Unterschiedliches

Ich sitze auf einem Einzelsitz am Fenster und auf der anderen Gangseite sitzt eine Dame, die in meine Richtung schaut. Ich kann nicht direkt hingucken, aber ich vermute mal, sie schaut aus dem Fenster. Aus meinem Fenster! Ich grübele darüber nach, wie ich das unterbinden könnte. Ich könnte das Rollo runterziehen. Davon wäre dann allerdings auch mein Hintermann betroffen. Schräg vor mir hat ein Herr ein Hefeweizen bekommen, das nun scheinbar sich selbst und der Schwerkraft überlassen bleibt. Es rutscht auf dem Tischchen und ich muss die Augen zukneifen und nur ab und zu durch die Lider schielen, wie früher bei dem Film mit dem Flugzeug, wo einer den Propeller wieder anwirft und ich weiß, dass er dabei verletzt wird. Die Dame hat jetzt Stöpsel in den Ohren bewegt die Füße, Arme und Oberkörper und flüstert einzelne Textzeilen mit. Dann steht sie auf und ich gebe mich der Vorstellung hin, sie würde bei 160 km/h einfach aussteigen. Was sie natürlich nicht tut. Stattdessen kommt sie wieder und isst einen Apfel. In Zeitlupe. Wir sind noch nicht mal in Erfurt und sie wird bis Berlin an diesem Apfel essen. Ich kann fast nicht mehr schreiben, weil ich vermute, dass sie mitliest. Ich überlege, wie ich schnell den ganzen Text in griechischen Buchstaben erscheinen lassen kann. Es fällt mir aber nicht ein. 

Wenn die anderen Reisenden nicht wären, wäre das Reisen ein Kinderspiel. Das autonome Fahren könnte auf der Schiene beginnen. Man kann eine Einzelkabine buchen. Wenn viele dasselbe Ziel haben, kann man die Kabinen zusammenkoppeln und hat wieder einen Zug. In der Kabine ist man aber für sich, wie im Auto. Es bringt einem niemand Hefeweizen, aber dafür guckt auch niemand aus meinem Fenster. Am Ziel steigt man einfach aus und geht seiner Wege. Das sollte doch ohne viel Aufwand machbar sein! 

Die Dame ist jetzt tatsächlich ausgestiegen. Nicht bei 160 km/h, aber in Erfurt. Ohne die Dame fährt der Zug jetzt fast 300 km/h. Auf dem Einzelsitz vor mir fährt auch eine Dame, wie ich gerade feststellen konnte, weil sie sich einen Pullover aus ihrer Tasche geholt hat. Ich hätte ihr gern geholfen, aber das war völlig unnötig. Ich würde sie auch gern einladen, ein bisschen aus meinem Fenster zu gucken, aber sie hat natürlich ein eigenes. Es gibt so verschiedene Damen auf der Welt und sie lösen ganz und gar Unterschiedliches in mir aus. Und hinter mir, in Erfurt, geht gerade die Sonne unter. 

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