Was der Wind tut

Was für ein verregneter Sommer! Das Kind aus dem Haus gegenüber guckt ein bisschen ratlos durch das Küchenfenster. Es sind Ferien und es regnet Bindfäden. Was soll man da machen? Ich kann leider auch durch angestrengtes Nachdenken nicht herausfinden, was ich in meinen verregneten Sommerferien gemacht habe. Natürlich waren wir im Ferienlager, das waren drei Wochen. Dann noch zwei Wochen mit den Eltern. Blieben noch drei Wochen, die ich mir irgendwie vertrieben haben muss. Das Fernsehprogramm war damals überschaubar. Samstag Mittag kam eine Programmvorschau für die ganze Woche. Das waren Bildschirmseiten, die durch den Fernseher scrollten (das Wort gab es noch gar nicht). Man musste sie abschreiben, was zu meinen Aufgaben gehörte. Natürlich auch in den Ferien. Dann gab es noch Ferienspiele. Dazu ging man in die Schule und wurde dort irgendwie beschäftigt. Es gab ein Heft mit Coupons für Bastelvormittage, Kinonachmittage und Wandertage. In den Ferien in die Schule zu gehen, war aber schon irgendwie blöd. Gelesen habe ich auch nicht. Wir besaßen genau ein Walt Disneys lustiges Taschenbuch und mein Bruder hatte ein Asterix-Heft. Außerdem natürlich das Mosaik. Im Unterschied zum lustigen Taschenbuch habe ich die Mosaiks heute noch. Sie zerfleddern jetzt ein wenig. 

Das Nachbarmädchen ist inzwischen wieder vom Fenster verschwunden. Nachbarmädchen in meinem Alter gab es bei uns nicht. Darum bin ich im Umgang mit Mädchen heute so unbeholfen. Hätten wir damals welche bei uns gehabt, hätte ich ihnen vielleicht meine Puppenstube gezeigt. Es war sogar ein Puppenhaus mit mindestens 3 Stockwerken, Puppenmöbeln und Puppenküche. Außerdem hatte ich noch einen größeren elektrischen Puppenherd, mit dem ich kochen und backen konnte. Einmal buk ich einen Zwiebelkuchen. 

Nein, ich weiß es einfach nicht mehr, was ich in den Sommerferien gemacht habe, seien sie nun verregnet gewesen oder nicht. Hätte ich mal Tagebuch geschrieben. Vielleicht habe ich das sogar. Ich hatte schließlich schon als Kind Terminkalender. Kann sein, dass ich da rein schrieb, was ich so gemacht hatte, wenn keine Termine anstanden. Leider sind diese Dokumente meiner Kindheit verloren gegangen. Der älteste Terminkalender, den ich noch besitze, ist von 1995. Nach der Lektüre bedaure ich es ein bisschen, keine Papierkalender mehr zu benutzen. Die Sammlung reißt immerhin 1998 schon wieder ab. Das wäre jetzt eine schöner Zeitvertreib für verregnete Vormittage. Im 95er habe ich vorne ein Erich-Kästner-Zitat eingetragen:
„Es ist schon so,
die Fragen sind es,
aus denen das, was bleibt besteht!
Denk an die Frage deines Kindes:
Was tut der Wind, wenn er nicht weht?“

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