Chronik einer Woche - VI

Fünfte Rückblende: Eine Woche vor dem Feuerwehreinsatz
Ich traf mich mit einem Mann in der Stadt. Der Mann wollte einen Badschrank kaufen und ich sollte ihm dabei helfen. Das ist mein Beruf. Wir liefen also vom Bus zum Möbelhaus. Im Möbelhaus liefen wir auf dem vorgegebenen Zickzackpfad zur Badabteilung. Bei den Küchenmöbeln vibrierte mein  Schrittzähler. Ich hatte mein Ziel erreicht. Der Mann noch nicht, ging allein weiter und fand keinen passenden Badschrank. Ich jedoch sah einen Hochtisch mit Barhockern. Mir fiel ein, dass ich ja bis auf Couchtisch und Küchentisch gar keinen richtigen Tisch besitze. Ich fragte mich, wie der Tisch, wenn ich ihn kaufte, zu mir nach Hause käme. Ich müsste ihn liefern lassen und zum Liefertermin zu Hause sein. Dann könnte ich auch gleich einen im Versandhandel bestellen. 

Ich fuhr nach Hause, googelte Hochtisch und bestellte einen quadratischen Hochtisch mit vier Barhockern im Set. Der Lieferdienst schickte vier Tage später (dazwischen lagen Sonntag und ein Feiertag) eine E-Mail, dass meine Bestellung ausgeliefert werde. Da ich schon über Erfahrungen mit dem Lieferanten verfügte, wählte ich die Option „an Wunschnachbarn ausliefern“. Sicherheitshalber informierte ich meine Wunschnachbarn, dass sie die Lieferung wegen des zu erwartenden Umfangs nur vor der Wohnungstür abstellen lassen sollten. Als ich mittags nach Hause kam, standen sechs große Pakete vor meiner Tür. Ich schleppte alles in die Wohnung und begann, das größte Paket auszupacken. Es enthielt die Tischplatte des Bar-Tischs, die Querverstrebungen, Schrauben, Zapfen und Unterlegscheiben. Die Kleinteile lagen lose herum. Ich sammelte alles ein, hob die Tischplatte heraus und - KAPUUUUTTT ! Die Oberfläche der Tischplatte hatte eine kleinfingernagelgroße Schadstelle. Offenbar war sie irgendwo draufgefallen. Die Website des Möbelversands sah für solche Fälle vor, Fotos des schadhaften Teils zu machen und hochzuladen. Ich meldete den Schaden auf diese Weise und erwartete die Antwort innerhalb der nächsten Minuten. So wollte ich den Tisch nicht zusammenbauen. Die Antwort kam nicht, auch nicht innerhalb der nächsten Stunde. Dann musste ich wieder los. Ich überlegte mir, ob ich nicht gleich nach einem Preisnachlass fragen sollte. Die kaputte Tischplatte konnten sie sowieso nicht mehr verkaufen. Sie könnten mir eigentlich den gesamten Tischkaufpreis erlassen. Wenigstens aber die Hälfte. Am nächsten Morgen war noch keine Antwort da und auch mein Kundenkonto zeigte nur an, dass die Schadensmeldung eingegangen war. 

Ich rief beim Kundendienst an. Auf der Website hieß es, bei anerkanntem Regress liefere man neu und ich bekäme einen Rücksendeaufkleber. Damit sollte ich das Paket einfach im Paketshop abgeben. Mein Paket war 90x90 Zentimeter groß und wog ungefähr 10 Kilo. Paketshop war definitiv keine Option. Der Mann fragte mich, ob wir über einen Preisnachlass reden könnten. Was für ein emphatischer Gesprächspartner. Genau darüber wollte ich reden. Der Mann schlug 10 Prozent vor. Ich schluckte und verlangte dreißig. Dann sagte er, 25 sei die Schmerzgrenze - aber alles über 10 Prozent übersteige seine Gehaltsstufe. Offenbar zahlen die Kundendienstmitarbeiter dieses Möbelhändlers Preisnachlässe selbst. Hoffentlich finden sie noch einen, der so viel bezahlen kann, wie ich haben will. Der Mann sagte, er glaube schon, denn man wolle mich als Kunden behalten. Nach dem Gespräch hatte ich gute Laune und beschloss, das Möbelstück zusammenzuschrauben, egal, wieviel Gehalt sie mir nun dafür zahlen würden. Nur abholen könnten sie es dann eben nicht mehr. Die Aufbauanleitung gab 20 Minuten als Arbeitszeit an. Die Zeit benötigte ich, um den ebenfalls benötigten 13er Schlüssel zu finden. Als ich nach weiteren zwanzig Minuten die erste 20 cm lange 8er Schraube hineingedreht hatte, sah ich zum Glück noch, dass die Löcher für die Querverstrebung der Tischbeine nach außen zeigten. Nach diversen ähnlichen Fehlern und geschlagenen zwei Stunden stand der Quadrattresen endlich auf seinen langen Beinen. Die Barhocker brauchte ich zum Glück nicht mehr zusammenschrauben. Ich stellt meine neue kabellose Lampe auf die Schadstelle und war glücklich. Dann ging ich zum Bus und fuhr zur Arbeit. 

Ich besuchte einen Mann und eine Frau, die in ihrem Briefkasten einen Brief gefunden hatten, der offenbar nicht an sie adressiert war. Ich konnte helfen, identifizierte den richtigen Adressaten und wir übernahmen die Zustellung stellvertretend für den Postboten, der seine Brille nicht aufgehabt hatte. Dann suchte mich eine junge Frau im Büro auf und entschuldigte sich eine Weile dafür, dass sie fünf Minuten später als verabredet erschienen sei. Dann gähnten wir mehrmals spiegelneuronenbedingt und versuchten herauszufinden, wer angefangen hatte.  Ehe wir’s uns versahen, war unsere gemeinsame Zeit schon wieder um. Ich hatte es eilig, denn ich freute mich auf meinen neuen Bar-Tisch, an dem ich einen grandiosen Feierabend verbringen wollte. Ich lief zum Bus, fuhr nach Hause und verzehrte die erste Malzeit des Tages an dem neuen Möbelstück. Danach hörte ich mit Hilfe meines neuen Radios alte Schallplatten, Musik eines marktführenden Streaming-Dienstes und schließlich ein paar Geschichten von Marc-Uwe Kling und seinem Känguru. Ich verbrachte viele Stunden auf ein und demselben Barhocker bis mir schließlich der Rücken weh tat. 

Ich beschloss schlafen zu gehen. Als ich mein Schlafzimmer betrat, war darin alles blau und flackerte. Ich zog das Rollo hoch und - tadaa: genau unter meinem Fenster spielte sich der Aufmarsch von vier Krankenwagen, drei Feuerwehren und mehreren Polizeiautos ab. Duzende Menschen rannten aufgeregt hin und her. Im Haus gegenüber waren die Nachbarn herausgekommen und wohnten dem Schauspiel bei. Aus meiner Position lies sich der Grund für das Spektakel nicht ermitteln. Also ging ich zurück an die Bar, verbrachte noch weitere zwei Stunden mit Marc-Uwe und dem Känguru und setzte mich jeweils eine halbe Stunde lang auf einen anderen der vier Barhocker. Dann war der Spuk vorbei, alles war wieder ruhig und auch ich konnte ruhen. 

Am Morgen lese ich eine Meldung über einen Feuerwehreinsatz in meiner Straße. Auf einer Terrasse des Nachbarhauses war ein Feuer ausgebrochen, hatte auf die dazugehörige Wohnung übergegriffen und über ihr liegende Balkone in Mitleidenschaft gezogen. Zwei Kinder und ein Erwachsener mussten mit Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. 





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