Sie liebt mich

Meine Freundin ist schön. Außerdem ist sie sehr klug. Als ob das alles nicht schon mehr als hervorragend wäre, kann sie - unter anderem - auch noch kochen. Da ich bei Schönheit und Klugheit nun mal nicht mehr aufholen kann, will ich doch versuchen, in punkto Kochen wenigstens gleichzuziehen. Ich habe sie genauestens dabei beobachtet, wie sie eine überaus schmackhafte Kürbissuppe zubereitete. Ich habe selten etwas so Anmutiges gesehen, wie meine schöne Freundin, die eine Kürbissuppe zubereitet. Nur wenn sie singt, sieht sie noch schöner aus. Aber ich will hier nicht herumprotzen. Kaum war ich wieder allein, weil meine Freundin eine wichtige Arbeit übernommen hat, die leider in einiger Entfernung von meinem derzeitigen Aufenthaltsort ausgeübt werden muss, machte ich mich daran, die Kürbissuppe nachzukochen. Ich hatte nicht erwartet, dass es mir auf Anhieb gelingen würde; schon gar nicht, dass ich nur eine annähernd gute Figur dabei machen würde. Aber welche Schwierigkeiten dann tatsächlich auftreten, ist doch immer wieder überraschend.

Zunächst gab es offenbar Engpässe in der Kürbis-Abteilung meines bevorzugten Lebensmittel-Discounters. Der Hokkaidokürbis, den sie verwendet hatte, war einen Tag vor Halloween nicht mehr vorrätig. Ich kaufte eine Bischofsmütze, die, wie ich fand, ein bisschen Ähnlichkeit mit der begehrten Kugelfrucht hatte. Zu Hause angekommen führte ich alle Arbeitsschritte mit peinlicher Genauigkeit aus, die ich mir sehr sorgfältig eingeprägt hatte. Ich schöpfte sogar vier Kellen Flüssigkeit ab, nur um sie schließlich wieder dazu zu füllen. So hatte ich es bei ihr gesehen. Dann ergab sich aber doch eine kleine Besonderheit, die ich nicht vorhergesehen hatte. Die Schale der vermaledeiten Bischofsmütze entwickelte zunächst die Konsistenz von Lorbeerblättern, um später in der Suppe zu treiben, wie Plastikmüll-Inseln in den Weltmeeren. Die Inseln ließen sich weder zerkochen, noch konnte ich sie zerdrücken.

Mein für solche Aufgaben nicht ausgestatteter Verstand arbeitete auf Hochtouren und lief heiß. Ich verfiel auf die Idee, die Suppe durch ein Geschirrhandtuch zu pressen, weil ich mal gesehen hatte, dass meine Freundin auf diese Weise Thüringer Klöße zubereitete. Zum Glück verwarf ich diesen Einfall wieder. Dafür fiel es mir ein, das Kochgut durch meinen Nudeldurchschlag zu passieren. Das war zwar sehr anstrengend und führte auf jeden Fall zu Verlusten an Volumen und höchstwahrscheinlich auch an Geschmacksstoffen. Im Ergebnis hatte ich dann aber doch eine verzehrfertige und genießbare Mahlzeit fabriziert, was mich mit nicht wenig Stolz erfüllte. Dafür sah es in der Küche aus, als ob dort ein Riesenkürbis explodiert wäre, ich habe Kochgeschirre eingesaut, mit denen ich ein Sechs-Gänge-Menü zubereiten könnte und ich musste mich komplett umziehen. Aber ich bin glücklich. Ich könnte mich so blöd anstellen, wie man es sich gar nicht ausdenken kann, meine Freundin würde es mich nicht merken lassen. Denn meine Freundin ist schön. Und: Sie liebt mich!

Und es war Sommer

Und es war Sommer
Es war ein schöner Tag
Der letzte im August
Die Sonne brannte so
Als hätte sie's gewusst
Die Luft war flirrend heiß
Und um allein zu sein
Sagte ich den andern
Ich hab' heut keine Zeit
Da traf ich sie und sah in ihre Augen
Und irgendwie hatt' ich das Gefühl
Als winkte sie mir zu und schien zu sagen
Komm setz dich zu mir
Ich war sechzehn und sie einunddreißig
Und über Liebe wusste ich nicht viel
Sie wusste alles
Und sie ließ mich spüren
Ich war kein Kind mehr
Und es war Sommer
Sie gab sich so als sei ich überhaupt nicht da
Und um die Schultern trug sie nur ihr langes Haar
Ich war verlegen und ich wußte nicht wohin
Mit meinem Blick
Der wie gefesselt an ihr hing
Ich kann verstehen
Hörte ich sie sagen
Nur weil du jung bist
Tust du nicht
Was du fühlst
Doch bleib bei mir
Bis die Sonne rot wird
Dann wirst du sehen
Wir gingen beide hinunter an den Strand 
Und der Junge nahm schüchtern ihre Hand
Doch als ein Mann sah ich die Sonne aufgehn
Und es war Sommer
Es war Sommer
Es war Sommer
Das erste Mal im Leben
Es war Sommer
Das allererste Mal
Und als Mann sah ich die Sonne aufgehn
Und es war Sommer
Es war Sommer
Das erste Mal im Leben
Es war Sommer
Songwriter: Christian Heilburg / Joachim Heider
Songtext von Und es war Sommer © Sony/ATV Music Publishing LLC

In den Gärten des Glücks

Während die Oktobersonne ihre Strahlen noch einmal wie ein Friedensangebot über die Erde streichen lässt, liege ich flach auf dem Rücken und töte Bakterien. Dazu verschlinge ich alle acht Stunden eine riesige Penicillin-Tablette. Dann warte ich. Es ist eine schöne Beschäftigung, die ich aber zehn Tage lang durchhalten muss, um alle Bakterien auszumerzen. An mir soll es nicht liegen, ich könnte auch noch ein paar Tage dranhängen. Natürlich wäre es mir lieber, wenn dazu draußen ein Wetter-Chaos tobte, in das man keinen Hund schicken würde, wenn es bereits Stein und Bein dort draußen fröre. Aber das tut es nicht. Es ist lau und mild. Die vermaledeiten Bakterien hatten sich in meinem Hals festgesetzt und Gott weiß, was sie noch alles befallen wollten. Daraus wird nun nichts. Was haben die Menschen vor dem Penicillin gemacht? Musste es das Fieber allein schaffen? Konnte es das? Ungefähr zur gleichen Zeit brach mein Backenzahn, der mir schon lange Beschwerden verursachte. So ein Backenzahn hat ja vier Höcker und einer der Höcker brach einfach ab. Das hatte die Zahnärztin nicht kommen sehen, aber sie war auch der Meinung, dass dieser Defekt schon angelegt war und dass er die Beschwerden verursachte. Sie modellierte mir einen schönen neuen Höcker aus einer geheimnisvollen Paste und von Stund an war ich von allen Schmerzen frei. 

Man wünscht ja keinem, krank zu werden. Aber wenn man schon krank wird, dann wünschte ich doch sehr, dass man die gleiche Hilfe erführe, die mir zuteil wurde. So hatte sich zum Beispiel eine junge Augenärztin in den Kopf gesetzt, mich von dem doppelten Gesichte zu befreien, das ich seit über einem Jahr mit mir herumschleppte und das mir schon nicht wenig Verdruss bereitete. Dazu wollte sie an meinem kleinen Augäpfelchen den unteren Muskel abschneiden und um acht Millimeter weiter nach hinten versetzen. Warum sie so sicher war, dass das funktionieren würde, weiß ich nicht, aber sie behielt recht. Meine beiden Augen weichen zwar immer noch geringfügig von einander ab, aber in den allermeisten Augenblicken kann mein Hirn gewissermaßen davon absehen. 

So wendet sich weiter und immer weiter alles zum Guten. Kann das gut enden? Was hat es zu bedeuten, dass es das Leid und das Elend trotzdem gibt? Ist das das wahre Leben? Muss ich dort hinaus? Oder kann ich nicht für immer hier bleiben, in den Gärten des Glücks und mich satt trinken an seinem Nektar? Ich weiß es nicht. Ich höre nur hin und wieder und unwirklich noch die dunklen Klänge hinter dem hellen Strahlen: Vorsicht! Vorsicht! Vorsicht!

Apfelbäumchen

Klar: Es steht nicht gut um uns und unser Schicksal liegt in der Hand von Verrückten. Das Letztere liegt in der Natur der Sache, denn man muss schon ziemlich verrückt sein, in diesen Zeiten Verantwortung für das Schicksal Vieler zu übernehmen. Die Welt geht aus den Fugen und das Ende scheint näher zu sein, als irgendein Anfang. Jeglicher Ausweg scheint verstellt und der Rückweg ist abgeschnitten. Der Wohlstand und das Glück, in dem ich mich wiege, gehören mir nicht, sondern sind denjenigen gestohlen und geraubt, denen ich möglichst nicht begegnen will, wenn sie hierher kommen und ungläubig an meinem Glück ein bisschen schnuppern wollen. Sie sollen wieder dorthin gehen, wo sie hergekommen sind oder besser gleich ganz dort bleiben. Es steht in der Tat nicht gut um uns, aber die Zeche werden diejenigen bezahlen, die nach uns kommen. 

Andererseits sind wir eben mit allem, was und wie wir sind, Teil des Problems. Das Problem besteht zu großen Teilen darin, das wir immer irgendetwas wollen. Darum wird es das Problem auch nicht lösen, wenn wir den Planeten retten wollen. Denn: Jedes Wollen führt zum Krampf und der Krampf verhindert letzten Endes das Gelingen. Wenn man will, dass einem etwas gelingt, darf man es nicht wollen. So einfach ist das. Es ist eine schöne Übung, das, was man eigentlich wollte, erst mal zu vergessen und etwas ganz anderes zu machen. Möglichst etwas Paradoxes. Es grenzt an Magie, wie daraus manchmal und immer öfter, genau das werden kann, was man eigentlich wollte und zwar gerade, weil man es nicht wollte. Ich habe viele Jahre meines Lebens darauf verschwendet, schöne Frauen dazu zu bringen, dass sie sich in mich verlieben. Ich habe gesungen und geredet, gelacht und geweint, versuchte witzig zu sein oder cool oder beides. Sie haben gelächelt und waren gerührt, aber keine ist bei mir geblieben. Als ich SIE dann endlich traf, hatte ich gar keine Kraft mehr dazu und war nur noch, der, der ich nun einmal bin. Und genau dafür liebt sie mich. Mich!! Es ist unfassbar. 

Das Paradoxeste, was man in einer dem Untergang geweihten Welt machen kann, ist, sich fortzupflanzen. Aber das machen Menschen nun mal am liebsten und der Untergang ist der Welt ins Stammbuch geschrieben: In fünf Milliarden Jahren bläht sich die Sonne zum Roten Riesen auf und verschlingt alles bis zur Marsbahn. Spätestens dann ist es aus und vorbei mit uns. Soll ich deswegen jetzt heulen und mit den Zähnen klappern? Nein! Ich will ein Apfelbäumchen!!

Lass uns telefonieren!

Ich wollte eine To Do Liste erstellen. Ich setzte mich hin und schrieb: To Do Liste. Dann wartete ich. Ich habe kürzlich eine Prästationäre Aufnahme im Krankenhaus hinter mich gebracht. Gleich zu Anfang wurde ich belehrt, dass es durch langes Sitzen oder Liegen zu einem Dekubitus kommen könnte. Dann saß ich sehr, sehr lange. Das fiel mir jetzt wieder ein und so veränderte ich nach  einer Stunde meine Warteposition. Aber auch diese Veränderung meiner Lage zeitigte keine Einfälle für eine To Do Liste. Wie es aussieht, habe ich einfach nichts zu tun. Nun wäre ich nicht ich, könnte ich selbst einem solchen Zustand nichts abgewinnen. Ich sprang auf und lief in meiner Wohnung umher. War ich dabei anfangs noch ganz ruhig, machte sich mit der Zeit eine wachsende Erregtheit bemerkbar, die ich als Tatendrang interpretierte. Dem darf man nun nicht sofort nachgeben.

Ich setzte mich in meinen Ohrenbackensessel und stellte eine Telefonverbindung mit meinem Vater her. Nach dem kurzen Austausch der spärlichen Neuigkeiten begannen wir unser übliches Kontakt-Geplauder, das sich schon mal über ein bis zwei Stunden hinziehen kann. Früher wurde ich dabei übellaunig, einsilbig und es ging mir schlecht. Nachdem wir endlich aufgelegt hatten, machte ich mir dann Vorwürfe: Für einen Besuch gehen zwei Tage drauf, kann ich da nicht mal zwei Stunden erübrigen, wenn ich schon nicht hinfahre? Heute telefoniere ich mit einem Ohrstöpsel, der mir völlige Bewegungs- und Handlungsfreiheit während des Telefonats verschafft.   Seit ich das so mache, habe ich kein Limit mehr. Solange ich allein bin, können wir auch telefonieren.

Gleich nach der Begrüßung stand ich auf und ging wieder durch die Wohnung. Als das Kontakt-Plaudern losging, machte ich mich daran, nebenbei die Rumpelkammer aufzuräumen. Ohne Konzept trug ich erst mal alles hinaus, was nicht im Regal stand, um den Fußboden wieder frei zu bekommen. Unserem Gespräch kann ich dabei mühelos folgen. Außerdem habe ich die Gelegenheit, um Rat zu fragen. Offenbar habe ich zu viele Stühle. Was kann ich damit machen? Ein Vorschlag lautete, zwei vor die Tür zu stellen, dorthin, wo die Nachbarn jetzt noch eine Sitzbank haben. Die Sitzbank könnte ich gut auf meinen Balkon stellen. Die Stühle sind leider nicht wetterfest. Was die Nachbarn dazu sagen, findet man nur im Experiment heraus. Gesagt, getan. Dann mussten wir das Gespräch aber leider doch beenden, weil ich auch noch staubsaugen wollte. Dabei fiel mir ein, dass ich den Staubsaugerbeutel schon lange nicht mehr gewechselt habe. Ich glaube, im Beutel befindet sich der Staub meiner Wohnung seit dem Tage meines Einzugs. Eine Goldgrube für die Staubsaugerbeutelarchöologen. Das Modell und die dazugehörigen Beutel gibt es schon nicht mehr, aber ich hatte mir einen schönen Vorrat angelegt, als ich noch ein junger Mann war. Ich muss die Dinger nur finden. Lass uns mal wieder telefonieren!

Besser paarweise

Ich dachte immer, ich gucke aus mir raus. Ich gucke aber in mich rein. Keine Ahnung, ob es "draußen" gibt. Eher unwahrscheinlich. Wenn einem das klar wird, bekommt man erst mal einen Schreck. Dann fühlt man sich einsam. Wenn man dann nicht verrückt wird, ist irgendwann alles wie vorher. Ich bin sogar etwas entspannter seit ich weiß, dass "Außenwelt" ein Konzept ist, das als kühn bezeichnet werden muss. Ich lächele dem Nachbarn zu, denn ich kann mich ganz gut leiden. Trotzdem finde ich es super, dass er seine eigene Wohnung hat. Es gibt auch überhaupt keinen Anlass mehr, sich über „andere“ Menschen wie den Dr. Rösler oder den Herrn Steinbrück oder gar die Frau Merkel aufzuregen. Das bin alles ich! Darum bin ich abends immer so zerschlagen. Und morgens auch, denn ich bin ja auch Obama, der ganze Kongress, NSA und FBI. Puhhh.
Letzten Endes führt das zu der Erkenntnis, dass man sich selbst am Wenigsten kennt. Das eigene Selbst ist so unerforscht wie die Tiefsee. Ein Leben wird nicht ausreichen, Licht ins Dunkel der Seele zu bringen. Jetzt verstehe ich endlich auch, warum es besser ist, diese Herausforderung paarweise anzugehen. Man kann sich eben selbst besser beobachten und studieren, wenn man vor einem steht. Oder sitzt. Ich hatte immer Angst, dass ich eine Hässliche, Unförmige nehmen muss. Jetzt weiß ich, das wird nicht passieren. Für mich wird sie die Schönste sein und bleiben, solange ich mich auch gern habe. Natürlich könnte man die Selbsterforschung auch so weitertreiben, wie ich es bislang mache: sich selbst aufschreiben. Das ist auf die Dauer aber irgendwie unerotisch, ich weiß auch nicht. Gibt es nicht ein Beispiel in der Literatur, wo sich ein Autor sozusagen seine Muse geschrieben hat? Irgendwie machen es ja alle so, aber ich meine eine zum Anfassen. Dass sie plötzlich da saß, gegenüber auf der Couch. Man kann aufhören zu schreiben und sich selbst als Objekt untersuchen.
Dieses Projekt verfolge ich jedenfalls zurzeit. Leider werde ich nicht weiter darüber berichten können, wenn es realisiert ist, weil ich ja dann nicht mehr schreiben muss. Das ist natürlich irgendwie schade, aber nicht zu ändern. Paulus hat eben nur deswegen so viel geschrieben, weil er keine Partnerin hatte. Sokrates war verheiratet und hat kein einziges Wort geschrieben. Das stammt alles von Platon, der wiederum unverheiratet war.

Aus: Debakel im Strandkorb (2013)

Lied mit „N“

Ännchen von Tharau ist, die mir gefällt,
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz 
Auf mich gerichtet in Liebe und Schmerz
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, 
Du meine Seele , mein Fleisch und mein Blut.

Käm‘ alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, 
Wir sind gewillt, beieinander zu stah‘n. 
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein 
Soll unser Liebe Verknotigung sein.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, 
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut. 

So wie ein Palmbaum über sich steigt,
Hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt,
So wird die Lieb‘ in uns mächtig und groß
Nach manchem Leiden und traurigem Los.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, 
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut. 

Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt:
Ich will dir folgen durch Wälder und Meer,
Eisen und Kerker und feindliches Heer.
Ännchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn‘,
Mein Leben schließt sich um deines herum. 

Simon Dach / Johann Gottfried Herder