Freiheit

Die schönste Zeit des Jahres ist da: Es sind die Tage vor dem Urlaub. Sie schmelzen dahin. Das ist schön und aufregend und so traurig zugleich. Denn wenn der letzte Tag vor dem Urlaub vergangen ist, beginnt der Urlaub - und das heißt, er geht zu Ende. Vom ersten Tag an. Leider ist es mir noch nicht gelungen, eine andere Sicht auf die Dinge zu bekommen. Das wäre aber notwendig, um auch die Tage des Urlaubs genießen zu können und sie nicht mit stetig wachsendem Bedauern dahin zu bringen. So geht es mir noch mit allen Dingen, deren Endlichkeit absehbar ist: Meine Vorfreude auf ein Glas Hefeweizen ist geradezu grenzenlos. Das volle Glas jedoch erfüllt mich mit Trauer, denn es wird nur zu bald wieder leer sein. Mit dem Leben geht es mir zum Glück nicht so, denn ich kann das Ende nicht sehen. Es erscheint mir unendlich und so trauere ich nicht um den vergangenen Tag, denn morgen kommt ein neuer. Ich weiß schon, dass auch das nicht stimmt, aber es fühlt sich eben so an. Fürs Erste will ich es auch dabei belassen.

Wenn man aber die Endlichkeit des Lebens fühlen und trotzdem ohne Bedauern leben kann - das bedeutet, zu lieben. Dass ich es kann, würde ich auch beim Hefeweizen trinken merken und beim Urlaub. Ich könnte mich freuen bis zur Neige und bis zum letzen Tag. Ohne Bedauern und ohne zu hoffen. Aber auch jetzt bin ich schon froh, das überhaupt zu begreifen! Leben lernt man eben nicht in 50 Jahren. Darum werden Hobbits auch erst mit 52 Jahren volljährig.

Die Endlichkeit des Lebens fühlen heißt nicht, den Tag zu wissen, an dem man sterben muss. Es heißt auch nicht, zu spüren, dass es mit einem zu Ende geht. Die Endlichkeit des Lebens fühlen heißt, seinen Wert ermessen zu können. Das ist etwas anderes, als wenn man morgens fröhlich oder tatendurstig aufwacht. Es heißt, zu begreifen, wirklich zu begreifen, dass das Ende der Dinge eben kein Unglück ist, sondern ein großes Glück. Das zu wissen, ist nicht viel. Aber es ist alles. Mehr braucht man nicht. Wer das in seinem Leben gelernt hat, ist ein weiser Mensch und ein glücklicher dazu. Denn alles findet sein Ende; das Leben sowieso, aber auch der Tod. Der Haß, die Gewalt, der Krieg, der Hunger, das Elend und das Leid ebenso wie die Schönheit, die Ruhe, der Frieden, das Glück, die Liebe und die Gelassenheit. Wenn wir das begreifen, dann - ja, dann sind wir frei.

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