Ich helfe gern

Ich leide unter einer sehr speziellen Form der Reisekrankheit: Immer wenn ich verreise, entwickle ich am ersten Tag Symptome irgendeiner lebensbedrohlichen Krankheit, die bis zum letzten Reisetag anhalten. Wenn ich mich am nächsten Tag einem Arzt vorstellen will, sind die Symptome verschwunden. Das ist äußerst lästig und es wird nicht besser, sondern schlimmer. Zweifellos werde ich auf diese Art mein Ende finden, wenn ich einmal nicht rechtzeitig von einer Reise zurückkehre. Darum kann ich jeweils nur noch ganz kurz verreisen. Jedenfalls, wenn ich hinterher noch etwas vorhabe. Das war dieses Mal der Fall, denn meine Agentin hatte angerufen. Sie hat von Fenders und meinem Auftritt gehört und ich soll es noch mal machen. Und zwar während der diesjährigen Brandenburger Landpartie im Erdbeerfeld. Das wird dann Fenders erster Open-Air-Gig. Vor solchen Auftritten bin ich auch immer regelmäßig krank. Es ist aber nicht so schlimm wie auf Reisen, weil die Auftritte nicht so lange dauern. Eine regelrechte Tournee würde ich wahrscheinlich nicht überleben. 

Damit befände ich mich aber in guter Gesellschaft. Ich glaube, dass viele Musikanten und Musiker den psychischen Belastungen der Auftrittsindustrie zum Opfer gefallen sind. Es gibt unterschiedliche Strategien für den Umgang mit dem  Stress. Ich konnte bei richtigen Auftritten eigentlich nie Gitarre spielen. Die Finger waren zu nichts zu gebrauchen. Meine rechte Hand glich einem aufgeblasenen Einweghandschuh. Eine Lösung war, einen zweiten Gitarrenspieler dabei zu haben oder eben gleich gar nicht zu spielen, sondern nur zu singen. Alkohol ging zwar auch, führte aber zu starken Gedächtnisstörungen und irgendwann leidet auch die Artikulationsfähigkeit. Man kann dann zwar gut spielen, lallt aber und weiß keine Texte mehr. Das Auditorium toleriert solche Ausfälle nur sehr begrenzt. Seit ich regelmäßig Blutdrucksenker einnehme, tritt dieses Problem jedenfalls nicht mehr auf. Aber wir wollen es nicht beschreien.

Die Erwerbsarbeit ist auch wieder aus dem Urlaub zurück. Sie hat schon ein paar mal angerufen. Ich weiß aber noch nicht genau, was sie von mir will. Es geht ganz offensichtlich wieder einmal um Termine. Ich soll hierher kommen und dorthin gehen. Wenn ich dann da bin, muss ich eigentlich nichts nennenswertes machen, Hauptsache, ich bin da. Ein Mann wollte eine neue Brille. Ohne Brille könne er nichts sehen. Ich begleitete ihn zum Optiker. Er probierte ein Gestell und behauptete glücklich, endlich wieder zu sehen. Er bedankte sich überschwänglich. Die Gläser hatten +-0 Dioptrien. Wenn’s weiter nichts ist - ich helfe gern!

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