Meine Freundin

Es ist immer wieder ein Wunder! Am Ende werden hier dreihundertfünfzig oder ein paar mehr Worte stehen, obwohl es im Moment überhaupt nicht danach aussieht. Aber das ist am Anfang immer so. Am Ende werde ich wieder wissen, was ich geschrieben habe und ich werde staunen. Im Moment staune ich nicht. Ich stöhne vielleicht, aber das ist keineswegs erstaunlich. Eine Leserin oder ein Leser merkt davon freilich nichts. Ich dachte erst, dass ich über die Traurigkeit schreiben würde. Inzwischen glaube ich das nicht mehr. Obwohl ich sie sehr gern habe, meine Traurigkeit. Sie ist eine gute Freundin, auf die ich mich verlassen kann. Sie kündigt ihr Kommen nicht vorher an, dafür kommt sie mehrmals am Tag. Einfach so. Sie drängt sich gar nicht auf. Sie steht eher ein bisschen verschämt irgendwo herum. Wenn ich sie wahrnehme, nehme ich sie meistens auch in den Arm und dann bleibt sie ein paar Stunden da. Sie ist übrigens sehr schön und ich bin gern mit ihr zusammen. Aber ich würde es nicht aushalten, wenn sie für immer bei mir bliebe. Sie scheint das zu wissen. Und auch wenn wir manchmal zusammen ins Bett gehen, ist sie fast immer am Morgen verschwunden. Wie gesagt, ich habe sie sehr gern. Aber wenn sie wieder weg ist, wird mir immer irgendwie leicht ums Herz. 

Schreibe ich jetzt doch über die Traurigkeit? Nein. Nein, nein. Die Traurigkeit ist nämlich eine Perle. Sie zeigt uns, wer wir wirklich sind. Das kann sie. Wer bin ich? Die Traurigkeit weiß es. Manchmal nimmt sie mich in den Arm und dann weine ich. Die Traurigkeit und die Fröhlichkeit sind übrigens Schwestern. Lachen und Weinen sind wie Licht und Schatten. Das Eine ist nichts ohne das Andere. So ist das Leben. 

Ich lache ja viel. Aber nicht, weil ich mich lustig mache, sondern weil ich lieber nicht weinen will. Also nicht so im Offenen. Für mich allein weine ich ganz gern mal. Es ist eigentlich derselbe Gemütszustand, nur sozialverträglicher. Weinende Menschen machen einen immer so hilflos. Wenn sie lachen, kann man mitlachen. Die Traurigkeit, über die ich jetzt doch geschrieben habe, hat nichts mit der Depression zu tun. Die Traurigkeit ist meine Freundin. Sie ist schön und sie meint es gut mit mir. Die Fröhlichkeit muss weichen, wenn sie kommt aber trotzdem bin ich froh, dass sie da ist. Außerdem bin ich froh, wenn sie wieder weg ist. Aber ich weiß: Sie kommt wieder.
Und ich staune. 

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