Sommerpause

Ich esse seit ein paar Wochen nur noch Salatherzen und Schafskäse. Manchmal auch nur Schafskäse. Öfter eigentlich. Dann aber mit Zwiebeln. Ich wollte damit mein Gewissen rein waschen, denn die Schweineesserei hat mir schon sehr zugesetzt. (Die Doppeldeutigkeit des letzten Satzteiles hat durchaus seine Berechtigung.) Nun muss ich mich aber fragen lassen, ob ich schon mal gesehen habe, wie dem Salat bei lebendigen Leibe das Herz herausgeschnitten wird? Oder ob ich weiß, wie viele Schafe man eigentlich braucht, um aus ihnen einen einzigen Schafskäse herzustellen? Natürlich habe ich mir darum wieder einmal überhaupt keine Gedanken gemacht. Egal. Mit dem guten Gewissen ist es jedenfalls wieder Essig. Eigentlich schließt die Nahrungsaufnahme das gute Gewissen sogar aus. Man kann sich nun mal nicht mit gutem Gewissen etwas einverleiben, was auch immer es sei. Bestenfalls hat man gar kein Gewissen und „gut“ ist alles, was einem selbst nützt. 

Aber ich will nicht ablenken. Wenn nämlich irgendwann alle Schafe zu Käse verarbeitet sind, ist es zu spät. Und dann die Tomaten. Die Tomaten führen ein Hundeleben. Wer einmal gesehen hat, wie sie eingepfercht, dicht an dicht und vielleicht noch in Gewächshäusern abhängen, kann nicht mehr einfach wegsehen. Und alles nur, um uns als Nahrung zu dienen. Um im finsteren Schlund zu verschwinden. Um mit Salz und Pfeffer vertilgt zu werden. Ich mache nicht mehr mit. Ich lasse die Tomaten in Ruhe, bis sie ihr natürliches Ende finden und auf meinem Küchentisch verfaulen. 

Ja, ich merke es auch, ich bin im Moment ein bisschen maulig. Natürlich frage ich mich, woher das kommt. Ich glaube, ich weiß es jetzt. Nachdem ich mich am Johannistag wegen der plötzlichen Kälte nur im Freien aufhalten konnte, in dem ich mit anderen Mittsommernachtsgästen um eine Tischtennisplatte herumrannte, begannen wir in dieser Woche mit den Proben für das Weihnachtsoratorium. Das kann einem zarten Gemüt schon ein bisschen auf die Stimmung schlagen. Dazu kam, dass im Chor unter den Männerstimmen ein Streit darüber ausbrach, welcher Ton an einer ganz bestimmten Stelle zur singen sei. Die einen sagten so, die anderen so. Einer versuchte zu schlichten, in dem er zu bedenken gab, wir hätten beim Notenmaterial eben verschiedene Ausgaben. Ich schlug vor, die von Bach zu verwenden und fand viel Zustimmung. Und jetzt ist Sommerpause. 

Als ob man lächelt

Das Leben ist kein Fußballspiel. Hollahi, hollaho. Wer viel spielt, verliert auch viel. Hollahihaho. Und wenn du mal verloren hast, hollahi, hollaho, hat es eben nicht gepasst. Hollahihaho. So geht bekanntermaßen die elfte Strophe eines deutschen Volksliedes. Wenn Fußi zu irgendwas gut sein kann, dann doch wohl dazu, den Umgang mit Niederlagen schon früh einzuüben. Wenn man hinfällt, steht man eben wieder auf. Dieser Gedanke scheint aber noch nicht im ganzen Land verbreitet zu sein. Dass die deutsche Mannschaft jetzt nach Hause fahren muss, ist doch auch seltsam. Sie könnten schließlich auch da bleiben und jetzt mal ganz entspannt im Stadion Fußball gucken. Das scheint aber im Prozedere nicht vorgesehen zu sein. Seit meinem elften Lebensjahr bin ich an den Wochenenden der Saison zu Reitturnieren gefahren. Erst als Voltigierkind, dann als Spring- und Dressurreiter. Voltigieren war ein Mannschaftssport, da gab es immer Schleifen und Medaillen. Sobald ich aber allein antrat, war ich meistens raus, bevor ich das Wort „Dressurviereck“ zu Ende gesprochen hatte. Deswegen bin ich aber nicht von meinen Eltern abgeholt worden. Ich war auch nicht traurig. Im Gegenteil. Ab sofort ging es mir richtig gut. Ich aß Bratwurst, trank Cola und hatte eine tolle Zeit ohne Lampenfieber oder sonst irgendwelche Unannehmlichkeiten. 

Denn am Samstagabend war Reiterball. Deswegen war man ja eigentlich überhaupt hingefahren. Es war jedesmal ein Riesenspektakel. Ich kannte so etwas sonst nicht. Alle saßen zusammen, schön getrennt nach Vereinen, man konnte die anderen sehen, ach da sitzen die Bötzower, dass sind die Granseer. Und manchmal gab es später gewisse Vermischungen und Austauschbewegungen. Es war immer spannend, zu sehen, wer mit wem tanzte. Als Elf-, Zwölf-, Dreizehnjähriger war man jenseits aller Gefahr, selbst tanzen zu müssen. Man trank ja auch keinen Alkohol! Man war in Sicherheit und es konnte einem nichts passieren. Was natürlich Blödsinn ist. Man konnte sich trotzdem verlieben, das ist in diesem Alter ziemlich schlimm. Mich hat es bei Ines erwischt, die drei, vier Jahre älter war. Wir gingen in die gleiche Schule. Nach ein paar Wochen hatte ich ihren kompletten Raumplan und tauchte in jeder Pause ganz zufällig - huch - vor ihrem jeweiligen Unterrichtsraum auf. Sie hat das ziemlich schnell gecheckt und sie hat es sich sehr deutlich verbeten. Mit welchen Worten weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch an meine heißen Ohren.

Das alles werden die Nationalspieler nun nicht erleben, wenn sie gleich wieder nach Hause fahren. Aber bei Fußi scheint es ja ohnehin darauf anzukommen, möglichst grimmig zu gucken und dabei schön viel Krach zu machen. So wie bei den germanischen Stämmen, wenn sie in die Schlacht zogen. Nun haben sie die Schlacht eben verloren. Vielleicht zeigt ihnen ihr Yogi jetzt mal, wie man freundlich guckt. Es ist gar nicht schwer: Mundwinkel und Augenbrauen nach oben ziehen. So bleiben. Sieht aus, als ob man lächelt.




Es war Liebe

Kinder, waren wir mal jung! Gerade ist mir ein Bild von meinem ersten Italien-Urlaub in die Hände gefallen. Laut Datumstempel war das im September 1994. Da war ich 27 Jahre alt und bin noch mit meinen Eltern in den Urlaub gefahren. Ich hatte zwar gerade das Studium abgeschlossen, aber der erste Job ging erst im Oktober los und ich hatte keine Kohle. Meine Eltern hatten sich irgend so ein Ferienwohnungsanrecht gekauft und bereisten Europa. Nach Italien nahmen sie mich mit. Als Gegenleistung kaufte ich einen Sprachführer mit Kassette und wollte mich als Dolmetscher nützlich machen. Ich hatte auch schon ein paar Jahre einen Führerschein und bot zusätzlich Fahrdienste an. Mein Vater hatte sich einen neuen Clio gekauft und wollte nach dem ersten Fahrerwechsel dann doch lieber selbst fahren. Ich machte irgendetwas falsch. Die italienischen Sätze, die ich auswendig gelernt hatte, kamen während unseres gesamten Aufenthaltes nicht vor. Dafür sehr viele andere Sätze, die wir aber alle nicht verstanden. Meine Sätze kann ich heute noch: „Apra la valigia grande per favore!“ „Hai qualcosa da dichiarare?“ „Al confine c'è una coda di macchine.“ Ich habe sie bis heute noch nie gebraucht. 

Ich sagte, ich könnte ja die Wanderkarten lesen. Meine Eltern waren froh. Dann haben wir uns total verlaufen und mussten in einem Unterstand biwakieren. Zum Glück hatte mein Vater immer genug Elf-Uhr-Bier im Rucksack und meine Mutter belegte Brote. Am Ende stellte sich heraus, dass ich wie immer total nutzlos war und meinen Eltern nichts als Scherereien einbrachte. Das ganze elendig langwierige Studieren hatte überhaupt nichts gefruchtet. Es gehört nun zu den großen Wundern in meinem Leben, dass ich diese Eltern hatte, die mich mein Versagen nie spüren ließen und die mir immer aus der Patsche halfen, wenn sie es denn konnten. Es war Liebe. Nur durch sie kann ich heute immer noch mit großem Selbstbewusstsein auftreten wenn ich behaupte, Stroh zu Gold spinnen zu können, um dann grandios zu scheitern. 

Es ist ein Geschenk, dass ich danach einfach wieder aufstehen kann und weiter machen, als wäre nichts gewesen. Vielleicht habe ich die eine oder andere Sache inzwischen doch gelernt. Italienisch jedenfalls nicht und Autofahren gehört offensichtlich auch nicht gerade zu meinen Stärken. Eine Sache entwickelt sich jedoch gerade, über die man unbedingt verfügen sollte, wenn man ein starkes Selbstbewusstsein besitzt und nicht zum Horror-Clown mutieren will: Demut. 




Wahnsinn

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass sie auf der Internationalen Raumstation keine Küche haben. Wenn ich also nicht völlig daneben liege, müsste es möglich sein, ohne eine Küche längere Zeit zu überleben. Das Hauptproblem mit der Küche ist Unordnung und Verunreinigung. Durch jede Benutzung wird irgendetwas vom Inventar der Küche dermaßen verunreinigt, dass man es erst wieder benutzen kann, nachdem man es gereinigt hat. Wenn man diese Erlebnisspirale einmal durchläuft hat man eigentlich genug von der Küche. Ich brauche das jedenfalls nicht. Selbst das Allereinfachste gerät in der Küche zum Albtraum. Nehmen wir nur ein simples Fertiggericht: Spaghetti mit Tomatensoße. Man benötigt zwei Töpfe unterschiedlicher Größe und einen Durchschlag, um die Nudeln ordentlich abzugießen. Alles muss hinterher aufwändig gereinigt werden. Ich finde das grotesk. 

Oder zumindest übertrieben. Ich besitze ein Topfset, mit dem ich eine sechsköpfige Abendgesellschaft glücklich machen könnte. Zum Glück gehört zu meiner Wohnung auch eine Einbauküche, in der ich die Monstranz auch verstauen kann. Leider muss das Zeug vor dem Verstauen gereinigt werden. Ich weiß noch nicht, warum ich darauf bestehen muss, aber ich kann es nicht schmutzig wegstellen. Meine Mutter hat versucht, dem Problem mit autogenem Training beizukommen. Es hat nicht funktioniert. Das einzige, was funktioniert, ist, die Sachen nicht einzusauen. Aber dann braucht man eben auch keine Küche. 

Ich könnte zumindest von Mittwoch bis Sonntag meine Abendmahlzeit in einem Lokal einnehmen. Das können sie auf der ISS nicht. Mir ist noch nicht ganz klar, warum ich es nicht so mache. Im letzten Ostseeurlaub habe ich es schließlich auch gemacht, in dem davor auch und davor genau so. Tonio Kröger hat es immer so gemacht. Am Geld kann es nicht liegen, weil sich das Dorflokal, das ich aufsuchen würde, vom eingesparten Betrag für die jährliche Auto-Inspektion finanzieren lassen würde. Wahrscheinlich könnte ich es für diesen Betrag sogar kaufen. Aber das wäre ja wieder völlig übertrieben. Ich könnte genauso wenig mit einem eigenen Dorflokal anfangen, wie mit einem eigenen Auto oder mit einer Einbauküche mit Topfset. Nur, weil es geht, übertreiben wir alles bis auf die Spitze. Wahnsinn!

Zufälle gibt es nicht

„Es zogen auf sonnigen Wegen drei lachende Mädchen vorbei“. Es war mein alter Freund Axel, der vor zwei Jahren die Wandersaison mit dieser Textzeile eröffnete. Er behauptete, sie sei von Eichendorf, aber das lässt sich nicht belegen. Jedenfalls muss ich sagen, dass mir auf meinen durchaus sonnigen Wegen immer wieder lachende Mädchen begegnet sind. Drei waren es auf jeden Fall und Singen hat auch immer eine Rolle gespielt. Leider habe ich selbst immer viel zu laut gesungen, so dass ich sie nie richtig hören konnte. Allerdings habe ich keine von ihnen jemals geküsst und keine von ihnen hat auch nur den Hauch einer Andeutung erkennen lassen, dass ich ihr Alleiniger sein sollte. Ganz im Gegenteil waren sie schon mit einem Sechstel sehr zufrieden und wollten gar kein Drittel, geschweige denn, den ganzen Knaben. Aber vielleicht lag das ja daran, dass ich mich nie für eine entscheiden konnte. 

Und es auch nie wollte. Die exklusive monogame Beziehung ist einfach nichts für mich. Sie mag sehr vorteilhaft sein, wenn es darum geht, Kinder heranwachsen zu lassen, aber selbst da kann ich mir auch andere Modelle gut vorstellen. Ich kenne einige Kinder flüchtig, die nicht in einem stabilen Elternpaar-Haushalt aufgewachsen sind und sie scheinen keine daraus resultierenden Schäden davonzutragen. Es scheint sogar eher das Gegenteil der Fall zu sein. Aber was weiß ich schon?!

Meine Eltern sind ihr Leben lang zusammengeblieben, was wahrscheinlich niemals leicht war. Aber zum Ende des Lebens der Einen war der Andere da, bis ganz zum Schluss. Da frage ich mich dann doch, ob es sich nicht vielleicht am Ende auszahlt, eine Entscheidung getroffen zu haben. Meinem Vater ist sie nicht schwer gefallen. Er arbeitete in Ludwigsfelde und seine Mutter und Großeltern wohnten in Nietwerder bei Neuruppin. Dorthin war er unterwegs, als er im Zug eine schöne junge Frau traf, die in Neuruppin ein kleines Paddelbot liegen hatte, das sie an diesem Tag verkaufen wollte. Sie kamen ins Gespräch, gefielen sich und verabredeten, am Abend gemeinsam wieder von Neuruppin zurück zu fahren. Dann dauerte aber alles länger, mein Vater verpasste den verabredeten Zug und kam viel später zum Bahnhof nach Neuruppin. Die junge Frau war nun auch nicht rechtzeitig mit ihren Geschäften fertig geworden, hatte ihrerseits den Zug verpasst und nun trafen sie sich zum zweiten Mal ganz zufällig auf dem Bahnhof. Aber Zufälle gibt es nicht. Denn wäre es nicht so gewesen, könnte ich es nicht aufschreiben. Und dann wäre es auch nicht passiert. 

Game over

Ich bin frei! Die Sache zwischen dem Fahrradmann und mir war schneller geklärt, als einer von uns beiden „Mau Mau“ sagen konnte. Er hat mein kaputtes Fahrrad behalten und ich habe dafür kein Geld von ihm bekommen. Obendrauf habe ich ihm noch das Ladegerät für den Akku gepackt, damit er es sich nicht noch anders überlegt. Immerhin hatte ich den Abholschein zu Hause liegen lassen. Er hat es sich nicht nehmen lassen, noch mit einem schier unwiderstehlichen Angebot rüberzukommen: Falls ich doch wieder ein Fahrrad kaufen wollte, solle ich es bei ihm kaufen, dann würde er mir etwas entgegenkommen. Vielleicht bis zum Ostkreuz? Aber egal, die Sache ist ausgestanden. Ich habe kein kaputtes Fahrrad mehr. Glücklicherweise verkehren in diesem Teil der Welt Busse und Bahnen. Allerdings hatten genau zur gleichen Zeit sehr viele Menschen auch auf einmal kein Fahrrad mehr und versuchten, mit dem offenbar einzigen Regio mitzufahren, der an diesem Tag unterwegs war. Das war schon eine Herausforderung, die ich aber auch wieder gemeistert habe.

Im Regio setzte sich ein Mann auf die Treppe, dessen linker Arm ab war. Er war offenbar der Vater einer Kinderschar, deren genaue Anzahl ich nicht überblicken konnte. Immer wieder versuchte eins von ihnen durch den Zug zu rennen, was er freundlich lächelnd und erfolgreich mit seinem verbliebenen Arm verhinderte. Dabei sah ich, dass zumindest die Hand auch eine Prothese war. Den Ausstieg verstellte ein schwules Pärchen, das seine unversehrten Hände nicht voneinander lassen konnte, dabei englisch sprach und ich stellte fest, dass es mir schon eine ganze Menge ausmacht, einfach nur daneben zu stehen. Vorher beobachtete ich ein anderes Hetero-Pärchen. Der Mann checkte Fahrpläne auf seinem Handy und war unentschlossen und nervös. Als der Regio losfuhr stellt er fest, dass sie im falschen Zug standen.

Das Leben ist kein Spiel, das man gewinnen kann. Man hat es schon gewonnen und man kann es wieder verlieren. Man verliert das Leben nicht, wenn es endet, es wird weniger, je mehr man versucht zu gewinnen. Es lebt sich wesentlich fröhlicher, wenn man sich das irgendwo hinschreibt, wo man es wenigstens einmal am Tag lesen kann. Man kann von Jesus glauben oder nicht glauben was man will. Aber was von dem überliefert ist, was er über das Leben gesagt haben soll (und das ist nicht viel!), ist mir heilig: Wenn einer deinen Rock will, lass ihm auch noch den Mantel. Wenn dich einer nötigt, eine Meile mit ihm zu gehen, gehe mit ihm zwei. Es geht nicht darum, zu gewinnen. Spielt einfach nicht mehr mit. Game over.

Das Ende des Sommers

Es ist ein leider erschreckend weit verbreiteter Irrtum, dass der „Sommer“ etwas mit der „Sonne“ zu tun hätte. Wäre dies der Fall, würde er ja „Sonner“ heißen oder man würde davon sprechen, dass die „Somme“ scheint. Davon kann aber keine Rede sein. Nein der „Sommer“ ist einzig und allein nach dem deutschen Psychotherapeuten und Autor Martin Goldstein benannt, der seit 1969 unter dem Pseudonym „Dr. Sommer“ in der Bravo die Fragen jugendlicher Leser zur Sexualität beantwortete. Sein Geburtstag jährte sich jeweils im Juni, weshalb man dann im Juni eben auch vom „Sommeranfang“ sprach. Der Sommeranfang hat also eher etwas mit dem Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu tun, denn Dr. Sommer stellte zu Beginn der Siebziger fest, dass man vom Masturbieren weder krank, noch schwul, noch unfruchtbar wird. Mit der Ansammlung von Wasser in der Stratosphäre oder der Temperatur der Außenluft hatte das alles wenig zu tun. 

Leider bekamen wir auf der beschützten Seite des antifaschistischen Schutzwalls von Dr. Sommer so gut wie gar nichts zu lesen. Ich kann mir das heute gar nicht mehr vorstellen, aber offenbar war es so. Bestenfalls bekam man mal eine total zerfledderte einzelne Seite einer uralten Bravo zu Gesicht. So wusste ich auch als 16jähriger weder über das Masturbieren noch über andere Sommerpraktiken Bescheid. Wie ein Kind gezeugt und geboren wird, ist mir zwar mehrfach erklärt worden, aber ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich glaubte lange, der weibliche Bauchnabel hätte irgendetwas mit diesen ganzen Vorgängen zu tun. Wenn ich mal einen zu Gesicht bekam, sah er doch irgendwie sehr tief und geheimnisvoll aus. 

In diesem Sinne ist der Sommer heute Schnee von gestern. Aufklärung über Fragen zur Sexualität scheint heute schon zur genetischen Grundausstattung von Neugeborenen zu gehören. Sie wissen alles. Darum geht das Frühjahr neuerdings auch gleich in den Herbst über, denn Dr. Sommer ist tot. Er starb mit Martin Goldstein am 31. August des Jahres 2012. Das war das Ende des Sommers. Was bleibt sind Erinnerungen an nicht enden wollende Ferien, Mädchenlachen und unendlich tiefe Bauchnabel. Das ist alles vorbei und es kommt nicht mehr zurück. Statt dessen kommt Fußball. 

Links halten

Zurzeit kann ich die Wohnung leider nicht verlassen. Ich habe den Schlüssel draußen stecken gelassen und dann von innen die Tür zugeknallt. An dieser Stelle fällt mir ein Satz aus einer Schulzeugnis-Beurteilung ein: „Er muss es noch lernen, seine Späße im richtigen Moment wirken zu lassen.“ Ich habe nicht nur das noch immer nicht gelernt. Am zweiten Satz habe ich seit Tagen gefeilt und jetzt habe ich ihn einfach so als zweiten Satz rausgehauen. Es ist nicht mal ein Hauptsatz, wie der erste, sonst könnte man wenigstens sagen, es sei der zweite Hauptsatz (von was auch immer). Es kommen sicher Einwände, ich müsste doch nur auf die Türklinke drücken. Aber die Türklinke ist schon vor ein paar Jahren abgebrochen. Ich komme nur mit dem Schlüssel raus und der schließt nicht, wenn auf der anderen Seite ein anderer Schlüssel steckt. Von innen geht auch der Scheckkarten-Trick nicht. Ich hoffe, die Ausweglosigkeit meiner Situation ist hinreichend deutlich geworden. 

Vor ein paar Tagen war ich noch draußen und fand in einem der Büros meines Arbeitgebers gut aussehende Kolleginnen vor. Eine von ihnen vergaß ihre Jacke. Ich machte sie darauf aufmerksam und sie bat mich, sie ihr in den schon geschulterten Rucksack zu stecken. Selbstverständlich tat ich, wie mir geheißen. Heute kann ich davor nur warnen. Man weiß nie, was man noch alles in die Rucksäcke von gut aussehenden Kolleginnen steckt, warum auch immer. Bei mir war es mein Wohnungsschlüssel. Er war weg, wie vom Erdboden verschluckt und er tauchte im Rucksack der Kollegin wieder auf. Da sie nicht wußte, dass es meiner war, konnte sie nicht zu mir fahren und eine warme Hauptmahlzeit zubereiten, obwohl ich an diesem Tag noch lange unterwegs war. 

Nun kann ich nicht einmal mehr Kolleginnen treffen und ihnen Schlüssel in die Rucksäcke stecken, weil ich ja nicht aus der Wohnung komme. Ich könnte um Hilfe brüllen, wenn der Nachbar mal wieder aus der Tür tritt, aber so schlimm ist es noch nicht. Im Kühlschrank ist noch Hefeweizen. Sollte es zur Neige gehen, werde ich schon brüllen, da kann man sich drauf verlassen. Vielleicht springe ich auch einfach vom Balkon, ohne auch nur einen einzigen Kirschkern zu spucken. Schräg unter mir steht ein riesiger Pool. Ich werde hinein hechten und dann weit hinaus schwimmen. Ich halte einfach immer auf den Horizont zu. Am Horizont dann links halten. Dann noch mal fragen. 

Neue Blogposts wieder auf Telegram

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Schön und lieblich

Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit: Wer wohl am Besten sänge, zur schönen Maienzeit. Glücklicherweise müssen wir zur Zeit nicht solche Codes bemühen, um über die Vorgänge in der Regierung zu sprechen. Aber die schöne Maienzeit geht ja nun langsam zu Ende und da dürfen wir nun wirklich gespannt sein, was zum Schluss herauskommt. Klar ist das noch keineswegs, denn jeder beharrt auf seiner Position. Frau Merkel ruft in Berlin mit glockenheller Stimme nach wie vor KUCKUCK - KUCKUCK, während Herr Seehofer in München schon etwas genervt IAHHH - IAHHHH schreit. Es ist eigentlich nicht vorstellbar, dass hier auch mit den besten Mediatoren nur der Zipfel einer Einigung zu fassen wäre. Weder lässt sich denken, das Seehofer auf einmal KUCKUCK ruft, was ihm schon auf Grund seiner anatomischen Gegebenheiten nicht möglich sein dürfte, noch kann man sich ausmalen, dass Merkel auf einmal IAHHH schreit. Obwohl das natürlich eine schöne Überraschung wäre. Andererseits wäre es fatal, wenn beide gleichzeitig ihre Position wechseln und so der Antagonismus unter umgekehrten Vorzeichen einfach weiter bestünde.

Der Kuckuck sprach: Das kann ich! Und fing gleich an zu schrei‘n. Ich aber kann es besser, fiel gleich der Esel ein. Es ist ja kein Geheimnis, dass der Streit das Kerngeschäft der Politik ist. Dazu gehört aber auch die ständige Vermittlung zwischen den Positionen und die Suche nach Kompromissen. Wem so was keinen Spaß macht, der sollte das bei der Berufswahl berücksichtigen. Von Angela Merkel hört man, dass sie unter solchen Bedingungen erst richtig aufblüht: Auf der einen Seite die Wähler, auf der anderen die anderen Politiker, dann noch das internationale Gedöns und so weiter. Je unmöglicher und komplizierter, desto fröhlicher wird sie. Sagt man. Von Horst Seehofer weiß man das nicht so genau. Vielleicht ist es bei ihm ja auch so und er kann es eben nur nicht so zeigen. Für mich wäre das jedenfalls nichts. Entweder sie machen so, wie ich sage oder ich mache gleich gar nicht mehr mit. Dann eben nicht. IAHHH, IAHHH!!

Das klang so schön und lieblich, so schön von fern und nah. Sie sangen alle beide: KUCKUCK - KUCKUCK - IAHHH - IAHHH. Am Ende weiß man gar nicht mehr, worüber sie überhaupt gestritten haben. Jeder lässt den anderen einfach so singen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und überall finden sich noch allemal welche, die entweder das eine oder das andere mitsingen können. Und am Ende schreit das ganze Land: KUCKUCK und IAHHH und alle sind wieder zufrieden. 

Wo die schlechte Laune herkommt

Das Fahrrad ist also in den Brunnen gefallen und ich könnte jetzt glücklich und zufrieden sein. Ich bin es aber nicht, sondern beschäftige mich doch mehrmals täglich gedanklich mit dem Fahrrad. Wieso? Ich genieße die jeweils halbstündigen Spaziergänge zur Arbeit und wieder nach Hause. Neulich wurde mir ein Fahrrad zur Nutzung angeboten. Ich habe dankend abgelehnt. Ich brauche kein Fahrrad. Trotzdem muss ich den Fahrradmann anrufen. Aber warum? Wozu? Ich könnte doch froh sein, dass er das Fahrrad hat und nicht ich. Ich bin aber nicht froh, sondern ich gräme mich. Darum, weil mich der Fahrradmann hinters Licht führt. Weil er mich hintergeht und betrügt. Weil er mich heimlich auslacht. Wahrscheinlich tut er das gar nicht. Und wenn doch, was soll‘s? 

Ich habe für das Fahrrad vor fünf Jahren eine Menge Geld bezahlt. Jedenfalls war es für mich eine Menge Geld. Aber was ist Geld? Kann man Geld überhaupt besitzen? Und warum sollte man sich dagegen wehren, hinters Licht geführt zu werden? Wie groß ist der Schaden wirklich für mich, wenn ich bestohlen werde? Ich habe einer Mieterhöhung zugestimmt. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen. Ich bezahle jetzt 50 Euro mehr im Monat. Das sind 600 Euro im Jahr! Aber das Geld habe ich doch auch nicht selbst hergestellt. Manchmal denkt man, die Leute haben ihr Geld aus ihrer eigenen Haut gemacht. Ich habe es aber auch nur von anderen bekommen, die es wieder von anderen bekommen haben. Das Geld gehört der Europäischen Zentralbank. 

Warum soll ich den Fahrradmann nicht in Ruhe lassen? Wenn er mein kaputtes Fahrrad haben will, soll er es doch haben. Wenn er es ganz macht und wieder verkauft, um so besser! Wer weiß, wozu das gut ist. Die schlechte Laune ist nur in der Welt, weil wir glauben, wir könnten zu kurz kommen. Ich will das nicht mehr glauben. Das nackte Leben ist alles, was ich habe und selbst darauf kann ich keinen Anspruch erheben. Alles, was darüber hinausgeht, gehört mir schon gleich gar nicht. Es ist gepumpt, geliehen und geklaut. Gezogen und geraubt. Darum könnte ich einfach nur froh sein. Das bin ich aber nicht. Sondern ich gräme mich. Und das ist ganz schön dämlich! 

Neues* vom Fahrrad

Die Luft im Reifen hatte nicht lange durchgehalten. Als nun der Frühling gekommen war, dachte ich, ich könnte es mal wieder versuchen. Diesmal fand ich auch den Dorn, ein neuer Schlauch, alles ging schnell. Dann hatte ich Schwierigkeiten beim Einbau: Das Rad drehte sich nicht mehr. Wie festgeschraubt. Nach einer Stunde und mit furchtbaren Rückenschmerzen hatte ich einen Kompromiss ausgearbeitet: Das Rad drehte sich, dafür hing die Kette durch. Was soll’s. Man kann nicht alles haben. Ich fuhr in die Stadt. Eine Mädchengruppe betrachtete mit wachsender Bewunderung mein schickes Bike. KNALL flog die Kette ab. Mit rotem Kopf beschmierte ich mir die Finger mit schwarzer Kettenschmiere. Ich wollte nur noch fliehen. Auf dem Rückweg sprang die Kette noch drei mal ab, immer dann, wenn es gerade sehr wichtig wurde, cool auszusehen.

Um zu verstehen, warum ich das Fahrrad nicht einfach auf den Schrott werfe, muss man wissen, dass ich es von IHR habe. SIE hat es mir gegeben und sie hat das gleiche. Hin und wieder, alle sieben Jahre einmal, kommt SIE mich damit besuchen. Alles, was ich zwischen diesen Besuchen von IHR habe, ist dieses Fahrrad. Ich muss es behalten, es geht nicht anders.
Die sieben Jahre waren mal wieder um und SIE würde kommen, mit IHREM Fahrrad. Auf dem Heimweg, durch den dunklen Wald, sollte mein Fahrrad SIE begleiten. Ich würde es fahren. Auf keinen Fall durfte irgendetwas schiefgehen. Schon gar nicht die Kette abspringen. Ich spannte die Kette neu. Das Hinterrad drehte sich nicht mehr. Komm schon… Mit großem Krafteinsatz an den Pedalen und einem schwer zu ignorierenden Schleifgeräusch bewegte sich etwas. Ich würde es schon schaffen! Ich versprach IHR, SIE, wenn nötig bis nach Honolulu zu begleiten. (Was natürlich Unsinn ist, denn Honolulu ist von Europa aus nicht mit dem Fahrrad zu erreichen.) Wir kamen bis zum Kirschberg. Da war SIE schon weit vor mir. Dann knallte es und es drehte sich überhaupt nichts mehr. SIE musste ein Taxi rufen.

Die nächsten zwei Urlaubstage beschäftigte ich mich ausschließlich mit dem Fahrrad. Ich vermutete einen Defekt in der Hinterradnabe und brachte das Hinterrad ins Fahrrad Center Berger. Herr Berger sagte mit Blick auf das Rad, so etwas habe er noch nie gesehen und da gehe er auch nicht ran. Irgendwie hat er es dann geschafft, mir ein komplettes neues Hinterrad für 40 Euro zu verkaufen. Beim Einbau stellte sich heraus, dass die Radmuttern nicht auf die Achse passten. Komm schon… ich setzte zwei 15er Schlüssel an und gab alles. Dann saß die Achse fest. Immerhin hatte ich jetzt einen Hinweis auf mein ursprüngliches Problem. Ich weiß jetzt alles über Hinterradnaben mit Rücktrittbremse. Es dauerte noch einen Tag, bis das Fahrrad wieder fuhr. Ich war glücklich. Ich war noch einmal in der Stadt. Auf dem Rückweg verlor der Hinterreifen Luft. Zu Hause war er platt. Es ist aus zwischen uns.

*04. Mai 2007

Passt scho‘

Zum Glück ist jetzt Wochenende und wir haben eine kleine Verschnaufpause von den aufregenden Ereignissen auf der politischen Bühne. Obwohl ich ja sagen muss, dass die Bilder diesmal gar nicht zum Text passten. Man hört immer, dass Frau Merkel und Herr Seehofer sehr bitter miteinander streiten. Dann zeigen sie aber Bilder, auf denen die beiden irgendwo herumlümmeln und sich ganz offenbar sehr langweilen. Vielleicht ist da auch etwas durcheinander geraten. Auf jeden Fall werden sie dann aber aus den Nachrichten erfahren haben, dass es eine Krise gibt und dass sie sich mal wieder spinnefeind sind. Während man ja nun bei den Elefanten herausgefunden hat, dass sie nachdenken, während sie scheinbar untätig herumstehen, weiß man beim Horst Seehofer nicht, was er eigentlich macht, wenn er scheinbar gelangweilt herumlümmelt. Es ist ein Rätsel. Man kann ja nun auch nicht einfach sein Gehirn sezieren, um es herauszufinden. Es bleibt nur, weiter herumzuraten. Vielleicht macht er sich auch so seine Gedanken. Wenn es bei ihm ähnlich ist, wie bei mir, denkt er vielleicht: „Weisswurscht. Passt scho‘“ Und dann gleich: „Passt scho‘. Weisswurscht.“

Man weiß es nicht, denn der Horst Seehofer spricht nicht viel. Mir ist das sehr sympathisch. Gerade heute wurde ich wieder Opfer gemeiner Sprechattacken. Erst ballerte im Bus ein gnadenloser Schnellsprecher ein wahres Trommelfeuer in meine Richtung ab. Dann versuchten zwei Damen in der S-Bahn durch Dauersprechen herauszufinden, ob sie in der richtigen Bahn sitzen. Ich leide dann schweigend. Ich schweige die ganze Zeit. Ich bin zwei Stunden unterwegs und schweige. Leider tue ich das offenbar nur aus Kontaktmangel. Das kränkt mich. Mit der richtigen Begleitung verwandele ich mich in ein Maschinengewehr und spreche noch schneller, als der Schnellsprecher im Bus. 

Mir ist das alles sehr peinlich. Ich möchte versuchen, mein Denken durch Meditation auf das Wort „Hefeweizen“ zu reduzieren. Sprechen will ich möglichst gar nicht mehr. Es wird nämlich nicht besser durch das Sprechen. Im Gegenteil. Ich rede mich um Kopf und Kragen. Ohne Not. Mein Glück ist nur, dass kaum noch jemand zuhört. Die Kulturtechnik des Zuhörens ist so gut wie ausgestorben. Kein Wunder, denn wer zuhört, kann eben selbst nicht sprechen. Und umgekehrt. 

Das kleinere Übel


In dieser Woche stand in der Zeitung, dass ein junger Mann im thüringischen Sondershausen beim Kirschkernweitspucken vom Balkon gestürzt ist. Er fiel aus dem dritten Stock hinunter und erlitt sehr schwere Verletzungen. Daran sieht man mal wieder, dass Kirschen essen eine sehr gefährliche Sportart ist. Wahrscheinlich kommt daher auch das Sprichwort, mit jemandem sei nicht gut Kirschen essen. Vielleicht, wenn sich der Balkon des Betreffenden in einem der Obergeschosse eines Hauses befindet. Gut Kirschen essen ist nur mit Mietern oder Eigentümern, die im Erdgeschoss wohnen und die eine Terrasse haben. Demnach ist mit mir auch nicht gut Kirschen essen. Offenbar gibt es nun eine Reihe von Menschen, die solcherlei Risiken nicht länger auf sich nehmen wollen und das Kirschkernweitspucken von den Balkonen in ungefährlichere Regionen verlagern. Jedenfalls sah sich ein von mir häufig aufgesuchter Lebensmittelmarkt veranlasst, vor seinen Obstauslagen ein Schild mit der Ermahnung aufzustellen, die Kerne des probierten Obstes AUF KEINEN FALL in die Warenregale zu spucken.

Das stellt die Organisatoren des Kirschkernweitspuckens freilich vor besondere Herausforderungen. Die verschiedenen Auslagen und Regale stellen nun einmal vorzügliche Entfernungsmarken dar, wenn die Startposition für alle Teilnehmer gleich ist. Wo soll man denn die Kerne statt dessen hinspucken? Davon stand nichts auf dem Schild. Nur AUF KEINEN FALL in die Warenregale. Die Begründung war doch sehr fadenscheinig: Es sei für Kunden und Mitarbeiter unappetitlich. Es ist doch fraglich, ob es appetitlicher ist, wenn die Kirschkerne einfach so in den Gängen herumliegen. Außerdem muss man befürchten, dass unversehens der Mann mit der Riesenkehrmaschine herbeischwebt und den Kirschkern entfernt, bevor ordentlich gemessen und dokumentiert werden konnte. 

Man muss sich also nicht wundern, wenn bald wieder mehr Opfer der Kirschkernweitspuckerei zu beklagen sein werden. Wo sollen sie denn hin, wenn man sie überall davonjagt. Es bleiben ihnen ja nur noch die Balkone, von denen sie dann scharenweise herunterfallen. Da Kirschkernweitspucken ein reiner Männersport ist, ist das nun keinesfalls eine Entwicklung, die man schulterzuckend hinnehmen sollte. Denn wenn die jungen Burschen nicht mehr von den Balkonen dieser Welt zurückkehren, werden die jungen Mädchen auch keine Brautkränze mehr aus den Kirschblüten winden. Vielleicht wäre ein bisschen Unappetitlichkeit dann doch das kleinere Übel. 

Königsdisziplin

Es ist noch gar nicht ausgemacht, ob der Gebrauch der Sprache wirklich vorteilhaft ist. Keine nichtmenschliche Lebensform verfügt über sie. Vielleicht hat das ja seinen Grund. Möglicherweise gibt es im ganzen übrigen Universum keine Sprache, weil sie nichts Gewinnbringendes zum Leben beitragen kann. Auch wir fühlen uns immer noch am stärksten von Bildern und Gesten angesprochen. Was können Kim und Trump schon miteinander besprochen haben? Das Wesentliche zwischen den beiden muss nonverbal gelaufen sein. Aber wir haben die Sprache nun mal und darum müssen wir sie auch benutzen. Vielleicht wäre es besser, wir täten es nicht. Ich könnte den ersten Schritt machen und ein Schweigegelübde ablegen. Ab morgen spreche ich nicht mehr. Sage keinen Mucks. Nur noch Gesten. Vielleicht auch Laute. Aber keine Worte. Ob man es schaffen kann, die Sprache auch aus dem Denken zu löschen? Denken ohne Worte? 

Freilich könnte ich dann auch nichts mehr schreiben und ich dürfte eigentlich auch nichts mehr lesen. Dass andere zu mir sprechen, könnte ich aber nicht verhindern. Ich müsste es über mich ergehen lassen. Aber vielleicht könnte ich es durch Training oder Meditation dahin bringen, dass ich die Worte nicht mehr verstehe. Irgendwann höre ich nur noch aneinandergereihte Laute, aber ich sehe Mimik und Gestik und verstehe vielleicht viel mehr als vorher, als ich nur auf die Worte gehört habe. 

Leider würde sich dann auch das Singen verändern. Aber vielleicht wäre das auch wieder gar nicht so schlecht. Vielleicht ist auch das Singen ohne Worte etwas viel Reineres, Tieferes und Wertvolleres als Vertonen von Text. Ich denke noch, es ist vorteilhaft, dass ich von so vielen Liedern so viele Strophen auswendig weiß. Es könnte aber auch sein, dass ich das nur brauche, um überhaupt singen zu können. Denn ohne Text singe ich niemals. Ich kenne aber mehr als eine Handvoll Menschen, die das tun. Noch mehr kenne ich, die, falls sie singen sollten, jedenfalls lautlos singen. Vielleicht ist das die Königsdisziplin des Singens: laut- und textlos. In Gedanken. Und ohne Worte. 

Das Netz

Elefanten haben die größten Gehirne aller Landlebewesen. So ein Elefantenhirn ist dreimal so groß, wie das eines Menschen. Das ist schon ganz schön riesig, auch, wenn man das Verhältnis zur Körpergröße berücksichtigt. Seit wir das wissen herrscht Sicherheit darüber, dass Elefanten auch denken. Sie denken sogar extrem viel. Wenn sie nicht gerade fressen oder sich fortpflanzen, denken sie. Elefanten stehen oft stundenlang herum und niemand wusste genau, was sie eigentlich dabei machen. Jetzt wissen wir es: Sie denken nach. Mich überrascht das nicht. Nach meiner Überzeugung ist der Geist in der Welt, so, wie zum Beispiel das Licht. Um damit etwas anfangen zu können, braucht man ein bestimmtes Organ. Es geht natürlich auch unterhalb des Organstatus, aber ein extra Organ kann schon mehr herausholen. Das bedeutet, dass Intelligenz eben nichts Individuelles ist, sondern allgemein vorhanden. Das Individuum kann entsprechend seiner Ausstattung und seiner Möglichkeiten daran teilhaben. 

Jetzt fragt man sich natürlich, worüber die Elefanten so viel nachdenken. Die Antwort darauf liegt auch näher, als gedacht. Manche sagen, eigentlich denkt nur die Leitkuh nach und zwar darüber, wie sie am besten zur nächsten Wasser- oder Futterstelle kommen. Und die anderen? Standby? Weit gefehlt. Die Elefanten denken über die Menschen nach. Sie tun das in jeder freien Minute. Wir fahren auf Safari um Tiere zu beobachten und kommen niemals, wirklich niemals auf die Idee, dass die Tiere uns schon viel länger beobachten. Seit wir aufgetaucht sind tun sie das. Manche so intensiv, dass sie ihre natürliche Lebensweise vollständig dafür aufgegeben haben. Wir glauben, dass wir sie domestiziert hätten. Aber sie sind zu uns gekommen, um uns zu beobachten. Von der Stubenfliege über die Vögel, die Katzen und Hunde, die Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen und so weiter gibt es ein riesiges Beobachtungs- und Informationsnetzwerk - bis hin zu den Elefanten. 

Die Elefanten versuchen nun, die ganzen Informationen zu verarbeiten. Sie wollen herausfinden, welchen Sinn die menschliche Existenz haben könnte. Sie verwenden all ihre Energie darauf. Ob wir es merken würden, wenn sie es herausfinden? Wahrscheinlich nicht, denn wir merken ja nicht einmal, dass sie überhaupt darüber nachdenken. Vielleicht bedeutet es aber auch das Ende der Menschheit, wenn die Elefanten aufhören, über die Menschen nachzudenken. Vielleicht gibt es die Menschheit ja nur in den Gedanken der Elefanten. Oder es sind nur ein paar ganz bestimmte Elefanten, die über die Menschen nachdenken. Andere Elefanten, denken was ganz anderes. Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass sie nicht mit Worten denken, sondern ganz, ganz anders. 

Könnte klappen

Jetzt kam es nochmal in den Nachrichten: die Astronauten, die am Freitag auf der ISS angekommen sind waren zwei Tage nicht auf der Toilette. Ich hatte ja so was geahnt. Sie waren sozusagen mit der S-Bahn unterwegs, da gibt es ja auch keine Toiletten. Sie hätten vielleicht doch lieber den Regio nehmen sollen. Andererseits ist es gut möglich, dass sie sich den Stress mit dem Klo putzen ersparen wollten. Auf Station kriegen sie das noch früh genug. An der Kabinentür hängt dann ein Zettel, jeder ist eine Woche zuständig. In ihrer Sojus-Kapsel sind sie vierunddreißig Mal um die Erde herumgeflogen. Es stimmt wirklich: sie haben nur gepennt und rausgeguckt. Und wenn sie mal mussten, haben sie einfach in ihren Anzug abgedrückt.

Ich wurde während meiner aktiven Dienstzeit in der Volksarmee einmal Zeuge eines vergleichbaren Vorgangs. Wir wohnten ähnlich beengt wie in der Sojus-Kapsel, nur dass wir zu acht waren. Die Wochenenden verbrachten wir auf unseren Betten. Am Tisch konnten zwei Mann sitzen. Diese zwei Mann spielten Schach. Dabei konsumierten sie befehlswidrig hochprozentigen Alkohol. Einer der beiden musste schließlich pinkeln und wollte nicht aufs Klo, weil argwöhnte, der andere würde während seiner Abwesenheit seine Figuren umschmeißen. Er erleichterte sich in eine leere Milchflasche. Deren Fassungsvermögen betrug 0,25l. Mit dem Blaseninhalt eines erwachsenen Mannes war das nicht kompatibel. Es war nicht schön, dieser Szene beizuwohnen. Aber ich habe auch das überstanden.

Viele fragen sich ja, warum so viel Geld für diese Station und für bemannte Flüge dorthin ausgegeben wird. Es ist aber notwendig. Es handelt sich um die Vorbereitung der nächsten Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs. Erst müssen sie zwei Tage die Erde umkreisen, damit sie mal ein Gespür dafür kriegen, wofür sie eigentlich verantwortlich sind. Merkel, Macron und Trump in einer Kapsel ohne Toilette. Ohne Toilette, damit Trump gar nicht erst in Versuchung kommt, wieder heimlich zu rauchen. Auf der Station warten schon Kim, Putin und Xi. Dann beginnt die Arbeit. Zur Erde können sie erst wieder, wenn sie einen Plan für die Rettung der Welt haben, dem sie alle zustimmen. Dann fliegt aber erst die Altbesatzung zurück, um den Plan in ihren Ländern in die Tat umzusetzen. Trump, Macron und Merkel bleiben erstmal oben. Ob sie abgelöst werden, hängt davon ab, ob auch die anderen Staatschefs mitmachen, mit denen sie sich dann auch einigen müssen. Immer drei und drei. Es hat keiner gesagt, dass es ein Zuckerschlecken wird, die Welt zu retten. Aber es könnte klappen.

Zu Fuß gehen

In Wirklichkeit habe ich gar kein Fahrrad. Ich habe auch nie eins gehabt. Meine Eltern waren damals dagegen ein Fahrrad anzuschaffen, weil so viele Unfälle passierten. Die Geschichte mit dem Fahrradmann aus Friedrichshagen habe ich mir ausgedacht. Es ist eine dieser Geschichten, die ich mir so lebendig ausmalen kann, dass sie schließlich wahr werden. Sie geht so weiter, dass der Fahrradmann natürlich auch einen Fahrradverleih betreibt. Mein Fahrrad hat er schon lange repariert, aber er hält mich hin, um es so lange wie möglich verleihen zu können. Das bringt ihm logischerweise viel mehr Geld ein, als so ein lausiger Reparaturauftrag. Das einzige, was ich zur Rettung meines geknechteten Fahrrades jetzt noch unternehmen könnte, wäre, mit gefälschtem Perso, angeklebtem Bart und verstellter Stimme im Fahrradverleih aufzutauchen und so lange Fahrräder auszuleihen, bis ich meins wiederbekomme. Dann nichts wie weg, auf nimmer Wiedersehen. 

Aber das werde ich natürlich nicht machen. Denn es gibt noch eine andere Verzweigung der Geschichte, in der der Fahrradmann genau das gleiche Fahrrad hinten in seinem Lager stehen hat. Er wollte schon immer mal mit seiner Frau eine Radtour unternehmen, was aber nicht ging, weil er ja nur ein Fahrrad hatte. Jetzt hat er endlich zwei, denn die kleine Reparatur war schnell gemacht. Weil das Wetter in und um Berlin im Moment so famos ist, macht er mit seiner Frau ausgedehnte Radtouren, so oft es nur geht. Das Fahrrad der Frau hat er dafür so umgebaut, dass anstelle des Motors ein Generator arbeitet, der die Batterie aufladen kann. Wenn der Akku des Fahrradmannes zur Neige geht, sagt er zu seiner Frau: „Schatz, dein Akku ist fast leer, lass uns tauschen, meiner ist noch fast voll.“ 

Wenn ich aus Versehen in dieser Geschichte lande, habe ich das Nachsehen, denn sowohl Fahrradverleih, als auch Fahrradgeschäft sind geschlossen, weil der Fahrradmann ja mit der Frau auf Tour ist. Also kehre ich in die Wirklichkeit zurück, in der ich kein Fahrrad besitze. Bis ungefähr 1850 hat es sowieso überhaupt keine Fahrräder gegeben. Da sind die Leute ja auch irgendwie von A nach B gekommen. 1817 wurde die Draisine erfunden. Sie heißt so nach ihrem Entwickler Karl von Drais und war schon auch ein Fahrrad, nur ohne Pedalantrieb. Man stieß sich mit den Füßen wechselseitig vom Boden ab. Da kann man doch auch gleich zu Fuß gehen. 

Griff ins Klo

Mein Pinsel ist mir runter gefallen. Es ist der Pinsel, mit dem ich den Scherkopf des Rasierapparates sauber mache. Jetzt ist dieser blöde Pinsel aber nicht einfach auf die Erde gefallen, sondern genau in die Ritze zwischen Klodeckel und Kloschüssel. Und weg war er. Ich konnte ihn zwar noch sehen, aber war tief gefallen. Mir blieb nichts übrig, als der Griff ins Klo, wenn ich das Teil wiederhaben wollte. Das ist nicht schön. Es ist irgendwie entwürdigend und es fühlt sich auch nicht gut an. Ich versuchte dem Missgefühl durch anschließendes minutenlanges Scheuern mit der Klobürste beizukommen. Also das Klo scheuern, meine ich. Aber man bekommt ja so ein Klobecken irgendwann nicht mehr richtig sauber. Da hilft dann auch keine Chemie mehr. 

Heute (Mittwoch) fliegt Alexander Gerst wieder in den Weltraum. Nach zwei Tagen kommen sie auf der Internationalen Raumstation an. Ich finde das bemerkenswert. Die Station umkreist uns in circa vierhundert Kilometern Höhe. Das ist ungefähr die Entfernung von meinen Wohnort nach Karlovy Vary in Tschechien. Eine Reisezeit von zwei Tagen würde ich nicht akzeptieren. Und zur ISS fliegen sie! Was machen die denn unterwegs so lange? Keiner scheint das komisch zu finden. Also werde ich mich jetzt auch nicht darüber aufregen. Aber gilt für Alexander Gerst denn etwa nicht das Arbeitszeitgesetz? Oder macht er das ehrenamtlich? Vielleicht brauchen sie aber auch darum so lange, weil er nur eine halbe Stelle hat und dann ist eben nach vier Stunden Feierabend. Dann macht Gerst keinen Finger mehr krumm und guckt nur noch aus dem Fenster oder pennt. Am nächsten Tag macht er dann weiter. 

Aber die entscheidende Frage ist doch: wer macht das Klo sauber? Es wird sich ja wohl hoffentlich nicht so anfühlen, wie meins, falls mal einer hineingreifen muss, weil ihm etwas hineingefallen ist. Vielleicht schließt der Deckel auch besser. Diese Ritze ist ein schwerer Konstruktionsfehler. Für den Weltraum sollte doch alles perfekt sein. Das Wohnmodul ist aber seit achtzehn Jahren im Orbit. Es wird das Klo enthalten. Viel älter ist mein Klo auch nicht. Auch auf der Raumstation kann also nicht mehr alles ganz neu sein. Für Alexander Gerst ist das aber alles nicht weiter schlimm. Er hat gesagt, er würde auch sofort auf den Mond oder auf den Mars fliegen, wenn ihn einer fragen würde. Dort gibt es nun noch überhaupt keine Klos. Keine Ahnung, wie sie das dann machen wollen. Aber ich glaube, so schnell fragt keiner. 

Naja

Ich war übrigens auch mal „regular crowd“ in einer Bar. Also nicht Stammgast, aber ich bin ziemlich regelmäßig hingefahren. Die Bar war in Berlin am Alexanderplatz, gleich am S-Bahnhof. Ich war zwar erst so ungefähr 14, aber es gefiel mir dort gut. Vor allem fragte mich keiner, wie alt ich wäre. Ich trank Whisky und lernte Menschen kennen. Ich glaube heute, dass es eine Schwulenbar war, aber für so etwas hatte ich damals überhaupt keine Antennen. Ich ging mal mit einem Mann mit in sein Hotelzimmer, weil er mir etwas zeigen wollte, ich weiß nicht mehr, was. Es ist nichts passiert, er hat mir wirklich nur was gezeigt. Aber als ich (viel später) meiner Mutter mal davon erzählt habe, ist sie nachträglich vor Angst fast wahnsinnig geworden. Aber erstens gehen nicht nur Schwule in Schwulenbars und zweitens sind Schwule normalerweise eben keine Verbrecher. Ach, naja. 

Die Bar war ziemlich klein und natürlich gab es dort keinen Barpianisten. Dieser Zufall war wahrscheinlich ein entscheidendes Detail in meiner Entwicklung. Wäre die Bar ein bisschen größer gewesen, vielleicht hätte es einen Piano Man gegeben. Wäre ich ihm in dieser sensiblen Prägungsphase begegnet, ich wäre auf jeden Fall ein Klavierspieler geworden. Vielleicht hat mir der Mann in seinem Hotelzimmer damals eine Gitarre gezeigt und nur darum spiele ich heute Gitarre. Das prägende Erlebnis habe ich vergessen. Ich kann wirklich nicht sagen, wie ich zu der Gitarre gefunden habe. Thomas Jütte aus meiner Klasse kann es nicht gewesen sein. Witti aus der Jungen Gemeinde habe ich erst kennengelernt, als ich schon eine Gitarre hatte. Ach, naja.

Ist es nicht seltsam, dass sich mein ganzes Leben nur um mich dreht? Egal, welche Episode wir aus meiner Vergangenheit anschauen, es geht immer um mich. Ich bin seit ich denken kann die Hauptperson in diesem Film. Eigentlich mag ich ja diesen Rummel um meine Person nicht, aber was soll ich machen? Und ich fürchte, es wird wohl so weiter gehen. Ich kann nur allen raten, sich nicht weiter um mich zu kümmern. Denn jeder hat seinen eigenen Film, in dem er die Hauptrolle zu spielen hat. In diesen Filmen spiele ich dann - wenn überhaupt - eine Nebenrolle. Sollte ich jemals in irgendeinem anderem Film als meinem in der Hauptrolle auftauchen - dann ist etwas schief gelaufen. Ich möchte das nicht. Und dem Film würde es auch nicht gut tun. Zwischen Hauptrolle und gar nicht mitspielen muss es noch etwas geben: das Leben. Ach, naja. 

Piano Man

Was für ein Wochenende! Ich bin völlig erschöpft. Ich habe das Programm für das Erdbeerfeld gemacht, das war eigentlich anstrengend genug, weil ich so viel lesen musste. Aber dann habe ich am Samstagabend „Piano Man“ von Billy Joel gehört und der Sonntag war gelaufen. Erst musste ich Klavier spielen lernen, um mich zu dem Lied auf dem Piano begleiten zu können, denn man kann „Piano Man“ ja schlecht auf der Gitarre spielen. Als ich gegen Nachmittag merkte, dass aus mir kein Barpianist mehr wird, habe ich angefangen, einen eigenen Text dazu zu machen. Nun ist er eben noch vor Einbruch der Dunkelheit fertig geworden. Er heißt jetzt eben „Liedersänger“ und ich kann ihn zur Not auch auf der Gitarre spielen. Vielleicht finde ich mal eine Klavierspielerin, die dazu für mich Klavier spielt. Dann machen wir auch so ein Video wie Billy Joel von „Piano Man“. Es ist wirklich großartig. 

„Liedersänger“ handelt nun nicht vom Alltag eines Barpianisten, sondern von dem eines armen Musiktherapeuten. Der Liedersänger begegnet verschiedenen Menschen, die seiner Musik alle viel abgewinnen können. Leider wird oft erwartet, dass diese Menschen dann auch singen, musizieren oder wenigstens irgendwie tanzen. Dass sie fühlende Wesen sind, die eben nicht alles mit dem Kopf verstehen, wird meistens vergessen. Es wird mit viel Aufwand versucht, sprachlich zu kommunizieren und dabei Sachinformationen auszutauschen. So erfährt man erstens nicht viel und zweitens bleibt ein sehr wichtiges Kommunikationsthema auf der Strecke: Dabei geht es darum, was wir fühlen und was die anderen so damit zu tun haben. Der Liedersänger weiß viel mehr von den Menschen, als die, die fleißig alle verfügbaren Akten gelesen haben. Einfach nur, weil er singt. Man kann nämlich nicht singen, ohne zu fühlen. Wenn man die eigenen Gefühle kennt, erkennt man auch die der anderen, die dann an einem vorüberfliegen. So kann zeitweilig eine große Nähe entstehen. 

Der Liedersänger sieht die Frau, die niemals singt und auch niemals auf ihrem Instrument spielt. Aber sie strahlt übers ganze Gesicht und hält das Instrument, wie ein Mikrophon. Der Liedersänger erlebt sehr viel Zuneigung und Liebe. Er sieht große Not und schweren Kummer. Und er hat große Mühe, seine Arbeit so zu erklären, dass die Kollegen, die etwas ganz anderes machen, sie auch wertschätzen können. Nicht immer gelingt das. Aber es gelingt immer öfter. 

Sing für uns, du bist der Liedersänger
Sing für uns, was uns bewegt
Vielleicht sind wir nicht schlau, 
Doch wir fühlen genau
Wie du
Weil auch unser Herz schlägt 

Diese Klimaanlagen

Ich will mir was zu essen machen, müsste aber vorher Geschirr spülen. In der Spüle kühlt aber im Wasserbad der Tee runter, das dauert noch eine Weile. Also kann ich kein Geschirr spülen. Folglich habe ich auch keinen Platz, um eine Mahlzeit zuzubereiten. Der Tee ist zum Trinken noch viel zu warm. Das einzige kühle Getränk im Haus ist - Hefeweizen. Unter dem Einfluss von Hefeweizen geht mir übrigens das Meiste flott von der Hand. Ich weiß nicht genau, ob es an der Hefe oder am Weizen oder der ausgewogenen Mischung zwischen beidem liegt. Wahrscheinlich an Letzterem. Störtebecker lässt bei seinem Bernsteinweizen neuerdings die Hefe weg. Vielleicht haben sie dafür Bernstein reingemischt, aber es ist nicht mehr dasselbe. Schadeschadeschade. Das letzte Wort habe ich von Ruth Herzberg kopiert. Ich glaube nicht, dass sie dafür die Urheberschaft beanspruchen kann. Darüber hinaus schreibt sie aber über Liebeskummer ganz genau das, was ich heute eigentlich über Liebeskummer geschrieben hätte, wenn es mir eingefallen wäre. Ist es aber nicht. Schadeschadeschade. 

Zu Hefeweizen passt eigentlich überhaupt kein Essen. Darum lasse ich es meistens weg. Gestern wollte ich aber mal nicht so sein und Kartoffelpuffer mit Lachs essen. Dann stellte sich aber heraus, dass in der (Plastik-) Packung gar nicht zehn Kartoffelpuffer waren, wie ich gedacht hatte, sondern ein einziges Kartoffelomelette. Ich habe es trotzdem zubereitet wie gewohnt und auch den (plastikverpackten) Lachs dazu gegessen (mit Senfsoße im Aluminiumbeutel). Danach wurde mir sehr übel. Wahrscheinlich hätte die Mahlzeit locker für zwei Tage gereicht. Ein Komodowaran frisst einmal im Jahr einen jungen Mähnenhirsch und hat dann für eine ganze Weile Ruhe. Aber nach dem Hirsch fühlt er sich bestimmt genauso wie ich mich nach dem Kartoffelomelette. 

Das Hefeweizen ist ein Wunderelexier. Jetzt ist auch das Geschirr schon gespült. Ich könnte nun also ohne weiteres eine Mahlzeit zubereiten. Ich bin eigentlich heute morgen einkaufen gefahren, um mir ein bisschen frischen Salat zu besorgen. Tante Hannelore hat welchen zum Einpflanzen gekauft und der sah auch nach zwei Wochen noch gut aus. Wenn ich Tomaten kaufe, verenden sie nach zwei Tagen ungegessen auf meinem Küchentisch. Tomaten dürfen nun mal nicht in den Kühlschrank. (Das hat mir Brigitte gesagt und die muss es schließlich wissen.) Dann hatte ich aber keinen Einkaufszettel geschrieben und holte zu Hause eine schöne Schweinelende aus dem Rucksack. In einer prächtigen Plastik-Verpackung. Diese Klimaanlagen in den Supermärkten machen einen ganz kirre!