Kompliment

Meine neue fußläufige Mobilität zeitigt übrigens auch ihre Folgen im Sozialen. Während Begegnungen, die man als Autofahrer hat, sich höchstens in hektischem Winken, Lichthupe oder blinkenden Rücklichtern ausdrücken und man auch als Radfahrer eher selten anhält, gilt es doch als grob unhöflich, wenn man als Fußgänger nicht kurz stehen bleibt und ein bisschen smalltalked. Auf diese Weise begegnete ich einem Kollegen, der mir erzählte, dass er von meinem Auftritt mit Fender gehört habe. Ich hätte dort „Reinhard-Mey-mäßig“ gesungen. Tja. Da habe ich es wieder. Dieser Reinhard Mey ist ein Fluch. Ich werde ihn nicht mehr los. Dabei hatte ich früher nur eine einzige Single mit „Annabelle“, „Ich bin Klempner von Beruf“, „Der Mörder ist immer der Gärtner“ und „Gute Nacht Freunde“. Sicher kannte ich auch noch „Über den Wolken“ und „Es gibt Tage, da wünscht ich, ich wär mein Hund“ hatte ich zufällig mal mit dem Tonbandgerät erwischt. Aber erst ab der zweiten Strophe. Das war’s aber auch schon.

Ich frage mich, ob Reinhard Mey auch immer mit jemanden verglichen wurde. Habe sie nach seinen Auftritten etwa auch immer gesagt, er hätte Yves-Montand-mäßig gesungen? Ich glaube nicht. Ich glaube eher, dass er auch diesem Fluch zum Opfer gefallen ist und nach seinem Auftritt beim Chanson-Festival auf Burg Waldeck zu hören bekommen hat, er klänge ganz genau wie Reinhard Mey. Darum hat er sich dann das Pseudonym Alfons Yondrascheck zugelegt, beziehungsweise später Frederik für Frankreich. Genützt hat es ihm freilich nichts. Er war schlau genug, rechtzeitig seinen Frieden damit zu machen und immer gleich als Reinhard Mey aufzutreten.

Für mich scheidet diese Möglichkeit inzwischen aus. Zu DDR-Zeiten hätte ich noch der „Reinhard Mey des Ostens“ werden können. Heute bliebe mir nur noch „Reinhard Mey für Arme“, und das möchte ich nicht. Eigentlich habe ich daraufhin ganz bewußt versucht, mich in Johnny Cash zu verwandeln. Das kann aber nicht funktionieren, weil Cash nur englische Texte gesungen hat. Ich kann nun fast überhaupt keine englischen Texte mehr. Herausgekommen ist dabei etwas ganz anderes, leider auch nichts Eigenes:
„Weißt du, wenn du so singst und Gitarre spielst, weißt du, an wen du mich da erinnerst?“
„Nee.“
„An Gunter Gabriel!“
Ich nehm’s als Kompliment und bin darüber hinaus einfach der, der ich bin.

Kommentare