Loslassen

Die Menschen machen die verrücktesten Verrenkungen, um sich lebendig zu fühlen. Natürlich weiß man schon, dass man lebt, aber hin und wieder will man es eben auch spüren. So richtig. Manche baden in eiskaltem Wasser, andere stürzen sich von Gummiseilen gehalten eine Brücke hinunter oder balancieren in schwindelerregender Höhe auf abenteuerlichen Konstruktionen aus Stricken und Baumteilen. An der Grenze zwischen Leben und Tod wird einem erst so richtig bewußt, wo man eigentlich hingehört. Ich hatte es nie so richtig mit den gefährlichen Sportarten. Reiten konnte gar nicht so gefährlich sein, weil es ganz offensichtlich ein Mädchensport war. Aber vielleicht ist das alles ein Irrtum und die Mädchen machen sowieso immer die gefährlicheren Sachen. Im Hochseilgarten sitzen die Männer unten und trinken Bier, während die Frauen durch die Bäume huschen. In diesem Fall war ich dann auch schon in frühester Jugend ein todesverachtender Draufgänger, denn ich war eine Weile der einzige Junge in einer Theatergruppe. Dort gehörte es zu den gängigen Übungen Luft zu holen und sie dann mit einem leisen ssssssss so lange wie möglich wieder herauszulassen. Die Zeit wurde gestoppt und das Ergebnis in ein Heft eingetragen.

Ich wusste lange nicht, wozu wir das machen. Jetzt weiß ich, dass es eine Übung für den Ernstfall war. Der Ernstfall war Lampenfieber, eine Panikreaktion. Nur die Erfahrung lehrte einen, dass man doch nicht stirbt. Man kann es vor einer Prüfung bekommen oder vor einer Verabredung. Es macht einen krank und elend. Aber wenn es vorbei ist, weiß man, dass man lebt und wofür: Die Pinguin-Männer warten in bitterster Kälte und völliger Dunkelheit auf die Ankunft der Pinguin-Frauen. Sie bewahren das Ei. Sie tragen ihr Los mit scheinbar grenzenlosem Gleichmut. Die Erwartung der Ankunft macht sie schweigsam und mürrisch. Sie laufen mit gesenkten Köpfen im Kreis, aber immer wieder schaut einer hoch, ob sie schon zu sehen sind. Wenn sie dann endlich am Horizont auftauchen und schnell näher kommen, gibt es kein Halten mehr. Die Begrüßung ist wild und überschwänglich. Aber schnell, viel zu schnell kommt auch wieder der Abschied.

Was nun die drei Memmen betrifft, so konnten sie auch diesmal noch nicht erlöst werden, denn es müssen drei lachende Mädchen zurückkommen und alle drei zum Singen bringen. Nur zwei vermögen es nicht. Und so müssen die drei weiter wandern, bis sie vielleicht im nächsten Jahr ihre Stimmen erheben und so gewissermaßen das geschlüpfte Kücken loslassen können, das sie einen Winter lang im Ei vor Kälte und Dunkelheit bewahrt haben.

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