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Der Tod und die Mutter

Das Leben ist nicht einfach. Es ist kompliziert. Ein Beispiel: Ich besitze einen Motorroller. Den Winter über stand er in der Garage.  Die Batterie hatte ich ausgebaut und in regelmäßigen Abständen ans  Ladegerät gehängt. Nun ist der Frühling da. Da wird es Zeit, den kleinen  Roller aus dem Winterschlaf zu wecken. Zuerst muss man die Haftpflichtversicherung erneuern. Das ist leicht. Dann baute ich die Batterie wieder ein und drehte den Zündschlüssel auf "Ignition". Es geschah nichts. In früheren Jahren wachte mein Roller jetzt auf und begann zu klackern und zu blinken. Diesmal geschah einfach nichts. Ich brachte die Batterie in die Werkstatt und bat darum, sie zu prüfen. Das dauerte einen Tag. Am nächsten Tag fuhr ich wieder hin. An der Kasse wollten sie mir nichts sagen. Ich sollte direkt zum Operateur in die Werkstatt. Ein Mann im roten Overall guckte ernst und brachte mich in einen kleinen Raum. Dort stand sie. Nackt auf einem Tisch. An Drähten hängend. Es gäbe keine Hoffnung mehr. Die Batterie sei tot. Wie alt sie denn gewesen sei? Nun, nach acht Jahren sei es ihr zu gönnen. Ich durfte sie gleich mitnehmen.

Mit der toten Batterie musste ich an der Kasse  wieder warten. Dann verlangte ich eine neue Batterie, genau, wie die  alte. Es dauerte lange, bis eine gefunden wurde. Um sie wirklich zum Leben zu erwecken, sollte ich, sobald ich zu Hause wäre, Säure in ihr Inneres kippen. Man beschrieb mir ein kompliziertes Ritual. Ich führte  es aus und baute die Batterie ein. Schlüssel auf "Ignition". Klackern  und blinken. Ich nahm den Roller mit nach Hause. In den Nachrichten wurde gesagt,  dass es nochmal kalt wird. Frost! Ich weiss, dass so kleine Batterien  Frost nicht gut vertragen. Ich ging zum Parkplatz und holte die Kleine  ins Warme. Vor dem Schlafengehen ging ich noch einmal zu ihr und nahm  sie aus dem Regal. Es klapperte. Aus dem einen Pol war die Mutter  herausgefallen, die zum Festschrauben der Polklemme benötigt wird. Sie  war da, aber der zweite Pol war leer. Die zweite Mutter war weg. Nun  könnte man einfach eine andere Mutter nehmen. Es ist aber nicht einfach.  Die Mutter ist nämlich sehr speziell. Es ist eine rechteckige  Vierkantmutter. Sechskantmuttern passen nicht in den Pol. Das  Orignialteil von der Größe eines halben Kleinfingernagels im Dunkeln wiederzufinden schien aussichtlos. Wo sollte ich auch suchen? Ich machte  es trotzdem. Es sah sicher seltsam aus, wie ich gegen 22:00 Uhr aus der  Tür kam und auf allen Vieren, langsam zum Parkplatz lief. Ich fand aber  nichts.

Der nächste Vormittag gehörte den Baumärkten. Einer von beiden hat ein  sehr gutes Schraubensortiment. Allerdings keine Vierkantmuttern. Ein  Alter an der Info kannte ein kleines Geschäft, die "Schraubenquelle".  Die könnten so was haben. Ich fuhr hin. Es gab Vierkantmuttern. Die  waren quadratisch. Sie passten nicht. Ich war traurig. So war es immer. Immer passieren mir Sachen, die keinem anderen passieren. Es ist immer alles kompliziert oder gleich ganz unmöglich. Acht Jahre lang habe ich die alte Batterie bestimmt einhundert  mal ausgebaut und niemals eine Mutter verloren. Ich wusste nicht mal,  dass es solche Muttern gibt! Was soll das? Auf halbem Weg zwischen Parkplatz und Haustür lag sie auf dem Gehweg. So  klein. Es war ein Wunder!

Erlebt man Trauer, weil man sonst keinen  Trost kennen könnte? Den Schmerz, weil man sonst nicht wüsste, wie schön  es ist, wenn er nachlässt? Das Unglück, weil man sonst vom Glück nichts wüsste? Ist es kompliziert, weil einfach gar nichts wäre?

Aus: Schwarze Banane, 2013

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