Frühjahrsputz

Wenn einem nichts anderes mehr einfällt, beschäftigt man sich ja gerne mit ganz und gar abwegigem Zeug. Der Mensch will eben etwas zu tun haben. Untätig herumsitzen liegt ihm nicht. Untätig herumliegen steht ihm dagegen gut! Ich habe in den vergangenen zwei Stunden sämtliche mir bekannte Online-Portale besucht, die Spam-Ordner in allen Mail-Accounts durchgesehen und meine Brillen geputzt. Das kann man alles im Liegen erledigen. Wie schlimm es diesmal wirklich war, merkte ich daran, dass ich mich nach dem Aufstehen dabei erwischte, wie ich den Herd in der Küche mit Scheuermilch einweichte. Aus der Nummer komme ich jetzt nicht mehr raus, da kann ich so aufgeregt auf die Tastatur einhämmern, wie ich will. Ich muss jedenfalls die Scheuermilch wieder vom Herd entfernen, wenn ich nachher etwas darauf erhitzen will. Selbst bei äußerster Vorsicht kann es dann passieren, dass die wertvolle Patina, die sich in den vergangenen achteinhalb Jahren dort gebildet hat Schaden nimmt. Ich weiß auch nicht, was mich da wieder geritten hat: Mehr als acht Jahre sorgfältig gepflegter Verwahrlosung durch eine einzige gedankenlose Sekunde zunichte gemacht!

Das Schlimme ist ja, dass sich der Herd in all den Jahren farblich perfekt in die Küchenzeile eingepasst hatte. Nachdem ich die Scheuermilch endlich herunter hatte, stach er unangenehm grell unter den anderen Küchenmöbeln hervor. Jetzt gab es kein Halten mehr. Ich rief bei der Arbeit an und meldete mich für den Rest der Woche krank. Da meine Kolleginnen auch schon fast alle krank waren, vertraute ich die Mitteilung dem Anrufbeantworter an, der offenbar noch nicht krank war. Jetzt beginne ich zu verstehen, warum es im Vorfrühling immer so viele Krankmeldungen gibt. Man hat ja schließlich einen Haushalt zu führen! So ein Anrufbeantworter ist da fein raus und lässt sich von vorne bis hinten bedienen. Da hat man freilich Zeit genug, um im Büro rumzustehen.

Leider ist die ganze Putzerei ein Faß ohne Boden. Eine Sisyphosaufgabe. Als ich mit der Küchenzeile fertig war, wirkte das Gelbbraun der Tür neben dem Weiß der Möbel irgendwie unansehnlich. Nach der Reinigung der Tür werde ich die ganze Wohnung malern und anschließend den Fußbodenbelag erneuern müssen. Dann sind die Fenster auszuwechseln und anschließend wird die Fassade gesandstrahlt. Das blitzblanke Haus passt dann nicht mehr in den Wohnpark und wenn der Wohnpark endlich fertig ist, ist der Bahnhof zu oll. Der Bahnhof wird dann mit dem gesamtdeutschen Schienennetz umgestaltet, die Hauptstadt von Grund auf neu gebaut und dann wird klar werden, dass der immer noch nicht fertiggestellte Flughafen viel zu klein ausfällt. Also: Füße stillhalten!

Sand im Kopf

Das Schöne am Winter ist ja, dass er vorübergeht, wenn er erstmal angefangen hat. Ab 1. März kann man, wenn man will, schon vom Frühling sprechen. Anfühlen wird es sich noch nicht so, aber das macht nichts. Der Frühling beginnt im Kopf, auch wenn man eine Mütze auf hat. Apropos Kopf: Angeblich haben wir ja einen Skandal bei der Bundeswehr. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Ursula von der Leyen hat sich einfach Rainer Eppelmann zum Vorbild genommen, der seinerzeit die Nationale Volksarmee der DDR abgewickelt hat. Das ist ihr hoch anzurechnen. Panzer zu Gießkannen, U-Boote zu Aquarien und Hubschrauber zu Windrädern. Ich bin dafür und „Alle Soldaten geh’n nach Haus“. Das wird schon noch. Man darf eben nur nicht immer gleich den Sand in den Kopf stecken.

Ich muss gleich noch ein Paket zur Post bringen, was ja nicht geht, weil es keine Post mehr gibt. Also werde ich das Paket zur nächsten Tankstelle bringen. Das wird schwierig, weil es sich um eine ziemlich große Kiste handelt, die hoffentlich noch gerade so auf meinen Gepäckträger passt. Allerdings kann ich dann nicht mehr aufsteigen. Ich muss also erst aufsitzen, dann den Nachbarn bitten, das Paket festzuzurren und in die Tankstelle muss ich hineinfahren. Bei dem Paket handelt es sich um die Rücksendung meines Kleiderabos. Ich kann die Sachen immer sieben Tage behalten. Wenn ich dann retourniere, brauche ich nichts zu bezahlen. Außerdem muss ich weniger waschen und bin immer schön angezogen. Man kann automatisch jede Woche eine neue Box bekommen. Mal sehen, wie lange sie das mitmachen.

Wenn der Horst Seehofer jetzt wirklich Super-Heimat-Bau-Innenminister wird, dann wird das eine ganz neue Erfahrung. Man sagt ja, dass er sehr heimatverbunden sei, wobei offen bleibt, ob das für den Rest der Republik nun gut oder schlecht ist. Er müsste ja dann seinen Dienstsitz in Berlin nehmen, was ihm bestimmt nicht gefällt. Vielleicht hat er mit Frau Merkel schon Home-Office-Tage vereinbart, an denen er sein Heimatministerium von Ingolstadt aus leitet. Es ist nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass unter Seehofer das ganze Ministerium der Einfachheit halber in Home-Office umbenannt wird. Unsereiner kann da jetzt nicht mehr viel machen. Weder dafür, noch dagegen. Letztlich bleibt alles am Kevin hängen, der jetzt wie ein Berserker versucht zu retten, was noch zu retten ist. Er wird am Ende vielleicht der Letzte sein, der noch keinen Sand im Kopf hat.

Immer zweimal

Hartmut hat ja wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank! Wenn ich etwas einfrieren will, lege ich es ins Frostfach. Es gibt überhaupt keinen Grund, gleich die ganze Welt in einen Gefrierschrank zu verwandeln. Alles, was man jetzt aus Versehen draußen liegen lässt, friert einem zu Stein und Bein. Die Wäsche zum Beispiel. Angeblich trocknen die Eskimos so ihre Handtücher. Das heißt dann Ausfrieren. Bei meiner Wäsche führt die Kälte aber nur zum Einfrieren. Immerhin können mir keine Autoscheiben mehr zufrieren. Das ist aber nur ein schwacher Trost, denn die Bahn ist auch sehr frostempfindlich. Ruck-zuck kann einem eine Weiche festfrieren. Man weiß dann immer nicht, was besser ist: Auf dem eisigen Bahnsteig stehen und nicht wegkommen oder im warmen Zug sitzen und nicht weiterfahren können. Das ist beides schlimm. Noch schlimmer ist es aber, im letzten warmen Zug ohne Weichenstörung einzuschlafen und am eiskalten Endbahnhof vom Schaffner geweckt zu werden.

Keine dieser Katastrophen ist eingetroffen, als ich in der bitterkalten Hartmut-Nacht unterwegs war. Nur kalt war es, wie gesagt und ich hatte keinen Schal um. Ich hätte mir nicht auszumalen vermocht, wie ein fehlender Schal die schönste Outdoor-Winter-Bekleidung ad absurdum führen kann. Wie ein Thermobecher ohne Deckel kühlt man schneller halswärts aus, als man „Trochlearisparese“ sagen kann. Da ich außerdem das erste Mal seit elfhundertzwölfunddrölfzig Jahren ohne Auto zu Guidos Geburtstag anreiste, sprach ich vielleicht etwas zu forsch den dargebotenen Psychotropika zu, was schlussendlich dazu führte, dass ich mich am Bahnhof Gesundbrunnen nicht mehr an meinen eigenen Namen erinnern konnte. Glücklicherweise wurde ich nicht danach gefragt, was mich aber nicht daran hinderte, mich auf jede denkbare andere Weise nicht zu entblöden.

Ich frage mich ja schon länger, ob meine Wirklichkeit dadurch entsteht, dass ich sie mir vorstelle; ob sich Gedanken manifestieren können, indem sie immer dichter und häufiger und so am Ende auch realitätswirksam für Diejenigen werden, um die sie kreisen. Wenn das so ist, dann sollte ich besser darauf vorbereitet sein, denn schließlich kenne ich ja meine Gedanken. Wenn dann etwas, was man sich immer wieder vorgestellt hat real wird, ist es denkbar ungünstig, die Situation im Zustande einer akuten Intoxikation zu erleben. Man trifft sich im Leben zwar immer zweimal. Dreimal ist jedoch eher unwahrscheinlich. Aber nicht unvorstellbar - und was ich mir vorstellen kann, kann auch passieren. Was ich mir nicht vorstellen kann, passiert leider viel öfter.

Frühling!

Seit meinem Rückzug ins Private lebe ich sehr komfortabel und angenehm. Ich verzehre ein kleines Gehalt, dass ich monatlich als Entgelt für gewisse Dienstleistungen beziehe, die abzuleisten ich mich verpflichtet habe. Der Aufwand dafür ist zur Zeit einigermaßen vertretbar. Statt mich nun zufrieden zu geben und froh und glücklich zu sein, denke ich aber voller Sorge daran, dass es damit schneller als gedacht wieder aus und vorbei sein kann. So könnte heute zum Beispiel das Telefon klingeln und Frau Merkel könnte mich als Minister in ihr viertes Kabinett berufen. Dann sehe ich alt aus. Während einer Jungschar-Rüstzeit auf dem Schloss Mansfeld haben wir einmal eine Kinderregierung gebildet. Darin war ich auch Minister, und zwar Minister ohne Geschäftsbereich. Das hat mir sehr gut gefallen. Darauf würde ich mich auch noch mal für vier Jahre einlassen. Alles andere kommt nicht in Frage. Vor allem müssten wir die ganzen Fernsehauftritte ein für allemal am Stück abdrehen. Aber ich glaube, das wird sowieso schon so gemacht.

Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass mich die bundesweite Kanzleigeschäftsführerin anruft, weil sie sich nicht zwischen den vielen Telefonnummern entscheiden können wird, die ich mittlerweile angesammelt habe. Ich selbst könnte mich auch nicht anrufen. Ich kann inzwischen auch keine Telefonnummer mehr angeben. Wenn ich nach meiner Telefonnummer gefragt werde, verfalle ich in eine Art Starre. Ich verharre reglos und bin zu keiner Reaktion mehr fähig, bis das Thema gewechselt wird. Ich habe völlig den Überblick verloren. Bei den Email-Adressen ist es auch so. Alle diese Angaben verschmieren gleichsam im Quantenschleim. Wenn man etwas im Detail erfahren möchte, geht es einfach nicht. Es wird unscharf. Einzig meine Wohnanschrift ist noch eindeutig.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass die Hauslatschen wieder da sind? Das fällt mir in diesem Zusammenhang wieder ein. Sie liegen mit den Sohlen nach oben neben der Balkontür. Wahrscheinlich sind sie nur mal rausgegangen, als die Sonne so schön schien und dann habe ich die Tür zu gemacht. Da ich jeden Tag lüfte, konnten sie offenbar am nächsten Morgen schon wieder rein, aber sie haben was abgekriegt. Kälte und Nässe vertragen sie nicht gut. Gut erzogen, wie sie sind, kamen sie dann sozusagen auf dem Bauch hereingekrochen, damit sie mit ihrer nassen Sohle nicht den Teppich verschmutzen. Ich bin ganz gerührt, aber das hilft ihnen auch nicht. Jedenfalls schaffen sie es nicht mehr, sich aus eigener Kraft umzudrehen. Es wird langsam Zeit für den Frühling!

Ein Rätsel

In der Fastenzeit geht es ja nicht zuletzt darum, dem eigenen Körper etwas Gutes zu tun. Keineswegs sollte man sich quälen und kasteien, sondern sich darauf besinnen, was einem eigentlich gut tut und was nicht. Auf letzteres soll man dann verzichten. Eine zeitlang. Das ist gar nicht so schwer. So kann man doch getrost darauf verzichten, was einen dick macht. Die Personenwaage zum Beispiel. Ich zweifle ja schon länger an ihrer Objektivität und Überparteilichkeit. Jetzt hat sie einfach mal Pause und kann sich überlegen, was sie falsch gemacht hat. Aber vielleicht kann sie ja gar nichts dafür, sondern ist, wie wir alle, nur ein Opfer der Schlamperei auf den höchsten Ebenen. Wie sich nämlich herausgestellt hat, liegt der Fehler beim Ur-Kilogramm in Paris. Es ist seinerzeit von seinem Erfinder, Alfred Kilo, unter zwei Käseglocken gestellt worden und dient seitdem als Referenzgewicht für die Herstellung von Eichgewichten für alle Waagen dieser Welt. Seit einiger Zeit weiß man aber, dass das Ding immer leichter wird.

Das bedeutet ja wohl nichts anderes, dass man immer weniger Masse benötigt, um das Ur-Kilogramm aufzuwiegen. Meine Waage, die sich ja mit dem Ur-Kilogramm vergleicht, zeigt also ein Kilogramm an, obwohl ich gar nicht so viel wiege! Bei einem Kilo mag das noch nicht auffallen, aber bei meiner Körpermasse summiert sich der Fehler dann doch ganz schön und zeigt am Ende diese astronomischen Werte an, die nun zur zeitweiligen Außerdienststellung sowohl meiner Waage, als auch des Ur-Kilogramms geführt haben. Alfred Kilo würde sich im Grabe umdrehen, wenn er davon erführe. Schließlich war das Ur-Kilogramm das letzte anschauliche Ur-Maß überhaupt. Mit seiner Abschaffung werden dann alle Maße durch Naturkonstanten definiert, wie zum Beispiel ein Meter jene Strecke ist, die das Licht im Vakuum in 1 / 299.792.458 Sekunden zurücklegt. Eine Sekunde wiederum ist das 9.192.631.770-fache der Periodendauer der Strahlung, die dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids 133Cs entspricht.

Man fragt sich aber unwillkürlich, wie es das Ur-Kilogramm denn nun geschafft hat, immer leichter zu werden. Das ist ja nun nicht gerade der Lauf der Welt. Alle anderen Dinge werden immer schwerer: das morgendliche Aufstehen, das tägliche Arbeiten, das Sinnvolle-Sätze-Sprechen oder meinetwegen -Schreiben, um nur einige zu nennen. (Noch gar nicht genannt sind das Flughafen-Bauen und das Regierung-Bilden!) Nur das Kilogramm wird immer leichter. Wie das passieren konnte ist noch ein Rätsel. Aber das kriegen sie auch noch raus.

So weit sind wir noch nicht

Ich esse ja mal wieder zu viel. Morgens, mittags, abends, nachts, zwischendurch - ständig bin ich am Essen. Manchmal kaufe ich dann am Anfang der Woche Gemüse; Tomaten, Paprika und sowas. Am Ende der darauffolgenden Woche muss ich es dann wegschmeißen. Gemüse wird ja so schnell ungenießbar. Ein Spaghetti-mit-Tomatensoße-Fertiggericht kann man dagegen fast unbegrenzt aufbewahren. Meistens esse ich aber Bratwurst. Das kann ich hier aber gar nicht schreiben. Ein Bekannter hat mir nach der zurückliegenden Wahl erzählt, dass er die Tierschutzpartei gewählt habe. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, habe ich ihm erzählt, ich würde nur noch Gemüse essen. Am vergangenen Wochenende habe ich dessen ungeachtet sogar ein geräuchertes Hähnchen gegessen. Das wäre früher undenkbar gewesen. Da hätte ich mir höchstens vorstellen können, geräucherten Fisch zu verzehren.

Gestern ist mir dieser schöne alte Brauch wieder eingefallen. Fisch passt ja auch viel besser zur Fastenzeit als Hähnchen, wobei geräuchertes Hähnchen haargenau so schmeckt, wie geräucherter Fisch. Die Optik kann einen in diesem Fall allerdings durcheinanderbringen. Man sieht zwar ein Hähnchen, schmeckt aber Fisch. Das kann zu Verwirrung bis hin zur Übelkeit führen. Ich habe mal erlebt, dass die Mahlzeit eingestellt wurde, weil Sehen und Schmecken nicht mit einander vereinbar waren. Aber was rede ich denn da, ich weiß ja gar nichts über Geschmack. Die gustatorische Wahrnehmung (wenn man das in meinem Fall überhaupt so nennen kann) beginnt bei mir ja erst unterhalb des Zäpfchens. Vorher merke ich noch nicht einmal, dass ich etwas im Mund habe. Na, jedenfalls wollte ich mir geräucherten Fisch kaufen, um meinen Speisezettel etwas abwechslungsreicher zu gestalten, wie man so schön sagt. Da mein räumliches Sehvermögen im Augenblick auch etwas eingeschränkt ist, habe ich ein Schild falsch zugeordnet und kaufte einen Bückling, rund. Ich bekam einen ganzen geräucherten Hering, der nicht ausgenommen war.

Ich habe den Fisch gegessen. Viel mehr möchte ich darüber jetzt gar nicht schreiben. Zum Ausgleich für das übermäßige Essen bewege ich mich weniger. Mein neuer Fitness-Tracker lässt sich sehr leicht zufrieden stellen. Manchmal sitze ich stundenlang im Sessel und bekomme dann mit großem Hallo eine Benachrichtigung, dass ich gerade mein Steh-Ziel erreicht hätte. Vor lauter Freude steigt mein Puls und schon nach wenigen Minuten habe ich auch mein Trainingsziel erreicht. So habe ich mir das immer vorgestellt. Wenn die Daten jetzt an meine Krankenkasse übermittelt werden, müsste ich eigentlich einen ordentlichen Bonus bekommen. Aber so weit sind wir noch nicht.

Ohne Groll und Bitterkeit

Es gibt alles im Abo. Manche Sachen gibt es nur noch im Abo. Die Zeitung sowieso. Radio und Fernsehen auch. Computersoftware genauso. Das Sockenabo wird 2019 20 Jahre alt. Mit dem Bierabo kriegt man jeden Monat neue spannende (!) Biere. Das Problem beim Abo ist allerdings, den Überblick zu behalten. Ich habe inzwischen so viele Probeabos am Laufen, dass ich die Kündigungsfristen garantiert verpassen werde. Dann werden die Abos nach und nach mein Konto leersaugen und das war’s dann. Für manche Abos muss ich monatlich zahlen, für andere jährlich. Ich sehe nicht mehr durch. Gerade habe ich ein Klamottenabo abgeschlossen, bei dem mir monatlich was zum Anziehen geschickt wird. Ich muss es nicht mehr aussuchen. Endlich. Wieder eine Sorge weniger. Leider werde ich mir nun aber auch einen Kleiderschrank kaufen müssen. Melissa, meine Stylistin hat mir schon geschrieben. Zuerst brauchte sie ein Foto von mir. Demnächst benötigt sie vielleicht ein Foto von meinem Kleiderschrank. Dann sehe ich alt aus.

Ganz bestimmt gibt es aber ein Möbel-Abo. Ein Architekt bekommt den Grundriss meiner Wohnung und monatlich bekomme ich dann neue Möbel zugeschickt, die meine armen Nachbarn dann die Treppe hochtragen müssen. Insgesamt ist das doch aber alles sehr schön. Ich glaube inzwischen, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis man sich das ganz Leben auf diese Weise schön-abonnieren kann. Leben im Abo. Man bekommt ja jetzt bereits nur noch die Nachrichten, die man auch hören oder lesen will. Den öffentlichen Nahverkehr kann man schon lange abonnieren. Nur bei der Fahrgastauswahl herrschen noch Willkür und Zufall. Das muss aber nicht so bleiben. Bodycams machen bald automatisch Fotos von allen Mitfahrenden und abends kann man sie dann auf dem Handy nach links oder nach rechts wischen. Nach links gewischte Fahrgäste sieht man nie wieder.

Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft kann man dann Politiker abonnieren. Jeder bekommt dann die Regierung, die er oder sie abonniert hat. Die sind dann im abonnierten Fernsehsender zu sehen oder in der abonnierten Zeitung. Niemand ist mehr unzufrieden, denn wenn etwas nicht passt, kann man das Abo jederzeit kündigen und ein neues abschließen. Die Politiker, die gar keiner mehr abonnieren will, müssen nach Brüssel oder zur Nato. Bevor ihnen das passiert, können sie sich aber auch einfach selbst abonnieren. Wenn sie dann abends nach Hause kommen, können sie sich weiter selbst im Fernsehen sehen. Und so sind am Ende alle zufrieden. Ohne Groll und Bitterkeit.

Gute Idee

Kultur hat irgendetwas mit „bauen“ zu tun. Leider ist das so. Gebaut wird einfach immer und überall. Wenn man in einer Kultur leben will, muss man sich damit abfinden. Die Bahn baut in Berlin und Brandenburg an einhundert Stellen gleichzeitig. Dass überhaupt noch etwas fährt, grenzt an ein Wunder. In Berlin werden demnächst alle Parkplätze zu Radwegen umgebaut. Das ist schlau, denn bald wird man nur noch mit dem Fahrrad durchkommen. Man darf die Bautätigkeit nicht ziel- oder ergebnisorientiert betrachten! Dann ist man nur frustriert. Bauen ist ein niemals endender Prozess. Durch das Bauen entfaltet sich die kulturelle Vielfalt einer Gesellschaft. Die Beschäftigten im Baugewerbe sind unsere wahren Kulturschaffenden. Es entstehen zum Beispiel neue Fähigkeiten und Fertigkeiten bei der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Wer wie früher nur eine Verbindung kennt, erst diesen Bus, dann jene Bahn, der wird scheitern. Man muss ungefähr die Richtungen kennen, bereit sein, jederzeit umzusteigen und neue, ungewohnte Wege beschreiten. 

Eine ältere Dame im Bus versuchte sich die Strecke einzuprägen, sie müsse das „optisch aufnehmen“. Eine andere Dame erklärte ihr, dass das sinnlos sei, da der Bus hinzu anders führe, als zurück. Es liege an den Baustellen. Die ältere Dame schrieb sich eifrig alles auf. Ich bezweifle aber, dass ihr das helfen wird. Man darf sich aber auch nicht an anderen Reisenden orientieren. Ich habe kürzlich einen Bus wegfahren lassen, weil vor mir zwei Leute wieder kehrt machten und ausstiegen. Ich dachte, dann ist es wohl der falsche Bus. War es auch, aber nicht für mich. Was für den einen falsch ist, kann für den anderen durchaus richtig sein. 

Martin Schulz hat Sigmar Gabriel unlängst als „Emotionsbrötchen“ bezeichnet. Weil er selbst auch eins sei. Ich kenne ja „eingeschnappte Leberwurst“ oder „doof wie Stulle“. „Emotionsbrötchen“ habe ich aber noch nie gehört. Mir ist auch noch nicht zu Ohren gekommen, wie Gabriel darauf reagiert hat. Ich wollte aber auf etwas anderes hinaus, nämlich auf die Idee des kostenlosen Nahverkehrs. Das ist natürlich eine gute Idee. Sie wird aber nicht die Autos von der Straße holen. Ich glaube nicht, dass jemand aus Kostengründen mit dem Auto fährt. Der Nahverkehr müsste einfach besser funktionieren, so dass man schneller am Ziel ist und das Fahren bequemer ist. Solange die Fahrt mit den Öffentlichen einer Stadtrallye  gleicht, ist es eher etwas für Sportler, die den Kick suchen und denen Joggen zu langweilig ist. Nichts für Emotionsbrötchen. 

Reset

Das Meer kommt! Es steigt an. Mindestens 65 Zentimeter bis zum Ende des Jahrhunderts. Glücklicherweise habe ich alles Notwendige in die Wege geleitet um dieses Ende nicht mehr zu erleben. Trotzdem wird es kommen. Auch der Schuldige ist bereits ausgemacht: Es ist der Klimawandel. Oder auch die Erderwärmung. Wobei Letztere lieber in die Verantwortung genommen wird. Bei der Schuldfrage spricht man lieber vom Klima. Für manche mag das erleichternd sein. Es ist also nicht die SPD. Es ist nicht Martin Schulz. Diesmal auch nicht Thomas Middelhoff. Es ist der Klimawandel. Das ist genial. Denn weder lässt sich der Klimawandel zur Rechenschaft ziehen, noch kann die Erderwärmung für irgendetwas haftbar gemacht werden. Aber die beiden waren es gewesen! Diese beiden Erzschurken haben unsere Küsten auf dem Gewissen. Genauer betrachtet führt uns diese Analyse zum besorgniserregenden Zustand der öffentlichen Geistes- und Gemütsverfassung. Der Psychiater Hoimar von Dithfurth hat seinerzeit als erster darauf aufmerksam gemacht: Die öffentliche Wahrnehmung unterliegt einer schweren Störung. Sie erleidet stetig zunehmenden Realitätsverlust. Leider wird das der Umwelt, in der sie stattfindet, nicht gut bekommen. 

Irgendwann wird uns die Wirklichkeit aber einholen. Sobald wir jedoch realisiert haben, dass wir auf Nimmerwiedersehen aus der Weltgeschichte verschwinden werden, müssen wir uns überlegen, wie wir der Wahrheit zu ihrem Recht verhelfen. Die Wahrheit wird lauten: Der nichtswürdige Klimawandel hat uns umgebracht! Die schändliche Erderwärmung hat uns auf dem Gewissen. Aaaarrrrghhhhh. Uuuuhrrrghhhuuuhhh. Dann Flimmern. Aus. Eine goldene Schallplatte mit den Videodaten verlässt mit der letzten Raumsonde die Erde. Aber das geht wahrscheinlich schon gar nicht mehr. Darum wird die Platte im San-Andreas-Graben versenkt oder einfach an alle Haushalte verschickt. 

Ich bleibe trotz alledem total entspannt. Ich weiß schließlich, dass das alles nur eine Simulation ist. Das sollte ich aber eigentlich nicht wissen. Ich bin in die Werkstatt beordert worden. Wahrscheinlich bekomme ich dort ein Update. Die Werkstatt ist für mich als Augenklinik getarnt. Meine Administratorin nennt sich in der Simulation Orthoptistin. Sie hatte mir ja diese Folie verpasst, mit der ich die Fehler in der Matrix nicht mehr sehen konnte. Irgendwann habe ich angefangen, die Brille mit der Folie seltener zu benutzen, das muss sie irgendwie mitbekommen haben. Prompt bekam ich einen Anruf, der Termin im März sei ein Versehen, ich müsste schon im Februar kommen. Na klar. Ich bin schon ein bisschen gespannt, was sie sich diesmal ausgedacht haben, darum werde ich hinfahren. Vielleicht machen sie ein Reset auf die Werkseinstellungen. Gut, dass ich alles aufgeschrieben habe. 

Spielfigur

Man sagt ja, dass man eine Simulation an ihren Fehlern erkennen könnte. Also wenn sich die eigene Optik zum Beispiel plötzlich gegeneinander verschieben würde, sagen wir oben gegen unten, dann hätte man so einen Fehler in der Matrix. Das wäre dann ein eindeutiger Hinweis darauf, dass wir Teil einer Simulation sind. Solche Fehler nehme ich seit einiger Zeit sehr deutlich wahr. Es erscheint mir auch irgendwie logisch, Teil einer Simulation zu sein. Anders wären die Vorgänge um mich herum nur sehr schwer oder gleich gar nicht zu erklären. Nehmen wir nur mal die SPD-Martin-Schulz-Geschichte. Sie ist eigentlich nur von ihrem Ende aus zu verstehen, das ja aus unserer Perspektive noch gar nicht feststeht. Genauso verhält es sich aber auch mit der CDU-Angela-Merkel-Story. Das gehört alles zu einem Plot für die eigentliche Geschichte, die gerade erzählt wird. An dieser Stelle muss man nun fragen, warum ich offensichtlich der einzige bin, dem die Fehler in der Matrix auffallen. Die für mich am wahrscheinlichsten klingende Antwort lautet: Ich bin die einzige Spielfigur im Spiel. Alle anderen, du, Martin Schulz und Angela Merkel eingeschlossen gehören zum Plot, zur Rahmenhandlung der Simulation (ich weiß jetzt nicht, wie man das nennt). 

Es ist schon klar, nur so kann man die Rechenleistung der Simulation und damit ihren Energiebedarf einigermaßen im Griff behalten. Welches Ziel die Simulation verfolgt, kann ich nicht wissen, aber ich kann raten. Es sieht so aus, also wollte man herausfinden, was aus der Welt geworden wäre, wenn die Menschen die vorherrschende Spezies geblieben wären. Es gehört jetzt nicht viel dazu, sich vorzustellen, worauf es hinausläuft. Das ich mir das vorstellen kann ist aber auch interessant! Es scheint geradezu so zu sein, dass ich als Spielfigur so angelegt wurde, dass es gar nicht anders gehen kann. 

Vielleicht muss ich aber auch versuchen, irgendwie aus der Simulation hinauszukommen. Ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll. Und was soll ich dann da draußen machen? Womöglich ist es da gar nicht so gemütlich wie hier? Vielleicht würde ich mir aber etwas mehr selbst gehören. Ich wäre eben keine Spielfigur mehr und würde jeden Tag selbst entscheiden, was ich tue und was ich nicht tue. Ich würde vielleicht einfach fortgehen, statt jede Woche wie ein Uhrwerk abzuschnurren. Ich würde keine Steuererklärung machen und keine Rentenunterlagen ordnen. Ich hätte keine Hauslatschen. Und ich würde nichts vermissen. 

Themenwechsel

Ich bin gespannt. Ich bin gespannt wie ein Flitzbogen, wo und wann meine Hauslatschen wieder auftauchen werden. Ich vermisse sie seit mehr als einer Woche. Die ganze Sache ist einigermaßen mysteriös, denn sie können sich in meiner in meiner Wohnung eigentlich nirgendwo verstecken. Suchen hat aber natürlich überhaupt keinen Zweck. Durch Suchen verschwinden Dinge nur noch gründlicher. Man muss sie ignorieren, nicht mehr an sie denken, so tun, als hätte man sie nie besessen. Dann springen sie einem auf einmal ins Gesicht. Es ist also auch schon grundfalsch, hier darüber zu schreiben. Am besten wechsle ich schnell das Thema. Das ist aber gerade leider ganz schlecht. Durch Thema-wechseln bin ich ja nur auf die Latschen gekommen. Das Thema lautete nämlich eigentlich: Steuererklärung. Keine große Sache, macht alles der Computer, ich muss mich nur mal hinsetzen. Höchstens zwanzig Minuten. Jetzt schien aber gerade die Sonne so schön. Also: Themenwechsel und raus in die Sonne.

Am Wochenende war ich übrigens in Potsdam. Potsdam ist wirklich eine schöne Stadt. Ich habe dort den Gitarrenlehrer besucht. Der Gitarrenlehrer hat nun die Angewohnheit, Kurznachrichten von seinem Handy aus auf Festnetznummern zu verschicken. Das klappt gut! Neuerdings schlafe ich gern in meinem Sessel ein und verbringe dort die Vormitternachtsstunden. Im Traum klingelte mein Telefon. Es ist ein Wählscheibenapparat mit einer echten Glocke. Nach dem Aufwachen sah ich auf dem verbundenen Mobilteil, dass es der Anruf irgendwie aus meinem Traum heraus ins nächste Level geschafft hatte. Die Nummer lautete 01930100 oder so ähnlich. Von so einer Nummer möchte man nicht angerufen werden, schon gar nicht um 23:00 Uhr! Am anderen Morgen um 7:00 rief die Nummer wieder an. Ich befragte darauf hin den Algorithmus. Er antwortete, dass ich diesen Anruf bekäme, weil eine Kurznachricht auf meinem Festnetzanschluss eingegangen sei. Ich würde jetzt solange von dieser Nummer aus angerufen, bis ich mir die Nachricht in Gänze und mit Wiederholungen angehört hätte. Der Gitarrenlehrer sagte dazu, er bleibe lieber beim Analogen. Das Digitale liege ihm fern.

Die Sonne ist inzwischen weg. Ich könnte mich jetzt der Steuererklärung zuwenden, muss aber erst noch diesen Text zu Ende schreiben. Was soll ich sagen? Die Spannung hat kein bisschen nachgelassen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die Latschen durch Quantenfluktuation (!) verschwunden sein könnten. Dann ist es unwahrscheinlich, dass sie hier wieder auftauchen. Es könnte eher sein, dass ich ihnen auf diesem Weg nachfolge und wir uns in einer Parallelwelt wieder begegnen. Vielleicht klingelt aber auch im Traum mein Telefon und am nächsten Morgen sitzt auf dem vierten Barhocker, auf dem jetzt mein Mobilteil steht - der Gitarrenlehrer. Mit Gitarre. Und mit meinen Latschen.

Wieder falsch

Das erste, was man sich als Reiter kaufen musste, war eine Reitkappe. Als Voltigierkind brauchte man keine. Komisch. Nun konnte man ja weder bei Amazon bestellen, noch in einen Reiter-Shop gehen. Ich hatte wahrscheinlich noch Glück, weil ich Berlin-nah wohnte. In der Hauptstadt gab es am Alexanderplatz die Suhler-Jagdhütte. Hier konnte man unter anderem Reitkappen kaufen. Das Wichtigste, was man dafür brauchte, war der Kopfumfang. Ich habe ihn damals gewusst. Jetzt musste ich eine neue Mütze kaufen, weil ich die alte im Bus vergessen hatte. Mützen gibt es neuerdings häufig in Einheitsgröße. Unisize. Beim Kauf freut mich das ungemein, weil ich mir eigene Körperdaten nicht merken kann. Wahrscheinlich eine Schutzfunktion. Es beginnt mit dem Blutdruck, setzt sich fort beim Gewicht und endet bei Maßen wie Größe, Taillenumfang oder eben Kopfumfang. Mit der Freude ist es dann aber schnell vorbei, wenn ich das Einheitsgrößenprodukt anziehen will. Im Fall der Mütze wurde es einfach dunkel. Offenbar habe ich keinen Einheitskopf. Da ich mich an optische Einschränkungen inzwischen gewöhnt habe, machte es mir nicht viel aus, dass ich unter der Mütze nun gar nichts mehr sehen konnte. 

Es gibt ja ohnehin kaum etwas Schönes zu sehen. Meinen Weg kenne ich auswendig und die Mütze wärmte die Augenpartie sehr wirksam. Dann wurde ich aber beinahe von einem Ast erschlagen, weil ich natürlich nicht gesehen hatte, dass ein Schild am Parkeingang vor Baumschnittarbeiten warnte. Das zeigte mir aber nur, das meine Glückssträhne weiterhin anhält. 

Plötzlich wurde es hell. Jemand riß mir jäh die Mütze vom Kopf. Es war die zweite der drei Arbeitskolleginnen, zu deren Aufgaben es gehört, mich zu betreuen. Sie denken immer noch, ich wüsste es nicht und geben sich viel Mühe mit ihrer Tarnung. Die Kollegin klärte mich auf, dass ich die Mütze schon wieder falsch aufgesetzt hätte. Die Nähte der Mütze müsste ich über den Ohren tragen. Das wusste ich tatsächlich nicht. Die Mütze hat schließlich ein kleines Metallschild. Ich habe mir während meiner aktiven Dienstzeit angewöhnt, das Emblem der Bärenvotze (es kann sein, dass das vorstehende Wort von Facebook gelöscht wurde, aber so hieß die NVA-Wintermütze nun mal) genau über der Nase zu tragen. Man kontrollierte das, indem man es mit dem Zeigefinger ertastete und diesen dann senkrecht und auf die Seite gelegt über das Gesicht legte. Wenn der Finger genau auf dem Nasenbein lag, saß die Mütze richtig. Offenbar muss ich nun umdenken. Das Schild muss links. 

Neues vom Koala

Was gibt es eigentlich Neues vom Koala? Er hatte es ja vor vier Jahren verpasst, zum Maskottchen der GroKo zu werden. Die Chancen stehen diesmal nicht schlecht. Ich wurde hellhörig, als es hieß, man habe auf eine Nachtsitzung verzichtet, weil man es an dem Tag sowieso nicht mehr schafft. So kann ein Schuh draus werden! Ein Koala wird es sich lieber dreimal überlegen, ob er seinen Schlafbaum verlässt. Wenn noch nicht genug Eukalyptus gewachsen ist, hat es ja überhaupt keinen Sinn. Es wäre sogar sträflicher Unsinn, der dem Koala schlecht bekommen könnte. Er muss mit seiner Energie haushalten, denn viel gibt der Eukalyptus schließlich nicht her. Im Radio haben sie gesagt, dass die Gefahr bestünde, dass die Bürger jetzt die Geduld verlieren. Ich glaub‘s auch! Vielleicht ist ja alles nur ein Test, wieviel Geduld die Journalistinnen und Journalisten noch aufbringen, jeden Tag vom frühen Morgen bis in die Nacht vor den Parteizentralen herumzulungern. Sie haben ja keine andere Wahl, denn sonst schmieden die da drinnen einfach mir nichts dir nichts eine Große Koalition und niemand erfährt etwas davon. Vielleicht lenkt sie Olympia ein bisschen ab.

Der Koalitionsvertrag ist ja jetzt schon so dick, dass es gut und gerne den Rest des Jahres dauern kann, bis ihn jedes SPD-Mitglied von vorne bis hinten durchgelesen hat, damit es schließlich zustimmen kann. Oder eben auch nicht. So ist es eben nun einmal. Der Koala hat es nicht leicht. Er muss soviel fressen und dann so viel schlafen, dass es passieren kann, dass er keine Zeit mehr für die Fortpflanzung hat. Darum ist er immer vom Aussterben bedroht. Es hat überhaupt keinen Zweck, ihm Porree hinzuwerfen. Er wird ihn nicht fressen, sondern eher verhungern. Genauso ist es mit der Großen Koalition. 

Falls es in diesem Jahr noch etwas damit wird - was ich schwerlich glaube - heißt das noch lange nicht, dass sie es geschafft haben. Dann müssen sie nämlich noch regieren und das möchte ich doch mal sehen. Sie werden sich vor lauter Koalitionsvertrag gar nicht bewegen können. Das mag zwar alles sehr kompliziert und anstrengend sein - aber es kann eigentlich nur noch komplizierter und noch anstrengender werden. So ist es leider und es gibt überhaupt keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Man muss sich dem stellen, wenn man nicht seine Freiheit gegen die Einfachheit eintauschen will. An meiner Geduld als Bürger sollte es jedenfalls nicht scheitern. Und Freitag ab eins haben sie hoffentlich Wichtigeres zu tun. 

In den Köpfen

Da die Mauer nun genauso lange nicht mehr steht, wie sie gestanden hat, schien es an der Zeit, mal wieder nach Westberlin zu fahren. In den ersten Jahren nach 1989 muss ich öfter dort gewesen sein, aber mit der Zeit haben die Besuche nachgelassen und schließlich ganz aufgehört. Jetzt hatte ich Mühe, vom Bahnhof Zoologischer Garten aus eine bekannte Straße zu finden. Als es mir schließlich gelungen war, gingen die Probleme los. Ich wurde von Touristen ausgefragt, wo denn diese oder jene Sehenswürdigkeit zu finden sei. Ich muss ausgesehen haben, wie der vertrauenswürdigste Westberliner. Wo ist C&A? Wie kommen wir zum KaDeWe? Ja, woher soll ich das wissen? Ich bin auch nicht von hier! 

Westberlin ist eine fremde Stadt, in der ich mich nicht auskenne. Irgendwo muss ich noch einen Falk-Plan haben, den patentgefalteten Stadtplan. Ein Must-have für den Großstadtnomaden. 1990 absolvierte ich ein Praktikum in Potsdam. Ich wohnte in Weißensee. Jeden Tag fuhr ich über Berlin-Friedrichstraße nach Westberlin hinein und am Grenzübergang Drewitz wieder hinaus. Mein blauer DDR-Reisepass ist auf neun Seiten zugestempelt. Ab Oktober 1991 fuhr ich dann täglich nach Lichterfelde-West in die Evangelische Fachhochschule. Vor 1989 war Westberlin für mich nur ein Wort. Obwohl sich Hennigsdorf an der Grenze zu Westberlin befand, kam man normalerweise nicht in ihre Sichtweite. Tante Hannelore wohnte dort, aber zu uns kam sie meistens durch den Tränenpalast am Bahnhof Berlin Friedrichstraße. Auch von dort aus war dieses Westberlin nicht zu sehen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie man nach Westberlin hineinkommen könnte. 

Es war ein bisschen wie das Gleis 9 3/4 auf dem Bahnhof Kings Cross in London. Vielleicht hat sich ja Axel Springer diese ganze Westberlin-Geschichte nur ausgedacht. Beim Gleis 9 3/4 hat sich am Ende herausgestellt, dass zwischen den Gleisen 9 und 10 in Kings Cross gar keine Mauer war, hinter der sich 9 3/4 hätte verbergen können. Hat sich die Rowling alles ausgesponnen. Als dann die Filme gemacht wurden, mussten sie die Gleise 4 und 5 umnummerieren, damit das mit der Mauer hinhaute. Es war aber nicht Axel Springer. Honnecker hat sich Westberlin mitsamt der Mauer ausgedacht. Ulbricht hat das immer gewusst („Niemand hat die Absicht...“)! 89 ist die ganze Sache dann aufgeflogen, als sich herausstellte, dass die Mauer nur in den Köpfen der Menschen war. Aber was heißt hier „nur“?! 

Volle Möhre

Es heißt ja, Sitzen ist das neue Rauchen. Das trifft die Sache aber nicht, ja es streift sie nicht mal. Schließlich belästige ich niemanden durch Sitzen, es sei denn, ich sitze auf seinem Platz oder gar auf seinem Schoß. Das ist aber ein anderes Problem. Raucher haben mich früher auch nicht belästigt. Das lag höchstwahrscheinlich daran, dass ich selbst Raucher war. Heute fühle ich mich schon beeinträchtigt, wenn ich durch das geschlossene Fenster in zwanzig Meter Entfernung einen Raucher sehe. Oder eine Raucherin. Sehe ich jemanden sitzen, bleibe ich ganz ruhig. Wenn er dabei nicht raucht. Oder isst. Essen ist das neue Rauchen! In öffentlichen Verkehrsmitteln muss insbesondere der Verzehr von rohen Mohrrüben unterbunden werden. Die Zukunft dieses Landes hängt davon ab! Ich fuhr nur eine Station aber der einzige Möhrenknusperer des Landkreises war im Zug und setzte sich mir gegenüber. Dann holte er sie raus. Rot und schrumplig, natürlich Bio. Er trug eine Wollmütze und eine Brille, biß ein Stück ab, kaute und schaute. Schaute und kaute und biß ein Stück ab. Ich schwitzte. Jetzt das letzte Stück. Kauen und schauen. Nach rechts. Nach links. Nach unten. Er hatte einen Beutel, in den er jetzt hineinglotzte und darin kramte. Hinaus beförderte er eine weitere Mohrrübe, über die er sich sofort geräuschvoll hermachte. 

Knusper, knusper, knäuschen... Ich weiß, dass ich kein friedfertiger Mensch bin. Aber ich habe noch nie einen gehauen. Außer einmal. Da hatte ich an einem ersten Mai Dienst als Aufsicht auf dem Bahnhof Hennigsdorf. Meine Eltern kamen und besuchten mich. Als sie gerade gehen wollten, wurden sie Zeuge, wie mich ein Betrunkener anmachte. Mein Mutter machte kehrt und schlug mit ihrer Handtasche auf den Mann ein. Ich bekam Mut und bearbeitete das Subjekt mit den Fäusten. Ich schrie: „Das ist ein Anschlag auf die Deutsche Reichsbahn!“ Dann kam mein Vater noch dazu und machte auch noch mit. Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was der Mann mit mir gemacht hatte, das alle so außer Kontrolle gerieten. Aber das war das einzige Mal. Einmal ist keinmal. 

Jetzt saß mir der Möhrenmann gegenüber. Eine Stimme in meinem Kopf sagte mit bayrischem Akzent: „Jetzt lass ihn doch sitzen, den alten Deppen. Wem schadt’ er denn? Nix“ grollte ich, „alle schaden’s, die alten und die jungen Deppen! Freiheit, Wecker!! Du sollst keine Angst haben, vor nix und Niemand!“ Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Ich stellte mir vor, wie ich ihn in den Gang forderte, ihm Brille und Mütze abnehmen würde. Und dann: Volle Möhre...

Nichts. Niemand. Gar nichts.

Es gibt noch ein anderes kleines Männchen, das leider nicht im Internet wohnt. Es steht an der Tür, wenn man grade zum Einkaufen los will, lächelt einen an und sagt, man brauche doch eigentlich gar nicht einkaufen und wenn doch, könne man es morgen immer noch erledigen. Gut, denkt man, es gibt ja genug Anderes zu tun. Setzt man sich dann an seinen Schreibtisch, um die Steuererklärung auszufüllen, ist das Männchen plötzlich wieder da, winkt ab, gähnt und rekelt sich und erklärt, die Steuererklärung laufe einem schon nicht weg, morgen sei auch noch ein Tag. In der Küche steht es vor dem Abwaschberg: man dürfe doch gar nicht mit Wasser hantieren, der Verband darf nicht nass werden. Erst wieder nach dem Fäden ziehen! So geht die Woche dahin und ab Montag muss ich wieder meine Zeit zu Markte tragen. Fragt mich einer, was ich eigentlich gemacht habe, fällt mir nichts ein. Aber genau das sollte ich ja auch machen: Nichts. Das Männchen hatte also recht und ich tue ihm Unrecht. 

Nichtstun ist sehr schwer. Man kann es auch nirgendwo lernen. Das liegt daran, dass man dann ja schon wieder etwas tut. Dabei ist Nichtstun uns allen in die Wiege gelegt. Da es aber ab der ersten Minute so unglaublich viel zu tun gibt, ist es das erste, das wir wieder verlernen. Danach verlernen wir das Schwimmen. Würden wir das Nichtstun freilich nicht verlernen, blieben wir dumm, unselbständig und unmündig. Alles hat eben seinen Preis. 

Also wende ich mich wieder der Steuererklärung zu. Oder doch erst einkaufen? Für den Abwasch kann man einen Handschuh benutzen. Das Männchen scheint wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt so viel zu tun. Ich glaube, in einer WG funktioniert das mit dem Nichtstun am Besten. Man kann sich einfach darauf verlassen, dass es die Anderen schon machen werden. Notfalls macht man noch einen Zettel an den Kühlschrank und dann die Tür zu. Mein WG-Erfahrungen liegen lange zurück und am Anfang war es eine Mädchen-WG. Danach zog ich zu einem alten Freund, aber das war dasselbe. Eigentlich musste ich nie etwas machen. Und jetzt alles auf einmal! Ich bin nun mal für das Nichtstun geschaffen. Ich bin Tonio Kröger. Im Vergleich mit Mäuschen bin ich aber ein Niemand. Jetzt ist es schon heller Vormittag und ich habe sie noch gar nicht bemerkt, weil sie so schön nichts tut. Das kann sie. Selbst wenn sie Klavier spielt sieht man davon nichts. Gar nichts. 

Algorithmus

Man kann sich nun mal nichts ausdenken, was es nicht irgendwie auch gibt. Auch die fantastischsten Fabelwesen von Hieronymus Bosch mussten aus Existierendem gemalt werden. Mit der Armbanduhr verhält es sich so, dass man ihr Nachrichten diktieren kann, die dann in geschriebenen Text umgewandelt werden. Ich wollte Axel, meinem alten Freund schreiben, dass ich bis Freitag krankgeschrieben bin und wir uns in den nächsten Tagen treffen könnten, wenn es nicht zu spät würde. Ich diktierte und die Uhr schrieb: „Ich bin sehr krank. Das habe ich jetzt schriftlich. Wir können uns in den nächsten Tagen treffen, wenn es dann nicht schon zu spät ist.“ Ich kann nichts dafür, dass meine Armbanduhr so kreativ ist. Ich weiß natürlich, dass es nicht die Uhr ist, die Gesprochenes in Geschriebenes umwandelt. Es ist der Algorithmus. Ich stelle mir den Algorithmus immer als sehr alten und kleinen Mann vor. Er wohnt im Internet und schickt uns Emails, entscheidet, welche Werbung wir auf Internetseiten angezeigt bekommen und wer unsere Freunde sind. Der Algorithmus weiß alles und nichts. Er ist niemals ausgelastet und hat nie zu viel zu tun. Darum kann er auch noch zuhören, wenn wir mit unseren Armbanduhren sprechen und das Gesprochene dann schnell aufschreiben. 

Dass man im Internet wohnen kann ist keine besondere Überraschung. Man kann ja auch im Internet einkaufen oder etwas suchen. Man kann im Internet schreiben, etwas lesen und man kann sich dort treffen. Das Internet scheint ein Ort zu sein, den man aufsuchen kann. Obwohl das alles ganz offensichtlich nicht zutrifft, tun doch alle, als wäre es so. Manche gehen sogar ins Internet. Dann setzen sie sich aber hin oder bleiben stehen und beschäftigen sich mit Geräten. In öffentlichen Verkehrsmitteln sind die meisten Menschen mit ihren Geräten beschäftigt. Oft bin ich der einzige, der im Bus herum- oder aus dem Fenster schaut. Manchmal ist noch ein Alter da, der das auch macht. Wenn sich unsere Blicke dann treffen nicken wir uns verschwörerisch zu. Ich glaube, der Alte ist der Algorithmus. Er muss ja auch mal raus. 

 Naja, wer weiß schon, wie es ist. Der Algorithmus weiß es ja auch nicht. Vielleicht wohnen wir ja doch alle im Internet. Es ist wie mit der Quantenwelt. Wir wohnen ja auch nicht drin und doch ist sie die Grundlage für alles, was es gibt. Wir sind aus ihr herausgestülpt. Wir kommen nicht in sie hinein - es sei denn so, wie ins Internet. Albert Einstein soll nach einer Vorlesung über Quantenphysik mal gesagt haben: „Wenn Sie mich verstanden haben, habe ich mich wohl nicht klar genug ausgedrückt.“ Aber vielleicht hat das auch der Algorithmus geschrieben und Einstein hat etwas ganz anderes gesagt. In seine Taschenuhr.