Wege ins Glück

Nachdem ich nun also ansatzweise begriffen habe, was Toleranz ist, kann ich gleich mit dem Üben anfangen. Denn bei Toleranz handelt es sich um das Ertragen-Können des Anderen. Lediglich „nichts dagegen“ zu haben hat mit Toleranz eher gar nichts zu tun. Volker Kitz hat das in seinem bemerkenswerten Artikel „Ertragt Euch“ in der Zeit (Ausgabe vom 08.03.2018) gerade noch mal klargestellt. Übungsstunden gibt es (nach Entrichtung der Rundfunkgebühren) gratis im Deutschlandradio. Ein Großteil der Sendezeit eines Tages geht dafür drauf, dass Leute angerufen und nach ihrer Meinung zu einem aktuellen Thema befragt werden. Das Ganze ähnelt dann eher einer Gerichtsverhandlung, als einem Radiointerview. Die Interviewer haken nach, lassen nicht locker, konfrontieren mit früheren Aussagen. Bislang kann ich mir so etwas noch nicht bis zu Ende anhören, denn noch nie hat dort jemand meine Meinung vertreten. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich zu den besprochenen Themen gerade gar keine Meinung habe. Dennoch könnte man dort üben, das Andere, genau das, was man gar nicht leiden kann, auszuhalten. Darin fehlt es mir wirklich an Übung.

Ich müsste hinaus, „ins Offene“. Hölderlin. „Was soll man schon machen, mit den paar Mark?! Ich hab’n Verstärker bestellt… „Ich will zurück auf die Straße…“ Westernhagen. Jetzt verstehe ich ihn erst. Naja, oder sagen wir so: Es lohnt sich Poesie ein bisschen auswendig zu können, damit man sie nämlich dann parat hat, wenn sie für einen eine Bedeutung bekommt.

Die Stadt Beeskow hat die Burgschreiberstelle ausgeschrieben. Es gibt sie seit den Neunziger Jahren. Man kann mietfrei wohnen und bekommt 750 Euro Stipendium. Dafür muss man der Residenzpflicht nachkommen, „Burgminiaturen“ verfassen und mindestens zwei Lesungen abhalten. Bis zum ersten April kann man sich bewerben, das Amt wird von September 2018 bis Januar 2019 vergeben. Leider bin ich nicht qualifiziert, denn man muss drei selbständige Publikationen vorweisen, die nicht im Selbstverlag veröffentlicht wurden. Sie wollen eben schon einen richtigen Autor. Also mache ich mit dem Erwerbsarbeitsmodell weiter, was sich ja auch ganz gut bewährt. Ein anderes Modell ist das von Carsten Schneider, der auch im Deutschlandradio von Tanja Runow interviewt wurde. Das war eine sehr lange und sehr schöne und anrührende Sendung („Zwischentöne“ vom 18.03.18). Carsten Schneider ist Collage-Künstler und macht total verrückte Sachen. Vor lauter Arbeit kommt er leider nicht dazu, berühmt zu werden. Trotzdem ging er ehrenamtlich und unentgeltlich als Sterbebegleiter an drei Tagen in der Woche ins Hospiz. Jetzt muss er aber wieder Collagen machen, weil sonst das ganze Material seine kleine Wohnung verstellt. Es hat sich so angehört, als ob er glücklich ist.

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