Mal was anderes

Es gibt ein Spiel, das „Bahnsteigballett“ heißt und das geht so: Zuerst wartet man, bis sich alle Reisenden eines möglichst ausgebuchten Zuges entsprechend des Wagenreihungsplanes auf dem richtigen Bahnsteig aufgestellt haben. Dann verzögert man die Bereitstellung des Zuges. Dies sagt man noch über Lautsprecher an. Grund sei eine verspätete Bereitstellung. Warum soll man lügen? Das käme bei uns Reisenden nicht gut an. Vorher lässt man noch einen Zug mit gleichem Zielort ausfallen und gibt als Grund an, dass der Zug ausgefallen ist. Jetzt sind ungefähr genauso viele Fahrgäste mit Sitzplatzreservierung auf dem Bahnsteig, wie Reisende ohne Platzkarte. Damit sich alles auch schön mischt, dreht man noch die Wagenreihung um und lässt erstmal einen nachfolgenden Zug einfahren - alles ohne Ansage, nur über Anzeigetafel. Dann stellt man den Zug auf einem ganz anderen Gleis bereit, vorzugsweise wechsele man von unten nach oben, wenn es geht. Aber hier setzt die Bahnhofsfahrordnung manchmal enge Grenzen und man muss gegebenenfalls improvisieren. Außerdem muss man als Spieler beide Bahnsteige schön im Blick haben, sonst hat man ja nichts von der ganzen Aktion. 

Solcherlei Unterhaltung ist für die Fahrgäste im Ticketpreis inbegriffen. Vielfahrer wissen diese Einlagen zu schätzen und erwarten sie geradezu. Immerhin wissen wir, das langes Sitzen ohne Ausgleich uns nicht bekommt und wir sparen wertvolle Zeit, wenn wir nach solchen Reisen unsere Schrittzähler nicht erst noch auf Trab bringen müssen. Die Bahn wiederum lässt sich das Einiges kosten und schickt ihre Mitarbeiter regelmäßig auf teure Fortbildungen, wo sie das nötige Know-how lernen und trainieren können.

Natürlich gibt es verschiedene Level und die Spieler auf unterschiedlichen Bahnhöfen sind miteinander vernetzt und spielen gegeneinander nach Punkten. Man kann auch auf mehreren Bahnhöfen einer Strecke zusammenspielen, gemeinsam Punkte sammeln und so gegen andere Bahnhöfe antreten. Wenn auf der Strecke Berlin-Frankfurt auf allen Bahnhöfen Bahnsteigballett gespielt wurde, sorgt das für ausgelassene Stimmung im Großraumabteil. Darüber freut sich die Zugchefin. Am Besten lacht aber bekanntlich, wer zuletzt lacht. Ganz großes Kino hat kürzlich eine Spielerkooperative auf der Strecke nach München abgeliefert: Da haben sie die Zugchefin in Plochingen am Gleis stehen lassen. Der Intercity nach München musste dann in Göppingen eine halbe Stunde warten, bis die Kollegin mit dem nächsten Regio hinterhergefahren kam. Für so etwas gibt es ordentlich extra Punkte. Da müssen sich die von Berlin-Frankfurt-Strecke noch ganz schön anstrengen. Vor allem muss ihnen auch langsam mal etwas anderes einfallen, als immer nur Bahnsteigballett. 

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