Die Erben

Es gibt viele Gefahren da draußen, wenn man sich denn einmal hinaus wagt. Es kann zum Beispiel passieren, dass einem ein Weltraumlabor auf den Kopf fällt. Erst rast es seit Jahren unkontrolliert im Orbit herum und plötzlich fällt es - zack! - auf die Erde herunter. Man hat gar nichts davon gehört, ob die Chinesen nun darüber traurig sind. Immerhin war es ihr Weltraumlabor und es hat bestimmt eine Menge Arbeit gekostet, es zusammenzuschrauben und es dann in die Umlaufbahn zu schießen. Aber sie hätten es natürlich wissen müssen und vielleicht haben sie ja auch von Anfang an damit gerechnet: Alles, was man in die Luft wirft, fällt früher oder später auch wieder herunter. Wie haben sie es eigentlich gemacht, dass bestimmte Sachen nicht wieder heruntergefallen sind? Voyager 1 und 2 zum Beispiel. Die fliegen einfach immer weiter. Aber wer weiß, wie lange noch. Vielleicht kommen sie in ein paar tausend Jahren auch wieder zurück. Dann finden die Menschen, wenn es denn noch welche gibt, die goldene Schallplatte und versuchen mit den wunderbaren Wesen Kontakt aufzunehmen, die sie gemacht haben.

Ich weiß nicht, wie ich jetzt darauf komme, aber die Nachrichten aus Amerika erinnern mich gerade wieder sehr stark an das Rattenfänger-Lied von Hannes Wader. Der hatte das ursprüngliche Motiv dahin umgedeutet, dass die Hamelner Kinder nicht vom Rattenfänger ermordet worden sind, sondern von den Eltern verbannt wurden, die von ihren Kindern über das alltägliche Unrecht zur Rede gestellt wurden. Die ertappten Erwachsenen konnten es nicht mehr ertragen, mit ihren Kinder zusammen zu leben, die sie angklagten und brachten sie bei Nacht und Nebel aus der Stadt. Tot waren sie aber nicht sondern sie lebten verstreut in alle Welt, zeugten Kinder und erzählten ihnen die Geschichte der Kinder von Hameln. Die Jugendlichen der Post-Columbine-Generation könnten wohl die Erben der Hamelner Kinder sein.

Ich - das muss ich mir wohl eingestehen - bin es nicht. Oder zumindest habe ich mein Erbe nicht angetreten. Ich habe mich zwar auch mit meinen Eltern angelegt. Ich habe ihnen das Geschirrspülmittel versteckt und statt dessen die Zitronenschalen vom Abendbrot-Tee gesammelt. Ich habe von ihnen verlangt, dass sie ihr Brauchwasser sammeln und es zur Toilettenspülung verwenden. Aber irgendwann habe ich dann auch mitgemacht, beim alltäglichen Unrecht und meinen Teil dazu beigetragen, dass es für die Post-Columbine-Generation und ihre Kinder sehr ungemütlich werden wird. Ich könnte es ihnen nicht verdenken, wenn sie mich dafür verachten.

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