Auf, auf und davon

Ich muss schon sagen, das Bahnfahren hat mir neulich so viel Spaß gemacht, dass ich mir schon wieder eine Fahrkarte gekauft habe. Ob ich wirklich fahre weiß ich noch nicht, aber die Storno-Gebühr beträgt 19 Euro, das finde ich durchaus vertretbar. Das Schöne am Bahnfahren ist, dass es zwar planbar, aber doch so prinzipiell unvorhersehbar ist. Es kommt auf jeden Fall irgendwas dazwischen. Dass muss nicht zu einem völlig anderen Ergebnis führen, aber man kann nicht genau wissen, was einem passiert. Und das auf jeder Reise! Ich bin mehr als 15 Jahre lang immer auf derselben Autobahn gefahren, bis sich dann einmal etwas Unvorhergesehenes ereignet hat. Bis dahin einfach nur öde Langeweile. Beim Bahnfahren ist keine Fahrt wie die andere. Es ist jedes Mal ein Abenteuer. Eigentlich ist Bahnfahren heute, das wurde mir klar, so wie Yoga in den 80ern. Oder wie Hochseeangeln oder wie Bergsteigen. Man lernt etwas über sich selbst, kommt an seine Grenzen und erweitert sie spielerisch. Darum sind die Züge auch immer so voll. Keiner will einfach nur von A nach B. Man will sich selbst finden und erfahren, wie man in Extremsituationen reagiert.

Ich habe natürlich mal wieder keine Ahnung, wie Bahnfahren heute in anderen Ländern ist, aber ich vermute, in Deutschland gestaltet es sich noch mit am meisten komfortabel und planbar. Es gibt bestimmt auch Bahnlinien, die Fahrpläne in unserem Sinne gar nicht kennen. Wenn man wegfahren will, geht man eben zum Bahnhof. Wenn ein Zug hält, steigt man ein. Wenn man Glück hat, findet man einen Stehplatz mit Blick durch ein Fenster. Wohin der Zug fährt, wird man ja sehen.

Die Gelassenheit beim Reisen ist uns irgendwie abhanden gekommen. Alles muss klappen, weil wir dann und dann da und da sein müssen. Mein Ideal vom Reisen ist, einfach loszugehen, ohne zu wissen, wo ich ankomme oder wann. Ich kann es noch nicht. Aber einmal will es machen: Ein paar Sachen in den Rucksack packen, ein bisschen Wegzehrung mitnehmen und dann los, nur los. Auf, auf und davon.

„Die Straße gleitet fort und fort,
weg von der Tür, wo sie begann,
weit überland, von Ort zu Ort,
ich folge ihr, so gut ich kann.
Ihr lauf ich raschen Fußes nach
bis sie sich groß und breit verflicht
mit Weg und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Ich weiß es nicht.“
J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe

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