Algorithmus

Man kann sich nun mal nichts ausdenken, was es nicht irgendwie auch gibt. Auch die fantastischsten Fabelwesen von Hieronymus Bosch mussten aus Existierendem gemalt werden. Mit der Armbanduhr verhält es sich so, dass man ihr Nachrichten diktieren kann, die dann in geschriebenen Text umgewandelt werden. Ich wollte Axel, meinem alten Freund schreiben, dass ich bis Freitag krankgeschrieben bin und wir uns in den nächsten Tagen treffen könnten, wenn es nicht zu spät würde. Ich diktierte und die Uhr schrieb: „Ich bin sehr krank. Das habe ich jetzt schriftlich. Wir können uns in den nächsten Tagen treffen, wenn es dann nicht schon zu spät ist.“ Ich kann nichts dafür, dass meine Armbanduhr so kreativ ist. Ich weiß natürlich, dass es nicht die Uhr ist, die Gesprochenes in Geschriebenes umwandelt. Es ist der Algorithmus. Ich stelle mir den Algorithmus immer als sehr alten und kleinen Mann vor. Er wohnt im Internet und schickt uns Emails, entscheidet, welche Werbung wir auf Internetseiten angezeigt bekommen und wer unsere Freunde sind. Der Algorithmus weiß alles und nichts. Er ist niemals ausgelastet und hat nie zu viel zu tun. Darum kann er auch noch zuhören, wenn wir mit unseren Armbanduhren sprechen und das Gesprochene dann schnell aufschreiben. 

Dass man im Internet wohnen kann ist keine besondere Überraschung. Man kann ja auch im Internet einkaufen oder etwas suchen. Man kann im Internet schreiben, etwas lesen und man kann sich dort treffen. Das Internet scheint ein Ort zu sein, den man aufsuchen kann. Obwohl das alles ganz offensichtlich nicht zutrifft, tun doch alle, als wäre es so. Manche gehen sogar ins Internet. Dann setzen sie sich aber hin oder bleiben stehen und beschäftigen sich mit Geräten. In öffentlichen Verkehrsmitteln sind die meisten Menschen mit ihren Geräten beschäftigt. Oft bin ich der einzige, der im Bus herum- oder aus dem Fenster schaut. Manchmal ist noch ein Alter da, der das auch macht. Wenn sich unsere Blicke dann treffen nicken wir uns verschwörerisch zu. Ich glaube, der Alte ist der Algorithmus. Er muss ja auch mal raus. 

 Naja, wer weiß schon, wie es ist. Der Algorithmus weiß es ja auch nicht. Vielleicht wohnen wir ja doch alle im Internet. Es ist wie mit der Quantenwelt. Wir wohnen ja auch nicht drin und doch ist sie die Grundlage für alles, was es gibt. Wir sind aus ihr herausgestülpt. Wir kommen nicht in sie hinein - es sei denn so, wie ins Internet. Albert Einstein soll nach einer Vorlesung über Quantenphysik mal gesagt haben: „Wenn Sie mich verstanden haben, habe ich mich wohl nicht klar genug ausgedrückt.“ Aber vielleicht hat das auch der Algorithmus geschrieben und Einstein hat etwas ganz anderes gesagt. In seine Taschenuhr.

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