Mein leises Lied

Ich bin nicht sicher, ob es in Ordnung geht, dass die Vereinigten Staaten von Amerika von einem Hirn regiert werden. Und wenn es auch das Hirn von Trump ist. Es ist trotzdem ein Hirn. Wurden die Wähler hinters Licht geführt? Oder wussten sie, dass sie eigentlich ein Hirn gewählt haben? Wie wäre das eigentlich in Deutschland? Zum Glück wählen wir ja hier unseren Regierungschef nicht selbst. Da müssen sich also die Abgeordneten mit herumschlagen. Aber wenn die herausbekämen, dass sie derartig hinters Licht geführt wurden-na dann Prost Malzeit! Aber das wurden sie ja nicht. Merkel ist immer noch Merkel, wobei ich schon denke, dass sie ganz schön schlau ist. Leider hilft uns das in Augenblick auch nicht weiter, denn die Dummheit ist ausgebrochen. Sie fängt an, das Land auszufüllen. Sie beginnt freilich in den Köpfen, aber dort bleibt sie nicht. Sie breitet sich erst langsam aus und dann immer schneller. Alles Bunte und Farbige wird grau. Und jeden Tag wird das Land ein bisschen grauer und kälter. 
Vielleicht ist sie auch schon längst hier, in meinem Haus und nur weil ich nicht richtig zuhöre und beobachte, merke ich es nicht. Vielleicht denken die Grauen auch schon lange, dass ich ja einer von ihnen bin, denn ich sehe keineswegs bunt aus. Die Gesichter sind alle so stumpf und ausdruckslos und wenn sie den Mund aufmachen, kriege ich Angst. Sie reden davon, wieviel alles kostet und dass es da oder dort billiger zu haben wäre und dass man sich doch aufregen muss, weil alles so schlimm ist. Und dann sehen sie so wütend und hilflos aus, dass man schon fast wieder Mitleid kriegt. 
Und dann brüllen sie, immer gegen „die Ausländer" und dass sie doch stolz sind und wie fremd sie sich fühlen, in ihrem eigenen Land. Und man denkt „Was denn für ein eigenes Land?" Glauben sie wirklich, sie könnten ein Land so besitzen, wie eine Eigentumswohnung? Ja, ja! Ich schreibe ja auch von „meinem Haus" und kann doch nicht beeinflussen, wer hier einzieht. Eigentlich müsste man mit ihnen reden, aber das kann ich nicht. Das will ich nicht. Ich will überhaupt nicht mehr reden, denn durch das ganze Gerede ist es so schlimm und es wird immer schlimmer. Ich will verstummen, nicht mehr reden und allenfalls noch singen. Und wenn, dann auch nur noch ganz leise. 



Offener Brief: Hilf mit, Unterschriften zu sammeln!

https://secure.avaaz.org/campaign/de/chemnitz_offener_brief_11/?cZTEsnb

Das Schlimmste, was passieren kann

Ich habe einen Timer installiert, mit dem ich meine Arbeitszeit überwachen kann. Ich hätte nicht gedacht, dass das mal notwendig werden könnte. Es ist auch nicht notwendig geworden, aber es macht Spaß. Ich vergesse nämlich immer, den Timer einzuschalten. Dann sieht es am Ende des Tages so aus, als ob ich überhaupt nicht gearbeitet hätte. Ein freier Tag also. Darüber freue ich mich dann sehr. Wenn alle Menschen solche Timer hätten, gäbe es wahrscheinlich viel mehr Freude an der Arbeit. Bisher bin ich noch nicht auf die Idee gekommen zu messen, wie lange ich am Tag mit Schreiben beschäftigt bin. Das ist auch schwierig. Wann ich nur messe, wie lange ich tatsächlich schreibe, werden nur ein paar Minuten zusammenkommen. Die meiste Zeit schreibe ich ja nicht, sondern gucke in die Luft, aus dem Fenster oder schlafe. Es ist ein wunderbare Beschäftigung, die ich nur für die Notdurft und zur Zubereitung von Malzeiten unterbreche. Meine Lieblingsposition ist die Rückenlage auf dem Bett. Mein Vorbild ist Spitzwegs armer Poet, nur dass es nicht reinregnet und ich nicht frieren muss. Mit der Armut kann ich mich aber schon mal anfreunden, denn sollte Trump nicht mehr Präsident sein, werden viele Menschen sehr arm werden. Ich wahrscheinlich auch. Nur durch Trumps Hirn sind wir alle so reich. Dazu muss das Hirn aber auch Präsident sein. 
Dabei fällt mir ein, dass ich bald unter das Messer muss. Ich werde am offenen Auge operiert und muss danach ein paar Tage zu Hause bleiben. Ich hoffe doch, dass ich weiter meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann. Schließlich werde ich ja nicht am Arm operiert! Das wäre schlimmer. Ich glaube, dann würden viele Menschen sehr hirn werden. Es ist nun mal dieser Arm, der alles im Gleichgewicht hält. 
In der Klinik, der ich mich anvertrauen werde, ist die Operation am offenen Auge schon oft durchgeführt worden. Der alte Chefarzt, der sie meisterhaft beherrschte, ist zwar nicht mehr da, aber die Oberärztin, die ihm immer assistiert hatte, macht es auch gut. Ich werde sie vorher noch kennenlernen. Es könnte ja sein, dass sie mir nicht gefällt und dass ich ihren Anblick bei offenem Auge nicht so lange ertragen mag. Aber ich glaube nicht, dass das passiert. Jedenfalls soll sie den unteren Augenmuskel abschneiden und ein Stück weiter hinten wieder annähen. Ich bin ganz froh, dass ich das nicht alleine machen muss, denn solche Fummelei liegt mir nun mal gar nicht. Ich würde lieber mal am offenen Hirn operieren. Da ist alles ein bisschen grober. Und das Schlimmste, was passieren kann ist, dass die Wirtschaft zusammenbricht. Na wenn schon. 

Singen kann jeder

Die natürliche Körperform des Mannes gleicht eher einem b. Die gesellschaftliche Idealisierung will uns stattdessen ein i vormachen. Ich erkenne den Fehler, wenn ich an einem Spiegel vorbeigehe und mein Profil aus den Augenwinkel wahrnehme. Es ist ein b. Man erkennt es auch, wenn man sich Darstellungen von Australopithecinen anschaut. Ich kann mir gar nicht erklären, wie es zum i gekommen ist. Vielleicht von „idealisieren" . Nun zeichnen sich Idealisierungen vor allem dadurch aus, dass es sie gar nicht gibt. Im Grunde genommen sind es Vereinfachungen, Weglassungen. Leider wird bei Idealisierung oft auch Wesentliches weggelassen. Es ist ein dummer Reflex, einem Ideal entsprechen zu wollen, denn es ist nicht möglich und es verursacht Kosten. Im konkreten Fall kostet es Energie, die kleidsame Ausstülpung am unteren Körperende nach innen zu ziehen und dann so zu verharren. Eine schier übermenschliche Anstrengung, die auch nicht gesundheitsfördernd sein kann. 
Darüber hinaus ist es auch völlig unnötig, die eigene Erscheinung im Profil wahrzunehmen. Ich interessiere mich ja auch nicht dafür, wie ich von hinten aussehe. Man hat mir vor kurzem gesagt, dass mein Hinterkopf einen ähnlich individuellen Anblick böte wie ein Gesicht. Ich habe es mir mal angesehen und es stimmt. (Ich dachte immer, ich könnte es gar nicht, weil ich dazu zwei Spiegel brauchte. Dann habe ich aber mal im Bus gesehen, dass ein Telefon auch ein prima Spiegel sein kann!) Ich bin von hinten sogar noch besser zu erkennen, als von vorn! Von vorn werde ich manchmal mit Russel Crowe verwechselt, wohingegen niemand, den ich kenne so aussieht, wie ich von hinten. Vielleicht mit Ausnahme der Mönche in „Der Name der Rose“. 
Aber zurück zur Ausstülpung. Sie hat sich in langen evolutionären Zeiträumen entwickelt und hat natürlich ihren Sinn. In dem Film „Schtonk" habe zum ersten Mal gesehen, wie sich Götz George in ein Korsett zwängt, um sie zu kaschieren. Das ist natürlich grundverkehrt. Die b-Form dient der verbesserten Bauchatmung, die für die Kommunikation durch Singen unerlässlich ist. Im Gegensatz zum brustatmenden Rivalen kann der Bauchatmer längere und präzisere Tonfolgen zur Kontaktaufnahme mit einem oder mehreren Weibchen erzeugen und den Kontakt auch viel länger aufrecht erhalten. Leider ist das Singen im Verlauf der kulturellen Entwicklung einer ähnlichen Idealisierung ausgesetzt worden, wie die Körperform. Darum trauen sich heute nur noch Wenige, in der Öffentlichkeit zu singen, weil ihnen gesagt wurde, dass sie es nicht können. Das kann man kaum noch reparieren. Ich schlage vor, den heutigen Kindern zu vermitteln, dass das Sprechen eine Kunst ist. Singen, so soll man es ihnen vorsingen, singen kann jeder.

Aschenputtel



Ich fragte: "Was kommt eigentlich nach dem Sommer?" und fand mich ziemlich schlau. Die Antwort lautete: "Rotkäppchen.“ Ich lächelte nachsichtig und fragte jemand anderen: „Nein. Was kommt nach dem Sommer?" Antwort: „Aschenputtel!“ Nun kann man freilich immer weiter widersprechen: „Nein,nein, nein, nein, nein." Mit immer mehr Nachdruck. So etwas kann einem immer wieder passieren, wenn man sich dumm stellt. Wenn man etwas weiß, dann soll man es eben einfach sagen und nicht scheinheilig danach fragen! Natürlich wollte ich „Herbst" hören, um dann von den bunten Wäldern singen zu können.
Aber soweit ist es ja noch lange nicht. Es ist ja noch Sommer. Ich bin mal gefragt worden, warum einen der Sommer eigentlich immer so traurig macht. Es liegt daran, dass wir im Sommer immer weiter in die Dunkelheit hinein fliegen. Erst Ende Dezember fliegen wir wieder in das Licht. Vorher wird es einfach nur dunkler und dunkler. Dass das so ist, verdanken wir der Neigung der Erdachse. Ohne diese wäre es überall immer gleich hell oder gleich dunkel. Es gäbe aber nur einen relativ schmalen Streifen, der von der Sonne beschienen würde und von den Polregionen aus würde sich die Kälte breit­machen. Der Planet würde nicht mehr richtig warm werden.
Da sieht man es mal wieder: nicht das Gerade, sondern das Schiefe und Krumme macht das Rennen. Der gerade Weg führt nirgendwo hin; der ungerade führt dagegen zum Leben. In diesem Sinne muss man vielleicht um die Ecke denken. Dann ver­steht man auch, warum Rotkäppchen nach dem Sommer kommt. Oder eben Aschenputtel.

Musik!

Ich und Musik! Das wir beide mal zusammenkommen, war nicht abzusehen. Ich hatte zwar nie Schwierigkeiten mit dem Singen, aber das war es dann auch schon. Alles andere betreffend war ich vollständig „unmusikalisch“. Falls es so etwas überhaupt gibt. Ich hörte mir keine Musik an und Discoveranstaltungen waren, solange es noch keinen Alkohol gab, eine Quälerei. Die Hitparade im ZDF und disco sah ich mir allerdings an. Schallplatten mit Musik hatte ich nicht und natürlich auch keine Kassetten. Auf Klassenfahrten hatten andere Jungs schon längst immer ein Köfferchen mit Kassetten dabei. Ich staunte. Oder ich staunte nicht. Ich weiß es nicht mehr. Simone brachte die ersten Schallplatten mit. Konstantin Wecker mit dem „Willi“ und Hermann van Veen mit dem „Kinderrad“. Und Gerhard Schöne. Der sang auf irgendeiner Platte vom Messias und vom „Großen Halleluja“. Irgendwann hatte ich dann auch so eine Platte. Bei Witti bekam ich dann gratis richtigen Unterricht. Der hatte ein Zimmer, das mit Schallplatten zugestellt war und einen Plattenspieler mit so einem Stapelwechsler, der bis zu 10 Platten fasste. Er kannte zu jeder Band alle Geschichten. Dazu rauchten wir Karo, bis seine Mutter von der Arbeit kam und stöhnend die Fenster aufriss. 
Axel hatte auch Platten, die durfte man aber nicht berühren. Er erzählte nicht so viele Geschichten dazu, dafür hörten wir mit großer Andacht zu. Danach gingen wir schweigend ins Wirtshaus und verzehrten ein Gericht aus Gehacktem und rohem Ei, dessen Name mir jetzt nicht einfallen will. Dann fand ich auf einem Dachboden ein altes Smaragd-Tonbandgerät. Zur Aussteuerung der Mono-Aufnahme gab es ein „Magisches Auge“. Ich trug das Trumm zum Käpt‘n, dem Kaplan der katholischen Gemeinde. Der hatte das Decade-Album von Neil Young. Ich saß dort stundenlang und beobachte, wie ein Mann mit dem Zölibat lebt. Der Frühstückstisch war immer schon gedeckt, wenn wir abends in der Küche saßen. Es gab eine Haushälterin, die sich um solche Sachen kümmerte. Das gefiel mir. 
Dann kaufte ich vom ersten Arbeitslohn eine „Stereoanlage“ und ein Kassettendeck. Das Kassettenteil schleppte ich zu Stefan nach Berlin um Heinz-Rudolf Kunze und Herbert Grönemeyer aufzunehmen. Heute kann man die Kassetten nicht mehr abspielen. Dann passierte lange nichts. Schließlich hörte ich an der Akademie für Musiktherapie bei Ulrike wieder Musik und bekam es mit mir selbst zu tun. Ich kaufte einen Ohrenbackensessel. Ich lernte Christoph kennen, der nicht müde wird, der Musik zu begegnen und andere damit anzustecken. Er hat mich wieder eingeladen, worüber ich mich sehr freue. Und wenn ich irgendwie kann, werde ich kommen. 

Die Bedeutung der Freiwilligen Feuerwehr im ländlichen Sozialraum

Ich habe eine ausgesprochen unterhaltsame Weiterbildung besucht. Der Dozent war Professor und Entertainer. Wahrscheinlich hätte er auch singen und tanzen können, sah aber aus Zeitgründen davon ab. Er hat mein Leben verändert. Unter anderem konnte er sehr anschaulich darstellen, wie sich die Vernachlässigung der Zahnpflege auf das Leben eines Menschen auswirkt. Karies wäre gar nicht das Problem, das dauere mindestens sechs Monate. Viel gefährlicher wäre die Aphtenbildung. Aphten im Mund seien ausgesprochen schmerzhaft. Ich verstand „Aften“ und wusste sofort, dass ich so etwas nicht im Mund haben wollte. Dann machte der Professor klar, dass das Kauen auf einer Seite durch die Aphten sehr schmerzhaft werden könnte. Wenn man dann nur noch auf der anderen Seite kaue, würde sich die Struktur des Kiefermuskels verändern. Die Kau-Seite würde hypertroph, die andere hypotroph. Erst bekäme man zusätzlich Kopfschmerzen, dann würde der Kopf auf der Kau-Seite größer und schwerer, was schließlich zu einer ganzkörperlichen Fehlhaltung führe, die mit schweren Wirbelsäulenschäden einhergehe. Dann nehme man unweigerlich Schmerzmittel, die wiederum innere Organe wie Magen, Leber und Niere auf die Dauer schwer schädigten. Anschließend schilderte er die sozialen Folgen des mit den Aphten einhergehenden Mundgeruchs, die ich uns hier aber ersparen will.
Dann ging unsere Feuerwehrsirene los. Mein Professor erstarrte. Zweifellos glaubte er, er müsse das Gebäude jetzt evakuieren und seine Schüler zum Sammelplatz führen. Er war wirklich entsetzt. Nur mit Mühe konnten wir ihn davon abhalten, seine Darbietung abzubrechen und den Saal zu räumen. Es kam zu Spontanreferaten aus dem Auditorium über die Bedeutung der Freiwilligen Feuerwehr im ländlichen Sozialraum. Der Professor hörte sich alles mit großem Unbehagen an. In Berlin, so dozierte er, gäbe es so etwas nicht. Er höre das Geräusch zum ersten Mal live.
Trotz dieser kleinen Ablenkung fühlten sich meine Zähne auf einmal irgendwie pelzig an. In der Mittagspause wollte ich einen Apfel verzehren und konnte nur noch rechts kauen. Links setzte es sofort furchtbare Schmerzen. Ich merkte, wie mein Kopf rechts immer schwerer wurde und der Rücken begann auf einmal höllisch wehzutun. Ich wollte entweder sofort eine Schmerztablette oder meine Zahnbürste, hatte aber beides nicht dabei. Unmittelbar im Anschluss an die Veranstaltung vereinbarte ich einen Zahnarzttermin. Die Schwester fragte, ob ich zur Kontrolle käme? Ich erklärte ihr, dass mich mein hypertropher Kaumuskel nach rechts vom Fahrrad reißen würde, wenn wir nicht schnell etwas unternähmen. Daraufhin bekam ich einen Termin für Mittwoch. Ich hoffe, das reicht noch. 

Vor dem Alltag

Mein Klamottenabo hat sich wieder gemeldet. Ich dachte ja, ich hätte sie jetzt erfolgreich abgewehrt: Emails habe ich nicht beantwortet und am Telefon habe ich sie angeschrieen. Jetzt kam aber eine neue Email: In zwei Wochen schicken sie meine neue Box. Was drin ist, würde ich schon sehen. Aus der Nummer komme ich jedenfalls nicht mehr raus. Das ist auch der Grund, aus dem ich in diesem Jahr nicht mehr in den Urlaub fahren kann. Ich werde das Geld brauchen, um die Rechnung für die neuen Klamotten zu begleichen. Irgendwie bin ich aber auch froh. Von Kleidung hat man nun mal länger was, als vom Urlaub auf den Inseln am rechten Rand von Deutschland. Vielleicht kaufe ich mir sogar noch einen Kleiderschrank. Als ich neulich mal erwähnte, dass ich keinen habe, kam die Frage, wo ich denn meine Sachen lassen würde. Antwort: Na, die habe ich an!

Aber Schwamm beiseite. Ich fahre wirklich nicht in den Urlaub, weil ich ja schon im Urlaub bin. Es ist eine Frage der Einstellung. Wenn man sich vorstellt, dass der Alltag Urlaub ist und der Urlaub Alltag, dann stellt man das Leben endlich vom Kopf auf die Füße. Mein letzter Alltag endete im Mai, ich war mit den Männerfreunden wandern und zwei lachende Mädchen haben uns im Alltag besucht. Es war schön. Außerdem hatte ich einige Familientermine zu absolvieren. Das war auch schön.

Danach wurde es aber immer schöner. Der Sommer kam lange vor seiner Zeit und er dauerte und dauerte. Ich wanderte viel und fuhr noch mehr mit dem Fahrrad, das ich von meinem Vater bekommen habe. Und dreimal in der Woche hatte ich die netteste Begleitung, die ich mir wünschen konnte und wir machten miteinander, was wir nun mal am besten konnten: zusammen singen. Aber auch der schönste Urlaub muss einmal aufhören und auch der längste Sommer geht irgendwann zu Ende. So beginnt in zwei Wochen wieder der Alltag mit seinen Kümmernissen, dem Abschied und den Tränen. Aber nicht lange und ein neuer Urlaub beginnt und mit ihm neue Abenteuer, neue Herausforderungen und Leben. Jede Menge Leben.

Verteilt Ohrenschützer!

Wenn es nicht so schlimm wäre, wäre es zum totlachen: Die Bahn will die Trinker mit Musik verjagen. Das geschieht ihnen ganz recht. Warum trinken sie auch so viel? Müssten sie ja nicht. Jetzt geht es ihnen an den Kragen. Sie werden mit Musik beschallt. Als ob das noch nicht reichen würde, um diesen grottigen Trinkern den Garaus zu machen, soll es auch noch atonale Musik sein. Atonale Musik!! Die spielt wahrscheinlich im Ultraschallbereich. Trinker können Ultraschall wahrnehmen und leiden beim Abspielen wie Hunde bei einer Feuerwehrsirene. Sie müssen sich dann mit beiden Händen die Ohren zuhalten. Dann können sie natürlich nicht mehr trinken, denn dazu brauchen sie mindestens eine Hand. Nähmen sie die vom Ohr weg, hörten sie den schrecklichen Lärm und müssten sofort wieder zuhalten, wollten sie nicht unter schrecklichen Qualen elendiglich verenden. Soweit der Plan der Bahn. Wer denkt sich sowas aus?

Allerdings weiß jedes Kind, das Harry Potter und die Kammer des Schreckens gelesen hat, wie man sich gegen Lärm wirkungsvoll schützen kann und trotzdem beide Hände frei und einen klaren Kopf behält. Beim Umtopfen von Alraunen entsteht nämlich ein ähnliches Problem, weil die garstigen Pflanzen dabei wie am Spieß schreien, was einen Mann umbringen könnte, wären die Alraunen schon ausgewachsen. Um bei dieser gefährlichen Schulgartenarbeit keinen Schaden zu nehmen, bekommen die Kinder Ohrenschützer - denkbar einfach. Also wird die Bahn mitnichten erleben, dass die Trinker aus ihren Bahnhöfen verschwinden. Vielmehr werden sie einfach Ohrenschützer aufhaben. Darum erteilt ein Kneipenwirt aus Binz auf Rügen Kindern übrigens inzwischen gleich ab 17:00 Uhr Hausverbot. Wahrscheinlich hatten sie Ohrenschützer auf und ließen sich deswegen mit Musik nicht mehr verjagen.

Ich überlege, ob ich an meinen freien Wochenenden nicht mit den Kindern durch die Bahnhöfe ziehen und kostenlose Ohrenschützer verteilen sollte, damit die armen Trinker nicht ihr mühsam erbetteltes Trinkgeld auch noch dafür ausgeben müssen. Vor einhundertunddreizehn Jahren gab es auch schon S-Bahnhöfe in Berlin und es gab auch „Trinker“, die dort herumlungerten. Ein Pastor und Abgeordneter aus Bielefeld namens Bodelschwingh wollte das auch nicht hinnehmen. Aber er kam nicht auf die kranke Idee, sie mit Musik zu vertreiben. Er gab ihnen Arbeit statt Almosen, ein eigenes Bett, einen Schrank und einen Vorhang zum Zuziehen. Er gab ihnen ihre Würde zurück. Und mit Musik hat er sie getröstet.

Nach dem Wochenende

Ich bin vor einiger Zeit gefragt worden, ob mir meine Arbeit Spaß mache. Das war mir ein Anlass, mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Von selbst wäre ich nicht darauf gekommen. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Ich gehe doch nicht zum Spaß arbeiten! Beim Arbeiten geht es in erster Linie um Geld und beim Geld hören Spaß und Freundschaft auf. Vielleicht ist es ja erhellend, dass das sich das deutsche Wort Spaß vom italienischen spasso ableitet, das wiederum Zerstreuung, Zeitvertreib, Vergnügen bedeutet. Wenn das der eigentliche Zweck der Arbeit sein sollte, dann haben wir es mit dem Spaß übertrieben. Dann ist daraus jetzt etwas geworden, das seinerseits wieder nach Zerstreuung und Vergnügen verlangt. Etwas, das einen ganzen Tag dauert, die ganze Woche beansprucht und das Denken und Träumen bestimmt, kann kein Spaß mehr sein!
Aber das muss es auch nicht. Die Frage, ob denn die Arbeit Spaß mache, kann sich eigentlich nur ein Kind der Spaßgesellschaft ausdenken. Auf der verzweifelten Suche nach Vergnügen und Zerstreuung verschwimmen die Unterschiede und man sieht am Ende gar nicht mehr, was man eigentlich zerstreuen wollte, nämlich die Sorgen des Alltags, die nun auf einmal selbst die Zerstreuung sein sollen.
Nein, die Arbeit darf keinen Spaß machen, gerade damit wir noch einen Unterschied machen können. Das ist übrigens der gleiche Gedanke wie der vom irdischen Jammertal: Wer hier schon in Freude und Fülle lebt, hat seinen Lohn dahin. Wenn diese Idee benutzt wird, um Menschen in Armut und Elend zu halten, ist das natürlich verwerflich. Aber die Wahrheit, die darin verborgen ist, ist die, dass das Loslassen vom Leben einem umso schwerer wird, je besser es einem geht. Aus einem für uns Sterbliche leider unersichtlichen Grunde kann ein Leben aber nur gelingen, wenn es losgelassen wird. Je früher und je lieber, desto besser.
Genauso ist es mit der Arbeit. Je weniger man daran hängt, um so besser. Nein, meine Arbeit macht mir in diesem Sinne keinen Spaß und ich habe nicht vor, das zu ändern. Eine Arbeit, die mir Spaß machen würde, wäre keine Arbeit mehr. Damit man sich locker machen kann, muss man sich erst mal anspannen. Nach dem Wochenende ist vor dem Wochenende. Der Montag geht schnell vorbei und von Dienstag nachmittag aus ist der Freitag schon in Sichtweite. Und nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub.
(Aus: liedersaenger, Wittgensteins Leiter, 2015)

Nonsens

Irgendwo muss ich noch das Nonstop-Nonsens-Buch haben. Ein kleines Buch mit Sketchen von Dieter Hallervorden. Seltsamerweise ist ausgerechnet dieses Buch irgendwie über die deutsch-deutsche Grenze gekommen, als sie noch aus Eisen und Beton war. Ich kann nicht mehr sagen, ob ich von diesem Buch irgendwelchen nennenswerten Gebrauch gemacht habe. Ich glaube, ich hatte Schwierigkeiten, die gelesenen Sketche lustig zu finden, aber das weiß ich nicht mehr. Es gab in meiner Umgebung wahrscheinlich auch niemanden, mit dem ich sie hätte aufführen können. Wie dem auch sei, das Buch ist jedenfalls noch da, aber ich werde die Sketche wohl trotzdem nicht aufführen, obwohl ich heute vielleicht schon Spielpartner finden würde. Ich glaube, meine Vorstellung von Humor hat sich inzwischen ein bisschen verändert. 
Es ist aber immer noch Nonsens. Vor ein paar Tagen war ich Beikoch in einer Kochshow. Es gab „Überraschungsauflauf mit Sommergemüse“. Das Sommergemüse bestand unter anderem aus Brokoli und Blumenkohl. Ich hielt den Brokoli hoch und bat um eine Vase für die Blumen. Das Publikum kreischte: „Das sind doch keine Blumen!“ Ich wollte noch irgendwie auf den Blumenkohl kommen, verlor aber leider völlig den Faden. Das sollte mir nicht noch einmal passieren. Auf dem Nachhauseweg entwickelte ich einen neuen Sketch, wobei ich mir jedes Wort genau einprägte.
Dabei geht es um eine reale Person, die Geschichte dazu dreht sich jedoch nur um ihren Namen und ist völlig frei erfunden. Ich kann hier natürlich nicht den wirklichen Namen schreiben, aber sagen wir, sie heißt Katrin Leonid. So heißt sie allerdings erst, nach dem sie Sebastian Leonid geheiratet hat. Ihr Mädchenname lautet Katrin Bernhard. Das muss man leider vorher wissen. Aber vielleicht auch nicht. Es käme auf einen Versuch an. Jetzt kommt der Sketch: 
Vorstellungsgespräch im Büro, 2 Darsteller
1 Personalchef
2 Bewerberin
Der Personalchef sitzt in seinem Büro. Es klopft. Eine attraktive junge Frau kommt herein. Der Chef steht auf.

Personalchef: Guten Tag, Herzlich willkommen Frau...
Bewerberin: ...Leonid. Katrin Leonid. ein bisschen aufgeregt Also früher, ja, da hieß ich ja Bernhard, wissen sie? Aber jetzt...
Personalchef: ...Katrin. Schon klar. Das ist überhaupt kein Problem für uns!
Black

Alles wieder gut

Meine Toleranz gegenüber Insekten im Allgemeinen und Fliegen im Besonderen hat in den letzten Wochen stark abgenommen. Allerdings muss ich feststellen, dass ich eher die Qualitäten eines Fluchttieres als die eines Jägers besitze. Insofern scheint es bei mir schon eine genetische Veränderung zu mehr Friedfertigkeit zu geben. Meine Aggressionsbereitschaft scheint eher kulturell bedingt zu sein. Darum lachen mich die Fliegen auch aus. Im klebrigen Fliegenfänger verfange ich mich nur selbst. Eine Fliege ist dort noch nicht gelandet. Daraufhin habe ich meine alte Fliegenklatsche wieder aktiviert. Sie ist inzwischen so alt, dass bei jedem Zuhauen ein Stück vom Griff absplittert. Dass die Fliegen trotzdem den Tod finden, liegt daran, dass sie vor lauter Lachen nicht aufpassen wohin sie fliegen und im Bierglas landen, worin sie dann ertrinken. (An diesem Beispiel kann man auch sehr schön den Unterschied zwischen „effektiv“ und „effizient“ verdeutlichen: Effektiv ist meine Methode schon, weil letztlich wirksam. Nur eben nicht effizient, was die eingesetzten Mittel und die aufzuwendende Zeit angeht.)
Auf der Internationalen Raumstation gibt es höchstwahrscheinlich keine Fliegen. Und zwar deshalb, weil sie da oben niemals das Fenster aufmachen. Ich finde, das ist keine Alternative. Ein offenes Fenster ist mir schon sehr wichtig. Statt dessen in der Kuppel zu sitzen und die Erde anzugucken, ist doch ein schlechter Tausch. Dann schon lieber auf der Erde sitzen und durch das offene Fenster den Himmel angucken. Auf dem Mond gibt es sicher auch keine Fliegen und auf dem Mars schon gar nicht. Aber was, wenn aus Versehen beim Start einer Mondrakete eine Fliege mitkommt? Wenn sie dann in irgendeine Kiste gerät, die für Mondsteine mitgenommen wird und da draußen irgendwie, was weiß ich schon, überlebt? Wenn sie sich dort vermehrt, wobei sie zweifellos rasant mutiert. Denn ihre Flügel kann sie ja nicht gebrauchen, weil es auf dem Mond keine Luft gibt. 
Wenn dann wieder einmal Menschen auf den Mond kommen, kriecht die mutierte Mondfliege wieder in das Raumfahrzeug und kommt mit ihrer ganzen Brut zurück auf die Erde. Sie ernährt sich von Gestein, etwas anderes gab es auf dem Mond ja nicht und hier gibt es davon mehr als genug. Sie gedeiht prächtig und hat in kurzer Zeit alle Bauwerke aus Stein befallen. Die Mondfliege frisst Häuser und Straßen, Brücken, Türme und Paläste. Bald entsteht eine weitere Mutation, die auch Eisen und Stahl verdauen kann und schließlich können immer mehr auch Plastik fressen. Ihre Ausscheidungsprodukte sind Wasser und fruchtbare Erde. Auf der Erde wachsen wieder Bäume und Holz kann die Mondfliege nicht verdauen. Als alles Gestein auf diese Weise durch die Mondfliege in Erde und Wasser verwandelt worden sind verschwindet die Mondfliege wieder von der Erde. Und alles, alles, alles ist wieder gut. 

Wollen und werden

Die Errichtung der Pyramiden von Gizeh war prägend für eine ganze Epoche. In einer zuvor nicht gekannten Kooperationsleistung arbeiteten die Menschen eines ganzen Landes über Generationen hinweg zusammen und erreichten ein gemeinsames Ziel. Wozu diese gewaltige Anstrengung gut sein sollte, erschließt sich uns Heutigen nicht mehr, aber sie hat das Land einst groß gemacht. Unsere Epoche bringt eine vergleichbare Leistung hervor: die Weltraumfahrt. Sie begann eigentlich als strategisches Manöver im Kalten Krieg, hat sich aber zu einem wahren Friedensprojekt entwickelt. Auf keinem anderen Gebiet arbeiten so viele Nationen friedlich zusammen. Vielleicht wird das Ziel dieser Anstrengungen den Menschen in viertausend Jahren ebenso rätselhaft vorkommen, wie uns das Ziel des Pyramidenbaus. 

Es ist allerdings fraglich, was von der Raumfahrt übrig bleiben könnte, das man so bestaunen könnte, wie Pyramiden. Die Weltraumbahnhöfe? Eine Raumstation? Satelliten! Vielleicht sogar ein Bauwerk auf dem Mond, das von der Erde aus zu sehen ist? Mit ziemlicher Sicherheit werden sie sich aber darüber wundern. Was um alles in der Welt wollten diese Menschen im Weltraum? Haben sie wirklich gedacht, sie könnten dort in einer Aluminium-Tonne lange genug überleben, um irgendwohin zu gelangen? Und wohin, glaubten sie, würden sie kommen? Haben sie wirklich gedacht, sie könnten irgendwo ankommen? Was wollten sie finden? Sich selbst? Warum unternahmen sie nicht ebenso große Anstrengungen, um auf den Meeresgrund zu gelangen? Wieso haben sie dort keine Stationen gebaut, wo es definitiv Leben gab? 

Das werden die Menschen in viertausend Jahren nicht mehr klären können. Vielleicht sitzen sie dann schon längst auf dem Grund der tiefsten Tiefsee und wissen aber ganz genau, was die Folgen der Weltraumfahrt gewesen sind: Dass die Menschen nämlich aufgehört haben, sich über Ideologien und Prinzipien zu streiten, weil sie eine gemeinsame Aufgabe hatten, an der sie wachsen konnten. Dass immer mehr Menschen die Schönheit und Verletzlichkeit ihres Planeten erkannten und immer mehr danach fragten, wie sie ihn hüten und bewahren könnten. Dass immer mehr Menschen lernten, in Frieden zusammen zu leben und zu arbeiten. Das könnte einmal das Resultat der Weltraumfahrt geworden sein. Obwohl - oder gerade weil - das nie jemand wollte. 


Es sei denn Liebe

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das anfing, aber irgendwann war ich der Meinung, Gefühle wären nur etwas für Mädchen und auch die würden sie sich nur einbilden. Ich hatte keine. Ich war in der Pubertät (oder zumindest in dem entsprechenden Alter) und ich war Dressur- und Springreiter. Das war ein Mädchensport und ich bekam immer die bockigen Pferde. Wenn ich in die Pfütze fiel, stand ich eben wieder auf, fing mein Pferd ein und stieg wieder auf. Jana sagte mir dann einmal, dass ich immer so cool aussehe, als ob ich niemals Angst hätte. Das hat mir sehr gefallen und ich konnte auch wirklich keine Angst mehr fühlen. Nicht dass ich keine Befürchtungen gehabt hätte, was alles nicht klappen könnte - aber das Gefühl der Angst war weg. Oder besser: ich konnte es nicht wahrnehmen. Genauso war es mit Glück und Trauer, Stolz und Freude, Wärme und Zuneigung und was das Leben sonst noch alles reich machen kann. Ich hatte mir das abgewöhnt und fing lieber an zu rauchen und zu trinken, weil das cool war.

Eigentlich war ich so drauf, bis ich so um die dreißig war. In dieser Zeit traf ich Fritz, einen Sozialarbeiter, der seinerzeit in Berlin-Kreuzberg die Offene Jugendarbeit erfunden hatte. Fritz organisierte dann eine Gedenkstättenfahrt für Jugendliche und ich konnte mich mit meiner kleinen Arbeit, die ich gerade anzufangen im Begriff war, dort einklinken. Ich glaube, die Fahrt ging über zwei Wochen und führte nach Stutthof, Danzig und Warschau. An diesen Orten versuchten wir uns gemeinsam mit den jungen Menschen mit einer schlimmen, schrecklichen Geschichte auseinanderzusetzen und auf einmal bekam ich es wieder mit Gefühlen zu tun. Ich konnte sie immer noch nicht spüren, aber sie standen jeden Abend in unseren Reflexionsgesprächen greifbar im Raum. Ich merkte, dass wir die jungen Menschen, die ich ja doch irgendwie mochte, zeitweise sehr unglücklich machten. Ich merkte, dass es die Gefühle wirklich geben musste. Aber ich glaubte noch, dass sie eigentlich etwas Schlimmes wären und dass ich Glück hätte, sie nicht wahrnehmen zu können. Denn Gefühle waren es doch, die ein ganzes Volk verführt und verleitet hatten! Weil sie millionenfach besoffen von Gemeinschaft, Stolz, Ehre und Vaterland die schlimmsten Verbrechen ermöglicht, dazu geschwiegen oder sogar begangen hatten. War es nicht richtig, die Gefühle für immer und allezeit und endgültig auszumerzen?

Seit dieser Zeit ist viel passiert. Ich zog aus, das Fürchten zu lernen. Ich fand den Mut, den eigenen Gefühlen wieder zu begegnen. Sie waren ja nie weg, sondern sie versteckten sich nur hinter seltsamen Bauchschmerzen, unerklärlichem Herzklopfen, trockenem Mund und zittrigen Fingern. Ich lernte, die abgespaltenen Gefühle wieder zuzuordnen und mein Leben wurde reicher und ich selbst vielleicht ein bisschen interessanter. Schließlich merkte ich, dass es nicht nur die eigenen Gefühle waren, die mich bewegten, sondern auch die, die andere bereit waren, mir zu zeigen. Meine Welt wurde wärmer und freundlicher und ich wurde mutiger, auch mehr von mir zu zeigen. Aber ich wusste nun auch, dass Gefühle eben niemals rational waren und dass sie nicht taugen, wenn es darum geht, um Klarheit und Wahrheit zu ringen, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden oder den richtigen Weg zu finden.

Aber erst heute kann ich sagen: Lasst euch nicht von Gefühlen leiten, wenn es darum geht, die besten Argumente zu finden. Tränen beenden jede Diskussion und Wut und Angst hören nicht mehr zu. Lasst nicht zu, dass die letzten Argumente in einem Pfeifkonzert, in Geschrei und Geheul untergehen oder dass alle „Ja“ sagen, weil es sich so wohlig und warm anfühlt. Verliert nicht euren Verstand an die Gefühle.

Es sei denn, es ist die Liebe. Ihr folgt bedingungslos.

(3.12.2017)

Sapere aude

Ich bin so dumm wie Bohnenstroh. Ich bin darüber hinaus sogar noch viel dümmer als die Polizei erlaubt. So blöd, dass mich die Schweine beißen. Meine Blödigkeit sprengt alle bisher bekannten Grenzen. Ich habe sie mit Löffeln gefressen und jetzt kommt sie mir zu den Ohren heraus. So würde ich gern noch eine ganze Weile weitermachen, aber weil ich so dumm bin, fällt mir eben nicht mehr ein. Außerdem muss ich befürchten, dass nicht weiter gelesen wird, denn wer will schon lesen, was ein Dummer geschrieben hat? Also schreibe ich jetzt erstmal, warum ich mich so eifrig der Dummheit bezichtigen will. Es ist wegen Martenstein. Im letzten Zeitmagazin hat Martenstein darüber geschrieben, dass die Intelligenz immer mehr abnimmt und die Menschen immer dümmer werden. Er kommt dann aber zu dem Schluss, dass das gar nichts macht, weil man zur Feststellung seiner Dummheit wenigstens noch ein bisschen Intelligenz benötige. Dumme würden gar nicht bemerken, dass sie dumm sind, sondern würden sich für ziemlich schlau halten und darum wäre am Ende wieder alles in Ordnung. Darum werde ich nicht müde zu erklären, wie sehr ich meine eigene Dummheit bemerke und zur Kenntnis nehme. 
Ich könnte mir das aber auch sparen, denn Intelligenz wird leider völlig überbewertet und wenn Dummheit nur das Fehlen von Intelligenz wäre, dann wäre sie eine wunderbare Eigenschaft. Ich kenne eine Menge liebenswerte Menschen, denen die Intelligenz nach unseren Standards völlig abgeht. Leider steht die Intelligenz so hoch im Kurs, dass sich das niemand als Kompliment gefallen lassen würde. Die Intelligenz ist aber nun mal in der Welt wie das Licht. Weil es das Licht gibt, haben sich die Augen entwickelt. Wo es kein Licht gibt, zum Beispiel unter der Erde oder in der Tiefsee, wären Augen völlig nutzlos. Ein Maulwurf ist in seinem Lebensraum nicht schlechter dran als ein Adler in der Luft. Setzt man beide an der falschen Stelle aus, machen sie eine jämmerliche Figur. 
Dummheit ist leider etwas anderes, als das Nichtvorhandensein von Intelligenz. Dummheit gibt es gerade wegen der Intelligenz. Dummheit ist Unmündigkeit. Frei nach Immanuel Kant: Unmündigkeit ist das selbstverschuldete Unvermögen, sich ohne Leitung eines anderen seines Verstandes zu bedienen. Selbstverschuldet ist dieses Unvermögen, wenn die Ursachen nicht im mangelndem Verstand sondern in Feigheit und Faulheit der Person liegen. Der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ist Aufklärung. Und dafür braucht es Mut. Wieder mal. Also: Sapere aude!

So oder so

Der kleine Junge saß im Sandkasten und war sehr beschäftigt. Er war jetzt schon den ganzen Nachmittag hier draußen und auch am Vormittag war er hier gewesen. Er war mit seinem Werk noch lange nicht zufrieden. Es war nicht schlecht, im Gegenteil, es war sogar sehr gut. Aber es war eben auch noch lange nicht fertig. Während er sich alles noch mal ansah und darüber nachsann, erklang eine wohlvertraute Stimme: 
„Oh! Mein! Gott!“
„Ja, Mamma?“
„Komm rein, das Abendessen ist fertig!“
„Aber ich mache gerade die Welt... und die ist noch nicht fertig.“
„Mein lieber Gott, ja, natürlich, aber morgen ist auch noch ein Tag. Komm jetzt!“
Gott seufzte und ging rein. Das ganze ging insgesamt geschlagene sechs Tage so. Jeden Abend dachte er: „Es ist gut, es ist sogar sehr gut, aber es ist eben noch nicht fertig.“ Nach sechs Tagen war er dann zufrieden. Und am siebten Tag sah er den ganzen Tag lang nur fern und dachte nicht mehr an die blöde Welt, die er gemacht hatte und schließlich vergaß er sie ganz. 
Viele Jahre später, seine Mutter war längst gestorben, da hatte Gott selbst einen kleinen Sohn und irgendwann fiel ihm seine alte Welt wieder ein, die ja immer noch da draußen rumliegen musste, wenn sie keiner weggeräumt hatte. Aber wer räumte einem schon seinen alten Kram hinterher. Er ging nachsehen und richtig: da lag sie. Sie war immer noch so schön, wie er sie mal gemacht hatte, aber sie sah auch ein bisschen verloren aus. Er zuckte mit den Schultern. Am nächsten Tag zeigte er sie seinem Sohn. Der verliebte sich sofort in sie und er versenkte sich regelrecht in sie. Es wurde ein richtiges Drama, wie sich Gottes Sohn und die Welt geradezu ineinander verbissen, so dass Gott gar nicht mehr wusste, wie er den Jungen wieder von der Welt abbringen könnte. Sie suchten eine Psychologin auf, die sich auf Psychodrama spezialisiert hatte und sie riet Gott, seinen Sohn für die Welt sterben zu lassen und ihn dann drei Tage später wieder zum Leben zu erwecken. 
Gesagt, getan. Gottes Sohn wurde in der Welt gekreuzigt und nach drei Tagen von Gott selbst wieder auferweckt. Er war immer noch in der Welt, aber der Plan funktionierte. Offenbar wurde ihm klar, dass er nicht in diese Welt gehörte und nach weiteren vierzig Tagen verließ er sie wieder und Gott bekam seinen Sohn zurück. Sie feierten ein rauschendes Fest. Noch einmal ging Gott aber hinaus zu seiner alten Welt. Es tat ihm fast leid, aber so etwas sollte ihm nicht noch mal passieren. Er nahm die Welt noch einmal an sich und versteckte sie dann in der dunkelsten und verborgensten Ecke seines Gartens. Dann ging er zurück zum Fest und sie feierten und lachten und waren glücklich und das Fest nahm kein Ende. Über die Welt aber redeten sie nicht mehr und sie dachten auch nicht mehr daran. Und trotzdem war sie da. So oder so.

Hänsel und Gretel

Auch beim Singen muss man schon ein bisschen aufpassen, sonst kommt man schnell mal in brenzlige Situationen, in denen guter Rat teuer ist. Zurzeit ist es angeraten vom Brünnlein kalt, vom kühlen Grunde, vom See und vom Trinken zu singen. Nicht jedoch vom Ofen oder von Feuer und Kohle. Nicht alle halten sich aber an solcherlei Konventionen und wollen sich lieber alles Mögliche frei von der Leber weg singen. So wurde dann auch mitten in der schönsten Mittagshitze vorgeschlagen, das Lied von Hänsel und Gretel zu singen. Alle Einwände halfen nicht. Ich versuchte es auf das Schrecklichste auszumalen, was passieren würde, wenn der Ofen einmal in Gang käme, aber man lachte nur und meinte man könnte das mit dem Ofen ja weglassen. Natürlich. Das kennt man ja. Wir müssen morgen früh raus, gehen aber abends trotzdem noch in die Kneipe. Dann trinken wir halt mal nicht so viel. Auf diese Weise hätte ich beinahe mal eine mündliche Prüfung vergeigt. Denn jedes Geschehen hat eine eigene Dynamik, die es immer wieder in die nun einmal eingefahrenen Gleise nötigt. Man muss es schon ganz anders anfangen, wenn es anders enden soll. 
So war es denn auch beim Lied. Das Entsetzen stand allen ins Gesicht geschrieben, als es in voller Fahrt auf das unvermeidliche Verhängnis zulief: 
Huhu da schaut eine alte Hexe raus
Sie lockt die Kinder ins Pfefferkuchenhaus
Sie stellte sich gar freundlich
Oh Hänsel welche Not
Sie will uns braten im Ofen braun wie Brot 
Es gab kein Zurück mehr. Wäre man doch nur nicht in den Wald gegangen oder wäre man doch wenigstens am Pfefferkuchenhaus vorbeigegangen. Wer will schon mitten im Hochsommer Pfefferkuchen? Aber wie sagte schon Lothar Matthäus: „Wäre, wäre, Fahrradkette!“ Sagte das nicht auch die Hexe, als sie aus dem Haus guckt? Jedenfalls habe ich selbst mal ein Pfefferkuchenhaus gebastelt. Es sah sehr schön aus und diente uns etliche Jahre als Weihnachtsdekoration. Als wir dann die Pfefferkuchen wirklich mal essen wollten, waren sie steinhart und nicht mehr genießbar. 
Scheinbar ausweglose Situationen sind aber eben nur scheinbar ausweglos und die Lösung für ein Dilemma kann man nur finden, wenn man sich mitten hineinwagt. So war es auch diesmal. Als wir das mit dem Ofen sangen rief irgendjemand „Kühlschrank!“ Und das war es:
Doch als die Hexe zum Kühlschrank schaut hinein
Ward sie gestoßen von Hans und Gretelein
Die Hexe musste frieren 
Die Kinder gehen nach Haus
Nun ist das Märchen von Hans und Gretel aus. 

Im Sinne des Verfassers

An heißen Sommertagen wende ich in meiner Wohnung einen einfachen aber wirkungsvollen Trick an, um mir Abkühlung zu verschaffen: Ich warte die Mittagszeit ab und erhitze dann mehrere Töpfe mit Wasser auf dem Herd in der Küche. Ich koche Kartoffeln und grüne Bohnen und ich brate Fleisch. Die Küche ist ohnehin der heißeste Raum in der Wohnung, denn sie hat keinen funktionierenden Sonnenschutz. Durch die beschriebenen Aktivitäten erreiche ich nach dem Schließen der Tür Temperaturen, die denen auf der Oberfläche der Sonne nahekommen. Dann verzehre ich die doppelte Menge meines eigentlichen Kalorienbedarfs in der Hälfte der sonst üblichen Zeit. Anschließend wasche ich noch ab. Dann verlasse ich die Küche wieder. Das dauert alles nicht länger, als zwanzig Minuten. Aber selbst, wenn ich vorher in den anderen Räumen fast erstickte, erscheinen sie mir nach meinem kurzem Aufenthalt im Vorhof der Hölle wie Kühlzellen. Ich muss mir etwas überziehen, um mich nicht zu erkälten. 
Dieses Prinzip heißt: Schlimmer geht immer. Immer dann, wenn man meint, es nicht mehr aushalten zu können, muss man nur einen kleinen Augenblick die gegenwärtigen Zustände auf die Spitze treiben, um gleich anschließend das Gefühl zu haben, im Paradies zu leben. Durch die Übertreibung eines an und für sich schrecklichen Ereignisses geht der Schrecken verloren; man muss lachen und kann wieder atmen. So ähnlich hat Georg Kreisler seinerzeit erklärt, wie er seine schwarzhumorigen Lieder macht. Er nannte sie Everblacks. Das letzte schreckliche Ereignis, von dem wir wissen, ist der Befall des IPhones durch eine Schadsoftware namens Pegasus. Alles, was ich in den letzten zwei Wochen gesagt und geschrieben habe, wurde mitgehört und ich weiß nicht von wem. Nun, um diesen Schrecken zu entwaffnen, veröffentliche ich schon seit ein paar Jahren alles, aber auch alles, was ich so schreibe. Es gibt keine Geheimnisse. Jeder könnte es lesen. Ich bin der Mann aus Glas. Es ist inzwischen allerdings schon wieder soviel Material, dass man darin unmöglich noch irgend eine Information finden kann. Wo versteckt man heute nämlich Informationen? Richtig, in noch mehr Informationen. Es ist ja kein Geheimnis, dass eine uns überlegene Zivilisation die Lösung aller Fragen und Probleme der Menschheit in der Summe aller Fernsehsignale versteckt hat. 
Wer sich die Mühe machen würde, alle diese Informationen auszuwerten, hätte den Schlüssel zur Weltherrschaft in den Händen. In meinem Fall würde man einem - na, sagen wir: zumindest nicht uninteressanten Menschen begegnen. Das wäre durchaus im Sinne des Verfassers. 
(28.06.2016)