Rockstar

Manchmal muss ich von Berufs wegen eine bestimmte Person an einen bestimmten Ort begleiten, damit diese Person dann an der dort stattfindenden Geselligkeit teilhat. Das ist nicht schwer und ich habe auch gleich selbst noch ein bisschen an der Geselligkeit teil. Einmal wurden am oben bezeichneten Orte so viele Leute der sich hemmungslos entfesselnden Geselligkeit teilhaftig, dass es manch einem zu viel wurde. Ich blieb dabei und schlug vor, eine Geselligkeits-Selbsthilfegruppe zu gründen, was aber in der brodelnden Geselligkeit einfach unterging. Dann verabschiedete sich einer der Gesellschafter und bemerkte im Gehen, er sei im Besitz eines Gitarrenverstärkers, den er verkaufen wolle. Wenn ich einen potenziellen Käufer wüsste, solle ich Bescheid geben. Ich wusste zwar keinen, gab aber vor, selbst interessiert zu sein.

Erstaunlicherweise war ich das tatsächlich. Ich brauchte zwar keinen Gitarrenverstärker, aber irgendetwas klingelte bei dem Wort in meinem Kopf. Wir verabredeten einen Besichtigungstermin und es war um mich geschehen. Es handelte sich um einen Fender Röhrenverstärker. Ich schloss meine Gitarre an und der Verstärker begann zu röhren. Es war klar, dass ich alsbald Abmahnungen meines Vermieters zu gewärtigen hatte, aber das war mir egal. Ich wollte das Ding unbedingt haben. Es hatte eine verchromte Armaturenleiste mit einer Vielzahl von Drehknöpfen, Schaltern und Klinkenbuchsen. Ich war total begeistert. Gleichwohl war mir noch immer nicht klar, was ich mit dem mehr als 22 Kilogramm schweren Klotz anfangen könnte. Als ich das Trumm endlich zu Hause hatte, fing ich an, damit herumzuspielen. Schnell war klar, dass ich nie wieder unverstärkten und trocken-effektlosen Gitarrensound von mir geben würde. Ich weiß nicht, was ich all die Jahre gemacht habe, aber ohne meinen Fender-Verstärker klingt meine Gitarre wie ein Stück Holz mit Angelsehne. Keine Ahnung, wie ich das jemals ertragen konnte. Nun war noch eine Buchse frei, in die ich ein Mikrofon stöpselte. Und siehe da: Dank Reverb-Effekt klang auch meine Stimme ungefähr so, wie sonst nur nach einer Computer-Behandlung mit einer Tonstudio-Software. Ich bin ein Rockstar!

Ein altes Wort sagt: Nirgendwo gilt der Rockstar weniger, als bei seinen Wohnungsnachbarn. Ich glaube, sie haben in den letzten Tagen einiges durchgemacht. (Wenn man nachts um drei Uhr vergisst, vorher auszuschalten und ein Kabel zieht, gibt es einen ganz schönen Knall.) Ich muss also hinaus in die Welt! Dorthin, wo sie mich noch nicht so kennen und wo mein Verstärker niemanden belästigt. Dort will ich singen und ich weiß auch schon wo und für wen.

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