Ein Rätsel

In der Fastenzeit geht es ja nicht zuletzt darum, dem eigenen Körper etwas Gutes zu tun. Keineswegs sollte man sich quälen und kasteien, sondern sich darauf besinnen, was einem eigentlich gut tut und was nicht. Auf letzteres soll man dann verzichten. Eine zeitlang. Das ist gar nicht so schwer. So kann man doch getrost darauf verzichten, was einen dick macht. Die Personenwaage zum Beispiel. Ich zweifle ja schon länger an ihrer Objektivität und Überparteilichkeit. Jetzt hat sie einfach mal Pause und kann sich überlegen, was sie falsch gemacht hat. Aber vielleicht kann sie ja gar nichts dafür, sondern ist, wie wir alle, nur ein Opfer der Schlamperei auf den höchsten Ebenen. Wie sich nämlich herausgestellt hat, liegt der Fehler beim Ur-Kilogramm in Paris. Es ist seinerzeit von seinem Erfinder, Alfred Kilo, unter zwei Käseglocken gestellt worden und dient seitdem als Referenzgewicht für die Herstellung von Eichgewichten für alle Waagen dieser Welt. Seit einiger Zeit weiß man aber, dass das Ding immer leichter wird.

Das bedeutet ja wohl nichts anderes, dass man immer weniger Masse benötigt, um das Ur-Kilogramm aufzuwiegen. Meine Waage, die sich ja mit dem Ur-Kilogramm vergleicht, zeigt also ein Kilogramm an, obwohl ich gar nicht so viel wiege! Bei einem Kilo mag das noch nicht auffallen, aber bei meiner Körpermasse summiert sich der Fehler dann doch ganz schön und zeigt am Ende diese astronomischen Werte an, die nun zur zeitweiligen Außerdienststellung sowohl meiner Waage, als auch des Ur-Kilogramms geführt haben. Alfred Kilo würde sich im Grabe umdrehen, wenn er davon erführe. Schließlich war das Ur-Kilogramm das letzte anschauliche Ur-Maß überhaupt. Mit seiner Abschaffung werden dann alle Maße durch Naturkonstanten definiert, wie zum Beispiel ein Meter jene Strecke ist, die das Licht im Vakuum in 1 / 299.792.458 Sekunden zurücklegt. Eine Sekunde wiederum ist das 9.192.631.770-fache der Periodendauer der Strahlung, die dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids 133Cs entspricht.

Man fragt sich aber unwillkürlich, wie es das Ur-Kilogramm denn nun geschafft hat, immer leichter zu werden. Das ist ja nun nicht gerade der Lauf der Welt. Alle anderen Dinge werden immer schwerer: das morgendliche Aufstehen, das tägliche Arbeiten, das Sinnvolle-Sätze-Sprechen oder meinetwegen -Schreiben, um nur einige zu nennen. (Noch gar nicht genannt sind das Flughafen-Bauen und das Regierung-Bilden!) Nur das Kilogramm wird immer leichter. Wie das passieren konnte ist noch ein Rätsel. Aber das kriegen sie auch noch raus.

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