Zwei Hände voll

Wir haben es einfach gemacht. Es knallhart durchgezogen: Mein neuer Kumpel Fender und ich sind zusammen aufgetreten. Als ich Fender kennenlernte, hielt ich ihn zuerst für eine Waschmaschine. Nicht wegen seiner optischen Erscheinung, da kam er eher daher wie das Kofferradio des Riesen Glombatsch. Wenn man ihn aber von A nach B bewegen wollte, brauchte man wenigstens eine Sackkarre. Es musste sich also um eine Waschmaschine handeln. Dann fand ich aber recht schnell heraus, was Fender eigentlich so drauf hat. Wäsche waschen kann er nämlich nicht. Wenn man jedoch hinter ihm irgendwelche Geräusche macht, kommt vorne offenbar etwas Anständiges heraus. Ich saß eine Stunde lang hinter ihm und machte „bla bla“ und „Böhhhh“ und so weiter und zupfte dazu wild auf meiner Gitarre herum. Vor Fender saß unser Publikum, Menschen, die ich kannte, die freundlich guckten und die ganze Zeit sitzen blieben und applaudierten. Es grenzte an Zauberei.

„Mittwoch oder Samstag heute, wenn nur eine Handvoll Leute mit mir auf den Abend wartet, fängt der Tag gut an“ singt Reinhard Mey. Der hat vor einer Weile auch erzählt, dass er inzwischen immer öfter nicht mehr weiß, ob ein Lied von ihm ist. Kann sein, kann nicht sein. Manche sagen so, andere so. Das kommt davon, wenn man solche Massen produziert. Das muss doch nicht sein. Ich könnte noch alle meine Lieder jederzeit auswendig vorsingen und würde nicht viel mehr als eine Stunde dafür brauchen. Und jetzt kamen gleich zwei Hände voll Leute zum zuzuhören. „Jede Bühne zwischen Klagenfurt und Norderney…“, singt Reinhard Mey weiter. Das würde mit Fender nicht funktionieren. Es sei denn, der Riese Glombatsch wäre in dieser Richtung unterwegs und nähme ihn als Kofferradio mit.

Ich musste ein bisschen daran denken, wie ich vor meinen Eltern, den Nachbarskindern und deren Eltern eine komplette Dalli-Dalli-Show aufgeführt habe. Ich hatte alles wochenlang vorbereitet. Die Zuschauer waren gleichzeitig die Kandidaten. Ich war Hans Rosenthal und alle Stargäste: Ich legte unsere einzige Peter-Alexander-Platte auf und lieferte dazu eine Playback-Performance. Mein Mikrofon war eine Stabtaschenlampe, auf der mein Vater einen Tennisball befestigt hatte. Tante Hannelore erzählt heute manchmal, wie sehr meine Mutter damals gerätselt hat, was wohl mal aus mir werde. Vielleicht Schauspieler. „Das ist so ein Kasper!“ Und Reinhard Mey singt über freundliche Gesichter: „Ich hatte meinen Weg gefunden, sie gaben mir Mut, ihn zu geh’n und mir und meinen Liedern ein Quartier…“
Ich weiß, was er meint.

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