Neustart

Zur Zeit sitze ich wieder oft und gern an den Abenden bei mir zu Hause und singe mir selbst etwas auf meinem neuen Gitarrenverstärker vor. Das macht mich sehr glücklich. Es ist genau die Art von Musik, die mir gefällt und die Texte könnten von mir sein. Sind sie ja auch. Hin und wieder ist es mir ein bisschen unheimlich, dass ich mir selbst so gut gefalle, aber das geht ziemlich schnell vorbei. Also das Erste, dass es mir unheimlich ist. Ich sage mir dann, ich muss schließlich ein Leben lang mit mir zusammenbleiben, da habe ich gar keine andere Wahl, als mich selbst ein bisschen zu mögen. Ich könnte ja nirgendwo hin, wo ich nicht auch wäre. Also vertragt euch! Außerdem freue ich mich, dass ich schon jetzt, ein paar Jahre vor meinem 60. Geburtstag, ein schönes Abendprogramm mit mir selbst gestalten kann. Das war ja nicht immer so. Aber alles, was ich vorher gemacht habe, hat letztlich dazu geführt, dass einmal dieses Ehepaar hereinkam und mich fragte, ob ich der Künstler(!) sei, der mal den Reinhard Mey imitiert hätte. Das hat mich tief getroffen. Aber damit haben sie sich nicht etwa zufrieden gegeben. Am Schluss, als alles vorbei war, meldete sich der Mann nochmal zu Wort und sagte, er spreche für seine Frau, und ob es nicht möglich wäre, dass ich noch „Gute Nacht, Freunde“ singe. Heute gibt mir das Kraft: Es kann nicht schlimmer kommen.

Andere Künstler schaffen in einem halben Jahr, wozu ich ein halbes Leben gebraucht habe. Aber die müssen das auch machen, sie haben nichts anderes. Ich meine nicht, dass sie finanziell von ihrer Kunst abhängig sind, das sicher auch, aber sie brauchen es, um sich selbst zu spüren. Da habe ich Glück gehabt. Ich kann das, was ich aus mir selbst heraus schaffen muss, gut und gerne mit einer Erwerbsarbeit vereinbaren. Aber auch damit habe ich es gut getroffen. Ich weiß nicht, ob ich noch auf einem Stellwerk froh werden könnte, das man ab und zu mal neu starten muss, damit es überhaupt funktioniert.

Ehrlich gesagt wundere ich mich aber, dass so etwas nicht in viel mehr Lebensbereichen immer öfter vorkommt. Wahrscheinlich tut es das und wir bekommen es nur nicht so mit. Die Informationspolitik der Bahn ist ja doch auch schon etwas Besonderes. Vielleicht waren „Personen im Gleis“ oder „Vorausfahrender Zug“ jetzt doch ein bisschen abgegriffen. „Neustart“ habe ich jetzt zu erstem Mal gesehen. Es ist wunderbar. Denn: Alles neu macht der Mai.

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