Das Schwarze Loch und die Kuh

Es ist doch schade, dass das Geschichten erzählen so aus der Mode gekommen ist. Wenn es doch noch mal einer macht, kommt gleich Petra Gerster und fragt, ob es sich denn auch wirklich so zugetragen hat. Fake-News und alternative Fakten können nur in einer Nachrichten-Welt entstehen, in der eben nur Fakten zählen. In einer Geschichte geht es aber überhaupt nicht um Fakten. Eine Geschichte ist so etwas wie eine lebendige Flaschenpost. Sie kann aus einer anderen Zeit zu uns sprechen und wir werden ihre Botschaft nicht verstehen, wenn wir uns damit begnügen, die Fakten zu überprüfen. Nachrichten sind von Natur aus kurzlebig. Keiner käme auf die Idee, sich die Nachrichten von gestern anzuschauen, wenn Nachrichten von heute verfügbar sind. Das Verfallsdatum von Nachrichten richtet sich nach ihrer Übermittlungsgeschwindigkeit. Spätestens seit der Erfindung der drahtlosen Telegrafie veralten Nachrichten binnen Stunden.

Geschichten dagegen altern nicht. Sofern sie eine Botschaft enthalten, die sich noch entfalten kann, bleiben sie lebendig. Gerade in den guten Geschichten entfaltet sich diese Botschaft nicht unmittelbar. Man muss sich schon ein bisschen daran abarbeiten. Aber wie gesagt, das ist leider ein bisschen aus der Mode gekommen. Anstelle von Geschichten erzählen wir uns eben lieber Nachrichten. Darum heißt meine Seite ja auch „Nachrichten vom liedersaenger“ und nicht „Geschichten vom liedersaenger“.

Allerdings ist die Geschichte vom Schwarzen Loch eben doch eine Geschichte und keine Nachricht. Sie ist, wenn sie gut ist, somit gewissermaßen zeitlos und enthält eine Botschaft. Nun ist es beim Geschichten erzählen normalerweise nicht so, dass man die Botschaft schon kennt, wenn man die Geschichte erzählt. Man erzählt nicht, weil man eine bestimmte Botschaft verbreiten will - das wäre Werbung oder Propaganda. Man erzählt im Vertrauen darauf, dass sich die Botschaft eben entfaltet und in Hörern und Lesern lebendig wird, obwohl man sie selbst gar nicht kennt. Jedenfalls nicht so genau. Es gibt auch eine noch einfachere Version der Lochgeschichte, als die, die ich erzählt habe. Ich fand sie auf YouTube. Beide Versionen - meine und die auf YouTube - haben gemein, dass sie nicht unmittelbar zu uns sprechen. Das könnte darauf hindeuten, dass es gute Geschichten sind. Und es könnte uns zu denken geben. Oder ist das Denken auch aus der Mode gekommen?

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