Keine Wahl

Man muss sich das Leben vielleicht wie ein Bild vorstellen, nur dass wir das fertige Bild eben nicht zu Gesicht bekommen, denn das fertige Bild sind wir selbst. Manchmal „erinnern“ wir uns daran, wie es weitergeht. Das ergibt dann diese deja-vu-Momente, die einem deshalb so bekannt vorkommen, weil das Bild ja schon fertig ist. Zu meinem Bild gehören alle Lieder und Geschichten und ein Roman-Fragment. Ich habe deutlich genug gesehen, dass es ein Fragment bleibt. Wenn man großes Glück hat, sieht man sein Bild in seinem allerletzten Augenblick und dann versteht man es, wenn man noch klar genug im Kopf ist, um zu verstehen. Das ist aber für die Schönheit des Bildes nicht notwendig. Das Bild muss sich ja nicht selbst schön finden und verstehen muss es sich selbst gleich gar nicht. So ein Bild ist ja auch nicht für alle Menschen gleich schön und manche können gar nichts damit anfangen. Aber irgendjemanden gibt es, der es in sein Herz schließt. Das Leben ist nun aber nicht für die Menschen gemacht. Ob das fertige Bild überhaupt angeschaut wird und wenn ja von wem, weiß ich leider auch nicht.

Ich komme darauf, weil ich mich an meine Lieder irgendwie mehr „erinnere“, als dass ich sie „erschaffe“. Es ist exakt der gleiche Vorgang, nur dass es eben noch kein Dokument davon gibt. Das ist der einzige Unterschied: Vorher ist keine Tonaufnahme vorhanden hinterher schon. Streicht man die Zeit heraus, also „vorher“ und „hinterher“ gibt es keinen Unterschied mehr. Erinnern bedeutet dann erschaffen und erschaffen bedeutet erinnern.

Das trifft natürlich auch auf diesen Text zu. Nachher werde ich ihn von Anfang bis Ende nachlesen können, weil ich ihn vorher geschrieben habe. Bei umkehrbarer Zeit könnte ich ihn nachher schreiben, weil ich ihn vorher nachgelesen habe. Wegen des Zeitpfeils muss ihn jetzt aus der Erinnerung aufschreiben. Eine Erinnerung an etwas, das noch nicht passiert ist. Das klingt alles verrückt und ist ein bisschen anstrengend. Aber ich kann mir das ja nicht aussuchen. Am Ende steht nun mal dieser Text da und irgendjemand muss ihn ja schließlich geschrieben haben. Wie es also aussieht, habe ich keine Wahl. Sonst macht es ja keiner.

Kommentare