Naja

Ich war übrigens auch mal „regular crowd“ in einer Bar. Also nicht Stammgast, aber ich bin ziemlich regelmäßig hingefahren. Die Bar war in Berlin am Alexanderplatz, gleich am S-Bahnhof. Ich war zwar erst so ungefähr 14, aber es gefiel mir dort gut. Vor allem fragte mich keiner, wie alt ich wäre. Ich trank Whisky und lernte Menschen kennen. Ich glaube heute, dass es eine Schwulenbar war, aber für so etwas hatte ich damals überhaupt keine Antennen. Ich ging mal mit einem Mann mit in sein Hotelzimmer, weil er mir etwas zeigen wollte, ich weiß nicht mehr, was. Es ist nichts passiert, er hat mir wirklich nur was gezeigt. Aber als ich (viel später) meiner Mutter mal davon erzählt habe, ist sie nachträglich vor Angst fast wahnsinnig geworden. Aber erstens gehen nicht nur Schwule in Schwulenbars und zweitens sind Schwule normalerweise eben keine Verbrecher. Ach, naja. 

Die Bar war ziemlich klein und natürlich gab es dort keinen Barpianisten. Dieser Zufall war wahrscheinlich ein entscheidendes Detail in meiner Entwicklung. Wäre die Bar ein bisschen größer gewesen, vielleicht hätte es einen Piano Man gegeben. Wäre ich ihm in dieser sensiblen Prägungsphase begegnet, ich wäre auf jeden Fall ein Klavierspieler geworden. Vielleicht hat mir der Mann in seinem Hotelzimmer damals eine Gitarre gezeigt und nur darum spiele ich heute Gitarre. Das prägende Erlebnis habe ich vergessen. Ich kann wirklich nicht sagen, wie ich zu der Gitarre gefunden habe. Thomas Jütte aus meiner Klasse kann es nicht gewesen sein. Witti aus der Jungen Gemeinde habe ich erst kennengelernt, als ich schon eine Gitarre hatte. Ach, naja.

Ist es nicht seltsam, dass sich mein ganzes Leben nur um mich dreht? Egal, welche Episode wir aus meiner Vergangenheit anschauen, es geht immer um mich. Ich bin seit ich denken kann die Hauptperson in diesem Film. Eigentlich mag ich ja diesen Rummel um meine Person nicht, aber was soll ich machen? Und ich fürchte, es wird wohl so weiter gehen. Ich kann nur allen raten, sich nicht weiter um mich zu kümmern. Denn jeder hat seinen eigenen Film, in dem er die Hauptrolle zu spielen hat. In diesen Filmen spiele ich dann - wenn überhaupt - eine Nebenrolle. Sollte ich jemals in irgendeinem anderem Film als meinem in der Hauptrolle auftauchen - dann ist etwas schief gelaufen. Ich möchte das nicht. Und dem Film würde es auch nicht gut tun. Zwischen Hauptrolle und gar nicht mitspielen muss es noch etwas geben: das Leben. Ach, naja. 

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