So oder so

Der kleine Junge saß im Sandkasten und war sehr beschäftigt. Er war jetzt schon den ganzen Nachmittag hier draußen und auch am Vormittag war er hier gewesen. Er war mit seinem Werk noch lange nicht zufrieden. Es war nicht schlecht, im Gegenteil, es war sogar sehr gut. Aber es war eben auch noch lange nicht fertig. Während er sich alles noch mal ansah und darüber nachsann, erklang eine wohlvertraute Stimme: 
„Oh! Mein! Gott!“
„Ja, Mamma?“
„Komm rein, das Abendessen ist fertig!“
„Aber ich mache gerade die Welt... und die ist noch nicht fertig.“
„Mein lieber Gott, ja, natürlich, aber morgen ist auch noch ein Tag. Komm jetzt!“
Gott seufzte und ging rein. Das ganze ging insgesamt geschlagene sechs Tage so. Jeden Abend dachte er: „Es ist gut, es ist sogar sehr gut, aber es ist eben noch nicht fertig.“ Nach sechs Tagen war er dann zufrieden. Und am siebten Tag sah er den ganzen Tag lang nur fern und dachte nicht mehr an die blöde Welt, die er gemacht hatte und schließlich vergaß er sie ganz. 
Viele Jahre später, seine Mutter war längst gestorben, da hatte Gott selbst einen kleinen Sohn und irgendwann fiel ihm seine alte Welt wieder ein, die ja immer noch da draußen rumliegen musste, wenn sie keiner weggeräumt hatte. Aber wer räumte einem schon seinen alten Kram hinterher. Er ging nachsehen und richtig: da lag sie. Sie war immer noch so schön, wie er sie mal gemacht hatte, aber sie sah auch ein bisschen verloren aus. Er zuckte mit den Schultern. Am nächsten Tag zeigte er sie seinem Sohn. Der verliebte sich sofort in sie und er versenkte sich regelrecht in sie. Es wurde ein richtiges Drama, wie sich Gottes Sohn und die Welt geradezu ineinander verbissen, so dass Gott gar nicht mehr wusste, wie er den Jungen wieder von der Welt abbringen könnte. Sie suchten eine Psychologin auf, die sich auf Psychodrama spezialisiert hatte und sie riet Gott, seinen Sohn für die Welt sterben zu lassen und ihn dann drei Tage später wieder zum Leben zu erwecken. 
Gesagt, getan. Gottes Sohn wurde in der Welt gekreuzigt und nach drei Tagen von Gott selbst wieder auferweckt. Er war immer noch in der Welt, aber der Plan funktionierte. Offenbar wurde ihm klar, dass er nicht in diese Welt gehörte und nach weiteren vierzig Tagen verließ er sie wieder und Gott bekam seinen Sohn zurück. Sie feierten ein rauschendes Fest. Noch einmal ging Gott aber hinaus zu seiner alten Welt. Es tat ihm fast leid, aber so etwas sollte ihm nicht noch mal passieren. Er nahm die Welt noch einmal an sich und versteckte sie dann in der dunkelsten und verborgensten Ecke seines Gartens. Dann ging er zurück zum Fest und sie feierten und lachten und waren glücklich und das Fest nahm kein Ende. Über die Welt aber redeten sie nicht mehr und sie dachten auch nicht mehr daran. Und trotzdem war sie da. So oder so.

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