Königsdisziplin

Es ist noch gar nicht ausgemacht, ob der Gebrauch der Sprache wirklich vorteilhaft ist. Keine nichtmenschliche Lebensform verfügt über sie. Vielleicht hat das ja seinen Grund. Möglicherweise gibt es im ganzen übrigen Universum keine Sprache, weil sie nichts Gewinnbringendes zum Leben beitragen kann. Auch wir fühlen uns immer noch am stärksten von Bildern und Gesten angesprochen. Was können Kim und Trump schon miteinander besprochen haben? Das Wesentliche zwischen den beiden muss nonverbal gelaufen sein. Aber wir haben die Sprache nun mal und darum müssen wir sie auch benutzen. Vielleicht wäre es besser, wir täten es nicht. Ich könnte den ersten Schritt machen und ein Schweigegelübde ablegen. Ab morgen spreche ich nicht mehr. Sage keinen Mucks. Nur noch Gesten. Vielleicht auch Laute. Aber keine Worte. Ob man es schaffen kann, die Sprache auch aus dem Denken zu löschen? Denken ohne Worte? 

Freilich könnte ich dann auch nichts mehr schreiben und ich dürfte eigentlich auch nichts mehr lesen. Dass andere zu mir sprechen, könnte ich aber nicht verhindern. Ich müsste es über mich ergehen lassen. Aber vielleicht könnte ich es durch Training oder Meditation dahin bringen, dass ich die Worte nicht mehr verstehe. Irgendwann höre ich nur noch aneinandergereihte Laute, aber ich sehe Mimik und Gestik und verstehe vielleicht viel mehr als vorher, als ich nur auf die Worte gehört habe. 

Leider würde sich dann auch das Singen verändern. Aber vielleicht wäre das auch wieder gar nicht so schlecht. Vielleicht ist auch das Singen ohne Worte etwas viel Reineres, Tieferes und Wertvolleres als Vertonen von Text. Ich denke noch, es ist vorteilhaft, dass ich von so vielen Liedern so viele Strophen auswendig weiß. Es könnte aber auch sein, dass ich das nur brauche, um überhaupt singen zu können. Denn ohne Text singe ich niemals. Ich kenne aber mehr als eine Handvoll Menschen, die das tun. Noch mehr kenne ich, die, falls sie singen sollten, jedenfalls lautlos singen. Vielleicht ist das die Königsdisziplin des Singens: laut- und textlos. In Gedanken. Und ohne Worte. 

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