Schöner Brauch

Gerade eben ist mir eingefallen, dass es durchaus passieren könnte, dass ich mal sechzig Jahre alt werde. Oder sogar siebzig. So etwas kommt andauernd vor. Die Jubilare sehen dann immer so aus, als wären sie ihr Leben lang siebzig gewesen und sind nicht im mindesten überrascht. Für mich käme das ganz schön unerwartet. Bei dreißig war ich, glaube ich, noch ein bisschen stolz. Vierzig habe ich hingenommen. Bei fünfzig war ich sauer. Sechzig wäre eine Zumutung. Keiner würde ein Auto fahren, das sechzig Jahre alt wäre. Sechzig Jahre alte Mobiltelefone gibt es schon gleich gar nicht. Noch nie hat man etwas von einem sechzigjährigen Pferd gehört! Was soll die Zählerei überhaupt? Eins, zwei, drei, vier... - sind wir hier im Kindergarten, oder was? Ich mache nicht mehr mit. Ab heute zähle ich nicht mehr weiter. Ich wachse nicht mehr. Leider fällt mir das erst jetzt ein. Aber fünfzig ist ja eine schöne Zahl und man wird sie mir noch eine Weile abnehmen. 

Noch vor einhundert Jahren wusste kein Mensch, wie alt er ist. Woher denn auch. Man wusste höchstens, was man alles erlebt hatte, wenn man noch einigermaßen beieinander war. Ich weiß immerhin, dass ich gerade in die Lehre ging, als der Berliner Außenring elektrifiziert wurde. Das war was! Eine Folge war, dass die S-Bahn-Züge nicht mehr von Hennigsdorf nach Velten fahren konnten, weil sich Gleichstrom und Wechselstrom nicht vertrugen. Das war sehr ärgerlich, sonst wäre ich nämlich Bahnhofsaufsicht geworden, wegen der coolen Funkgeräte. Jetzt fuhren Doppelstockzüge mit E-Lock, man musste pfeifen und die Kelle heben. Uncool. Ein paar Jahre früher habe ich miterlebt, wie der große LEW-Schornstein aufgebaut wurde. Ich stand am Küchenfenster und sah dem Hubschrauber zu, der die einzelnen Ringe übereinander setzte. Ganz großes Kino. Aus irgendeinem Grund ist der Schornstein jetzt wieder kleiner. Ich war noch nicht ganz in der Schule, da starb Walter Ulbricht, ich hatte sie noch nicht ganz abgeschlossen, da war Breschnew tot. 

Viel weiter reicht meine Erinnerung nicht zurück. Daran sieht man, dass ich noch nicht sehr alt sein kann. Das reicht ja wohl und ich kann von heute an aufs Erbsenzählen verzichten. Natürlich geht das nur inoffiziell, denn die Berechnung des Lebensalters ist in Deutschland natürlich gesetzlich geregelt. In China war es früher üblich, dass Kinder bei der Geburt ein Jahr alt waren. An jedem Neujahrstag, wurden sie mit allen anderen Chinesen ein Jahr älter. Ein schöner Brauch! 

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