Zu Fuß gehen

In Wirklichkeit habe ich gar kein Fahrrad. Ich habe auch nie eins gehabt. Meine Eltern waren damals dagegen ein Fahrrad anzuschaffen, weil so viele Unfälle passierten. Die Geschichte mit dem Fahrradmann aus Friedrichshagen habe ich mir ausgedacht. Es ist eine dieser Geschichten, die ich mir so lebendig ausmalen kann, dass sie schließlich wahr werden. Sie geht so weiter, dass der Fahrradmann natürlich auch einen Fahrradverleih betreibt. Mein Fahrrad hat er schon lange repariert, aber er hält mich hin, um es so lange wie möglich verleihen zu können. Das bringt ihm logischerweise viel mehr Geld ein, als so ein lausiger Reparaturauftrag. Das einzige, was ich zur Rettung meines geknechteten Fahrrades jetzt noch unternehmen könnte, wäre, mit gefälschtem Perso, angeklebtem Bart und verstellter Stimme im Fahrradverleih aufzutauchen und so lange Fahrräder auszuleihen, bis ich meins wiederbekomme. Dann nichts wie weg, auf nimmer Wiedersehen. 

Aber das werde ich natürlich nicht machen. Denn es gibt noch eine andere Verzweigung der Geschichte, in der der Fahrradmann genau das gleiche Fahrrad hinten in seinem Lager stehen hat. Er wollte schon immer mal mit seiner Frau eine Radtour unternehmen, was aber nicht ging, weil er ja nur ein Fahrrad hatte. Jetzt hat er endlich zwei, denn die kleine Reparatur war schnell gemacht. Weil das Wetter in und um Berlin im Moment so famos ist, macht er mit seiner Frau ausgedehnte Radtouren, so oft es nur geht. Das Fahrrad der Frau hat er dafür so umgebaut, dass anstelle des Motors ein Generator arbeitet, der die Batterie aufladen kann. Wenn der Akku des Fahrradmannes zur Neige geht, sagt er zu seiner Frau: „Schatz, dein Akku ist fast leer, lass uns tauschen, meiner ist noch fast voll.“ 

Wenn ich aus Versehen in dieser Geschichte lande, habe ich das Nachsehen, denn sowohl Fahrradverleih, als auch Fahrradgeschäft sind geschlossen, weil der Fahrradmann ja mit der Frau auf Tour ist. Also kehre ich in die Wirklichkeit zurück, in der ich kein Fahrrad besitze. Bis ungefähr 1850 hat es sowieso überhaupt keine Fahrräder gegeben. Da sind die Leute ja auch irgendwie von A nach B gekommen. 1817 wurde die Draisine erfunden. Sie heißt so nach ihrem Entwickler Karl von Drais und war schon auch ein Fahrrad, nur ohne Pedalantrieb. Man stieß sich mit den Füßen wechselseitig vom Boden ab. Da kann man doch auch gleich zu Fuß gehen. 

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