Frühling!

Seit meinem Rückzug ins Private lebe ich sehr komfortabel und angenehm. Ich verzehre ein kleines Gehalt, dass ich monatlich als Entgelt für gewisse Dienstleistungen beziehe, die abzuleisten ich mich verpflichtet habe. Der Aufwand dafür ist zur Zeit einigermaßen vertretbar. Statt mich nun zufrieden zu geben und froh und glücklich zu sein, denke ich aber voller Sorge daran, dass es damit schneller als gedacht wieder aus und vorbei sein kann. So könnte heute zum Beispiel das Telefon klingeln und Frau Merkel könnte mich als Minister in ihr viertes Kabinett berufen. Dann sehe ich alt aus. Während einer Jungschar-Rüstzeit auf dem Schloss Mansfeld haben wir einmal eine Kinderregierung gebildet. Darin war ich auch Minister, und zwar Minister ohne Geschäftsbereich. Das hat mir sehr gut gefallen. Darauf würde ich mich auch noch mal für vier Jahre einlassen. Alles andere kommt nicht in Frage. Vor allem müssten wir die ganzen Fernsehauftritte ein für allemal am Stück abdrehen. Aber ich glaube, das wird sowieso schon so gemacht.

Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass mich die bundesweite Kanzleigeschäftsführerin anruft, weil sie sich nicht zwischen den vielen Telefonnummern entscheiden können wird, die ich mittlerweile angesammelt habe. Ich selbst könnte mich auch nicht anrufen. Ich kann inzwischen auch keine Telefonnummer mehr angeben. Wenn ich nach meiner Telefonnummer gefragt werde, verfalle ich in eine Art Starre. Ich verharre reglos und bin zu keiner Reaktion mehr fähig, bis das Thema gewechselt wird. Ich habe völlig den Überblick verloren. Bei den Email-Adressen ist es auch so. Alle diese Angaben verschmieren gleichsam im Quantenschleim. Wenn man etwas im Detail erfahren möchte, geht es einfach nicht. Es wird unscharf. Einzig meine Wohnanschrift ist noch eindeutig.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass die Hauslatschen wieder da sind? Das fällt mir in diesem Zusammenhang wieder ein. Sie liegen mit den Sohlen nach oben neben der Balkontür. Wahrscheinlich sind sie nur mal rausgegangen, als die Sonne so schön schien und dann habe ich die Tür zu gemacht. Da ich jeden Tag lüfte, konnten sie offenbar am nächsten Morgen schon wieder rein, aber sie haben was abgekriegt. Kälte und Nässe vertragen sie nicht gut. Gut erzogen, wie sie sind, kamen sie dann sozusagen auf dem Bauch hereingekrochen, damit sie mit ihrer nassen Sohle nicht den Teppich verschmutzen. Ich bin ganz gerührt, aber das hilft ihnen auch nicht. Jedenfalls schaffen sie es nicht mehr, sich aus eigener Kraft umzudrehen. Es wird langsam Zeit für den Frühling!

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