Briefkasten einen Brief gefunden hatten, der offenbar nicht an sie adressiert war. Ich konnte helfen, identifizierte den richtigen Adressaten und wir übernahmen die Zustellung stellvertretend für den Postboten, der seine Brille nicht aufgehabt hatte. Dann suchte mich eine junge Frau im Büro auf und entschuldigte sich eine Weile dafür, dass sie fünf Minuten später als verabredet erschienen sei. Dann gähnten wir mehrmals spiegelneuronenbedingt und versuchten herauszufinden, wer angefangen hatte.  Ehe wir’s uns versahen, war unsere gemeinsame Zeit schon wieder um. Ich hatte es eilig, denn ich freute mich auf meinen neuen Bar-Tisch, an dem ich einen grandiosen Feierabend verbringen wollte. Ich lief zum Bus, fuhr nach Hause und verzehrte die erste Malzeit des Tages an dem neuen Möbelstück. Danach hörte ich mit Hilfe meines neuen Radios alte Schallplatten, Musik eines marktführenden Streaming-Dienstes und schließlich ein paar Geschichten von Marc-Uwe Kling und seinem Känguru. Ich verbrachte viele Stunden auf ein und demselben Barhocker bis mir schließlich der Rücken weh tat. 

Ich beschloss schlafen zu gehen. Als ich mein Schlafzimmer betrat, war darin alles blau und flackerte. Ich zog das Rollo hoch und - tadaa: genau unter meinem Fenster spielte sich der Aufmarsch von vier Krankenwagen, drei Feuerwehren und mehreren Polizeiautos ab. Duzende Menschen rannten aufgeregt hin und her. Im Haus gegenüber waren die Nachbarn herausgekommen und wohnten dem Schauspiel bei. Aus meiner Position lies sich der Grund für das Spektakel nicht ermitteln. Also ging ich zurück an die Bar, verbrachte noch weitere zwei Stunden mit Marc Uwe und dem Känguru und setzte mich jeweils eine halbe Stunde lang auf einen anderen der vier Barhocker. Dann war der Spuk vorbei, alles war wieder ruhig und auch ich konnte ruhen. 

Am Morgen lese ich eine Meldung über einen Feuerwehreinsatz in meiner Straße. Auf einer Terrasse des Nachbarhauses war ein Feuer ausgebrochen, hatte auf die dazugehörige Wohnung übergegriffen und über ihr liegende Balkone in Mitleidenschaft gezogen. Zwei Kinder und ein Erwachsener mussten mit Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. 

Chronik einer Woche - II

Erste Rückblende: der Abend zuvor
Ich beschloss schlafen zu gehen. Als ich mein Schlafzimmer betrat, war darin alles blau und flackerte. Ich zog das Rollo hoch und - tadaa: genau unter meinem Fenster spielte sich der Aufmarsch von vier Krankenwagen, drei Feuerwehren und mehreren Polizeiautos ab. Duzende Menschen rannten aufgeregt hin und her. Im Haus gegenüber waren die Nachbarn herausgekommen und wohnten dem Schauspiel bei. Aus meiner Position lies sich der Grund für das Spektakel nicht ermitteln. Also ging ich zurück an die Bar, verbrachte noch weitere zwei Stunden mit Marc-Uwe und dem Känguru und setzte mich jeweils eine halbe Stunde lang auf einen anderen der vier Barhocker. Dann war der Spuk vorbei, alles war wieder ruhig und auch ich konnte ruhen. 

Am Morgen lese ich eine Meldung über einen Feuerwehreinsatz in meiner Straße. Auf einer Terrasse des Nachbarhauses war ein Feuer ausgebrochen, hatte auf die dazugehörige Wohnung übergegriffen und über ihr liegende Balkone in Mitleidenschaft gezogen. Zwei Kinder und ein Erwachsener mussten mit Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. 

Chronik einer Woche - I

Jetzt: Feuerwehreinsatz
Am Morgen lese ich eine Meldung über einen Feuerwehreinsatz in meiner Straße. Auf einer Terrasse des Nachbarhauses war ein Feuer ausgebrochen, hatte auf die dazugehörige Wohnung übergegriffen und über ihr liegende Balkone in Mitleidenschaft gezogen. Zwei Kinder und ein Erwachsener mussten mit Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. 

Der Tod und die Mutter

Das Leben ist nicht einfach. Es ist kompliziert. Ein Beispiel: Ich besitze einen Motorroller. Den Winter über stand er in der Garage.  Die Batterie hatte ich ausgebaut und in regelmäßigen Abständen ans  Ladegerät gehängt. Nun ist der Frühling da. Da wird es Zeit, den kleinen  Roller aus dem Winterschlaf zu wecken. Zuerst muss man die Haftpflichtversicherung erneuern. Das ist leicht. Dann baute ich die Batterie wieder ein und drehte den Zündschlüssel auf "Ignition". Es geschah nichts. In früheren Jahren wachte mein Roller jetzt auf und begann zu klackern und zu blinken. Diesmal geschah einfach nichts. Ich brachte die Batterie in die Werkstatt und bat darum, sie zu prüfen. Das dauerte einen Tag. Am nächsten Tag fuhr ich wieder hin. An der Kasse wollten sie mir nichts sagen. Ich sollte direkt zum Operateur in die Werkstatt. Ein Mann im roten Overall guckte ernst und brachte mich in einen kleinen Raum. Dort stand sie. Nackt auf einem Tisch. An Drähten hängend. Es gäbe keine Hoffnung mehr. Die Batterie sei tot. Wie alt sie denn gewesen sei? Nun, nach acht Jahren sei es ihr zu gönnen. Ich durfte sie gleich mitnehmen.

Mit der toten Batterie musste ich an der Kasse  wieder warten. Dann verlangte ich eine neue Batterie, genau, wie die  alte. Es dauerte lange, bis eine gefunden wurde. Um sie wirklich zum Leben zu erwecken, sollte ich, sobald ich zu Hause wäre, Säure in ihr Inneres kippen. Man beschrieb mir ein kompliziertes Ritual. Ich führte  es aus und baute die Batterie ein. Schlüssel auf "Ignition". Klackern  und blinken. Ich nahm den Roller mit nach Hause. In den Nachrichten wurde gesagt,  dass es nochmal kalt wird. Frost! Ich weiss, dass so kleine Batterien  Frost nicht gut vertragen. Ich ging zum Parkplatz und holte die Kleine  ins Warme. Vor dem Schlafengehen ging ich noch einmal zu ihr und nahm  sie aus dem Regal. Es klapperte. Aus dem einen Pol war die Mutter  herausgefallen, die zum Festschrauben der Polklemme benötigt wird. Sie  war da, aber der zweite Pol war leer. Die zweite Mutter war weg. Nun  könnte man einfach eine andere Mutter nehmen. Es ist aber nicht einfach.  Die Mutter ist nämlich sehr speziell. Es ist eine rechteckige  Vierkantmutter. Sechskantmuttern passen nicht in den Pol. Das  Orignialteil von der Größe eines halben Kleinfingernagels im Dunkeln wiederzufinden schien aussichtlos. Wo sollte ich auch suchen? Ich machte  es trotzdem. Es sah sicher seltsam aus, wie ich gegen 22:00 Uhr aus der  Tür kam und auf allen Vieren, langsam zum Parkplatz lief. Ich fand aber  nichts.

Der nächste Vormittag gehörte den Baumärkten. Einer von beiden hat ein  sehr gutes Schraubensortiment. Allerdings keine Vierkantmuttern. Ein  Alter an der Info kannte ein kleines Geschäft, die "Schraubenquelle".  Die könnten so was haben. Ich fuhr hin. Es gab Vierkantmuttern. Die  waren quadratisch. Sie passten nicht. Ich war traurig. So war es immer. Immer passieren mir Sachen, die keinem anderen passieren. Es ist immer alles kompliziert oder gleich ganz unmöglich. Acht Jahre lang habe ich die alte Batterie bestimmt einhundert  mal ausgebaut und niemals eine Mutter verloren. Ich wusste nicht mal,  dass es solche Muttern gibt! Was soll das? Auf halbem Weg zwischen Parkplatz und Haustür lag sie auf dem Gehweg. So  klein. Es war ein Wunder!

Erlebt man Trauer, weil man sonst keinen  Trost kennen könnte? Den Schmerz, weil man sonst nicht wüsste, wie schön  es ist, wenn er nachlässt? Das Unglück, weil man sonst vom Glück nichts wüsste? Ist es kompliziert, weil einfach gar nichts wäre?

Aus: Schwarze Banane, 2013

Karnevalszeit

Vielleicht sollte ich jetzt doch noch mal die Neujahrsansprache der geschäftsführenden Bundeskanzlerin gucken. Bei den obligatorischen Verwandtenanrufen zum Neuen Jahr kam die Sprache nämlich auch auf das Fernsehprogramm. Es hätte sehr gutes Kabarett gegeben. Loriot zum Beispiel. Aber dann wäre da auch noch eine Frau gewesen, die man schon öfter im Fernsehen gesehen hätte. Der Name sei gerade nicht präsent. Mit unbewegtem Gesicht und immer ganz ernst spreche sie, aber was sie sage, sei zum Totlachen. Wirklich zum Schießen. Na, vielleicht interpretiere ich das auch falsch. Wie dem auch sei, uns stehen lustige Wochen bevor. Es ist ja schließlich Karnevalszeit. Alles in allem wird sich aber zeigen, dass wir uns einfach zu viel vorgenommen haben. Wir verstehen die Welt einfach nicht mehr richtig, die wir selbst geschaffen haben. Also - nicht ich, ich habe damit nichts zu tun. Aber irgendwer muss es ja gewesen sein. 

Ich weiß ja auch nicht, wie man einen Flughafen baut. Ich habe nicht mal einen aus Legosteinen gemacht. Der Unterschied war nur, ich wusste immer, dass ich das nicht kann. Nach und nach wird sich jetzt herausstellen, dass es gar keiner so richtig kann. Jedenfalls nicht alles, was nun mal dazugehört. Es gibt niemanden mehr, der den Überblick hat. „Herr und Meister, hör mich rufen!“ Aber es gibt gar keinen Meister, der kommen könnte. Das ist alles gar nicht schlimm für uns. Für uns wird es schlimm, wenn keiner mehr weiß, wie regieren geht. Vielleicht wissen es ein paar von den alten Hasen noch, aber auf die will keiner mehr so richtig hören oder man will sie jagen. Es ist doch recht schade, dass wir auch das Regieren so aus der Hand gegeben haben. Es ist nur so schön bequem, sich vorzustellen, dass es Leute gibt, die etwas davon verstehen und die das schon machen werden. 

Nachdem ich den letzten Schokoladenweihnachtsmann aufgegessen habe, sehe ich nun etwas klarer. Mein Vater hatte an einer Weihnachtsveranstaltung teilgenommen, zu der wesentlich mehr Teilnehmer erwartet worden waren, als letztlich erschienen sind. So musste er als einer der Wenigen viele Schokoladenweihnachtsmänner mit nach Hause nehmen. Mit meiner Hilfe haben wir nun also auch die letztjährige Weihnachtsmannschwemme in den Griff bekommen. Was die anderen Probleme betrifft: Es wird darauf hinauslaufen, dass die biologischen Menschen und das elektronische Internet zu einer neuen Lebensform verschmelzen. Dann läuft es wieder. Ich habe das gerade im Fernsehen gesehen. Oder war es Kabarett? Schließlich ist Karnevalszeit. 

Wie die Zeit vergeht

Eine der häufigsten Feststellungen im vergangenen Jahr war die, dass das Jahr diesmal ganz besonders schnell vergangen sei. Wenn man sich überlegt, wie es wohl dazu gekommen ist, kann es passieren, dass schon wieder ein ganzer Tag vergangen ist, ehe man eine Antwort gefunden hat. Mit dem Jahr ist es eben wie mit allem Anderen auch: Es besteht aus kleineren Teilen seiner selbst, die sich wiederum in immer kleinere Teile ihrer selbst zerlegen lassen. Wenn man das alles so vor sich liegen sieht, denkt man, es sei ganz schön viel. Das ist es aber nicht, es ist eben nur ein Jahr. Wenn einem das dann auf den letzten Metern desselben bewusst wird, behauptet man eben, es sei so schnell vergangen. Dabei hat man einfach nur am Anfang herumgetrödelt. Ein ganz alter Hut. Eigentlich wissen es alle, aber es passiert immer wieder. Wenn man sich aber statt des über einen hereinbrechenden Endes vorstellt, dass das Jahr einfach immer weitergeht, ist man schon aus dem Schneider. Aber so sind wir eben nicht. Wir drehen uns ganz gern im Kreis.

Wahrscheinlich würden wir wahnsinnig werden, wenn es nicht so wäre, denn der Kreis gibt einem ja Sicherheit. Man kommt immer wieder an denselben Stellen vorbei, wird immer sicherer und kann sich dadurch weiterentwickeln. Käme immer etwas Neues, dann erlebte man ständig Premieren und das wäre viel zu aufregend. An dieser Stelle erzähle ich immer gern von der Premiere des Stückes „Die gestohlene Sonne“, in der ich einen Ziegenbock gespielt habe. Wäre ich bei jeder Aufführung so aufgeregt gewesen, hätte ich wahrscheinlich meine vielversprechende Karriere am Theater frühzeitig abgebrochen. So habe ich sie gar nicht erst angefangen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Nun haben wir also Januar, genau wie voriges Jahr und wir wissen auch ziemlich genau, wie es weitergehen wird. Wir werden wieder sagen, dass es doch schlimm ist, dass es nicht mehr schneit. Es gibt ja gar keinen richtigen Winter mehr! Und dann wird das Schneechaos kommen und ich werde mich wieder über die Schneemassen auf meinem Balkon wundern. Nur in die Badewanne trage ich ihn nicht mehr. So etwas macht man nur einmal im Leben. Schließlich wird der schöne Frühling wiederkommen und ich werde wochenlang darüber schreiben, dass ich nun meinen Balkon bepflanzen müsste. Und dann dauert es gar nicht mehr lange und wir trinken wieder Schwarzbier und schütteln die Köpfe: Kinder, wie die Zeit vergeht!

Klara Johanna Hallig

Diesmal wollte ich den Jahreswechsel ganz abgeschieden verbringen: auf meiner sturmumtosten Hallig oben im Norden. Allein sein wollte ich nicht, aber ich hatte auch keine Lust auf Party. Also nur wir drei, Klara, Johanna und ich. Ich würde für uns kochen, nichts Besonderes, irgendwas, was halt so da ist. Wie wär’s mit Fisch? Dann warten wir auf Mitternacht. In der Zivilisation hat es überhaupt keinen Zweck, vor Mitternacht schlafen zu gehen, weil man ja sowieso wieder wachgemacht wird. Auf der Hallig ist das ganz anders. Hier bleibt alles ruhig und nur die Sturmflut könnte einem gefährlich werden. So kann man viel ruhiger auf Mitternacht warten, ganz ohne Angst. Schlag zwölf nimmt Klara ihre Gitarre und dann singen wir, ganz laut und schön. „Emmylou“ und die ganzen Sachen. Zwischendrin loben wir uns. Weil wir so schön singen. Dann singen wir weiter und dann wird wieder ausgiebig gelobt. So geht es die ganze Nacht, bis endlich die Sonne aufgeht.

Ich werde wach und bin nicht auf meiner Hallig sondern in meinem Dorf mit Regionalbahnanschluss. Ich habe gar keine Hallig. Ich habe eine Garage im Nachbardorf. Klara und Johanna waren natürlich auch nicht da. Wir kennen uns selbstverständlich gar nicht. Sie wohnen in meinem neuen Radio, da machen sie Musik, kommen niemals heraus und sie loben mich auch nicht. Nicht mal ein bisschen. Auch gut. Immerhin brauche ich dann auch nicht zu kochen. Es gibt ein Lied von Reinhard Mey, in dem er singt, dass er für Christine Ente mit Apfelsine kochen will. Obwohl er gar nicht kochen kann. Daraus wird dann aber nichts, weil er auf die Polizeiwache mitgenommen wird. Er hatte nämlich keine Papiere, die er aber vorzeigen sollte, weil sein Dackel einen Polizisten gebissen hatte.

Der Januar 2018 ist ein besonderer Monat, weil es innerhalb ein und desselben gleich zwei Vollmonde gibt. Das ist so nicht gedacht und passiert auch nicht so oft. Der erste Vollmond ist auch noch ein Supermond, das heißt, er hat seinen erdnächsten Punkt erreicht. Man sollte das am 1. und 2. Januar nach Mondaufgang beobachten können, wenn keine Wolken im Weg sind. Aber auch, wenn am Vormittag mal die Sonne scheint, ist das noch kein Grund, zu frohlocken. Am Abend kann es schon wieder anders sein und was für die Sonne gilt, muss für den Mond noch lange nicht gelten. Außerdem soll man den Tag nicht vor dem Abend loben. Dann aber richtig!