Trinken mit Verstand

Der Trick mit der Bombe ist jetzt doch nicht aufgegangen. Eigentlich sollte die Höllenmaschine ein Loch in die Hauptstadt sprengen, groß, wie das Nördlinger Ries, in dem alle Probleme verschwinden und ein für allemal begraben werden können. Die Bombe war aber zu alt und man ist stattdessen einfach wieder zur Tagesordnung übergegangen. Das bedeutet, dass die Bundesregierung weiter regieren muss, der Hauptbahnhof Bahnhofsballett spielen und der Flughafen sich weiter tot stellen muss. Außerdem werden immer weiter einfach noch mehr Menschen in die wenigen Biergärten der Stadt strömen. Weil es wegen der Menschenmassen am Ausschank gar nicht mehr möglich ist, sich noch ein zweites oder gar ein drittes Glas Bier zu kaufen, wird gleich beim ersten Mal der vierfache Preis aufgerufen. Das ist alles nicht schön, aber es ist nun mal meine Welt und ich muss mich darin einrichten. Es hilft einem ja nicht weiter, deswegen ständig schlechte Laune zu haben. Aber man versteht doch ein bisschen, warum die Berliner Busfahrer so griesgrämig sind und wieso die Fahrradmechaniker keine Fahrräder mehr reparieren wollen.

Es scheint also angezeigt, erst mal zu Hause zu bleiben, bis die Bombe vielleicht doch irgendwann hoch geht. Leider scheinen auch alle Nachbarn sich im Augenblick so einzurichten. War mein Balkon in früheren Jahren ein Hort der Ruhe und Abgeschiedenheit, versammeln sich jetzt dort alle Ungezogenheiten, die sich auf dieser Welt auch nur denken lassen. Die von nebenan, die früher, wenn überhaupt nur flüsternd auf dem Balkon saßen, haben Besuch von ihrer rauchenden Tochter und sprechen vom Urknall bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution noch mal alle sozialen Veränderungen des Universums durch. Die von unten will das natürlich nicht hören und errichtet eine Schallmauer mit ihrem Bluetooth-Handy-Lautsprecher, die mich ohne zu fragen mit einmauert. Dabei stelle ich fest, dass Musik vor allem 4/4 Takt und 120 bpm haben muss, dazu einen Teppich aus Synthesizer-Klängen und ständige Wiederholung. Wenn es aufhört und man aufatmen will, fängt es wieder von vorne an. Das Wort „Musiktherapie“ bekommt auf einmal eine ganz neue Bedeutung.

Immerhin bekomme ich aber ordentlich gekühltes Hefeweizen zu Wohnzimmerpreisen. Ohne Fahrrad wird die bedarfsgerechte Bevorratung aber wieder zu einer Aufgabe, die ich in den nächsten Tagen angehen muss. Das händische Tragen vom Bahnhof bis nach Hause finde ich noch irgendwie entwürdigend. Aber vielleicht sollte ich trotzdem dabei bleiben. Denn selbstgeschlepptes Hefeweizen schüttet man eben nicht einfach so sinnlos in sich rein. Sondern man trinkt es mit Verstand.

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