Freitag

Ich habe soeben eine neue Methode für effizientes Schreiben entwickelt: Statt geschlagene zwei Stunden vor einem leeren Blatt herumzusitzen und dabei immer schlechtere Laune zu kriegen, beginne ich erst zwanzig Minuten bevor ich das Haus verlassen muss. Man muss dann sofort los schreiben, egal was. Zum Blatt voll schreiben reicht die Zeit allemal und man hat eigentlich keine Zeit mehr, zwischendurch lange zu überlegen. Das Überlegen und Sich-Gedanken-machen ist überhaupt der größte Zeitvernichter, den man sich vorstellen kann. Wenn man sowieso irgendwo rumsitzt, beim Arzt, im Bus, in der Bahn oder wenn man im Bett liegt, kann man sich jede Menge Gedanken machen und sich auch mal was überlegen. Aber wenn es an die Arbeit geht, muss man anfangen. Sonst wird es nichts. Ich bin sehr stolz auf meine neue Methode. Ich nenne sie „Speedschreiben“ und werde sie mir patentieren lassen. Mit Sicherheit kann man sie auch auf andere Bereiche anwenden. 

Jetzt habe ich doch wieder ganz schön lange überlegt, welche Bereiche das sein könnten. Dabei ist mir aufgefallen, das das Schreiben wahrscheinlich wirklich der letzte Bereich ist, auf den man die Methode anwenden könnte. Klavierspieler, Busfahrer, Nachrichtensprecher - alle machen es eigentlich schon und überlegen nicht erst lange. Außer Politiker. In der Politik machen sie sich fast nur Gedanken und überlegen und geschafft wird nichts. Wenn sie dann doch mal was machen, ist es meistens Murks. Also wäre meine Methode offenbar in der Politik anwendbar und vielleicht geradezu unverzichtbar. 

Natürlich habe ich es in den zwanzig Minuten nicht geschafft und musste das Schreiben für die Tagesroutine unterbrechen. Jetzt finde ich den Faden nicht wieder. Das ist aber eigentlich egal, denn die Methode funktioniert ja gar nicht. Ich bin schon ein bisschen enttäuscht. Wahrscheinlich ist „Speedschreiben“ ein bisschen wie „Schreiben nach Gehör“ und würde schließlich verboten werden. Vielleicht muss ich aber nur von zwanzig Minuten auf dreißig erhöhen? Es ist noch zu früh, um die Flinte jetzt schon ins Korn zu werfen. Wie man es diesem Text vielleicht anmerkt, konnte ich heute gar nicht überlegen. Ich sollte eigentlich einen Mann in eine Arztpraxis begleiten, aber in der Arztpraxis war jetzt eine neue Ärztin und die hatte gar keine Sprechstunde. Dafür war da ein Mann mit einem Staubsauger. Mein Mann bestand auf seinem Termin, aber der Staubsauger-Mann lachte nur. So trollten wir uns schließlich. Darum konnte ich nicht nachdenken. Und außerdem ist Freitag. Schönes Wochenende!

Gar nicht so schlimm

Mein Fahrrad ist inzwischen Dorfgespräch. Ich werde andauernd daraufhin angesprochen. Wie lange es denn nun schon weg sei? In der Zeit hätte ich mir ja ein neues bauen können! Was es wohl kosten wird, wenn es denn mal fertig werde. Ich sehe schon nicht mehr fern, weil ich befürchte, dass sie dort auch darüber berichten. Nachdem ich den Fahrradmann aus Friedrichshagen erst tagelang nicht erreichen konnte, hat er jetzt selbst angerufen und sich nach dem Fahrrad erkundigt. Er hätte es zur Reparatur weitergegeben, dort würde sich auch niemand mehr melden und es könnte ja sein, dass ich etwas gehört hätte. Leider konnte ich ihm nicht helfen. Als nächstes wird mich wahrscheinlich eine Polizeistreife anhalten, während ich zu Fuß unterwegs bin. Wo denn mein Fahrrad sei? Ich müsse bitte mitkommen. Weil ich keine Auskunft geben kann, behalten sie mich da, bis ich es mir anders überlegt habe. Ich bekomme nur Wasser und kein Brot, weil ich mich weigere, mit Plastikbesteck zu essen. Schließlich sage ich ihnen einfach, was sie hören wollen. So komme ich wieder frei.

Dieser Tage fällt es mir etwas schwerer als sonst, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Es erscheint ohnehin alles etwas unwirklich. Ich laufe lächelnd durch den Tag erlebe Situationen, die eigentlich gar nicht real sein können. Zum Beispiel wurde ich in einen glühenden Backofen geschickt, um dort mit anderen Unglücklichen zu singen (!). Ich dachte an Dante: „...die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“ Wir sangen vom Wasser aber das Naheliegende fiel uns nicht ein: Hänsel und Gretel. Leider hatte diesmal die Hexe gewonnen. 

Ich will mich aber nicht beklagen. Ich bin noch gut dran. Ich habe zwar keine angemessenen Kleidung für die derzeitige Witterung, bin aber immerhin schon nahe dran. Viel schlimmer trifft es die Schafe. Ich weiß gar nicht, wo sie ursprünglich hergekommen sind, aber sie sind zu einer Zeit aufgebrochen, als es noch wesentlich kühler war. Da haben sie sich sicherheitshalber Pullover angezogen. Schafe haben ja kein Gepäck. Sie haben nur das, was sie auf dem Leib tragen. Das rächt sich jetzt. Es ist mit den Pullovern eigentlich überhaupt nicht mehr auszuhalten und die Tiere quälen sich elendiglich. Aber sie können die Pullover nun mal nicht einfach ausziehen. Was aber noch viel schlimmer ist: Die Schafe haben keinen Kühlschrank; folglich haben sie auch kein Hefeweizen. Andererseits ist das für die Schafe wahrscheinlich gar nicht so schlimm. Sie kennen es eben nicht anders. 

Immer falsch

Dass der November der neue September ist, hatten wir ja schon festgestellt. Nun stellt sich aber heraus, dass wir im Mai schon August haben. Folglich wird der August der neue November. Da der August mit dem Mai gerade vorbeigeht, folgt unweigerlich der Dezember, wenn der nicht auch lieber jemand anderes sein will, was man ihm nicht verdenken könnte. So gerät langsam und immer schneller alles aus den Fugen. Man kann sich auf nichts mehr verlassen. Was gestern noch galt ist heute schon alt. (Hat Hannes Wader gesungen.) So wie Plastik. Plastik war, wie alles, was sich Menschen ausdenken, erst ein Himmelsgeschenk und dann schließlich Teufelszeug. Die Plastiktüte war genial! Ich glaube, wir fanden sie sogar schön. Wer eine hatte, tauschte sie gegen die Schulmappe ein. Daraufhin wurde sie dann für den Schulbetrieb verboten, aber das hatte ausschließlich ideologische Gründe. Inzwischen ist soviel Plastik produziert worden, dass auf jeden Kopf der Weltbevölkerung gut eine Tonne Kunststoff kommt. Leider, das haben wir am Anfang übersehen, ist Plastik als Müll nachhaltiger als radioaktiver Abfall. Der hat nämlich wenigstens eine Halbwertzeit - Plastik zerfällt gar nicht. Jetzt sind es noch die Mägen der Eissturmvögel, die verstopfen. Aber irgendwann ist jede Ritze davon voll und es verschwindet wahrscheinlich erst, wenn der Planet in der Roten-Riesen-Sonne verdampft.

Wer allerdings plastikfrei einkaufen will, kommt nicht sehr weit. Schön, dass es bald pastikfreie Alternativen zu Trinkhalmen und Luftballonstäben geben wird. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon mal gekauft zu haben. Ich kenne aber Menschen, die ohne Trinkhalm in öffentlichen Cafés und Restaurants aufgeschmissen wären. Aber offensichtlich werden an den Stränden hauptsächlich Trinkhalme und Luftballonstäbe angespült. Na und Plastikgeschirr. Das ist ja nun wirklich die Höhe. Aber selbst bei dieser Ursünde der zivilisierten Gesellschaft - nichts anderes ist das Einmal-Plastik-Geschirr - steht einer von uns rein und unbefleckt da. Es ist Günther Oettinger, der Kommisar aus Brüssel. Eigentlich kommt er ja aus Ditzingen, wo er seine Jugend verbracht hat. Und sein Saitenwürstchen, das hat er wissen lassen, sein Saitenwürstchen hat er immer vom Papierteller gegessen.

Mit „Saite“ bezeichnet man im Süddeutschen einen dünnen Darm, der ja quasi eine natürliche und damit die optimale Verpackung seines Inhalts darstellt. Wozu man da noch einen Papierteller einsauen muss, der wahrscheinlich auch mit Plastik beschichtet war, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich um seinen Senf dazuzugeben. Das hat der Günther Oettinger in seiner Jugend auch schon immer so gemacht. Aber „schon immer“ taugt nicht als Argument: Dann hat er es eben schon immer falsch gemacht.

Schwerer Kopf

Jetzt weiß ich wieder warum ich so viel Fleisch essen muss. Ich habe mir noch mal eine Fernsehdokumentation angesehen, in der sie es erklärt haben: Als einer der frühen Hominiden nämlich das Wurstmesser erfunden hat, kriegten sie damit endlich das Fleisch von den Aas-Knochen ab. Der erhöhte Fleischkonsum führte dann in der Folge zu einem rasanten Wachstums des Gehirns, dessen Größe sich erst verdoppelte und dann noch mal einen Sprung machte. Tja, und seitdem hat es eben immer Hunger und mit Salat, Äpfeln und Knäckebrot kriegt man es nun mal nicht satt. Darum müssen wir jetzt Fleisch essen, jede Menge Fleisch, ob wir nun wollen oder nicht. Das wäre nun alles gar nicht so schlimm, denn Fleisch schmeckt ja auch viel besser als Gemüse, zumindest, seit man es am Feuer braten kann. Problematisch ist es ja nur, weil wir soviele Gehirne geworden sind, die alle Fleisch essen wollen. Wenn statt den Gehirnen die Ohrläppchen größer geworden wären hätten wir das Problem heute nicht, denn Ohrläppchen können nun mal nicht denken. Gehirne können das aber und sie denken sich eben auch so kranke Sachen aus, wie die Massentierhaltung, die Plastikverpackung und den Dieselmotor. Was soll’s? Hauptsache, es macht satt.

Apropos satt. Man soll ja nun auf keinen Fall so lange essen, bis man satt ist. Das Satt-Gefühl kommt nämlich von einem Bimetall-Streifen im Gehirn, der ziemlich träge reagiert. Wenn das Gehirn merkt, dass es satt ist, ist es schon zu spät. Die Schlosser würden sagen: Nach „fest“ kommt „lose“. Und nach „lose“ kommt „ab“. Das Gehirn lässt nun „lose“ einfach aus. Da kommt gleich „ab“. Sozusagen.

Das Gehirn macht aber vor allem eines: den Kopf schwer. Ein Erwachsenen-Kopf mit Gehirn wiegt so viel, wie eine Bowling-Kugel. Seit ich das weiß, lege ich jetzt immer erst eine Bowling-Kugel auf die Wage, stelle sie dann auf „0“ und erst danach wiege ich mich. Mit den so gewonnen Ergebnissen kann man zufrieden sein. Warum ich da nicht gleich drauf gekommen bin! Da stellt man sich nackig auf die Wage, hat aber den Kopf noch dran, den man natürlich nicht so einfach  abnehmen kann. Wer will schon wissen, was man mit Kopf wiegt?! Da kann man ja sowieso nichts beeinflussen. Sagt jedenfalls mein Gehirn. Und das muss es ja wissen.

Viele Welten

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Von Christian Schirm - Eigenes Werk, CC0, Link


Leider scheint die Datenschutzgrundverordnung nicht für meinen Hausbriefkasten zu gelten. Dort landen nach wie vor dicke Zeitungen und Werbeblätter, die ich nicht bestellt habe. Am schönsten Sonntag blinkt dadurch mein Postmelder und zwingt mich, die Papiertonne aufzusuchen. Immerhin kann ich so gleich den Müll mitnehmen und der Schrittzähler kommt auch mal wieder raus. Trotzdem. Ich kann eigentlich nicht verreisen, weil nach zwei Tagen mein Briefkasten hoffnungslos zugestopft wäre. An meinem klebt ein Schild „Keine Werbung!“, was aber nichts nutzt. Immerhin könnte ich mich jetzt beschweren. Ja sicher. Beim wem denn? Ich kann das Papiermüll produzieren und zum Wegwurf verteilen auch scharf geißeln. Und verurteilen kann ich es auch. Was ich hiermit tue. Jawohl. So, nun haben sie es. Ich weiß mich zu wehren. Trotzdem verstopfen sie den Briefkasten.

Im Prinzip werden diese Zeitungen doch nur gedruckt, um ungelesen in den Müll zu fliegen. Wenn ein kundenfreundlicher Austräger sie ohne Umweg über die Briefkästen entsorgt, kriegt er Ärger. Bei mir schmeißen sie jetzt immer gleich zwei Exemplare rein, wahrscheinlich wegen des Keine-Werbung-Aufklebers. Aber vielleicht habe ich auch wie so oft Unrecht und die Zeitungen werden von allen anderen mit großem Interesse gelesen. Nur ich schmeiße sie immer gleich weg und darum kriege ich auch nichts mit. Ich habe keine Ahnung, was in meiner Region alles passiert. Möglicherweise sind zwischen den Zeilen auch wichtige Hinweise auf den Verbleib meines Fahrrades verborgen. Vielleicht hat der Fahrrad-Mann aus Friedrichshagen meine Telefonnummer verbummelt und versucht mich schon seit Wochen über ganzseitige Anzeigen im Werbeblatt zu kontaktieren. „Bitte melde dich!“

Sei’s drum! Es gibt eine andere Wirklichkeit, in der keine kostenlosen Zeitungen die Briefkästen verstopfen. Dort gibt es auch keinen Plastikmüll und keine Atomraketen. Hugh Everett III veröffentlichte 1957 seine Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik. Danach verzweigt und überlagert sich die Wellenfunktion eines Ereignisses im Moment der Beobachtung (Messung) und existiert danach in zwei Versionen (Zuständen) weiter. Das bedeutet nichts anderes als dass es, so, wie es unsere Wirklichkeit gibt, auch unzählige andere Wirklichkeiten gibt, in denen der Planet nicht von seinen Bewohnern zerstört wird. Weil wir uns nämlich wegen der hohen Unwahrscheinlichkeit lebensfreundlicher Bedingungen in keiner anderen der unzähligen Wirklichkeiten entwickeln konnten. Ist das nicht tröstlich?

Kompliment

Meine neue fußläufige Mobilität zeitigt übrigens auch ihre Folgen im Sozialen. Während Begegnungen, die man als Autofahrer hat, sich höchstens in hektischem Winken, Lichthupe oder blinkenden Rücklichtern ausdrücken und man auch als Radfahrer eher selten anhält, gilt es doch als grob unhöflich, wenn man als Fußgänger nicht kurz stehen bleibt und ein bisschen smalltalked. Auf diese Weise begegnete ich einem Kollegen, der mir erzählte, dass er von meinem Auftritt mit Fender gehört habe. Ich hätte dort „Reinhard-Mey-mäßig“ gesungen. Tja. Da habe ich es wieder. Dieser Reinhard Mey ist ein Fluch. Ich werde ihn nicht mehr los. Dabei hatte ich früher nur eine einzige Single mit „Annabelle“, „Ich bin Klempner von Beruf“, „Der Mörder ist immer der Gärtner“ und „Gute Nacht Freunde“. Sicher kannte ich auch noch „Über den Wolken“ und „Es gibt Tage, da wünscht ich, ich wär mein Hund“ hatte ich zufällig mal mit dem Tonbandgerät erwischt. Aber erst ab der zweiten Strophe. Das war’s aber auch schon.

Ich frage mich, ob Reinhard Mey auch immer mit jemanden verglichen wurde. Habe sie nach seinen Auftritten etwa auch immer gesagt, er hätte Yves-Montand-mäßig gesungen? Ich glaube nicht. Ich glaube eher, dass er auch diesem Fluch zum Opfer gefallen ist und nach seinem Auftritt beim Chanson-Festival auf Burg Waldeck zu hören bekommen hat, er klänge ganz genau wie Reinhard Mey. Darum hat er sich dann das Pseudonym Alfons Yondrascheck zugelegt, beziehungsweise später Frederik für Frankreich. Genützt hat es ihm freilich nichts. Er war schlau genug, rechtzeitig seinen Frieden damit zu machen und immer gleich als Reinhard Mey aufzutreten.

Für mich scheidet diese Möglichkeit inzwischen aus. Zu DDR-Zeiten hätte ich noch der „Reinhard Mey des Ostens“ werden können. Heute bliebe mir nur noch „Reinhard Mey für Arme“, und das möchte ich nicht. Eigentlich habe ich daraufhin ganz bewußt versucht, mich in Johnny Cash zu verwandeln. Das kann aber nicht funktionieren, weil Cash nur englische Texte gesungen hat. Ich kann nun fast überhaupt keine englischen Texte mehr. Herausgekommen ist dabei etwas ganz anderes, leider auch nichts Eigenes:
„Weißt du, wenn du so singst und Gitarre spielst, weißt du, an wen du mich da erinnerst?“
„Nee.“
„An Gunter Gabriel!“
Ich nehm’s als Kompliment und bin darüber hinaus einfach der, der ich bin.

Gar nicht so schlecht

Ich bin leider sehr dumm. Ich sehne mich seit mehr als einem Jahrzehnt nach dem Ende der leidigen Erwerbsarbeit. Manchmal habe ich dann aber einen klaren Moment oder ich sehe was dazu im Fernsehen. Dann weiß ich es wieder: Das Leidige ist nicht die Arbeit; das Leidige ist der Alltag. Und den Alltag wird man nun mal nicht los. Ich könnte in einem Schloss wohnen, in der Lage, jeden Tag nach Lust und Laune zu verbringen - ich würde über ein Entkommen aus dieser Tretmühle nachsinnen. So bin ich nun mal programmiert. Nicht zu ändern. Das Ende der Erwerbsarbeit wird kommen, früher als gedacht und man kann dabei eigentlich nur verlieren. Man verliert die Aufgabe, über die man sich lange Zeit definiert hat. Es ist egal, ob man nun über die Aufgabe schimpft und klagt, ob man sie loswerden will oder sie sehr schätzt. Die Aufgabe ist etwas, das zu einem gehört und auf einmal ist sie weg. Man verliert die Menschen, mit denen man diese Aufgabe geteilt hat. Es ist egal, ob man sie geliebt oder gehasst, bewundert oder bedauert hat. Sie gehören zu mir, wie mein Name an der Tür - bis zu diesem Tag, an dem sie für immer aus meinem Leben verschwinden werden. Und dann?

Es liegt auf der Hand, dass ich dann eine neue Aufgabe finden muss und Menschen, mit denen ich sie teilen kann. Vielleicht habe ich ja mit meinen Liedern schon etwas. Vielleicht auch nicht. Ob es mich dann trägt und froh machen kann, ob es etwas ist, was ich abends und an Wochenenden weglegen und von dem ich Urlaub machen kann? Wahrscheinlich kann man das eben nicht vorher wissen. Es wird sich zeigen. Schön wär’s jedenfalls.

Im Konfirmandenunterricht hat der Pastor mal gesagt, es wäre eine große Gnade, gemeinsam alt zu werden. Ich habe das damals nicht verstanden, aber ich habe es mir bis heute gemerkt und jetzt verstehe ich es. Mein Vater hatte seine neue Aufgabe fast ein Jahrzehnt darin, meine Mutter zu pflegen. Nun ist bald wieder ein Jahrzehnt vergangen seit sie starb, und er blieb allein zurück. Am Ende bleibt immer einer allein. Es beginnt allein und es endet allein. Ist es nicht besser, man bleibt zwischendrin auch gleich allein? Nein, ist es nicht. Dann könnte man auch sagen, es ist besser, gleich gar nicht zu leben, wenn man vorher nicht da war und hinterher tot ist. Das ist aber nicht richtig. Vielleicht gibt es was Besseres; zu leben ist aber schon mal gar nicht so schlecht.

Ich helfe gern

Ich leide unter einer sehr speziellen Form der Reisekrankheit: Immer wenn ich verreise, entwickle ich am ersten Tag Symptome irgendeiner lebensbedrohlichen Krankheit, die bis zum letzten Reisetag anhalten. Wenn ich mich am nächsten Tag einem Arzt vorstellen will, sind die Symptome verschwunden. Das ist äußerst lästig und es wird nicht besser, sondern schlimmer. Zweifellos werde ich auf diese Art mein Ende finden, wenn ich einmal nicht rechtzeitig von einer Reise zurückkehre. Darum kann ich jeweils nur noch ganz kurz verreisen. Jedenfalls, wenn ich hinterher noch etwas vorhabe. Das war dieses Mal der Fall, denn meine Agentin hatte angerufen. Sie hat von Fenders und meinem Auftritt gehört und ich soll es noch mal machen. Und zwar während der diesjährigen Brandenburger Landpartie im Erdbeerfeld. Das wird dann Fenders erster Open-Air-Gig. Vor solchen Auftritten bin ich auch immer regelmäßig krank. Es ist aber nicht so schlimm wie auf Reisen, weil die Auftritte nicht so lange dauern. Eine regelrechte Tournee würde ich wahrscheinlich nicht überleben. 

Damit befände ich mich aber in guter Gesellschaft. Ich glaube, dass viele Musikanten und Musiker den psychischen Belastungen der Auftrittsindustrie zum Opfer gefallen sind. Es gibt unterschiedliche Strategien für den Umgang mit dem  Stress. Ich konnte bei richtigen Auftritten eigentlich nie Gitarre spielen. Die Finger waren zu nichts zu gebrauchen. Meine rechte Hand glich einem aufgeblasenen Einweghandschuh. Eine Lösung war, einen zweiten Gitarrenspieler dabei zu haben oder eben gleich gar nicht zu spielen, sondern nur zu singen. Alkohol ging zwar auch, führte aber zu starken Gedächtnisstörungen und irgendwann leidet auch die Artikulationsfähigkeit. Man kann dann zwar gut spielen, lallt aber und weiß keine Texte mehr. Das Auditorium toleriert solche Ausfälle nur sehr begrenzt. Seit ich regelmäßig Blutdrucksenker einnehme, tritt dieses Problem jedenfalls nicht mehr auf. Aber wir wollen es nicht beschreien.

Die Erwerbsarbeit ist auch wieder aus dem Urlaub zurück. Sie hat schon ein paar mal angerufen. Ich weiß aber noch nicht genau, was sie von mir will. Es geht ganz offensichtlich wieder einmal um Termine. Ich soll hierher kommen und dorthin gehen. Wenn ich dann da bin, muss ich eigentlich nichts nennenswertes machen, Hauptsache, ich bin da. Ein Mann wollte eine neue Brille. Ohne Brille könne er nichts sehen. Ich begleitete ihn zum Optiker. Er probierte ein Gestell und behauptete glücklich, endlich wieder zu sehen. Er bedankte sich überschwänglich. Die Gläser hatten +-0 Dioptrien. Wenn’s weiter nichts ist - ich helfe gern!

Abenteuer bestehen

Ich kehre zurück. Zurück aus einer Zauberwelt, in der schlimme Verletzungen durch Handauflegen oder Kühlakkus innerhalb von Sekunden geheilt werden. Zurück in meine Welt mit Terminen und Problemen. Ich bin gespannt, wie schnell sie wieder von mir Besitz ergreifen kann. Vielleicht kann ich ja diesmal auch etwas mitnehmen und die „Probleme“ werden „Abenteuer“, die ich bestehen muss, um das Herz der schönen Prinzessin zu gewinnen. Eine der nächsten Aufgaben könnte es zum Beispiel sein, mein treues Fahrrad aus der Gewalt des bösen Zauberers zu befreien. Wie das gehen soll, weiß man vorher nicht. Abenteuer besteht man nicht, indem man einen Plan macht. Abenteuer besteht man, indem man mit einem mutigen Herzen unerschrocken loszieht. Dann wird man schon sehen. Die jüngste meiner beiden Nichten geruhte, ihren neunten Geburtstag umringt von Einhörnern und ihren Gespielinnen in einem „Spielparadies“ zu zelebrieren. Mehr als einmal mussten sie eine von ihnen aus der Arena zu ihrem Stützpunkt begleiten, wo es mir oblag, sie ausgiebig für ihren Mut und ihren Eifer zu preisen und über den grünen Klee zu loben.

Nun sind Mädchengeburtstage für mich ohnehin eine fremde Welt. In den letzten Jahren erhielt ich erstmals Zutritt zu diesen Veranstaltungen, sei es wegen meines Onkelstatus oder weil ich zu unterhalten vermochte. Denn auch Mädchen suchen mitunter die Zerstreuung und das kurzweilige Vergnügen. Jungsgeburtstage pflegen jedoch grundsätzlich anders abzulaufen. Viel kann ich darüber heute nicht mehr sagen, aber wir hatten damals jedenfalls keine Einhörner dabei. Hüpfburgen, gewagte Rutschenkonstruktionen und Autoscooter kannten wir nicht. Wir kletterten auf Bäume und stürzten uns von Kieshügeln todesmutig in den Abgrund. 

Inzwischen sehe ich klarer. Mein treues Einhorn wurde in ein schnödes Fahrrad verwandelt und wird seitdem gefangen gehalten. Niemand könnte ein Einhorn gefangen halten, es sei denn, er verfügt über Zauberkräfte, mit denen er es in ein kaputtes Fahrrad verwandeln kann. Ich kann von Glück sagen, dass ich nicht selbst auch in ein Fahrrad oder vielmehr in eine Schubkarre transformiert wurde. Irgendetwas muss mich beschützt haben. Ich vermute, es war mein Einhorn, indem es den Zauberer seine ganze Kraft kostete. Gleichzeitig konnte es sich jedoch nicht mehr selbst schützen. Jetzt, wo ich das erkannt habe, muss ich handeln. Ich spüre, dass das Schicksal unseres Planeten davon abhängt, dass ich mein Einhorn befreie. Es ist sicher nicht ungefährlich und es kann sein, dass es sehr ungemütlich wird. Egal, ich habe mich entschieden. Ich rette das Einhorn - und damit uns alle!

Ohne Soße

Neulich hatten wir es wieder vom Kochen. Es ging um Spaghetti der Marke „Gut und günstig“, die unter siebzig Cent kosten. Das müsse doch nicht sein, man könnte doch passierte Tomaten nehmen. Könnte man. Man könnte auch die Nudeln aus Hartweizengrieß selbst herstellen. Aber dann hätte man immer noch nicht dieses Spaghettigericht. Ob ich denn Zwiebeln angebraten hätte? Um Gottes Willen! Ja, wenn man alles kaputt machen will, kann man das machen. Aber niemand kann die „Würzende Mischung“ nachmachen oder durch irgendetwas ersetzen, die wahrscheinlich liebevoll irgendwo zusammengefegt wurde und die man in die undefinierbare rote Pampe schüttet, nachdem man sie mit genau derselben Volumeneinheit Wasser vermischt hat.

Es mag für Menschen, die sich mit der Zubereitung ihres Essens viel Mühe geben niederschmetternd sein: aber es schmeckt im Ergebnis nun mal nicht so gut, wie ein Fertiggericht. Das Fertiggericht schmeckt in der Hauptsache nach Salz. Ich habe mal jemanden getroffen, der seine Fünf-Minuten-Terrinen ohne Wasser in sich hineingelöffelt hat. Das halte ich für die Hohe Schule des Genießens. Es ist die Reduzierung auf das Wesentliche, die der Genussmensch zu schätzen weiß. Im Übrigen ist es mir immer ein bisschen peinlich, wenn über so offensichtliche Banalitäten gesprochen wird, wie über die Tatsache, dass Erhitzen die Nahrung bekömmlicher macht. Haben die Menschen eben irgendwann herausgefunden. Genau, wie den Trick mit der Sprache, die eben ein bisschen genauer sein kann als Zeigen und Grimassen schneiden.

Ich weiß aus einem Lied von mir, dass wir früher auf Partys Spaghetti gegessen haben. Dem Text ist weiter zu entnehmen, dass die Soße aus Tomatenketchup gemacht wurde, den es nicht immer gab. Erinnern kann ich mich daran heute nicht. Überhaupt kommt Essen in meinen Erinnerungen kaum vor. Ich weiß nur noch, dass meine Mutter uns vor dem Wochenende fragte, was es zu essen geben sollte. Das hat sie bei mir aber nur kurz gemacht, weil ich immer das Gleiche wollte. Warum sollte man auch ständig was anderes essen? Pferde bekamen doch auch immer das Gleiche und sie fraßen es offenbar mit großem Appetit. Als ich mich später beruflich umorientierte und von zu Hause aus arbeitete, gehörte es zu meinen Aufgaben, mittags die Kartoffeln aufzusetzen. Was es dann außerdem zum Mittag gab, weiß ich nicht mehr. Vielleicht Blumenkohl. Jedenfalls ohne Soße.



Morgengesichter


Mein alter Freund Axel erzählte mir vor kurzem die Geschichte, wie es bei ihm mit den Handys angefangen hatte: Seine Freundin gab ihm ihr altes Telefon, damit die Kinder ihn erreichen könnten. Das wurde früher oft gesagt, wir brauchen das Handy ja, damit man uns erreichen kann. Frauen brauchten es, damit sie Hilfe rufen konnten, falls sie mit dem Auto im dunklen Wald liegen blieben. Ich hatte weder Auto noch Kinder. Niemand versuchte, mich zu erreichen. Ich kaufte mir trotzdem ein Handy. Außerdem einen Vertrag von Viag Interkom. Die mit dem Haus. „Ist das Haus im Display, telefonierst du festnetzgünstig.“ Ich telefonierte gar nicht. Das war noch günstiger. Das Haus war selten im Display, weil das Netz nie da war, wo ich mich aufhielt. Als es mit Smartphones losging, war ich natürlich dabei. Erst Blackberry, dann iPhone. Es ging aber niemals darum, erreichbar zu sein.

Es ging immer darum, dass möglichst alles funktionierte. Das muss man eigentlich ohne Unterlass testen und wenn etwas nicht funktioniert, muss man herausfinden, warum nicht und es wieder zum laufen bringen. So gehen die Tage ins Land. Inzwischen bin ich auch nur noch sehr schwer erreichbar, weil ich selbst den Überblick über meine ganzen Telefonnummern verloren habe. Ich versuche es so einzurichten, dass möglichst alle Geräte klingeln, egal welche Nummer gewählt wird. Einschließlich Toaster und Staubsauger. Das gelingt aber nicht vollständig. Wenn aber doch mal jemand anruft, klingelt und vibriert es schon auf einer erklecklichen Anzahl von Geräten. Ich stehe dann wie paralysiert in der Mitte und weiß nicht, an welchem ich das Gespräch annehmen soll.

Am einfachsten wäre es auf der Smartwatch. Während ich aber überlege ob über Lautsprecher oder Ohrstöpsel ist das Gespräch schon auf der Mailbox. Aber auf welcher? So ein Anruf verursacht enormen Stress. Wenn ich die Smartwatch am Morgen umbinde, muss ich sie mit dem Telefon entsperren. Mein neues Telefon erkennt mich am Gesicht. Aber niemals morgens! Das ist wirklich krass! Wenn ich was von dem Telefon will, grinse ich es immer blöd an. Was, wenn diese Fotos gespeichert und irgendwann veröffentlicht werden? Wahrscheinlich werde ich bald eine Erpressermail mit unmöglichen Morgengesichtern bekommen, die an alle meine Adressbuchkontakte geschickt werden, wenn ich nicht zahle. Das ist mir aber egal. Solange sie mich nicht anrufen.

Benutzt, missbraucht, entführt

Die Schafe sind weitergezogen. Offenbar sind Schafe Zugtiere. Darum sagt man ja wohl auch „Schaf-Zucht“. Genau genommen sind sie eine Plage, denn sie lassen sich wie die Heuschrecken in Schwärmen auf begrünten Flächen nieder, fressen dort alles kahl und dann ziehen sie weiter, um auch an ihrem neuen Standort alles kahl zu fressen. Anders als Heuschrecken kann man Schafen aber ganz gut Grenzen setzen, weil sie nicht fliegen können. Ein kleiner Zaun genügt und schon kommen sie nicht weiter. Sie würden verhungern nachdem sie ein ihnen zugeteiltes Stück kahl gefressen haben, wenn der Mensch nicht wäre. Darum müssen sie dem Menschen für immer dankbar sein und ihm ihre Wolle, ihre Milch und ihr Fleisch schenken. Der Mensch benutzt sie darüber hinaus einfach als Rasenmäher. Diese Angewohnheit weitet sich auch auf den Umgang mit anderen Tierarten aus, zum Beispiel Tauben. Vor kurzem wurde ich Zeuge, wie eine Taube zur S-Bahn-Reinigung eingesetzt wurde. Sie lief im Zug umher und pickte Unrat weg. Alles Schlechte ins Kröpfchen. Ich befürchtete erst, wenn der Zug anfährt, würde die Taube in Panik auffliegen und womöglich andere Reisende verletzen. Das geschah aber nicht. Die Taube war offensichtlich eine geübte Bahnfahrerin und ging mit den beim Anfahren und Abbremsen auftretenden Kräften sehr professionell um.

Das erinnerte mich an die Berg- und Tal-Bahn auf dem Hennigsdorfer Rummelplatz. Nachdem sich das Ding in Bewegung gesetzt hatte, kamen sie kassieren. Dreißig Pfennige oder zwanzig? Sie bewegten sich wie auf Schiffsplanken von Gondel zu Gondel, sprangen auf und sprangen ab und sahen dabei ziemlich cool aus. Ich habe es immerhin irgendwann dazu gebracht, auf dem breiten Hinterteil unseres galoppierenden Voltigierpferdes Felix freihändig zu stehen. Aber das war ein langer Weg voller Misserfolge, Demütigungen und blauer Flecken. Ich habe leider nicht mitbekommen, wo die Taube schließlich ausgestiegen ist. Ich vermute, dass sie von dort wieder zurückfuhr. Das wäre noch interessant, ob sie immer nur für einen Wagen oder für den ganzen Zug verantwortlich ist.

Mein Fahrrad hüllt sich mal wieder in Schweigen. Es wollte eigentlich anrufen, wenn es fertig repariert ist, aber nichts passiert. Wenn ich anrufe ist immer nur der Mechaniker dran, der dann keine Zeit hat. Mit dem Fahrrad lässt er mich nicht sprechen. Wahrscheinlich ist es gar nicht mehr da, sondern er hat es zusammen mit anderen Fahrrädern auf seinen Landsitz gebracht, wo es in glühender Hitze nun Kartoffeln vergraben muss. Lasst endlich die Tiere in Ruhe!

Zwei Hände voll

Wir haben es einfach gemacht. Es knallhart durchgezogen: Mein neuer Kumpel Fender und ich sind zusammen aufgetreten. Als ich Fender kennenlernte, hielt ich ihn zuerst für eine Waschmaschine. Nicht wegen seiner optischen Erscheinung, da kam er eher daher wie das Kofferradio des Riesen Glombatsch. Wenn man ihn aber von A nach B bewegen wollte, brauchte man wenigstens eine Sackkarre. Es musste sich also um eine Waschmaschine handeln. Dann fand ich aber recht schnell heraus, was Fender eigentlich so drauf hat. Wäsche waschen kann er nämlich nicht. Wenn man jedoch hinter ihm irgendwelche Geräusche macht, kommt vorne offenbar etwas Anständiges heraus. Ich saß eine Stunde lang hinter ihm und machte „bla bla“ und „Böhhhh“ und so weiter und zupfte dazu wild auf meiner Gitarre herum. Vor Fender saß unser Publikum, Menschen, die ich kannte, die freundlich guckten und die ganze Zeit sitzen blieben und applaudierten. Es grenzte an Zauberei.

„Mittwoch oder Samstag heute, wenn nur eine Handvoll Leute mit mir auf den Abend wartet, fängt der Tag gut an“ singt Reinhard Mey. Der hat vor einer Weile auch erzählt, dass er inzwischen immer öfter nicht mehr weiß, ob ein Lied von ihm ist. Kann sein, kann nicht sein. Manche sagen so, andere so. Das kommt davon, wenn man solche Massen produziert. Das muss doch nicht sein. Ich könnte noch alle meine Lieder jederzeit auswendig vorsingen und würde nicht viel mehr als eine Stunde dafür brauchen. Und jetzt kamen gleich zwei Hände voll Leute zum zuzuhören. „Jede Bühne zwischen Klagenfurt und Norderney…“, singt Reinhard Mey weiter. Das würde mit Fender nicht funktionieren. Es sei denn, der Riese Glombatsch wäre in dieser Richtung unterwegs und nähme ihn als Kofferradio mit.

Ich musste ein bisschen daran denken, wie ich vor meinen Eltern, den Nachbarskindern und deren Eltern eine komplette Dalli-Dalli-Show aufgeführt habe. Ich hatte alles wochenlang vorbereitet. Die Zuschauer waren gleichzeitig die Kandidaten. Ich war Hans Rosenthal und alle Stargäste: Ich legte unsere einzige Peter-Alexander-Platte auf und lieferte dazu eine Playback-Performance. Mein Mikrofon war eine Stabtaschenlampe, auf der mein Vater einen Tennisball befestigt hatte. Tante Hannelore erzählt heute manchmal, wie sehr meine Mutter damals gerätselt hat, was wohl mal aus mir werde. Vielleicht Schauspieler. „Das ist so ein Kasper!“ Und Reinhard Mey singt über freundliche Gesichter: „Ich hatte meinen Weg gefunden, sie gaben mir Mut, ihn zu geh’n und mir und meinen Liedern ein Quartier…“
Ich weiß, was er meint.

Mähhhhhhh! Böhhhhhhhh!!

Während ich so die weidenden Schafe mit ihren Lämmchen auf dem Feld vor meinem Schlafzimmerfenster betrachte, muss ich daran denken, wie schwierig und bedroht doch das Heranwachsen ist. Es gibt so viele Gefahren und Versuchungen, dass es eigentlich ganz und gar unwahrscheinlich ist, dass es gelingt. Augenscheinlich kümmert sich das Heranwachsen aber gar nicht um die Schwierigkeiten und gelingt im Großen und Ganzen einfach trotzdem irgendwie. Mein Heranwachsen war geprägt von Sex, Drugs and Rock’n Roll. „Sex“ bedeutete, die älteren Mädchen heimlich anzuschwärmen, dabei völlig unbeteiligt auszusehen und sich vorzustellen, dass man mit ihnen zusammen wäre. „Drugs“ war Goldbrand, vorzugsweise für jeden eine kleine Flasche für einen fröhlichen Fernsehabend. Na, und Rock’n Roll war Rockpalast im III. Wir guckten anfangs in der Jungen Gemeinde. Ich glaube irgendwann durften wir das nicht mehr und dann zogen wir durch die Wohnungen, wo die Eltern gerade mal nicht zu Hause waren. Auf eine mir heute völlig unerklärliche Weise haben wir es hingekriegt, uns ohne WhatsApp oder SMS zu verabreden.

So wurde diese „Junge Gemeinde“ für mich ein Ort, an dem ich sein konnte. Ich hatte mehrere Orte, aber dort gab es immer irgendwelche Zwänge und eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit meinem Sein. In der Theatergruppe oder beim Reiten war ich immer nicht ganz richtig, musste ich irgendetwas lernen, gab es immer Ziele. Meine Junge Gemeinde war damals nicht so. Ich konnte dort von Anfang an genau so sein, wie ich gerade war, und das war ok. Und doch gab es auch Vorbilder: Gleichaltrige und Erwachsene, die etwas konnten, was man auch können wollte und irgendwo gab es natürlich auch Grenzen und Hindernisse. Was wir dort jeweils im Einzelnen gemacht haben, außer Tischtennis zu spielen und Alkohol im Klavier zu verstecken, weiß ich nicht mehr so genau. Das ist wahrscheinlich gar nicht wichtig. Wichtig ist, einen Ort zu haben, an dem man sein kann, wie man nun mal ist und an dem man werden kann, wie man nun mal wird.

Sein und werden gleichzeitig und genau ausgewogen ermöglichen; wer Verantwortung für Heranwachsende hat, muss das schaffen. Alles andere ist zweitrangig. Die Schafe auf dem Feld vor meinem Fenster stellen sich dieser Verantwortung mit großer Gelassenheit. Die kleinen können noch keine Konsonanten machen und rufen darum immer „Ähhhhhh“. Die Großen maßregeln sie nicht dafür und schreiben auch keine Ms oder Bs an die Tafel. Sie machen es einfach immer wieder vor: „Mähhhhhh“. Oder „Böhhhhhhhhhh“.

Es lebe der Krimskrams

 Neulich saß ich mit meinem neuen Gitarrenverstärker auf der Couch. Er so zu mir: „Wir müssten mal wieder zusammen auftreten.“ Ich dann so: „ Wir sind noch nie zusammen aufgetreten!“ Er gleich: „ Na eben.“ Ich noch: „So’n Quatsch!“ Er drauf: „Selber Quatsch!“ Na, so ging das noch eine Weile hin und her und irgendwie hat er sich eben durchgesetzt. Wir machen am Ende sowieso immer, was er will. Eigentlich wollte ich die Nummer auch beim Auftritt bringen, aber wahrscheinlich traue ich mich wieder nicht. Der Verstärker kann ja auch gar nicht wirklich sprechen, obwohl er einen Laut-Sprecher eingebaut hat. Ich müsste also so eine Bauchredner-Nummer aufführen, wie der Mann mit der Echse oder der mit dem Vogel. Das müsste ich noch zusätzlich einstudieren und damit wäre ich einfach überfordert. Außerdem hat die Geschichte noch gar keine richtige Pointe.

Jetzt treten wir aber wie gesagt doch auf, zum ersten Mal zusammen. Es ist eine Premiere. Ich weiß gar nicht, mit wem er früher so unterwegs war und schon gar nicht, was er da so gesungen hat. Wenn er überhaupt gesungen hat. Nach unseren gemeinsamen Proben bin ich mir da nicht mehr so sicher. Vor allem weiß ich nicht, wie er mit seinem enormen Gewicht von über zwanzig Kilo überhaupt aus dem Haus gekommen ist. Ich musste ihm jetzt extra ein Auto besorgen. Ursprünglich hatte ich ja an einen Fahrradanhänger gedacht, aber ich habe ja gar kein Fahrrad. Ich habe es doch nicht bei Berger gelassen, sondern an seinen Ursprungsort nach Friedrichshagen zurückgeschoben. Der Mechaniker dort machte mir Mut. Wird schon wieder! Ich müsste mich aber schon eine Weile gedulden. Vor dem 1. Mai musste er auf seinem Landsitz die Kartoffeln in die Erde bringen. Nach dem 1. Mai arbeitet er nun ohne Unterlass an dem Fahrrad und nächste Woche könnte es fertig werden. Vielleicht. Über Geld hat er noch nicht gesprochen. Er ruft dann an.

Meine neueste Errungenschaft ist nun die Balkon-Eckbank. Sie passt wirklich sehr schön in eine meiner Balkon-Ecken und das Zusammenschrauben hat auch nur einen Vormittag lang gedauert. Nun werden nächste Woche erstmals nach neun Jahren unsere Dachrinnen gereinigt und dafür soll ich meinen Balkon frei räumen. Ich muss die Bank also wieder auseinander schrauben. Aber so ist das eben. Wer viel hat, hat viel zu tun. Es lebe der Krimskrams! Was würden wir ohne ihn machen? Frank und frei in der Hängematte liegen. Tagaus, tagein.

Am Rennsteig

Während die Potsdamer, Berliner und andere Brandenburger die Obstbaumblüte in Werder ausgelassen feiern, wird ein anderes Naturereignis in unserem schönen Land bestenfalls mürrisch zur Kenntnis genommen oder mit Flüchen und Schimpfkanonaden bedacht. Dabei handelt es sich auch hier um das Wiedererwachen der Natur und wie es scheint, sind die sonst eher wenig frohsinnigen Brandenburger den Thüringern in Sachen Geschäftstüchtigkeit ein paar Längen voraus. Die Thüringer hadern zurzeit mit ihrem gleichnamigen Wald und zwar wegen der Fichtenblüte. Die Brandenburger haben nun mal keine Fichtenwälder und um von der unspektakulären Kiefernblüte abzulenken, veranstalten sie ein großes Fest um die Obstbäume. Darauf sind sie in Thüringen noch nicht gekommen und darum haben sie dort schlechte Laune. Dabei ziert das Wappen von Gehlberg, wo wir diesmal Quartier genommen hatten, neben Fichte und Kelchglas eine Blüte. Allerdings muss man dazu sagen, dass es sich dabei um eine Arnika-Blüte handelt. In ebendiesem Gehlberg gibt es mindestens einen Gasthof mit doch recht annehmbarer Küche, den wir bei unserer Ankunft zielsicher ansteuerten.

Einem alten Brauch folgend bestellten wir ohne lange zu überlegen drei Thüringer Rostbrätel. Schließlich steht bei Wikipedia, dass es sich dabei um eine Spezialität des Landes handelt. Die Wirtin reagierte darauf mit Fassungslosigkeit und Unverständnis. Sie nahm uns die großformatigen Speisekarten weg und stürmte wütend in die Küche. Was hatten wir falsch gemacht? Hatte der Koch den ganzen Abend schon Rostbrätel zubereitet und hatte jetzt einen Rostbrätel-Arm? Musste extra wegen uns ein weiteres Schwein sein Leben lassen, dass sich gerade noch im Garten glücklich in den Fichtenpollen suhlte?

Vielleicht mussten sie aber auch extra nochmal nach Suhl fahren, weil die Zwiebeln alle waren. Suhl ist (Luftlinie) nur zehn Kilometer entfernt, aber man muss wegen der Geografie fünfundzwanzig Kilometer fahren, bis man dort ist. Daher war es für uns unerreichbar. Das war schade, denn ich kenne von Suhl nur die Suhler Jagdhütte beim Alexanderplatz, wo ich meine Reitkappe gekauft habe. Eine Suhler Hütte findet man jedoch auch am Rennsteig unweit der Schmücke. Sie schenken dort Flaschenbier aus, machen Live-Musik und sorgen auch sonst für gute Unterhaltung. Der Feuerwehrmann der Gemarkung ist dort ständig mit seinem Beagle unterwegs. Sollte man plötzlich und unerwartet Hilfe brauchen, ist er zur Stelle. Es kann ja leicht passieren, dass man über seinen PKW-Anhänger voller Holz stolpert und mit der Schläfe auf die Kante kracht. Dann kommt der Feuerwehrmann, fährt einen ins Krankenhaus und nimmt auch noch den Anhänger mit.

Loslassen

Die Menschen machen die verrücktesten Verrenkungen, um sich lebendig zu fühlen. Natürlich weiß man schon, dass man lebt, aber hin und wieder will man es eben auch spüren. So richtig. Manche baden in eiskaltem Wasser, andere stürzen sich von Gummiseilen gehalten eine Brücke hinunter oder balancieren in schwindelerregender Höhe auf abenteuerlichen Konstruktionen aus Stricken und Baumteilen. An der Grenze zwischen Leben und Tod wird einem erst so richtig bewußt, wo man eigentlich hingehört. Ich hatte es nie so richtig mit den gefährlichen Sportarten. Reiten konnte gar nicht so gefährlich sein, weil es ganz offensichtlich ein Mädchensport war. Aber vielleicht ist das alles ein Irrtum und die Mädchen machen sowieso immer die gefährlicheren Sachen. Im Hochseilgarten sitzen die Männer unten und trinken Bier, während die Frauen durch die Bäume huschen. In diesem Fall war ich dann auch schon in frühester Jugend ein todesverachtender Draufgänger, denn ich war eine Weile der einzige Junge in einer Theatergruppe. Dort gehörte es zu den gängigen Übungen Luft zu holen und sie dann mit einem leisen ssssssss so lange wie möglich wieder herauszulassen. Die Zeit wurde gestoppt und das Ergebnis in ein Heft eingetragen.

Ich wusste lange nicht, wozu wir das machen. Jetzt weiß ich, dass es eine Übung für den Ernstfall war. Der Ernstfall war Lampenfieber, eine Panikreaktion. Nur die Erfahrung lehrte einen, dass man doch nicht stirbt. Man kann es vor einer Prüfung bekommen oder vor einer Verabredung. Es macht einen krank und elend. Aber wenn es vorbei ist, weiß man, dass man lebt und wofür: Die Pinguin-Männer warten in bitterster Kälte und völliger Dunkelheit auf die Ankunft der Pinguin-Frauen. Sie bewahren das Ei. Sie tragen ihr Los mit scheinbar grenzenlosem Gleichmut. Die Erwartung der Ankunft macht sie schweigsam und mürrisch. Sie laufen mit gesenkten Köpfen im Kreis, aber immer wieder schaut einer hoch, ob sie schon zu sehen sind. Wenn sie dann endlich am Horizont auftauchen und schnell näher kommen, gibt es kein Halten mehr. Die Begrüßung ist wild und überschwänglich. Aber schnell, viel zu schnell kommt auch wieder der Abschied.

Was nun die drei Memmen betrifft, so konnten sie auch diesmal noch nicht erlöst werden, denn es müssen drei lachende Mädchen zurückkommen und alle drei zum Singen bringen. Nur zwei vermögen es nicht. Und so müssen die drei weiter wandern, bis sie vielleicht im nächsten Jahr ihre Stimmen erheben und so gewissermaßen das geschlüpfte Kücken loslassen können, das sie einen Winter lang im Ei vor Kälte und Dunkelheit bewahrt haben.