Die Welt versinkt im Chaos

Ich muss mich korrigieren, was die Umfragen zum Fall Maaßen betrifft. Ich bin jetzt doch gebeten worden, an einer solchen teilzunehmen. Eine namhafte Wochenzeitung fragt, ob ich mit der Entscheidung zufrieden bin, dass Maaßen Sonderberater wird. Das ist eine neue Vorgehensweise. Warum haben sie nicht gefragt, ob ich mit der Entscheidung zufrieden bin, dass Gauland Fraktionsvorsitzender wird? Oder dass Adler Staatssekretär im Innenministerium wird? Ich finde das nicht gut. Einerseits ist es nicht gut, wenn den Zeitungslesern vorgegaukelt wird, sie lebten in einer direkten Demokratie. Es beleidigt die Intelligenz. In einer direkten Demokratie werden alle öffentlichen Fragen öffentlich auf dem Marktplatz verhandelt und durch die Bürger mehrheitlich entschieden. So etwas gibt es aber gar nicht. Andererseits ist es nicht gut, dass durch solche Umfragen ein Meinungsbild entsteht, denn es ist weder repräsentativ noch richtig. Selbst bei strengster politischer Enthaltsamkeit und der strikten Abstinenz von Informationsmedien fragt man sich nun doch langsam, was es zu bedeuten hat, wenn eine Regierung ein solches Kasperletheater aufführt.

Als erstes fällt mir natürlich Ablenkung ein. Was rechtfertigt ein derartig gigantisches Ablenkungsmanöver? Es gibt so einen Film, wo sie im Auftrag der Regierungen Archen bauen, weil eine Flut kommt. Die Plätze in der Arche sind aber begrenzt. Darum ist alles ganz geheim. Das könnte es sein. Offenbar liegen der Regierung Informationen über eine globale Superkatastrophe vor, die sich bald ereignen wird. Die Zeitungen wissen natürlich auch nichts, sie wurden nur geschickt für die Ablenkung eingespannt.

Was könnte das für eine globale Katastrophe sein? Nun, man muss kein Superhirn sein, um eins und eins zusammenzählen zu können. Es hat natürlich mit der Zeitumstellung zu tun. Irgendetwas ist schiefgegangen und jetzt steht uns am 28. Oktober ein Super-GAU ins Haus. Irgendein Trottel hat versucht, die Atomuhr schon mal um eine Stunde zurückzustellen und dabei sind ein paar Cäsiumatome rausgefallen. Jetzt funktioniert die Uhr nicht mehr, so dass eigentlich niemand mehr weiß, wie spät es eigentlich ist. Beim Umstellen am 28. Oktober zeigt dann jede einzelne Uhr nur noch ihre eigene Zeit an. Dann merkt auch noch keiner was, aber nach und nach wird die Abweichung immer größer und schließlich kann man überhaupt nichts mehr synchronisieren. Niemand sieht mehr die Tagesschau, weil keiner mehr weiß, wann sie kommt. Mit der Bahn kann man nur noch fahren, wenn man zufällig gerade am Bahnsteig steht und wohin die Reise geht, weiß man vorher nicht. Die Welt versinkt im Chaos.

Zwei Gläser

Es könnte sein, dass ich heute erfahre, dass ich befördert werde. Mein Urlaub ist vorbei und ich habe in der letzten Zeit ja so einiges von mir gegeben, was vielleicht verkehrt gewesen sein könnte. Dann muss ich meinen Hut nehmen. So sind die Regeln. Vielleicht haben sie schon das ganze Wochenende zusammengesessen und überlegt, was sie mit mir machen. Mein Chef will mich natürlich behalten, weil ich so einen tollen Job mache. Die anderen finden mich aber inzwischen auf meinem Posten nicht mehr tragbar. Freilich könnte mich mein Chef einfach in den Ruhestand versetzen, aber das wäre teuer, weil ich dann sehr lange ruhig bin und jeden Monat ein Ruhegehalt bekomme. Wenn er mich befördert, bekomme ich zwar noch mehr Gehalt, muss aber dafür etwas unruhiger leben. Vielleicht muss ich jeden Tag in ein Büro gehen und dort einen Computer einschalten. Das kann einen schon einen Tag lang beschäftigen. Ich habe gerade eine ganze Stunde gebraucht, um meinen Computer zum Laufen zu bringen! Er wollte einfach nicht starten. Ein grauer Bildschirm und ein Balken, der sich nicht mehr bewegte. Keine Ahnung, was das sollte.

Jetzt ist es auch schon fast wieder Abend. Ich würde mich natürlich lieber tagsüber mit solchen Sachen beschäftigen. Mein Chef weiß, dass ich das gut kann, also stünden meine Chancen nicht schlecht - wenn da nicht noch die anderen wären, die mir das alles nicht gönnen wollen. Zurücktreten kann ich selbstverständlich nicht, denn dann stünde ich mir nichts, dir nichts ohne Bezüge da. Ich habe schon jetzt nicht viele Bezüge. Zwei Kissenbezüge und drei Bettbezüge. Das ist schon alles. Wenn sie mir die jetzt auch noch wegnehmen, muss ich wieder den Schlafsack nehmen.

Das kann ja keiner wollen. Darum werde ich befördert. Oder wir tauschen, das geht natürlich auch noch. Vielleicht werde ich aber auch Botschafter auf einer einsamen Insel. Ehrlich gesagt hätte ich im Moment gar nichts dagegen. Irgendetwas in den Tropen, wo es schön warm ist, schön viel Ananas, Fisch und vielleicht ab und zu mal ein ordentlicher Vogel. Ich sitze in meiner Residenz aus Bambus und Palmblättern mit Blick aufs Meer und schreibe meine Botschaften, vielleicht auf Papier, das mir ein Schiff bringt, das einmal im Jahr kommt. Außerdem bringt es jeweils - na, sagen wir ungefähr 70 Kisten Rotwein. Die Botschaften stecke ich in die leeren Flaschen und ab geht die Post. Ach, und zwei Gläser bitte.

Was man tut

Wozu die Causa Maaßen gut war, kann man noch nicht sagen. Es ist einfach noch zu früh. Vielleicht wird sie für ein Sprichwort herhalten. Etwa wie: „In Maaßen ist dagegen nichts einzuwenden“. Oder so ähnlich. Oder auch: „Sie ärgerten sich über alle Maaßen“. Auf jeden Fall bedient sich jetzt auch die Bundesregierung mit ‚try and error‘ einer bewährten Methode zur Wahrheitsfindung. Die Kritik daran läuft in etwa darauf hinaus, dass das planlos und unprofessionell sei. Das stimmt aber so nicht. Vielmehr beweist die Kanzlerin, dass sie ihre Herkunft aus dem Wissenschaftsbetrieb nicht vergessen hat. Dort arbeitet man schließlich nur so. Woher soll man denn wissen, was richtig ist? Man macht eine Vorhersage und überprüft, ob sie stimmt. Falls nicht, probiert man eben was anderes. Manchmal kommt auch etwas heraus, das mit der eigentlichen Fragestellung gar nichts zu tun hat. So hat Alexander Fleming im Jahr 1928 das Penicillin entdeckt, weil ihm während der Sommerferien seine vergessenen Staphylokokken im Labor verschimmelt sind.

Allerdings weiß ich nicht, ob die „Reaktionen aus der Bevölkerung“ ein geeigneter Indikator für die Richtigkeit von Regierungsentscheidungen sind. Schließlich habe ich bis jetzt noch gar nicht reagiert und bei Umfragen werde ich gar nicht erst gefragt. Was allerdings auch sinnlos wäre, denn ich würde an einer Umfrage wahrscheinlich nicht teilnehmen. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass die Causa Maaßen inszeniert wurde um zum Beispiel geschickt von der Causa Seehofer abzulenken. Das funktioniert aber nicht, weil die Sache leider viel grundsätzlicher ist: Wir haben ein Personal-Problem. Und zwar in allen Bereichen. Es besteht hauptsächlich darin, dass die, die es könnten, keine Lust dazu haben und die, die es machen, können es nicht. Das ist schon alles. Aber es ist verheerend.

Ändern kann man das alles nur, indem man sich selbst in den Hintern tritt. Wer macht das schon? Gerade gestern habe ich im Fernsehen gesehen, wie sich Menschen für dafür engagieren, dass das Wohnen bezahlbar bleibt. Oder ich las über den Hambacher Forst, wo Menschen für eine gesunde Umwelt kämpfen. Manchmal habe ich dafür nur ein müdes Lächeln übrig, aber es sollte mir doch wenigstens Respekt abnötigen, wenn ich mich schon nicht bewegen will. Vielleicht hilft es ja, wenn man begreift, dass man nicht mehr nur für sich selbst lebt. Dass es nicht nur das eigene Glück ist, für das man auf der Welt ist. Dass es noch einen anderen Menschen gibt, für den es eine Bedeutung hat, was man tut. Oder nicht tut.

Das ganze Bild

Die gute Nachricht zuerst: Kein Mensch ist allein auf der Welt. Für jeden Menschen im Universum gibt es einen anderen, der zu ihm gehört und mit dem er zusammen froh und glücklich sein könnte. Die schlechte Nachricht: Es ist extrem unwahrscheinlich, ja genau genommen ganz und gar unmöglich, dass diese beiden Menschen zueinander finden. Sie existieren irgendwo, irgendwann und sie wissen nichts voneinander. Aber manchmal kommt es zu einer seltsamen Gleichgewichtsschwankung zwischen den Kräften des Universums und dann kann es passieren, dass sie sich diese zwei Menschen doch begegnen. Das sind dann die Sternstunden des Universums, die Zeit hört auf zu fließen und es entsteht etwas ganz und gar Neues.

Vor ein paar Tagen bin ich gefragt worden, ob ich das Gefühl kennen würde, dass etwas so schön ist, dass man es kaum aushalten kann. Ich kannte es nicht, aber ich hatte so eine Ahnung, dass ich es bald kennenlernen würde. Ich wäre dafür bereit. Nun habe ich „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder geschenkt bekommen. Ich begann sofort damit, es zu lesen und bei jedem Wort, jeder Zeile und jeder Seite bekomme ich es jetzt mit diesem Gefühl zu tun. Ich kann es fast nicht mehr aushalten, muss erst mal innehalten und doch muss ich gleich weiter darin lesen.

Kein Mensch ist allein auf der Welt. Für jeden Menschen im Universum gibt es einen anderen, der zu ihm gehört. Die meisten sind wohl ein Leben lang auf der Suche, ohne einander je zu finden und viele verirren sich hoffnungslos. Es ist ein wunderbarer Glücksfall des Lebens, wenn die beiden Puzzleteile, die zusammen gehören, auf einmal nebeneinander liegen. Da können sie dann was draus machen und das ganze Bild wird wieder ein bisschen klarer.

Es lohnt sich

Manche sagen ja, es gibt sie gar nicht. Sie wären nur Fabelwesen aus einer Phantasiewelt. Das stimmt aber nicht. Einhörner sind sehr selten und sie verbergen sich vor den Menschen aus gutem Grund. Aber es gibt sie. Vielleicht gibt es auch nur noch ein einziges. Ein Einhorn ist ein vollkommen reines und überaus verletzliches Wesen. Im Kontakt mit dem Groben und Gewöhnlichen wird es krank und leidet. Wenn es sich dann nicht zurückzieht, stirbt es. Darum ist es ganz und gar unwahrscheinlich, dass unsereiner so ein Geschöpf zu Gesicht bekommt. Wir machen schon beim Atmen einen solchen Lärm, dass ein Einhorn, sollte zufällig doch einmal eines hier auftauchen, über alle Berge auf und davon wäre, ehe wir auch nur in seine Nähe kämen. Nur sehr empfindsame, stille und aufrichtige Geschöpfe können sich einem Einhorn nähern und es beobachten.

Ich bin nun weder empfindsam noch still. Aufrichtig will ich schon sein, aber bin ich es? Kann ich es? Es gibt schon ein paar Tiere, die manchmal meine Nähe suchen. Katzen sind die edelsten unter ihnen. Hunde kommen auch, aber sie sehen dabei nicht so aus, als ob sie etwas Reines im Schilde führten. Gleich danach kommen Wespen und Fliegen. Alles andere macht eher einen großen Bogen um mich. Darum ist es in meinem Fall nicht nur ganz unwahrscheinlich sondern gleich völlig unmöglich, dass ich im Laufe meines Lebens jemals einem Einhorn begegnen könnte. Und falls doch, dann war es vielleicht erkältet und konnte nichts riechen und hören auch nicht und der Wind stand ungünstig und auf einmal stehe ich eben vor ihm. Spätestens dann jedoch müsste es zu Tode erschrecken und Reißaus nehmen.

Und trotzdem ist es passiert. Auf einmal standen wir voreinander, von Angesicht zu Angesicht und sie schien gar keine Angst zu haben. Ich hatte noch nie im Leben so etwas Schönes und Reines gesehen und ich blieb einfach stehen. Ich fühlte Glück in einer Intensität, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Mein Rücken begann weh zu tun und meine Füße fingen an einzuschlafen, aber ich bewegte mich nicht. Und so stehe ich immer noch und sehe sie an und sie sieht mich an. Es heißt, wenn es geschieht, dass ein Einhorn zu einem kommt und einem sein Horn in die ausgebreiteten Arme legt, wird man ganz heil und gesund. Man muss aber warten können und die Arme lange offenhalten. Das tut weh. Aber es lohnt sich.

Frühling

Ich bin verliebt. Es hat mich richtig erwischt. Dabei kennen wir uns schon eine ganze Weile. Natürlich habe ich sie gleich nach dem ersten Treffen mit nach Hause genommen. Wir haben die erste Nacht zusammen verbracht, weitere folgten. Dann traten Beschwerden auf. Mir tat morgens die Schulter weh. Ich musste eine Entscheidung treffen. Ich habe sie in die Ecke gestellt und eine Andere genommen.

Ich habe sie schnell vergessen, aber mit der Anderen war auch nicht alles schön. Zwar waren jetzt die Schmerzen weg, aber sie war irgendwie zu klein. Sicher, es gab auch Größere, aber die waren eben wieder zu groß. Es ist nicht leicht, in meinem Alter was Passendes zu finden. Nun war sie aber einmal da, ich wollte nicht schon wieder wechseln, also haben wir uns arrangiert. Ich wollte nicht wahrhaben, dass das Problem tiefer sitzt. Man hält sich dann an Äußerlichkeiten fest. Irgendwann habe ich alles auf das alte Schrankbett geschoben. Es ist bemerkenswert, was man für Energie entwickeln kann, wenn erst mal ein Sündenbock ausgemacht ist. Die freien Tage habe ich dafür genutzt, den Platz für das neue Bett zu schaffen. Es musste geräumt, gebohrt und geschraubt werden. Das alte Schrankbett wurde in die fensterlose, etwas verrümpelte Kammer verbannt und mit der Stahlbetonwand verdübelt.

Das neue Bett ist bestellt und kommt Anfang Mai. Ich konnte mich nicht dazu durchringen, in der fensterlosen, verrümpelten Kammer zu schlafen. Eine Nacht verbrachte ich allein auf dem extraharten Federkern der Wohnzimmercouch. Es war furchtbar. Da fiel SIE mir wieder ein. In der folgenden Nacht legte ich SIE auf die Couch. SIE schmiegte sich an mich, als wäre nichts gewesen. Ich sehne die Nacht herbei, um SIE wieder auf die Couch und mich auf SIE zu werfen. Ich liebe sie, mehr als je zuvor: Meine gute alte Kaltschaum-Rollmatratze.

Aus: Schwarze Banane, 2013

Gallseife

In einem Ausschank am Spreeufer verkaufen sie Würste, die offenbar hauptsächlich für die Verteidigung im Nahkampf bestimmt sind: Man beißt hinein und sofort schießt zu beiden Seiten der Bissstelle heißes Fett heraus. Mit einiger Übung kann man so Angreifer von zwei verschiedenen Seiten gleichzeitig kampfunfähig machen, indem man ihnen das heiße Fett in die Augen spritzt. Ohne Übung versaut man sich einfach nur die eigene Kleidung und muss sich nach dem Verzehr dieser Wurst komplett umziehen oder sich von einem Erziehungsberechtigten abholen lassen. Keine Klassenlehrerin der Welt lässt einen weiter am Wandertag teilnehmen, nachdem man sich derartig besudelt hat. Eher würde es noch toleriert werden, sich von Kopf bis Fuß mit Hefeweizen zu übergießen. Nach dem Trocknen bleiben hier kaum Spuren zurück und Hefeweizen riecht auch nicht so schlimm, wie gewöhnliches Bier. Zu meinem Glück war ich nun nicht im Klassenverband unterwegs und meine nette Begleiterin sah über meinen Fauxpas einfach hinweg, als hätte ich mich mit nichts anderem als mit reinem Blütenstaub benetzt. Sie sagte nur ein einziges Wort: Gallseife.

Nun gehört Gallseife nicht gerade zu den Ingredienzien, die ich in meinem Gehäuse vorrätig halte oder gar mit mir führe. Ich musste mir also anders behelfen. Der Prozess ist noch im Gange, so dass ich über seinen hoffentlich glücklichen Ausgang hier noch nicht berichten kann. Ich kann aber schon sagen, dass das betreffende Kleidungsstück eine allfällig auffällige Anfälligkeit für Verschmutzungen aller Art an den Tag legt. Ich kann es eigentlich nie länger als einen Tag tragen. Sofort nach dem Überstreifen schmiere ich mir irgendetwas drauf. Entweder habe ich noch Zahnpasta an einem Finger oder etwas Schlimmeres. Eigentlich sollte ich das wissen und das Teil wenigstens zum Frühstück ausziehen. Das mache ich aber nicht und so muss ich nach dem Frühstück sehr viele Stellen mit einem nassen Lappen bearbeiten. Bevor alles wieder trocken ist, gehe ich natürlich nicht raus.

So geht der Tag dahin und ich schaffe nichts Nennenswertes, sofern man dazu das Haus verlassen muss. In der Zwischenzeit ist der Reinigungsprozess des durch den Wurstangriff verunreinigten Kleidungsstückes zum Abschluss gekommen. Ich muss sagen, das Ergebnis ist ganz ordentlich. In Ermangelung der mit Rindergalle versetzten Kernseife hatte ich auf die Schadstellen Geschirrspülmittel aufgebracht und das Teil über Nacht im Wasserbad liegen lassen. Anschließend erfolgte die Standardbehandlung durch die Waschmaschine. Die Wurstspritzer sind raus! Nur die Zahnpasta nicht.

Fortsetzung folgt

Ich weiß gar nicht mehr, was ich zuerst machen soll! Schreiben, Musik machen, verabreden. Es ist schön und ich will überhaupt nichts anderes mehr machen, aber letztlich bleibt für alles zu wenig Zeit. Die Chorproben haben im September wieder angefangen, aber ich war noch nicht da. Ich kaufe nur noch das Nötigste ein, damit ich mich schnell wieder meiner eigentlichen Beschäftigung widmen kann und habe dann nichts zu essen im Haus. Meine Besucherin musste sich vor dem Verlassen meiner Wohnung die Füße waschen, weil sie sich unvorsichtigerweise die Schuhe ausgezogen hatte. Das darf man in meiner Wohnung eigentlich nicht machen. Meine Wohnung ist schließlich keine Moschee, sondern eher wie eine Wiese oder wie ein Wald. Oder wie eine Wiese im Wald. Man merkt es nicht gleich am Geruch, aber an den Füßen merkt man es sofort.

Jetzt muss ich auch gleich wieder los, denn man soll seine Verabredungen nicht warten lassen. Ich hatte eine Weile so gut wie überhaupt keine Verabredungen, darum hat das jetzt Priorität. Schreiben muss ich aber natürlich auch, sonst passiert ja nichts. Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass nur das passiert, was aufgeschrieben wird. Für die große Weltlage sind die Zeitungen zuständig. Leider scheint das dort keiner zu wissen, sonst würden sie vielleicht etwas behutsamer schreiben und nicht so grob alles durcheinander werfen. Chemnitz, Köthen, Küblböck. Was gerade so einfällt. Das ist nicht verantwortungsbewusst sondern eigentlich schon fahrlässig.

Dieses Blog hier war ja ursprünglich ein Projekt zur Rettung der Welt. Das funktioniert aber nun mal nicht aus einem Blog heraus. Darum habe ich mich bei allen bekannten Zeitungen um eine freie Mitarbeit beworben. Freilich hätte ich dort nicht über mich geschrieben, sondern eben über die Weltlage und dann sähe die Welt heute auch ganz anders aus. So, wie mein Leben heute auch viel besser und freundlicher aussieht, als früher. Die Sache mit Küblböck macht mir allerdings Angst, denn über Küblböck sollte eigentlich nur Küblböck schreiben dürfen und der hätte ganz bestimmt etwas anderes geschrieben. Was, wenn es auf einmal einer Zeitung gefällt, über mich zu schreiben? Vielleicht werde ich dann auf einmal berühmt und reich. Aber dabei bleibt es ja nicht, denn das wäre zu langweilig. Dann muss ich schrill werden, depressiv, schwul sowieso und Drogen nehmen. Schließlich, nicht zu früh aber doch rechtzeitig, bleibt nur ein rätselhaftes und doch tragisches Ende. Vielleicht verschwinde ich mit meiner Verabredung irgendwo im Wald und werde nie wieder gesehen. Die Suche wird nach zwanzig Minuten eingestellt. Wir werden beide für tot erklärt. Aber wer weiß schon, was dann passiert? Fortsetzung folgt.

Seele verkaufen

Da sieht man es mal wieder: Geld macht eben auch nicht glücklich. Geld ist nun mal zum Ausgeben da, das ist das Traurige am Geld. Man kann davon sammeln soviel man will, wenn man es nicht ausgibt, hat man nichts davon. Es ist eigentlich nur eine Zahl. Wenn man es aber ausgibt, macht es einen unglücklich, weil man es ja lieber behalten möchte. Es ist kaum möglich, dass man etwas dafür bekommt, was sein Geld wert ist. Denn Geld haben bedeutet ja, Möglichkeiten zu haben. Viele, viele und noch mehr Möglichkeiten. Alle diese Möglichkeiten schnurren bei der Geldausgabe auf eine einzige zusammen. Ein schlechter Tausch. Dann sitzt man mit dem Gegenwert seines Geldes da und ärgert sich darüber, dass man nun alles andere nicht mehr kaufen kann, was man sich hätte kaufen können. In dieser Hinsicht war das Leben in der DDR eben leichter. Das Sammeln von Geld dauerte zwar viel länger, weil man ja immer nur wenig davon bekam, aber dann konnte man es getrost für immer behalten, denn es gab ja nun mal nichts zu kaufen. Also nicht so, wie im Kapitalismus, dass man immer was Neues kaufen konnte. Man kaufte einen Farbfernseher und den hatte man dann eben. Es wäre total sinnlos gewesen, fünf Jahre später wieder den gleichen Farbfernseher zu kaufen. 
Falls der Fernseher mal kaputt ging, brachte man ihn mit dem Fahrradanhänger ins Fachgeschäft. Dort wurde er dann repariert. Es war verrückt. So konnte man ja nichts verkaufen. Aber das wollte auch keiner. Zufrieden war man aber natürlich ganz und gar nicht, sondern wütend, weil man eben ideologisch gegängelt wurde. Das verträgt man nicht gut. Vor allem nicht, wenn es so plump und offensichtlich passiert. Das war beim SED-Staat so und das war und ist auch immer mal wieder bei der Kirche so. Da will man nicht drauf reinfallen. 
Der Kapitalismus ist nun aber auch eine Ideologie (was man an der Endung -ismus ablesen kann), aber man merkt es ihm nicht an. Apple zum Beispiel ist geradezu eine Religion, gibt es aber nicht zu. Sie können das mit dem Menschen fangen viel besser, als Kommunisten und Christen zusammen, denn sie lassen es uns nicht merken. Und selbst wenn wir es merken - so wie ich - dann glauben wir, das sie uns nichts anhaben können, weil wir nicht darauf hereinfallen. Dann steckt man aber schon tief drin. Was ist nun besser? Nicht drauf reinfallen und wütend sein oder lieb und smart sein, aber dafür sein Seele verkaufen? 

Verabreden

Meine letzte Verabredung mit einer schönen Frau liegt schon eine Weile zurück. Also ein Rendezvous, nur die schöne Frau und ich. Wir gehen ins Kino, was essen oder in die Oper! Es ist immer unglaublich aufregend. Die schöne Frau ist einen ganzen Abend lang nur für mich da und ich stelle mir natürlich vor, wie es wäre, wenn sie für immer da wäre. Eine Zeitlang dachte ich, ich müsste das der schönen Frau sofort sagen. Das denke ich heute nicht mehr. Die schönen Frauen denken nämlich über ihre Männerbekanntschaften wahrscheinlich ganz anders, als ich mir das vorstelle. Ich denke: ‚Sind wir jetzt zusammen, oder was?!‘ Die schöne Frau denkt: ‚So ein schöner Abend!‘ Also vielleicht denkt sie das oder etwas vergleichbares. Ich weiß es bis heute nicht. Ich weiß nur, dass die Wahrscheinlichkeit von Folgeverabredungen rapide sinkt, wenn ich offen und rückhaltlos mein Herz ausschütte. 
Während des Studiums bekam ich so eine Verabredung mit einer schönen Frau. Wir saßen in einer angesagten Kneipe und redeten, lachten und sahen uns tief in die Augen. Ich brachte sie nach Hause und verriet ihr in der S-Bahn mein Geheimnis. Soll man nicht machen! Sie weiß es sowieso und dass ich es ihr sage, macht es für sie eben nicht einfacher. Viel besser ist es, sie zum Lachen zu bringen. Es gibt überhaupt kein größeres Glück, als eine schöne Frau zum Lachen zu bringen. Wenn das gelingt, ist das schon die halbe Miete. Wenn sie lächelt, ist das kein gutes Zeichen, aber Lachen ist eins, egal worüber. Vielmehr kann man als Mann eigentlich auch nicht machen. Alles Weitere liegt dann nicht mehr in unserer Hand. 
Eigentlich wollte ich schon immer ein Blog mit Dating-Tipps für Teenager schreiben. Es hat nur eine Weile gedauert, bis es so aus mir herauskam. Ich kann heute sagen, dass es hin und wieder vorkommt, dass eine schöne Frau einen Mann zu ihrem Partner wählt, der sie so erfolgreich zum Lachen bringen kann. Aber dann fängt der Ernst des Lebens an und es gibt vielleicht nicht mehr so viel zu lachen. Das muss man wissen. Wenn man das will, ist alles gut. Wenn nicht, dann sollte man aus Verantwortungsbewusstsein heraus auch keine schöne Frau zum Lachen bringen. Aber dann braucht man sich auch gar nicht erst zu verabreden. Ich habe es gemacht. Und ich hoffe sehr, dass sie lacht. 

8.2.2017

Abschied

„Der Abschied ist gekommen,
Ich glaub‘, ich füg‘ mich niemals drein,
Dabei hab ich ihm lang schon entgegengeseh‘n.“
Eigentlich hatte ich ja gedacht, so etwas passiert mir nicht mehr. Nie mehr wollte ich mich noch einmal so von einem Menschen berühren lassen, dass es irgendwann anfängt, wehzutun. Ich wollte dies schon schaffen, indem ich unter den Menschen lebte, sie nicht etwa floh oder hasste, sondern indem ich sie liebte. Aber so, dass ich jeden einzelnen von ihnen auch jederzeit wieder loslassen könnte, ohne zu trauern. „Nur so, wie man sich etwa in einen irdenen Krug oder in ein Kelchglas oder in ein Ding von dieser Art verliebt, damit du, wenn es zerbricht, dich seiner Beschaffenheit leicht entsinnst und ruhigen Gemüts bleibst.“ (Epiktet) Aber nun ist es doch anders gekommen. 
„Ich hab‘ nie Abschied genommen,
Ohne zerrissen zu sein,
Und einmal mehr wünschte ich jetzt, die Zeit bliebe steh‘n!“
Es war am Rande einer Tagung in Hogwarts. Wir saßen abends noch im Drei Besen auf ein Butterbier zusammen und eine der Schülerinnen bediente uns. Madame Rosmerta war gestorben und ihr Sohn, dem sie solange sie lebte noch zu Hand gegangen war, war auch schon alt und schaffte es kaum alleine, weil wir so viele waren. Ich fragte, wer denn diese Schülerin wäre und Professor McGonagall nannte mir ihren Namen. Ich fand es doch bemerkenswert, dass sie dem armen Wirt so selbstlos half, während ihre Mitschülerinnen alle um den Stammtisch herumsaßen und ihren Spaß hatten. Dann vergaß ich sie wieder, denn schon am nächsten Tag stand mir der Abschied von Erato bevor, der Liebevollen, der Sehnsucht Weckenden, die mich seinerzeit zu den Musen geführt und die ich gerade erst wieder getroffen hatte. 
„Doch das Leben ist wie ein reißender Fluß,
Der mich weitertreibt.
Der nie stehenbleibt.
Und erreich‘ ich ein Ufer,
Komm ich doch nur zum Schluß,
Daß ich weitergehen muß.“ 
Es verging ein ganzes Jahr oder auch zwei. Ich weiß es nicht mehr. Dann trafen wir uns wieder und sie fragte mich, ob sie ein Praktikum bei mir machen könnte. Und dann kam sie zu mir, in mein Dorf am Ende der Welt und hat dort alles verändert. Wir haben zusammen gesungen und die Zeit blieb stehen, wenn wir es taten. Mit ihrem sanften Wesen, ihrer Geduld und Beharrlichkeit hat sie meine Welt verändert. Und das ohne es zu wollen und ohne es zu machen. In dieser unglaublichen Fähigkeit liegt ihre große Kraft und ihre Stärke. Aber es war auch immer so eine Traurigkeit in ihrem Wesen und als sie schon viel länger bei mir geblieben war als gedacht, erfuhr ich von ihr, dass sie fortgehen würde. Weit fort. 
„Ja, ich weiß, die Stunden waren
Uns nur kurze Zeit gelieh‘n.
Wir sind uns nur begegnet, wie die Schiffe auf dem Meer,
Die sich im Vorüberfahren
Grüßen und dann weiterzieh‘n,
Dennoch, dich jetzt zu verlassen, fällt mir unsagbar schwer.“
So wird es nun kommen. Sie wird fortgehen und ich werde hierbleiben. Aber: Es ist schon jetzt etwas von ihr bei mir geblieben. Sie hat es mir gegeben in den vielen Stunden, die wir zusammensein konnten. Und nicht nur das. Es wird bald einen neuen Ort auf diesem Planeten geben, der für mich eine Bedeutung bekommt. Es gibt so viele Orte, aber sie bleiben für uns bedeutungslos, solange wir nichts und niemanden mit ihnen verbinden. So bin ich reicher geworden und bei aller Traurigkeit bin ich doch auch voller Dankbarkeit. Und Epiktet folgend will ich „weniger hoffen und weniger bedauern“, sondern mich versöhnen mit dem, was ist, mit der Gegenwart und sie lieben.
„Dein Name wird mich begleiten,
Deine Stimme, dein Gesicht,
Dein Lächeln hab‘ ich tief in mein Gedächtnis geprägt.
Es wärmt mich in dunk‘len Zeiten
Und es leuchtet, wie ein Licht
Auf den Straßen, wenn mir kalt der Wind entgegenschlägt!“

Die Zitate sind aus dem Lied „Abschied“ von Reinhard Mey.

Nach fest kommt lose

Die von Alfred Wegener entdeckte Kontinentaldrift ist ein sehr schönes Bild für die Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklung von menschlichen Beziehungen. Menschen sind nun mal keine Pinguine. Obwohl es sie mit aller Macht zueinander zieht, streben sie doch auseinander. Aber gerade dieses Auseinanderstreben bringt sie schließlich und endlich wieder zusammen. Der Superkontinent Pangäa existierte einhundertundfünfzig Millionen Jahre lang. Das ist eine lange Zeit. Aber schon eine ganze Weile brodelte es unter der Oberfläche und schließlich brach das ganze Riesending wieder auseinander. Von dieser Zeit an strebten die einzelnen Teile auseinander. Aber irgendwo stießen sie wieder zusammen und es gab ganz neue Verbindungen. Zum Beispiel krachte die adriatische Platte gegen das südliche Europa und bildete die Alpen. Der Aufprall ist immer noch im Gange und darum sind die Alpen noch lange nicht ausgewachsen. Mit dem Himalaya ist es genauso. Irgendwann werden sich auch Afrika und Südamerika wieder begegnen. Allerdings sozusagen von hinten und es kann sein, dass sie sich nicht gleich wieder erkennen und erst mal eine Weile fremdeln. Bevor sie dann auch miteinander verschmelzen und wieder etwas Neues entsteht. 
So ist das eben. Nach fest kommt lose. Und nach lose kommt ab. Das ist eine alte Schlosserweisheit, die sich die Hennigsdorfer lachend auf der Straße zuriefen, als sie noch demonstrationszugartig alle zusammen morgens zur Arbeit gingen. Es gab auch eine Fahrrad-Staffel, die sich gesondert auf den Weg machte. Als Simone mit ihrer Schwester und den Eltern aus Eisenach nach Hennigsdorf zog, guckten sie morgens um halb sieben aus dem Fenster ihrer neuen Wohnung und betrachteten fassungslos den Fahrrad-Korso, der sich dort jeden Morgen bildete. Als die Wende kam, war das schlagartig vorbei. Grund dafür waren hauptsächlich zwei Faktoren: Erstens die allgemeine Motorisierung der Arbeiterklasse und zweitens die Einführung der Gleitzeit. 
Was sich vorher jeden Morgen durch die zwei Werkstore ergoss, hatte allein durch seine Präsenz eine ziemlich Macht. Es war taktisch klug und folgerichtig, diese potentielle Gefahr aufzulösen, so, wie man einen Thrombus auflösen muss. Das gelang durch „Freibier und Würstchen“ und durch „Video, Marlboro und GTI“. Danach war das Land wieder vereint. Aber nichts ist für immer. Klar musste man wieder zusammen kommen, wenn man getrennt war. Aber wieder vereint bleibt nur, sich irgendwann wieder zu trennen. Wann das passiert, hängt von der Geschwindigkeit ab, in der sich das das Zusammenwachsen ereignet. Darum: Lasst es langsam krachen. Denn nach fest kommt: Lose.

Für immer

Einmal saß ich während einer Weiterbildung neben einer attraktiven Kollegin. Ich konnte gar nicht zuhören, weil ich damit beschäftigt war, mir vorzustellen wie ich mich herauswinde, wenn sie mich hinterher fragt, ob wir noch was trinken gehen. Sie hat selbstverständlich nicht gefragt. Ein anderes Mal erwischte ich mich dabei, wie ich sehr lange darüber nachdachte, wie ich verhindern könnte, dass eine junge Frau, die ich gerade kennengelernt hatte, bei mir einzieht. Sie kam nicht ein einziges Mal auch nur in die Nähe meiner Wohnung. Heute passiert mir so etwas nicht mehr. Vielleicht, weil ich gelernt habe, dass attraktive Frauen niemals über Männer herfallen und sie an den Haaren irgendwohin zerren. Trotzdem wüsste ich gern, wo diese Angst vor der Nähe herkam, die völlig unrealistisch war und die mich soviel Energie gekostet hat.
Ich glaube, die zweite Angst hat etwas mit dem Zustand meiner Behausung zu tun. Er entspricht einfach nicht den geltenden Standards. Ich kriege das auch nicht mehr hin. Ich müsste umziehen. Vielleicht ist das ja die Lösung. Aber für welches Problem? Egal. Wann ich erst mal die Lösung weiß, finde ich auch ein Problem dazu. Ein Adelie-Pinguin muss zum Beispiel ein Nest bauen -übrigens aus Steinen- mit dem er sich dann bei einem Weibchen bewerben kann. Wenn es ihr nicht gefällt, lässt sie ihn stehen. Der Pinguin sieht dann ziemlich bedeppert aus. Ich möchte das nicht erleben.
Eine junge Frau erzählte mir, dass sie mit ihrem Freund zusammenziehen will. Ich finde das nicht richtig. Für meine Begriffe geht das zu schnell. Wenn man einmal zusammen ist, gibt es schließlich nur noch eine Richtung, in die man sich entwickeln kann: auseinander. Darum sollte man, wenn man sich kennen gelernt hat, erst mal so weit wie möglich auseinander gehen. Das hat dann Potential. Wenn man dann nämlich wieder zueinander findet, ist es für immer.