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Nicht allein

Ich bin ein bisschen spät dran. Es liegt nicht daran, dass ich getrödelt habe. Vielleicht waren ein paar Prioritäten falsch gesetzt und außerdem rechnet man ja nicht damit, dass die Zeit so schnell vergeht. Eben ist man noch für fast alles zu klein und dann ist man auf einmal fünfzig. Und geschafft ist nichts. Kein Haus gebaut, keinen Baum gepflanzt, kein Kind gezeugt. Aber keine Panik. Wenn man sich nur ein bisschen konzentriert, kann man das alles noch schaffen. Das mit dem Baum kann man zur Not auch weglassen und das mit dem Haus muss man eher metaphorisch sehen. Aber ein Kind muss her, da hilft alles nichts. Durch ein unerklärliches Wunder scheint es bei mir nun tatsächlich noch zu klappen. Das Wunder ist weiblich, schön, liebt mich und hat mich sogar geheiratet. Sorgen mache ich mir aber doch, denn wie gesagt: ich bin ein bisschen spät dran. 
Mein liebes Wunder sagt jedoch, ich müsste mir gar keine Sorgen machen. Das stimmt, denn die späte Vaterschaft ist nicht gerade selten. Der …

Die wahren Helden

Mitunter erfordern die Zeitläufte auch mein beherztes Eingreifen. Mir wurde das bewusst, als ich am Freitag den damaligen Ministerpräsidenten Kemmerich im Fernsehen auftreten sah. Zwei Tage vorher war er gewählt worden und einen Tag zuvor hatte er auf einer Pressekonferenz gesagt, dass ein Rücktritt unvermeidlich sei. Das er damit nicht sich selbst gemeint haben konnte, wurde am Freitag klar, als er in die Kameras hinein vorlas, dass ihm Juristen zum jetzigen Zeitpunkt von einem solchen Schritt abgeraten hätten. Es gäbe einfach zu viel zu tun und einer müsse es ja machen. Mir war sofort klar: So wird das nichts. Da ich gerade in Thürigen war und nichts Besseres zu tun hatte, beschloss ich, am nächsten Tag in die Staatskanzlei nach Erfurt zu fahren und reinen Tisch zu machen. Was ich dafür im Einzelnen zu tun hätte, war mir nicht klar. Aber versuchen musste ich es. Ich wusste auch noch nicht, welche Rolle die Erfurter Feuerwehr bei der Sache spielen würde. Ich glaube vor kurzem in der …

Na da!

Es soll Schnee geben, noch heute Nacht. Sogar im nördlichen Brandenburg. Im Bereich der Mittelgebirge sollen wir es mit Verwehungen auf den Straßen zu tun bekommen. Dort wird es auch glatt und gefährlich. Aber was ist mit den Schienen? Wird es auch Verwehungen auf den Schienen geben? Zumindest haben sie davon nichts gesagt. Ich frage: Wer erinnert sich noch an den Winter 1978/79? Meine Eltern, mein Bruder, der beste Freund meines Bruders und ich logierten im Panorama-Hotel in Oberhof. Ich zerlegte Skier und Stöcke zu Stock- und Spitzensalat, fuhr ausgibig Fahrstuhl und räumte zum Entsetzen meiner Eltern das Frühstücksbuffett ohne nennenswerte Schwierigkeiten ab. Die Heimreise mit der Bahn geriet dann zu einer abenteuerlichen und langwierigen Angelegenheit, von der mir nur noch die Wohltat  nachlassenden Schmerzes in der Erinnerung ist; wie es gut tat, wenigstens mal auf dem Koffer sitzen zu können oder in einem warmen Zug zu stehen. Nicht zu beschreiben das Hochgefühl, wenn beides zus…

Mein Leben

Ich bin seit gut fünf Monaten verheiratet und unser gemeinsamer Ehename ist der Geburtsname meiner Frau. Da ich nun allerdings zuvor schon etliche Dekaden unter meinem Geburtsnamen firmiert habe, bekomme ich noch gelegentlich Post, die sozusagen an meinen Mädchennamen adressiert ist. Da das bei den Postboten mitunter für Verwirrung und bei mir vielleicht durch Nichtzustellung zu gelegentlichem Informationsverlust führen könnte, entschloss ich mich, am Briefkasten ein zweites Namensschild anzubringen. Ich schrieb meinen alten Namen mit Grossbuchstaben auf ein weißes Pflaster. Da ich noch Kästen mit leeren Flaschen hinunterzutragen hatte, klebte ich mir das Pflaster auf die rechte Brustseite meiner Winterjacke.

Wir wollten an diesem Nachmittag viel erledigen: Diverse Einkäufe, Rezept beim Arzt abholen, Autowäsche. An der Tankstelle kaufte ich den Waschbon und bat um eine Einweisung in die Waschanlage. Ich wäre neu hier. Die Frau an der Kasse guckte kurz irritiert, gab mir dann aber ber…

Für immer

In der Römischen Republik gab es in Bezug auf die Amtszeiten der jeweiligen Amtsträger feste Prinzipien. So durfte jedes Amt nur ein Jahr lang ausgeübt werden und eine zweite Amtszeit war ausgeschlossen. Alle Ämter wurden mindestens doppelt besetzt und alle Amtsinhaber waren berechtigt, die Entscheidungen des jeweils anderen zu verhindern oder aufzuheben. Für die Bewältigung besonders wichtiger Aufgaben oder politischer und militärischer Krisen gab es das Amt des Diktators, der ausnahmsweise allein herrschte und dem alle anderen Ämter unterstellt waren. Seine Amtszeit war auf sechs Monate begrenzt. Allgemein wurde erwartet, dass ein Diktator sein Amt niederlegte, wenn der Grund für seine Diktatur erledigt war. Sulla hat sich zum Beispiel gleich mehrfach über die Prinzipien hinweggesetzt, indem er sich erst selbst zum Diktator ernannte und dann dabei elegant auf die zeitliche Begrenzung verzichtete. Immerhin hatte er einen Grund, nämlich die Schreibung neuer Gesetze und die Erneuerung …

Nie da gewesen

Unser Haus steht in unmittelbarer Nähe zu den Bahnanlagen der Erzgebirgsbahn und wenn wir zu Hause sind, strukturiert die Bahn unseren Tagesablauf. Wie eine Uhr schlägt sie die Stunden: Zehn Minuten vor der vollen Stunde fährt sie von links nach rechts und zehn Minuten später von rechts nach links. So scheint es jedenfalls. Diese Sicht der Dinge ist jedoch wieder einmal nichts anderes, als ein schönes Beispiel für die Verwechslung von Ursache und Wirkung. Bei genauerer Untersuchung des Sachverhaltes stellt sich nämlich heraus, dass es die Fahrt von rechts nach links ist, die ursächlich für die fünfzig Minuten später stattfindende Fahrt von links nach rechts verantwortlich ist. Ich kam darauf, weil ich am Morgen nach dem Aufstehen zwar die nach rechts fahrende Bahn zehn Minuten vor der vollen Stunde gehört hatte, die zur vollen Stunde nach links fahrende aber nicht. Die unausweichliche Folge war, dass die nächste zehn vor um fahrende Bahn ausfiel. Man könnte also auf die Idee kommen, d…

Sofort!

Die Geduld ist eine in Vergessenheit geratene Tugend. Sie beinhaltet das Warten-Können, aber auch das Aus- und Stillehalten. Wann etwas anfing in Vergessenheit zu geraten, ist im Nachhinein immer schwer zu rekonstruieren. Vielleicht war es das Aufkommen der Digitalfotografie, das der Geduld letztendlich den Gar aus machte. Vorbild war natürlich das Fernsehen, das zeigte, dass es möglich war, Bilder elektronisch zu übermitteln. Bis zur Digitalzeit knipste man seinen 36er Film voll und brachte ihn zum Fotoladen oder zur DLK-Komplexannahmestelle. Auf Farbfotos wartete man drei Wochen. Wer nicht soviel Geduld hatte, richtete bei sich zu Hause ein kleines Fotolabor ein. Fotolaborieren war in der DDR ein sehr verbreitetes Hobby, wozu man aber auch schon einige Geduld brauchte. 
Heute will aber keiner mehr warten. Es muss alles sofort passieren. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich beim Absenden einer Amazon-Bestellung damit rechne, dass es klingelt - und ein bisschen enttäuscht…