Das kleinere Übel


In dieser Woche stand in der Zeitung, dass ein junger Mann im thüringischen Sondershausen beim Kirschkernweitspucken vom Balkon gestürzt ist. Er fiel aus dem dritten Stock hinunter und erlitt sehr schwere Verletzungen. Daran sieht man mal wieder, dass Kirschen essen eine sehr gefährliche Sportart ist. Wahrscheinlich kommt daher auch das Sprichwort, mit jemandem sei nicht gut Kirschen essen. Vielleicht, wenn sich der Balkon des Betreffenden in einem der Obergeschosse eines Hauses befindet. Gut Kirschen essen ist nur mit Mietern oder Eigentümern, die im Erdgeschoss wohnen und die eine Terrasse haben. Demnach ist mit mir auch nicht gut Kirschen essen. Offenbar gibt es nun eine Reihe von Menschen, die solcherlei Risiken nicht länger auf sich nehmen wollen und das Kirschkernweitspucken von den Balkonen in ungefährlichere Regionen verlagern. Jedenfalls sah sich ein von mir häufig aufgesuchter Lebensmittelmarkt veranlasst, vor seinen Obstauslagen ein Schild mit der Ermahnung aufzustellen, die Kerne des probierten Obstes AUF KEINEN FALL in die Warenregale zu spucken.

Das stellt die Organisatoren des Kirschkernweitspuckens freilich vor besondere Herausforderungen. Die verschiedenen Auslagen und Regale stellen nun einmal vorzügliche Entfernungsmarken dar, wenn die Startposition für alle Teilnehmer gleich ist. Wo soll man denn die Kerne statt dessen hinspucken? Davon stand nichts auf dem Schild. Nur AUF KEINEN FALL in die Warenregale. Die Begründung war doch sehr fadenscheinig: Es sei für Kunden und Mitarbeiter unappetitlich. Es ist doch fraglich, ob es appetitlicher ist, wenn die Kirschkerne einfach so in den Gängen herumliegen. Außerdem muss man befürchten, dass unversehens der Mann mit der Riesenkehrmaschine herbeischwebt und den Kirschkern entfernt, bevor ordentlich gemessen und dokumentiert werden konnte. 

Man muss sich also nicht wundern, wenn bald wieder mehr Opfer der Kirschkernweitspuckerei zu beklagen sein werden. Wo sollen sie denn hin, wenn man sie überall davonjagt. Es bleiben ihnen ja nur noch die Balkone, von denen sie dann scharenweise herunterfallen. Da Kirschkernweitspucken ein reiner Männersport ist, ist das nun keinesfalls eine Entwicklung, die man schulterzuckend hinnehmen sollte. Denn wenn die jungen Burschen nicht mehr von den Balkonen dieser Welt zurückkehren, werden die jungen Mädchen auch keine Brautkränze mehr aus den Kirschblüten winden. Vielleicht wäre ein bisschen Unappetitlichkeit dann doch das kleinere Übel. 

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