Immer falsch

Dass der November der neue September ist, hatten wir ja schon festgestellt. Nun stellt sich aber heraus, dass wir im Mai schon August haben. Folglich wird der August der neue November. Da der August mit dem Mai gerade vorbeigeht, folgt unweigerlich der Dezember, wenn der nicht auch lieber jemand anderes sein will, was man ihm nicht verdenken könnte. So gerät langsam und immer schneller alles aus den Fugen. Man kann sich auf nichts mehr verlassen. Was gestern noch galt ist heute schon alt. (Hat Hannes Wader gesungen.) So wie Plastik. Plastik war, wie alles, was sich Menschen ausdenken, erst ein Himmelsgeschenk und dann schließlich Teufelszeug. Die Plastiktüte war genial! Ich glaube, wir fanden sie sogar schön. Wer eine hatte, tauschte sie gegen die Schulmappe ein. Daraufhin wurde sie dann für den Schulbetrieb verboten, aber das hatte ausschließlich ideologische Gründe. Inzwischen ist soviel Plastik produziert worden, dass auf jeden Kopf der Weltbevölkerung gut eine Tonne Kunststoff kommt. Leider, das haben wir am Anfang übersehen, ist Plastik als Müll nachhaltiger als radioaktiver Abfall. Der hat nämlich wenigstens eine Halbwertzeit - Plastik zerfällt gar nicht. Jetzt sind es noch die Mägen der Eissturmvögel, die verstopfen. Aber irgendwann ist jede Ritze davon voll und es verschwindet wahrscheinlich erst, wenn der Planet in der Roten-Riesen-Sonne verdampft.

Wer allerdings plastikfrei einkaufen will, kommt nicht sehr weit. Schön, dass es bald pastikfreie Alternativen zu Trinkhalmen und Luftballonstäben geben wird. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon mal gekauft zu haben. Ich kenne aber Menschen, die ohne Trinkhalm in öffentlichen Cafés und Restaurants aufgeschmissen wären. Aber offensichtlich werden an den Stränden hauptsächlich Trinkhalme und Luftballonstäbe angespült. Na und Plastikgeschirr. Das ist ja nun wirklich die Höhe. Aber selbst bei dieser Ursünde der zivilisierten Gesellschaft - nichts anderes ist das Einmal-Plastik-Geschirr - steht einer von uns rein und unbefleckt da. Es ist Günther Oettinger, der Kommisar aus Brüssel. Eigentlich kommt er ja aus Ditzingen, wo er seine Jugend verbracht hat. Und sein Saitenwürstchen, das hat er wissen lassen, sein Saitenwürstchen hat er immer vom Papierteller gegessen.

Mit „Saite“ bezeichnet man im Süddeutschen einen dünnen Darm, der ja quasi eine natürliche und damit die optimale Verpackung seines Inhalts darstellt. Wozu man da noch einen Papierteller einsauen muss, der wahrscheinlich auch mit Plastik beschichtet war, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich um seinen Senf dazuzugeben. Das hat der Günther Oettinger in seiner Jugend auch schon immer so gemacht. Aber „schon immer“ taugt nicht als Argument: Dann hat er es eben schon immer falsch gemacht.

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