Der Sinn des Daseins

Ich wollte über die aktuelle politische Situation schreiben. Aber dann fiel mir zum Glück ein, dass sie das ja schon immer in den Zeitungen machen. Wer etwas über die aktuelle politische Situation erfahren will, wird also sowieso eher Zeitung lesen. Darum schreibe ich jetzt über Silberfischchen. Silberfischchen sind ein unangenehmes Thema, ein heißes Eisen gewissermaßen. Denn niemand will zugeben, dass sie oder er mit Silberfischchen zu tun hat. Dabei gehören die kleinen Kerle zu unseren Haushalten, wie die Bakterien zu unserer Darmflora. (Ein weiteres heißes Eisen, das ich jetzt aber nicht anfassen will.) Sie sind synanthrop. Sie brauchen Wärme und Feuchtigkeit, um zu gedeihen und sich fortzupflanzen und diese beiden Bedingungen finden sie nun mal am besten in unseren Behausungen. Sie sind sehr lichtscheu und verstecken sich tagsüber in Ritzen, Spalten und Winkeln. Sie fressen Hausstaubmilben und Schimmelpilze. Normalerweise sind sie also gar nicht zu sehen und machen sich obendrein noch nützlich. 

Als Mitbewohner bin ich ganz ähnlich: Ich komme nicht ungerufen aus dem mir zugewiesenen Habitat heraus und vertilge mit Vorliebe Flüssigkeiten aus vergorenem Getreide, die ja sonst auch keiner haben will. Darum fühle ich mich schon ein bisschen solidarisch mit den ungebetenen Gästen, auch wenn mein plötzliches Auftauchen noch keine Abscheu oder gar Ekel hervorrufen. Während ich Wärme auch mag, wäre hohe Luftfeuchtigkeit meinem Wohlbefinden nicht unbedingt zuträglich. Zwar bin ich weit davon entfernt, dem Silberfischchen hier Fürsprache zu halten, aber wenn es schön in seinen Ritzen und Winkeln bleibt und weiter die Milben und den Schimmel aufzehrt, will ich ihm auch nicht weiter nachstellen. 

Obwohl es ein leichtes wäre, das Silberfischchen durch die gezielte Ansiedelung seiner Fressfeinde auszurotten. Das wäre zum einen der gemeine Ohrwurm und zum anderen sind es Spinnen. Das hieße ja dann aber wohl, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, was ja auch keiner wollen kann. Eine weitere Möglichkeit ist vielleicht die Austrocknung des Wohnraumes. Ich vermute jedoch, dass es dann über kurz oder lang zu einer Ansiedlung des Papierfischchens kommt, eines Verwandten des Silberfischchens. Dieses bevorzugt trockene Lebensräume und ernährt sich von Papier und Kartonagen. In einem Haushalt mit Büchern wäre das keine gute Alternative. Man muss sich also wohl oder übel mit dem Hausgast arrangieren. Schließlich ist er ja nicht ständig und überall zu sehen. Und wenn man ihn dann doch mal zu Gesicht bekommt, weiß man vielleicht auch wieder, dass man nicht ganz allein auf der Welt ist. Und wer sich darüber hinaus fragt, welchen Sinn sein Dasein hat, findet hier auch eine Antwort. Denn wo wäre das Silberfischchen ohne den Menschen und sein Haus?