Immer zweimal

Hartmut hat ja wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank! Wenn ich etwas einfrieren will, lege ich es ins Frostfach. Es gibt überhaupt keinen Grund, gleich die ganze Welt in einen Gefrierschrank zu verwandeln. Alles, was man jetzt aus Versehen draußen liegen lässt, friert einem zu Stein und Bein. Die Wäsche zum Beispiel. Angeblich trocknen die Eskimos so ihre Handtücher. Das heißt dann Ausfrieren. Bei meiner Wäsche führt die Kälte aber nur zum Einfrieren. Immerhin können mir keine Autoscheiben mehr zufrieren. Das ist aber nur ein schwacher Trost, denn die Bahn ist auch sehr frostempfindlich. Ruck-zuck kann einem eine Weiche festfrieren. Man weiß dann immer nicht, was besser ist: Auf dem eisigen Bahnsteig stehen und nicht wegkommen oder im warmen Zug sitzen und nicht weiterfahren können. Das ist beides schlimm. Noch schlimmer ist es aber, im letzten warmen Zug ohne Weichenstörung einzuschlafen und am eiskalten Endbahnhof vom Schaffner geweckt zu werden.

Keine dieser Katastrophen ist eingetroffen, als ich in der bitterkalten Hartmut-Nacht unterwegs war. Nur kalt war es, wie gesagt und ich hatte keinen Schal um. Ich hätte mir nicht auszumalen vermocht, wie ein fehlender Schal die schönste Outdoor-Winter-Bekleidung ad absurdum führen kann. Wie ein Thermobecher ohne Deckel kühlt man schneller halswärts aus, als man „Trochlearisparese“ sagen kann. Da ich außerdem das erste Mal seit elfhundertzwölfunddrölfzig Jahren ohne Auto zu Guidos Geburtstag anreiste, sprach ich vielleicht etwas zu forsch den dargebotenen Psychotropika zu, was schlussendlich dazu führte, dass ich mich am Bahnhof Gesundbrunnen nicht mehr an meinen eigenen Namen erinnern konnte. Glücklicherweise wurde ich nicht danach gefragt, was mich aber nicht daran hinderte, mich auf jede denkbare andere Weise nicht zu entblöden.

Ich frage mich ja schon länger, ob meine Wirklichkeit dadurch entsteht, dass ich sie mir vorstelle; ob sich Gedanken manifestieren können, indem sie immer dichter und häufiger und so am Ende auch realitätswirksam für Diejenigen werden, um die sie kreisen. Wenn das so ist, dann sollte ich besser darauf vorbereitet sein, denn schließlich kenne ich ja meine Gedanken. Wenn dann etwas, was man sich immer wieder vorgestellt hat real wird, ist es denkbar ungünstig, die Situation im Zustande einer akuten Intoxikation zu erleben. Man trifft sich im Leben zwar immer zweimal. Dreimal ist jedoch eher unwahrscheinlich. Aber nicht unvorstellbar - und was ich mir vorstellen kann, kann auch passieren. Was ich mir nicht vorstellen kann, passiert leider viel öfter.

Kommentare