Wo die schlechte Laune herkommt

Das Fahrrad ist also in den Brunnen gefallen und ich könnte jetzt glücklich und zufrieden sein. Ich bin es aber nicht, sondern beschäftige mich doch mehrmals täglich gedanklich mit dem Fahrrad. Wieso? Ich genieße die jeweils halbstündigen Spaziergänge zur Arbeit und wieder nach Hause. Neulich wurde mir ein Fahrrad zur Nutzung angeboten. Ich habe dankend abgelehnt. Ich brauche kein Fahrrad. Trotzdem muss ich den Fahrradmann anrufen. Aber warum? Wozu? Ich könnte doch froh sein, dass er das Fahrrad hat und nicht ich. Ich bin aber nicht froh, sondern ich gräme mich. Darum, weil mich der Fahrradmann hinters Licht führt. Weil er mich hintergeht und betrügt. Weil er mich heimlich auslacht. Wahrscheinlich tut er das gar nicht. Und wenn doch, was soll‘s? 

Ich habe für das Fahrrad vor fünf Jahren eine Menge Geld bezahlt. Jedenfalls war es für mich eine Menge Geld. Aber was ist Geld? Kann man Geld überhaupt besitzen? Und warum sollte man sich dagegen wehren, hinters Licht geführt zu werden? Wie groß ist der Schaden wirklich für mich, wenn ich bestohlen werde? Ich habe einer Mieterhöhung zugestimmt. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen. Ich bezahle jetzt 50 Euro mehr im Monat. Das sind 600 Euro im Jahr! Aber das Geld habe ich doch auch nicht selbst hergestellt. Manchmal denkt man, die Leute haben ihr Geld aus ihrer eigenen Haut gemacht. Ich habe es aber auch nur von anderen bekommen, die es wieder von anderen bekommen haben. Das Geld gehört der Europäischen Zentralbank. 

Warum soll ich den Fahrradmann nicht in Ruhe lassen? Wenn er mein kaputtes Fahrrad haben will, soll er es doch haben. Wenn er es ganz macht und wieder verkauft, um so besser! Wer weiß, wozu das gut ist. Die schlechte Laune ist nur in der Welt, weil wir glauben, wir könnten zu kurz kommen. Ich will das nicht mehr glauben. Das nackte Leben ist alles, was ich habe und selbst darauf kann ich keinen Anspruch erheben. Alles, was darüber hinausgeht, gehört mir schon gleich gar nicht. Es ist gepumpt, geliehen und geklaut. Gezogen und geraubt. Darum könnte ich einfach nur froh sein. Das bin ich aber nicht. Sondern ich gräme mich. Und das ist ganz schön dämlich! 

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