Beratungsstelle für alleinerziehende Call-Center-Mitarbeiterinnen

Wenn es etwas gab, das Krause wirklich hasste, dann war das für sich selbst einzukaufen. Das bedeutete, er machte es nicht etwa ungern oder widerwillig. Es bedeutete, dass er dem für-sich-selbst-Einkaufen den Krieg erklärt hatte. Er bekämpfte das für-sich-selbst-Einkaufen, wo immer er ihm begegnete. Dabei ging es nicht darum, dass er dafür seine Behausung verlassen musste, oder dass er in Kontakt mit vielen anderen Menschen kam. Das konnte er alles wegstecken, wenn es sein musste. Was er aber auf den Tod nicht ausstehen konnte waren Menschen, die ihm etwas verkaufen wollten. Krause hatte mal in einem Land gelebt, in dem fast niemand etwas verkaufen wollte. Wenn man dort als Kunde in einen Laden kam, wurde man entweder gar nicht beachtet oder es bellte einem gleich jemand „Ham wa nich!!“ entgegen. Es gab dort gar nichts zu verkaufen und folglich auch nichts zu kaufen. Dieses Land erschien ihm heute in dieser Hinsicht wie das verlorengegangene Paradies. 
Leider brauchte der Mensch im Allgemeinen und Krause im Besonderen aber nun hin und wieder ein paar Dinge. Kleidung zum Beispiel. Kleidung verschliss nun mal und dann musste man neue kaufen, wenn man kein Schneider war. Krause hatte gedacht, dass er einen Weg gefunden hatte, wie er dieses Problem ein für alle Mal lösen konnte. Es gab eine Internetseite, auf der man ein Paket bestellen konnte. Man brauchte nichts auszusuchen sondern nur anzugeben, was man auf gar keinen Fall haben wollte, zum Beispiel Krawatten oder geblümte Hemden mit großen Kragen. Krause bekam ein Paket von Melissa und sollte, was er nicht behalten wollte, innerhalb von zwei Wochen zurückschicken. Er überlegte kurz, ob er nach zwei Wochen nicht alles zurückschicken sollte und einfach neu bestellen. Dann brauchte er gar nichts zu bezahlen und wäre immer ordentlich angezogen. Er behielt dann aber doch die Hälfte und zahlte das Doppelte von dem, was er sonst für Kleidung ausgegeben hätte. Aber er war zufrieden. Neu gekaufte Kleidung trug Krause normalerweise mindestens zehn Jahre lang. Solange wollte er vom Kleidung einkaufen jetzt nichts mehr hören. 
Am nächsten Tag fragte Melissa per Mail, wann sie ihm wieder ein Paket schicken dürfe. Krause suchte auf der Website und fand eine Seite, auf der er seine Kontaktpräferenzen einstellen konnte. Er wählte alles ab. Er wollte weder E-Mails von Melissa, noch Kurznachrichten aufs Telefon und schon gar keine Anrufe. Zwei Tage später kam wieder eine Email von Melissa, in der sie fragte, ob es das jetzt schon mit ihnen gewesen sei? Sie klang ein bisschen eingeschnappt. Krause löschte seinen Account auf der Website. 
Am Anfang der darauf folgenden Woche klingelte das Telefon. Krause nahm ab.
„Hallo“
„Hier ist Janina, Hallo“ Dann nannte Janina ihn beim Vornamen. Krause war kurz verwirrt, denn seinen Vornamen kannte er selbst nicht. „Ich rufe im Auftrag von Melissa an, ob wir dir mal wieder eine Box schicken dürfen?“
Krause setzte sich. 
„Was für eine Box?“ fragte er. „Hier ist die Beratungsstelle für alleinerziehende Call-Center-Mitarbeiterinnen. Was kann ich für Sie tun, Janina?“
„Oh“ machte Janina.
„Sie sind gar nicht alleinerziehend? Das macht nichts, Janina. Wo drückt der Schuh, hm? Raus damit!
„Also ich glaube nicht...“
„Warten Sie! Wird dieses Gespräch mitgeschnitten? Dann legen Sie sofort auf und rufen Sie auf einer sicheren Leitung zurück!“
„Nein! Ich...“
„Gut. Janina, ich möchte Sie mal was fragen. Machen Sie das eigentlich beruflich?“
„Was? Ja...“
„Sie bekommen also Geld dafür, dass Sie Leute anrufen, die nicht angerufen werden wollen? Wieviel? Reicht es zum Leben? Wo ist ihr Kind jetzt?“
„Hören Sie auf, mich zu verarschen. Ich lege jetzt auf!“
„Aber Sie haben mich doch angerufen. Hallo?“

PLING!!!

Krause blinzelte in das Sonnenlicht. Alles war gut. Er hatte verstanden. Er begriff es, nachdem er Peggy wieder begegnet war. Das passierte genau drei mal. Das erste Mal in einer bitter kalten Nacht auf dem Bahnhof. Er konnte nicht mit ihr sprechen aber sie fuhren ein Stück zusammen mit der Bahn. Als er aussteigen musste, sagte sie etwas zu ihm, woran er sich aber später nicht mehr erinnern konnte. Beim zweiten Mal tauchte sie auf einmal in seinem Messenger auf. Es war fast wie ganz am Anfang: PLING!!! Sie war sehr freundlich zu ihm und sie schrieben sich ein paar Tage lang. Krause war aufgeregt. Schließlich verschwand sie genauso plötzlich, wie sie aufgetaucht war. Dann traf er sie noch einmal im Zug. Sie saß einfach da und schlief. Krause setzte sich etwas abseits und sah sie an. Peggy wachte auf und sprach mit ihm, als ob sie sich gestern zuletzt gesehen hätten. Beim nächsten Halt musste Krause wieder aussteigen.
Musste er?
Hätte er mitfahren können?
Vielleicht. Sicher. Er hatte es nicht getan, ja er hatte nicht einmal darüber nachgedacht. Wohin hätte der Zug sie gebracht? Wahrscheinlich nirgendwo hin, nur immer weiter.

Zuerst hatte Krause gedacht, er wäre vielleicht tot und Peggy auch. Darum fühlte sich auf einmal alles so leicht an, so schwerelos, so, wie früher ein Urlaub am Meer, Tage und Wochen, an denen man scheinbar keine Verpflichtungen hat. Nur der Strand, das Dorf und der geliebte Mensch. Nur Lächeln und Einverständnis, wenig Worte. Fisch, Brot, Früchte und Wein. Licht und Wärme am Tag. Tiefes, unendliches Blau in der Nacht. Aber was war dann mit den anderen Menschen, denen er jeden Tag begegnete? Die konnten doch nicht auch alle tot sein. Irgendjemand musste ja schließlich auch noch am Leben sein. Und warum begegnete er dann niemandem, von dem er wusste, dass er schon gestorben war? Nein, so einfach war das mit dem Totsein offenbar nicht. Wahrscheinlich war es auch gar nicht so schön, wie das, was er jetzt erfuhr: Das Leben. Es konnte grausam sein und schrecklich oder einfach langweilig und geschmacklos. Sein Leben war das alles nicht. Es war großartig und aufregend. Er hatte das große Los gezogen, vielleicht den Hauptgewinn und die anderen eben die Nieten. Es brachte nichts, sie darum zu bedauern. Das Leben wollte gelebt werden, weiter nichts. Und es schien nichts leichter zu sein, als das.

Nein, er hätte nicht mit Peggy weiterfahren können, selbst wenn er auf die Idee gekommen wäre. Vielleicht wäre der Zug einfach nicht weiter gefahren. Oder eine Fahrscheinkontrolle hätte ihn hinaus geworfen oder Peggy. Er wusste noch nicht, welche Rolle genau Peggy in seinem Leben spielte. Er wusste aber, dass er ihr wieder begegnen würde. Und dann würde sich wieder etwas verändern. 

Piano Man



Es ist Montag und es ist viertel nach drei
Ein Montag, wie man ihn kennt
Die Frau neben mir hat die Puppe dabei
Dann nimmt sie ihr Instrument
Sie spielt nicht darauf und sie singt keinen Ton
Ich hab nie gehört, dass sie spricht
Doch das Instrument hält sie, wie ein Mikrofon
Und sie strahlt übers ganze Gesicht
La la la, da da da da 
La la la, da dam
Sing für uns, du bist der Liedersänger
Sing für uns, was uns bewegt
Vielleicht sind wir nicht schlau
Doch wir fühlen genau wie du
Weil auch unser Herz schlägt
Jaqueline hat, weil sie zum Kaputtmachen neigt
Obwohl sie nichts dafür kann
Sich um ein Haar die ganze Zukunft vergeigt
Und hier fängt sie noch mal neu an
Und dann sing ich für sie und sie schmiegt sich an
Und um uns scheint ein warmes Licht
Und was sie dann noch schöner machen kann
Sind Tränen auf ihrem Gesicht
La la la, da da da da
La la la, da dam
Und Monika ist zu Tode betrübt
Weil ich immer das Gleiche sing
Dafür gesteht Millie mir, dass sie mich liebt
Und fragt immer mal nach dem Ring
Eine Mitarbeiterin
Vergisst, dass sie streng sein muss
Und einfach, weil es Freude macht,
Singt sie laut bis zum Schluss:
La la la, da da da da
La la la, da dam
Sing für uns, du bist der Liedersänger
Sing für uns, was uns bewegt
Vielleicht sind wir nicht schlau
Doch wir fühlen genau wie du
Weil auch unser Herz schlägt
Die Stimmung hat sich etwas aufgehellt
Ein Wohnstättenleiter nickt froh
Er weiß, was ich biete, ist schon die halbe Miete
Doch das sehen noch nicht alle so
Manchmal kommst du ins Haus, es sieht verlassen aus
Und niemand öffnet die Tür
Traurig packst du Instrumente aus und denkst
Mann, was soll ich denn hier
La la la, da da da da 
La la la, da dam
Sing für uns, du bist der Liedersänger
Sing für uns, was uns bewegt
Vielleicht sind wir nicht schlau
Doch wir fühlen genau wie du
Weil auch unser Herz schlägt


Zahnärzte und Bestatter

Ach, Papperlapapp! Ich war nicht beim Zahnarzt. Natürlich nicht. Sollen sich die Zahnärzte doch mit ihren Sprechstunden goldene Zähne verdienen. Ich komme nicht. Wenn ich auf der linken Seite nicht zubeiße, geht es schon irgendwie. Früher haben Männer in meinem Alter gar keine Zähne mehr gehabt. Sie waren darauf angewiesen, dass ihnen die Frauen des Stammes passierte Knollen zubereiteten. Wenn nicht, verhungerten sie einfach. Später hat man sich schmerzende Zähne beim Friseur rausreißen lassen. Zahnärzte kamen etwa in derselben Epoche auf wie Psychiater. Während ich mir noch erklären kann, wieso jemand Psychiater wird, tappe ich bei der Motivation zum Zahnarztberuf im Dunkeln. Zahnärzte und Bestatter sind für mich sehr rätselhafte Menschen. Aber es gibt sie und selbstverständlich werden sie gebraucht. Auch ich werde schon irgendwann wieder hingehen. Also zum Zahnarzt. Zum Bestatter sicher leider auch. Aber wie wird man so etwas?
Wir müssen diese Betrachtungen nun aufgrund aktueller Ereignisse unterbrechen. Ich hatte meine Pfeffermühle mit neuen Pfefferkörnern befüllt, nachdem ich endlich mal beim Einkaufen daran gedachte hatte, das exotische Gewürz mitzubringen. Ich pflege dann die Pfefferkorntüte mit den restlichen Körnern durch einem Haushaltsclip zu verschließen und die Tüte in ein Regal zu stellen, das sich über der Abzugshaube befindet. Während ich noch in der Küche zugange war, gab es ein klackendes Geräusch. Der Clip war aufgegangen und gab der nun offenen Pfeffertüte ordentlich Schwung, indem er sie von der Regalrückwand abstieß. Die Tüte führte schön langsam und unter großem Hallo meinerseits einen Salto aus dem Regal heraus aus und landete schließlich auf dem Küchenfußboden, nicht ohne einen Großteil ihres Inhalts freizugeben. Der Boden war jetzt mit Pfefferkörnern übersät. Das Auffegen vermittels eines Stubenbesens erwies sich als Sisyphos-Arbeit, da die kleinen Murmeln einfach nur von einer Seite auf die andere rollten, ohne in der Mitte einen schönen Haufen zu bilden. Es bedarf großer feinmotorischer Körperkontrolle, um das Problem zu lösen, was mir aber schließlich gelang. 
Nun zurück zum Bestatter. Ich kann mir denken, dass man den Bestatterberuf erbt. Die Eltern haben das Geschäft und einer muss es weiterführen. Dann findet man sich eben rein. Vielleicht erfährt man auch eine gewisse Befriedigung, wenn man Trauernden einen Haufen Krimskrams abnehmen kann, wofür man als Trauernder nun mal gar keine Nerven hat. Aber man hat es eben immer nur mit traurigen Menschen zu tun, keiner kommt aus freien Stücken und es gibt kein Wochenende und keinen Feierabend. Der eigentliche Kunde ist der Tod und der kommt, wann er will und er wartet nicht. Genau wie Zahnschmerzen. 

Zähne zusammenbeißen

Ich muss zum Zahnarzt. Es hilft nichts. Die Einsicht reifte in der Nacht, als ich mich aufrecht im Bett sitzend wiederfand, mit der Zunge den Backenzahn umschließend. Ich fuhr früh am Morgen mit dem Rad meines Vaters, dass er mir bei meinem letzten Besuch mitgegeben hatte. Ich komme damit schneller voran, als mit meinem alten Rad mit Motorunterstützung, aber das nur am Rande. An der Zahnarztpraxis prangte ein Schild, dass man Urlaub habe. Der Vertretungszahnarzt befand sich in der gleichen Straße gegenüber. Dort angekommen deutete ich das Schild mit den Öffnungszeiten dahingehend, dass an diesem Mittwoch von 13-19 Uhr Sprechstunde sei. Es sah etwa so aus:
 Montag       Dienstag      Mittwoch
7:30-12:00     und           13:00-19:00
Jetzt sehe ich es auch, aber am Morgen sah ich es nicht. Man geht beim Besuch einer Zahnarztpraxis eben nicht mit derselben Entschlossenheit vor, wie, sagen wir, beim Besuch einer Hefeweizenverkostung. Es war mir ja sehr recht, dass erst am Nachmittag geöffnet war. 
Zu 13:00 Uhr stand ich wieder vor der Vertretungspraxis und kletterte in den vierten Stock hinauf. Dort fand ich ein neues Schild mit der Aufschrift „Patienteninformation“ vor. Es informierte darüber, dass die tatsächlichen Öffnungszeiten aktuell andere wären, nämlich am Mittwoch nur vormittags. Ich trollte mich wieder unverrichteter Dinge und mit nach wie vor schmerzendem Gezähn. Aber es schien mir schon ein wenig besser zu sein. Am nächsten Tag sollte wieder nachmittags geöffnet sein. Aber vielleicht ist bis dahin schon wieder alles gut. 
Ehrlich gesagt glaube ich das nicht. Ich kriege es aber fertig, heute wieder nicht hinzugehen. Ich würde mich nicht sehr wundern, wenn wieder eine neue Patienteninformation darüber aufklärt, dass man heute leider gar nicht öffnen könnte. Sollte aber Sprechstunde sein, werde ich voraussichtlich an der Sprechstundenhilfe scheitern. Wahrscheinlich werde ich sagen, ich hätte Zahnschmerzen... gehabt... schon fast nicht mehr wahrnehmbar... ich wüsste auch gar nicht, welcher Zahn genau weh tut. Dann renne ich einfach wieder raus gehe glücklich weiter arbeiten. Ich muss nämlich auch irgendwann mal arbeiten! Aber ich weiß es, dass sich der Zahn nicht mehr lange ignorieren lassen wird. Und dann wird es Nacht sein und Wochenende dazu. Und ich kann dann nicht mal mehr die Zähne zusammenbeißen. Aua!

Von Männern und Frauen

Ich durfte miterleben, wie ein Mann seinen Vogelkäfig verkauft hat, nachdem er sich von den Vögeln trennen musste, weil er sich eine Katze zulegen wollte. Der Käfig wurde fotografiert und an der Von-Kunde-zu Kunde-Verkaufswand des Supermarktes feilgeboten. Alle paar Tage waren Foto und Inserat verschwunden, ohne dass eine telefonische Kontaktaufnahme erfolgt wäre. Mein Mann gab nicht auf und inserierte immer wieder neu. Er investierte immer wieder neu in die Fotografien, denn er war davon überzeugt, den Käfig irgendwann für sechzig Euro zu verkaufen. Als ich ihn gestern in seiner Residenz aufsuchte, wurde ich von seiner Frau hineingelassen. Sie wies mir das Wohnzimmer. Dort saß mein Mann, strahlte über beide Backen und sah aus, wie ein Gangsterboss, dem gerade ein genialer Coup gelungen ist. Der Käfig sei verkauft, empfing er mich und grinste breit. An eine Frau. Die hätte ihn jedoch für ihre Mutter gekauft. 
Ach...
Ja. 
Ist er dafür nicht ein bisschen... 
...?!
... klein?
Wie auch immer. Immerhin passt zu dieser Geschichte, dass ich dann dabei assistieren sollte, den Balkon der Residenz mit einem Netz zu verhängen. Es war vermutlich für die Frau des Mannes. Aus der Wohnungstür kann sie aber nach wie vor ungehindert rein und raus. Der Mann ist ja kein Unmensch! Wenn ein Mann und eine Frau zusammen wohnen, entwickelt sich ja oft sehr seltsames Verhalten. Im Haus gegenüber wohnt zum Beispiel ein Paar im Rentenalter. Wenn sie vom einkaufen kommen ist er immer als erster an der Wohnungstür. Aber er hat keinen Schlüssel. Er wartet immer bis seine Frau kommt und die Tür aufschließt. Vielleicht kommt sie irgendwann mal nicht mehr. Dann wird er dort bis zum Sankt Nimmerleinstag stehen müssen. 
Ich könnte meinen Balkon nicht mit einem Netz verhängen. Über meinem Balkon gibt es nur den blauen Himmel und an dem kann man ja kein Netz fest machen. Selbst wenn ich also für länger eine Frau in meine Wohnung locken könnte, würde sie mir wahrscheinlich über den Balkon wieder abhauen. Möglicherweise ist es eine wirksame Strategie, sie mit der alleinigen Schlüsselgewalt auszustatten. Wenn sie nur einen Funken Verantwortungsgefühl im Leibe hat, kann sie dann nicht weg, denn sie müsste ja immer denken: Der Mann steht vor der Tür und kann nicht rein. Dann muss sie wieder zurückkommen und aufschließen. Ja, wenn man nur ein bisschen Beobachtungsgabe besitzt und eins und eins zusammenzählen kann - dann kann man es schon zu etwas bringen. 

Treue, Leid und Trauer


Man lernt nie aus. Vor ein paar Wochen erst habe ich erfahren, wie die erste Strophe von Jetzt fahr‘n wir über‘n See wirklich geht; nämlich so:

Jetzt fahr‘n wir über‘n See, über‘n See
Jetzt fahr‘n wir über‘n See.

Soweit, so gut. Bis hierher ist noch alles klar, es gibt keine Überraschungen. So kennen und lieben wir das Lied.
Mit einer hölzern Wurzel. Wurzel, Wurzel, Wurzel.
Mit einer hölzern Wurzel -
Hier müssen wir noch mal kurz innehalten. Man findet schon in diesem alten Lied Muster, die auch noch in modernen Popsongs erfolgreich sind: die dreimalige Wiederholung des Wortes, mit dem die vorangegangene Zeile endet. Vergleiche: Hölle, Hölle, Hölle. Zurecht erwartet man danach irgendeine Offenbarung. Und jetzt kommt sie:
Ein Ruder war nicht dran.
Was soll das denn? Was für ein Ruder überhaupt? Ist das Steuerruder gemeint oder die Riemen eines Ruderbootes? Ist denn ein Segel dran? Ganz offensichtlich handelt es sich bei dieser vollkommen unverständlichen Textzeile um einen klassischen Verhörer. Kurzerhand wird das Verhörte richtig gestellt:
Ein Bruder war nicht treu.
Da haben wir’s. Ein Bruder, das muss man wissen, war bis weit über die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinaus jeder Mitarbeiter in der männlichen Diakonie, so wie eine Schwester eine Mitarbeiterin im Krankenhaus war, unbeschadet ihrer tatsächlichen Qualifikationen. Mit diesem Bruder befasste sich offenbar der Schluss der ersten Strophe des Liedes. Dass er nicht „nicht dran“ war, wie ich erst zu hören glaubte, liegt eigentlich auf der Hand. Wo sollte er denn „dran“ gewesen sein. Nein. Er war nicht treu. Diese Aussage ist für alle wieder völlig verständlich und geradezu logisch. Warum, weiß ich nicht. 
Wem hätte denn ein Bruder treu sein müssen? Seinen Brüdern vielleicht und natürlich auch seinen Schwestern. Seinen Eltern allemal. Aber was haben die nun mit der Fahrt über den See zu tun? Sie fliehen. Sie sind auf der Flucht vor dem untreuen Bruder. Der bleibt auf der anderen Seite, dort wo es Nacht ist, die die Fliehenden hinter sich lassen. Als sie drüber war‘n, brach der helle Tag an, und alle Vöglein sangen. Der untreue Bruder bleibt allein im Dunkeln, wo höchstens Frösche quaken. Das geschieht ihm ganz recht. Denn treu hätte er im Mindesten sein müssen, wenn er schon nichts anderes war. Ein anderes Lied über die Treue ist das Lied vom treuen Husar, der sein Mädchen ein ganzes Jahr liebte. Dann starb sie und das war für ihn ein großes Leid. 
Ein großes Leid und noch viel mehr.
Die Trauer nimmt kein Ende mehr. 

Es bleibt anders



Einer meiner Lieblings-Gespielten-Witze geht so: Ich nehme zwei Stapel Spielkarten und haue sie dermaßen ungeschickt zusammen, dass sie nach allen Richtungen auseinander fliegen. Dann frage ich: „Welcher Filmtitel ist das?“ Antwort: „Mischen: Impossible.“ Genauer gesagt handelt es sich schon um M:I 2, weil ich ja mit zwei Kartenstapeln gearbeitet habe. Das konnte man bis vorige Woche mit bis zu fünf Kartenstapeln variieren. Seit dieser Woche gibt es sechs M:I Filme mit Tom Cruise. In der Zeitung steht eine Meldung über die Premiere, in der hervorgehoben wird, dass dessen Haar immer noch voll sei und auch seine Zähne blendend weiß strahlten. Und das trotz seiner 56 Jahre! Am Schluss heißt es: „Ein wahrer Filmheld wird eben niemals alt.“ Als ob man das Alt-Sein am vollen Haar oder an den weißen Zähnen ablesen könnte. Alt ist man dann, wenn man nichts Neues mehr erleben kann. Wenn es nichts Aufregendes mehr gibt, man keine Überraschungen mehr erlebt und wenn man nur noch lang vergangene Erlebnisse wiederkäuen kann. Das kann einem leider auch mit vollem Haar und weißen Zähnen passieren. 

Ich war gerade wieder sehr aufgeregt, denn ich war zu einem Picknick an der Ostsee eingeladen. Ich konnte mir darunter nur wenig vorstellen, aber ich war neugierig darauf und wie gesagt, sehr aufgeregt. Ich dachte, es würde vielleicht so, wie wenn ich allein an der Ostsee bin: Ein bisschen ruhelos auf der Suche sein nach einem Platz, an dem es Hefeweizen und etwas zu essen gibt und an dem man bleiben kann. Solche Plätze gibt es aber nicht, denn irgendwann hat man genug getrunken und gegessen und dann muss man nach den ungeschriebenen Regeln der Gastronomie weiter ziehen, wenn man nicht über Nacht bleiben will. Außerdem bleibt alles Gesehene und alles Erlebte unvollständig, weil ungeteilt. Darüber zu schreiben und Fotos zu posten kann diesen Mangel nicht heilen. 

Ein Picknick an der Ostsee geht dagegen so: Man wird am frühen Morgen von einem der unwahrscheinlichsten, weil sanftesten und verletzlichsten Wesen besucht, die es auf diesem Planeten gibt. Sie bringt einen dann an einen verzauberten Ort, wo Wolken, Sonne, Wasser, Sand und Wind anderen Gesetzen gehorchen. Dann hat sie ein Tischlein-Deck-Dich dabei, das sich mit Speise und Trank nur vom Erlesensten füllt, welches, soviel man auch davon essen und trinken mag, nicht weniger wird. Dann liegt man viele Stunden lang zusammen auf einer Decke und erlebt gemeinsam das große Strandtheater einiger weniger Akteure, die in gebührendem Abstand, wie auf einer Bühne ihr Spiel aufführen. Und es entsteht eine besondere Verbindung zwischen dir, dem Wesen und dieser Welt. Und dann bringt sie dich wieder nach Hause, in die Sicherheit deiner Wohnung, aber es ist nicht mehr, wie es vorher war. Und es bleibt anders.

Was der Wind tut

Was für ein verregneter Sommer! Das Kind aus dem Haus gegenüber guckt ein bisschen ratlos durch das Küchenfenster. Es sind Ferien und es regnet Bindfäden. Was soll man da machen? Ich kann leider auch durch angestrengtes Nachdenken nicht herausfinden, was ich in meinen verregneten Sommerferien gemacht habe. Natürlich waren wir im Ferienlager, das waren drei Wochen. Dann noch zwei Wochen mit den Eltern. Blieben noch drei Wochen, die ich mir irgendwie vertrieben haben muss. Das Fernsehprogramm war damals überschaubar. Samstag Mittag kam eine Programmvorschau für die ganze Woche. Das waren Bildschirmseiten, die durch den Fernseher scrollten (das Wort gab es noch gar nicht). Man musste sie abschreiben, was zu meinen Aufgaben gehörte. Natürlich auch in den Ferien. Dann gab es noch Ferienspiele. Dazu ging man in die Schule und wurde dort irgendwie beschäftigt. Es gab ein Heft mit Coupons für Bastelvormittage, Kinonachmittage und Wandertage. In den Ferien in die Schule zu gehen, war aber schon irgendwie blöd. Gelesen habe ich auch nicht. Wir besaßen genau ein Walt Disneys lustiges Taschenbuch und mein Bruder hatte ein Asterix-Heft. Außerdem natürlich das Mosaik. Im Unterschied zum lustigen Taschenbuch habe ich die Mosaiks heute noch. Sie zerfleddern jetzt ein wenig. 

Das Nachbarmädchen ist inzwischen wieder vom Fenster verschwunden. Nachbarmädchen in meinem Alter gab es bei uns nicht. Darum bin ich im Umgang mit Mädchen heute so unbeholfen. Hätten wir damals welche bei uns gehabt, hätte ich ihnen vielleicht meine Puppenstube gezeigt. Es war sogar ein Puppenhaus mit mindestens 3 Stockwerken, Puppenmöbeln und Puppenküche. Außerdem hatte ich noch einen größeren elektrischen Puppenherd, mit dem ich kochen und backen konnte. Einmal buk ich einen Zwiebelkuchen. 

Nein, ich weiß es einfach nicht mehr, was ich in den Sommerferien gemacht habe, seien sie nun verregnet gewesen oder nicht. Hätte ich mal Tagebuch geschrieben. Vielleicht habe ich das sogar. Ich hatte schließlich schon als Kind Terminkalender. Kann sein, dass ich da rein schrieb, was ich so gemacht hatte, wenn keine Termine anstanden. Leider sind diese Dokumente meiner Kindheit verloren gegangen. Der älteste Terminkalender, den ich noch besitze, ist von 1995. Nach der Lektüre bedaure ich es ein bisschen, keine Papierkalender mehr zu benutzen. Die Sammlung reißt immerhin 1998 schon wieder ab. Das wäre jetzt eine schöner Zeitvertreib für verregnete Vormittage. Im 95er habe ich vorne ein Erich-Kästner-Zitat eingetragen:
„Es ist schon so,
die Fragen sind es,
aus denen das, was bleibt besteht!
Denk an die Frage deines Kindes:
Was tut der Wind, wenn er nicht weht?“

Hände falten

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und ein paar Regentropfen heilen keine Trockenheit, wie wir sie bis jetzt hatten. Aber immerhin. Der geschundene Boden sah ein bisschen erholter aus, nach der letzten Nacht. Manchmal kommt es mir auch so vor, als wenn das Schicksal der Welt doch ganz woanders entschieden wird. Vielleicht hängt es ja doch davon ab, ob ein paar Kinder aus einer Höhle gerettet werden können. Und wir sitzen hier und können einfach gar nichts machen. Jedenfalls nicht mehr, als die buddhistischen Nonnen, die in der Nähe der Höhle waren und beteten. Aber vielleicht kommt es ja gerade darauf an. Und jetzt ist es in der Tat gut ausgegangen und es fühlt sich ein bisschen so an, als ob die Welt wieder ein bisschen runder läuft. Ständig sind irgendwo Kinder in Not und selten findet ihre Not so viel Aufmerksamkeit. Wenn es aber nur ein paar Menschen gäbe, die ihre spirituelle Kraft für sie einsetzen würden, wäre die Welt schon ein bisschen besser, glaube ich.

Um die Kinder dann wirklich zu retten, braucht es natürlich etwas ganz anderes als die Gebete frommer Menschen. Aber die Welt ist ziemlich verrückt und die Zusammenhänge liegen tief im Dunkel verborgen. Ich glaube schon, dass es manchen Menschen gelingen kann, dorthin vorzudringen und dass sie, ohne zu wissen wie, dort auch etwas bewirken können. Dazu müssen sie es fertigbringen, sich von sich selbst und von ihrem Wollen zu lösen. Nur ganz ohne Selbst und nur ohne etwas zu wollen, können sie etwas verändern. Das ist ein Geheimnis, das kein westlicher Macher jemals zu durchdringen vermag. 

Nun hat es jedenfalls ganz ordentlich geregnet. Das wird die Ernte hier nicht mehr retten, aber alles Lebendige kann ein wenig freier atmen. Unseren Politikern wünschen wir einen schönen Sommerurlaub und allen ausländischen Politikern auch. Und insgeheim wünsche ich mir selbst und uns allen, dass das Schicksal der Welt nicht in ihren Händen liegt. Dann schon lieber in den Händen derer, die sie falten, erheben oder in den Schoß legen. Amen.

Auslegen ab 30



Ich habe mich in meinem kleinen Schreibhäuschen verbarrikadiert und warte. Meine Gemächer befinden sich im oberen Stockwerk. Ich habe Lebensmittel für einige Tage. Es kann also losgehen. An den Fenstern habe ich Beobachtungsposten eingerichtet. Ich will auf keinen Fall verpassen, wenn es gleich stundenlang regnet. Wenn es pladdert, dass die Dachrinnen überlaufen, wenn sich mein Balkon in ein flaches Bassin verwandelt, von dem Wasserfälle hinunterstürzen. Der letzte Regen, den ich miterlebt habe war, glaube ich, vor... vor... vor genau einem Jahr. Ich weiß noch, dass es so heftig und langanhaltend geregnet hat, dass mir die Fleißigen Lieschen auf dem Balkon ersoffen sind. In dieser Hinsicht kann auch nichts mehr schief gehen. 

Jetzt warte ich schon eine ganze Weile und es regnet nicht. Kein Tropfen. Es muss aber regnen, weil sonst alles vertrocknet. Der Gastwirt hat am Wochenende erzählt, dass er die Pfifferlinge aus Litauen geholt hat. So ein Quatsch! Dann soll es eben keine Pfifferlinge geben, weil es so trocken ist. Aber der Gastwirt will natürlich die Gäste bewirten, die wegen der Pfifferlinge kommen. Ich hätte das Schnitzel auch ohne Pfifferlinge gegessen. Zum Geburtstag meiner Mutter hat es eigentlich immer geregnet. Es war mitten im Juli, wir trafen uns alle im kleinen Garten und dann regnete es und hörte nicht mehr auf. Wir saßen im winzigen Häuschen und spielten Rommé. Auslegen ab 30. Klopfen erst nach dem Auslegen. Wenn es also jetzt nicht anfängt zu regnen, feiern wir nächste Woche einfach noch mal einen Gartengeburtstag. Dann wird es schon. Eine andere todsichere Methode zum Regen anlocken wäre noch, mit dem Zelt in den Urlaub zu fahren. Ich war mal mit meinem Zelt in Karlovy Vary. Ich baute mein Zelt auf - und es fing an zu regnen. Ich lief im Regen in die Stadt und verbrachte die Tage in einer Therme. Dazu trank ich Müller Thurgau. Abends lief ich durch den Regen zurück. Westdeutsche reisten vorzeitig ab und schenkten mir ihre übrigen Kronen. Ich gab alles für Müller Thurgau aus. Noch bevor das Geld ausging hatte ich keine trockenen Sachen mehr. Der Schlafsack war nass. Ob das Geld auch für ein Zimmer gereicht hätte? Wahrscheinlich nicht. Jedenfalls reiste ich auch ab. 

Immer noch kein Regen. Aber das wird schon. Ich kann ja mal die Wäsche auf den Balkon hängen, den Sonnenschirm aufspannen oder die Sitzbankauflagen draußen liegen lassen. Oder zu Fuß aus dem Haus gehen und den Schirm vergessen. Ein paar Tricks habe ich noch auf Lager. 

Nette Begleitung



Im Biesenthaler Kulturbahnhof findet am kommenden Samstag ein Konzert statt, bei dem neun Liedermacherinnen und Liedermacher auftreten. Glücklicherweise habe ich am Samstag etwas Besseres vor. Ich schreibe „glücklicherweise“, weil mein Vorhaben für mich wirklich etwas viel Besseres ist, als ein Konzert zu besuchen, nicht, weil ich deswegen nicht zum Konzert gehen muss, was man ja sowieso auf gar keinen Fall muss. Ich hatte mal eine Brieffreundin, die schrieb immer, dass man überhaupt nichts muss. Sie war fast vollständig aus meinem Leben verschwunden und tauchte vor ein paar Tagen aus dem Nichts wieder auf. Ich fand das sehr schön, war mir aber kurz nicht ganz sicher, ob sie es wirklich war, die mir da schrieb. Vielleicht war es mein eigenes Unbewusstes oder ein Bot? Oder beides? Aber dann schrieb sie das mit dem ‚müssen‘ und ich war mir wieder sicher, dass sie es war. Obwohl es auch das Unbewusste gewesen sein könnte. Aber wie sollte ich das fertigbringen? Mir selbst unbewusst etwas zu schreiben, was mir erst bewusst wird, wenn ich es lese. Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Allerdings ist der Kontakt auch schon wieder abgerissen.

Die Möglichkeit, dass außer meinem Bewusstsein nichts weiter existiert, ist nun keineswegs völlig aus der Luft gegriffen. Vielleicht sollte ich also doch einen Weg finden, das Konzert mit den neun Liedermacherinnen und Liedermachern zu besuchen, weil es sonst gar nicht stattfindet. Es ist mir aber zu anstrengend, als neun verschiedene Liedermacherinnen und Liedermacher aufzutreten und mir selbst auch noch in verschiedenen Rollen zuzuhören. Darum mache ich lieber das Andere, das ich obendrein auch noch besser finde.

Ich fahre nämlich in netter Begleitung an die Ostsee. Falls es so ist, dass ich die neun Liedermacherinnen und Liedermacher bin, bin ich zwar auch die nette Begleitung, aber das wird auf jeden Fall entspannter, als das Erste. Liedermacherinnen und Liedermacher sind ja eigentlich immer ein bisschen anstrengend. Jedenfalls die, die so unpoetisch sind und etwas singen, dass sie auch einfach sagen könnten. Ich befürchte, dass ich als die neun Liedermacherinnen und Liedermacher so jemand wäre. Darum ist es besser, wenn ich nicht hingehe, sondern in netter Begleitung an die Ostsee fahre. Diesen Ausflug habe ich übrigens als Gutschein zu meinem vergangenen Geburtstag gewonnen. Es wird Zeit, ihn einzulösen und ich freue mich schon sehr darauf. Von meiner netten Begleitung weiß ich, dass sie sich auch freut. Dazu hat sie natürlich auch allen Grund, wenn ich die nette Begleitung bin. Was ja der Fall ist. Was zu beweisen war. 

200 Stunden

Ich musste mir auf einem S-Bahnhof eine Weile die Zeit vertreiben, weil ein Zug ausgefallen war. Das kommt in diesem Land schon mal vor, kein Grund zur Aufregung. Da ich das weiß, gehe ich mindestens einen Zug früher zum Bahnhof. Bei der Deutschen Reichsbahn hatte ich mal einen Kollegen, der sagte immer: „Wer reist, hat Zeit.“ Stimmt ja auch irgendwie. Leider ist Zeit zu haben nicht mit sozialer Anerkennung verbunden. Wer Zeit hat, hat sie wahrscheinlich irgendjemandem gestohlen. Tagediebe stehlen sogar ganze Tage. Besonders auf Arbeit wird man sehr scheel angeguckt, wenn man Zeit hat. Ich sage immer: Ich habe die Zeit abonniert! Obwohl das auch nicht mehr stimmt. Aber zurück zum S-Bahnhof. Es herrschte eine friedliche Sommernachmittagsstimmung, in der mir ein Mann auffiel der sehr lange telefonierte. Er sprach ein sehr breites Wienerisch. Da ich nun zwanzig Minuten warten musste, fiel mir auf, dass der Mann zwanzig Minuten telefonierte. Ich konnte mir gar nicht denken, was man solange am Telefon ausführen kann, dass es zwanzig Minuten dauert.

Darüber war ich ein bisschen in Gedanken versunken. Dann sah ich, dass die S-Bahn schon eingefahren war. Der Mann war weg. Er war schon in der Bahn und er telefonierte immer noch. Dabei stand er, gestikulierte und wienerte breit. Ich musste einen anderen Wagen aufsuchen. Wahrscheinlich handelte es sich um einen österreichischen Flüchtling. Das Telefon ist für die Geflüchteten die einzige Möglichkeit, mit ihren Verwandten und Bekannten in Kontakt zu bleiben. Als die Familie meiner Mutter aus Ostpreußen flüchtete, hatten sie keine Telefone dabei. Sie wurden getrennt und mussten sich später dann mühsam von Hand wieder finden. Manche haben sich nicht wieder gefunden und das Deutsche Rote Kreuz betreibt immer noch einen Suchdienst.

Wenn Zugvögel unterwegs sind, müssen sie auch in Kontakt bleiben. Sie machen das eigentlich durch Rufen. Trotzdem haben im Sudan sehr dreiste Diebe jetzt einem Storch seine SIM-Karte geklaut und damit 200 Stunden telefoniert. Den Storch hat das nicht weiter gestört. Im Gegenteil, vielleicht war er sogar froh, denn über die SIM-Karte hat eine polnische Umweltschutzorganisation seine Zugroute getrackt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Storch damit einverstanden war. Gilt die DSGVO nicht, weil die Daten aus dem Sudan gefunkt wurden? Wer weiß, von wem der österreichische Flüchtling seine SIM-Karte hatte. Was kann man in 200 Stunden alles in ein Telefon sprechen? Und wer kann 200 Stunden lang zuhören? Und vor allem: Wo haben die die ganze Zeit her?

Immer näher

Die Pyramiden sind ein großes Rätsel. Wer hat sie gebaut und wie? Und vor allem warum? Keiner weiß was, nirgendwo steht was. Nur die Pyramiden sind da. Wie sich jetzt herausgestellt hat, sind sie aber hohl. Jedenfalls hohler, als man gedacht hat. Was hat das alles nur zu bedeuten? Ich habe jetzt durch jahrelanges Nachdenken herausgefunden, was es mit den Pyramiden auf sich hat. Es ist gar nicht so spektakulär und es hat auch nicht richtig funktioniert. Es war nämlich so: Vor sehr langer Zeit waren die Menschen auch schon ganz schön schlau. Sie sind eigentlich in der Zeit, in der sie in Zivilisationen und Kulturen leben überhaupt nicht schlauer geworden. Das Gegenteil ist viel wahrscheinlicher. Wie dem auch sei, jedenfalls hatten die Menschen auch vor 10.000 Jahren schon eine Idee davon, dass sie auf einem kugeligen Planeten herumkriechen, der seine Energie von einem eher mittelgroßen Stern bekommt. Es ist nur die Frage, wie verbreitet diese Ideen waren. Man war vielleicht eher knauserig mit Ideen und hat sie nicht überall herausposaunt, denn dabei ging es schließlich um Macht. Wenn alle gleichviel wissen, gibt es ja kein Gefälle mehr. 

Je mächtiger einer war, desto mehr Zeit hatte er und konnte jahre- und jahrzehntelang den Himmel beobachten, wenn er es wollte. Und dann war es nicht schwer herauszufinden, dass sich da oben vieles bewegte. Was sich nun genau um was herum und wohin drehte und bewegte, darüber gab es sicherlich ganz unterschiedliche Ansichten. Die Idee gab es jedoch schon, dass die Erde einmal ein Ziel erreichen würde. Wahrscheinlich haben sie sich eher vorgestellt, dass dieses Ziel auf die Erde zukam: in der „Zukunft“. Die Aufgabe der Menschen schien es zu sein, diese Zukunft hier zu erwarten. Die Mumien in den Pyramiden waren die Besatzung des Raumschiffs im Hyperschlaf. Sie sollten beim Erreichen des Zieles eigentlich wieder aufwachen oder wachgemacht werden. Die Mumien waren die Reisenden in die Zukunft. 

Wie gesagt, es hat nicht richtig funktioniert. Weder wurde ein Ziel erreicht, noch sind die Mumien wieder aufgewacht. Irgendwie ist ganz offensichtlich das Wissen über die wahre Natur der Pyramiden verloren gegangen. Das lag ganz zweifellos an der Überheblichkeit der Menschen, die ihre Ideen um keinen Preis teilen, sondern für sich selbst behalten wollten. Sie haben gedacht, die massive Bauweise und ein paar Zauberkunststücke würden ausreichen, um die Idee zu bewahren. Sie haben sich gründlich geirrt. Aber die Zukunft kommt trotzdem. Immer näher. 

Plattmacher

Früher habe ich alles Mögliche unternommen, um die Fliegen aus meiner Wohnung auszusperren und fernzuhalten. Ich hatte Netze vor den Fenstern und Säcke vor den Türen. Die Fliegen kamen trotzdem rein. Ich war ständig auf der Jagd und vor allem konnten die Fliegen nicht mehr lebend hinaus. Nur als Fliegenleiche konnten sie die Wohnung wieder verlassen. Das macht etwas mit einem. Man findet so leicht keinen Frieden mehr. Heute lebe ich mit meinen Stubenfliegen in friedlicher Hausgemeinschaft. Auch Fliegen haben einen Rhythmus. Abends sind sie ziemlich zeitig verschwunden. Dafür sind sie morgens früh wach. Sie kommen an mein Bett, fliegen mir um den Kopf herum und tun so, als würden sie sich in meinem Haar verfangen. Es hilft dann nichts: ich muss aufstehen. Dann ist es auch wieder gut. Sie sind viel bessere Haustiere als Katzen. Ich muss sie nicht füttern, ich brauche sie nicht raus- oder reinlassen und sie machen keinen Dreck. Wenn ich ihnen tief in die Facettenaugen schaue, kann ich fast ihre Gedanken lesen. 

Ich kenne Wohnungen, in denen die teuflischsten Vorrichtungen aufgebaut sind, um den Fliegen den Garaus zu machen. Das Arsenal reicht vom Klebe-Fänger über die elektrische Fliegenklatsche bis hin zur Ultraviolett-Falle. Alles nur um die Tiere möglichst effizient in Massen hinzumeucheln. Ich glaube, dass es einen Zusammenhang zwischen der Gewöhnung an die massenhafte Insektenvernichtung und dem Holocaust gibt. Wenn man erstmal nichts mehr dabei findet, Schädlinge auszurotten, ist es nur noch ein kleiner Schritt, irgendwelche Gruppen, die einem nicht passen zu Schädlingen zu erklären. 

Allerdings habe ich auch noch eine Fliegenklatsche. Aber eine herkömmliche und keinen elektronischen Fliegengrill. Ich mache immer weniger Gebrauch davon. Vielleicht merken sich die Fliegen das und kommen mir zu Hilfe, wenn ich einmal in Not bin. Wenn zum Beispiel Einbrecher in meine Wohnung eindringen, können die Fliegen übers Fliegennetzwerk in Sekundenschnelle Artgenossen herbeirufen. Ein riesiger Schwarm erscheint aus dem Nichts und schlägt die Einbrecher unverrichteter Dinge in die Flucht. Oder wenn ich beim Joggen im Wald von einem Hund angefallen werde - dann kommen die Fliegen zu Tausenden und der Hund sucht jaulend das Weite. Oder wenn die Nachbarn auf ihrer Terrasse den Fernseher aufstellen, um ein Fußballspiel anzugucken, weil es draußen schöner ist und weil man da rauchen kann. Dann machen ihnen unzählige Fliegen mir nichts dir nichts einen Strich durch die Rechnung und sie müssen mit ihrem riesigen Fernseher ins Wohnzimmer flüchten. Fliegen fliegen. Hunde bellen. Und Menschen machen alles platt. 

Vorzeichen des Untergangs

Manchmal sieht es aber auch wesentlich schlimmer aus, als es wirklich ist. Wenn man erstmal das ganze Blut abgewischt hat, ist doch nur eine kleine Schramme am Knie. Aber man hat schon ganz schön geschrien. „Das ist nur der Schreck“ haben sie dann gesagt. Und: „Bis zur Hochzeit ist alles wieder gut.“ Das stimmte auf jeden Fall. Die eigene Hochzeit war mir etwas dermaßen Unvorstellbares, dass ich mir keine Verletzung denken konnte, die nicht bis dahin wieder gut würde. Irgendwann während meiner ersten fünf Schuljahre traf ich mich mit einem Mädchen aus meiner Klasse, die im ersten der drei Hochhäuser eine Großmutter hatte. Wenn sie mich dorthin mitnahm, konnte ich Fahrstuhl fahren. Allein kam ich in das Haus gar nicht hinein. Ich dachte, sie sei meine Freundin. Aber wenn es ums Heiraten ging, wurde sie immer sehr abweisend. Sie wollte einfach nicht darüber sprechen. Danach traf ich lange Zeit kein Mädchen mehr, mit dem ich auch nur gedanklich in die Nähe dieses Themas gekommen wäre. Also stellte ich mir vor, wenn es soweit sei, würde ich auf einen großen Platz gehen, wie ein Markt oder ein Rummelplatz und dort würden sie stehen. Schwarze, Blonde, Braune. Nach einer Weile suchen geht man dann zu zweit wieder weg. So einen Platz gibt es aber nicht, wie ich heute weiß. Entweder haben meine Eltern nicht richtig erklärt, wie das mit dem Heiraten geht, oder ich habe nicht richtig zugehört. 

Eigentlich wollte ich aber nur darauf hinaus, dass sich die Sonnenblumen wieder erholt haben. Wahrscheinlich war es nur der Schreck. Ich habe sie vom Balkon geholt und in die Küche gestellt. Jetzt sind sie wieder wie neu. Das finde ich sehr ermutigend. Vielleicht wächst mir ja doch noch ein grüner Daumen. Außerdem hat auch noch eine kleine Palme überlebt, die mir mal eine liebe Besucherin mitgebracht hat. Dazu ein Weihnachtsstern, den wir mal nach einem Chorauftritt bekommen haben. Er steht immer noch auf meinem Küchentisch und erfreut sich bester Gesundheit. 

Daran kann man doch sehen, dass sich auch die untrüglichsten Vorzeichen des Untergangs täuschen können. Ich dachte noch vor Kurzem, Pflanzen könnten bei mir nicht überleben. Es sah fast so aus, als träfe die Pflanze die Entscheidung zu gehen. Wenn schon nicht weg, dann eben ein. Vielleicht war es auch mal so, aber das muss eben nicht heißen, dass es auch immer so bleibt. Das gilt für Pflanzen, für Fahrräder und fürs Heiraten sowieso. Fürs Regieren übrigens auch. 

Entscheide dich

Jetzt sind also die Sonnenblumen doch noch vor Horst Seehofer eingeknickt, was eigentlich sehr schade ist. Einen Horst Seehofer kann man sich schließlich nicht so schön auf den Balkon stellen. Obwohl ich gern mal sehen möchte, was er bei dieser Dürre auf meinem Balkon für eine Figur machen würde. Ich hatte gestern meine Mütze vergessen und musste nur fünf Minuten in der Sonne auf den Bus warten. Trotzdem habe jetzt eine rote Birne. Aber nicht nur wegen der Sonne. Es ist ja auch schon alles ein bisschen peinlich. Es kann nicht mehr lange dauern, bis auch in Europa einer kommt und Zuspruch findet, der verspricht, eine Mauer zu bauen. Eine Mauer gegen das Leid, gegen die Not und gegen die Menschen, die davor auf er Flucht sind. Wir haben schließlich unseren Wohlstand und den wollen wir gefälligst behalten. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zum europäischen Wohlstand so gut wie nichts beigetragen habe. Wirklich nicht. Trotzdem kann ich daran teilhaben, vielleicht, weil meine Eltern und deren Eltern so fleißig und entbehrungsreich dafür gearbeitet haben. Eigentlich bin ich nichts weiter, als der Erbe eines Wohlstandes, der mir einfach so zugefallen ist. 

Wären meine Großeltern nun keine Deutschen gewesen, sondern meinetwegen Polen oder Tschechen, sähe es mit dem Wohlstand schon ganz anders aus. Dass sie Rumänen gewesen sein könnten, möchte man sich schon gar nicht mehr vorstellen. Es gibt aber Menschen, deren Großeltern Rumänen gewesen sind. Es gibt sogar Menschen, deren Großeltern Afrikaner waren. Warum geht es diesen Menschen nun so viel schlechter als mir? Und warum müssen wir sie wieder zurückschicken, wenn sie es schon auf sich genommen haben, hierher zu kommen? Hätte ich ein Kind im entsprechenden Alter, könnte es mir solche Fragen stellen. 

Zum Glück muss ich keinem Kind diese Fragen beantworten. Ich muss sie mir nur selbst beantworten und schon dabei bekomme ich eben einen roten Kopf. Es ist nämlich so, dass das Elend doch bitte dort bleiben soll, wo es ist, und es soll nicht etwa hierher kommen. Das Elend ist eine ansteckende Krankheit. Wir helfen ihm schon, wenn es schön bei sich zu Hause bleibt. Wenn wir es reinlassen würden, würde es alle anstecken und wir hätten hier selber Elend. Dann könnten wir auch keinem mehr helfen. Das sagt aber nur die Angst. Das Herz sagt: „Es wächst hienieden Brot genug für alle Menschenkinder.“ Und jetzt entscheide dich: Auf wen willst du hören?

Vielleicht

Gestern musste ich mit einem Rezept in die Apotheke. Es war sehr voll, alle drei Kassen waren besetzt. Ich stellte mich an der Distanz-Wartelinie auf. Dann schwebte ein Wesen herein, offenbar war es die Apotheken-Prinzessin. Sie lächelte mich an -mich!- und obwohl eine andere Kundin vor mir stand, rief sie mich heran. Ich stolperte nach vorne und gab mein Rezept ab. Sie schwebte wieder fort, kam zurück und gab mir lächelnd meine Tabletten. Dann fragte sie: „Möchten Sie auch mal am Glücksrad drehen?“ Na und ob ich das wollte! Wahrscheinlich bekam ich glasige Augen. Gleich würde sie mir ihr Glücksrad entgegenstrecken. Aber sie zeigte nur hinter mich, wo tatsächlich ein stinknormales Glücksrad stand und sagte: „Wir haben heute Apothekengeburtstag.“ „Herzlichen Glückwunsch“ stieß ich hervor und verließ eilig und schwer atmend das Geschäft. Jetzt frage ich mich natürlich, was ich verpasst habe. Was hätte man denn am Glücksrad gewinnen können? Ein Jahresabonnement der Apotheken-Rundschau? Eine Zuzahlungsbefreiung? Oder doch einen Tagesausflug mit der Apotheken-Prinzessin in ihrem von Einhörnern gezogenen Wagen, der einer perlmuttgearbeiteten Pillendose nachempfunden ist? 

Ich werde es nie erfahren. Weil ich so verschlossen und allem Weltlichen abhold bin. Dafür bekam ich später drei Sonnenblumen zu meinem ersten zweiten Geburtstag. Wohl wissend, dass auch ihre Tage gezählt sind, will ich mich trotzdem an ihnen ergötzen, so lange es geht. Ich habe sie in einer Vase auf dem Balkon ausgestellt, dessen Trockenheit jetzt sogar das selbstwachsende Unkraut zum Opfer gefallen ist. Die Sonnenblumen und ich werden ihr eine Weile trotzen, bis auch wir freilich klein beigeben müssen. Die Sonnenblumen wahrscheinlich zuerst. 

Wir werden ja sehen. Der Klügere gibt nach. Das ist wie mit Horst Seehofer und Angela Merkel. Einer von beiden muss zuerst dran glauben, aber ungeschoren kommen beide nicht davon. Das Land aber auch nicht. Das wird schon ein ganz ordentliches Erdbeben geben. Und auch, wenn man eigentlich darüber lachen will, könnte es einem doch im Halse stecken bleiben. Jetzt kann man vielleicht nichts mehr machen, aber vielleicht hat man vorher zu wenig gemacht oder einfach das Falsche? Es war so bequem im Mutti-Land. Vielleicht hätte man ja doch zeigen können, das es auch anders geht als mit Wut und auf der Jagd. Dass es vor allem besser geht. Dass die Mutti nicht immer da sein wird und dass man sich darauf vorbereiten sollte. Vielleicht. Vielleicht kann man jetzt nichts mehr machen. Vielleicht aber doch. 

Ärgern ist schön

Herrje, bis alles so richtig passt, ist das Wochenende auch wieder vorbei. Ich versuche gerade zwei Sonnenschirme auf meinem Balkon so zu platzieren, dass sie einerseits ausreichend Sonnenschutz und andererseits perfekten Sichtschutz bieten. Wobei das Letztere Priorität hat. In der Sonne kann ich es auch ungeschützt eine Weile aushalten. Fremden Blicken kann ich keine fünf Minuten standhalten. In einer S-Bahn, in der alle auf ihre Handys starren, bin ich gut aufgehoben. In einem Bus, in dem mich alle beim Einsteigen freundlich anschauen (und vielleicht noch unter Nennung meines Namens grüßen), bekomme ich starre Pupillen und schmale Lippen. Aber zurück zum Balkon, über dem sich die Sonne inzwischen hinter dicke Wolken verzogen hat. Die Szene erinnert mich an ein Erlebnis aus dem Urlaub. Wir waren auf Kreta in Loutro und ich wollte auf der Terrasse sitzen und ein wenig lesen. Ich kämpfte lange mit dem Sonnenschirm und musste ihn schließlich wegen zu starken Windes einklappen. Die Sonne brannte mir auf die nackte Haut. Ich hatte keine Sonnencreme und musste in den Laden, um welche zu kaufen. Als ich zurückkam, begann es heftig zu regnen. Ärgerlich.

Macht aber nichts. Im Gegenteil: Regen wäre jetzt doch sehr willkommen. Nicht nur fünf Minuten oder eine Stunde, sondern am Besten tagelang. Es sieht aber nicht danach aus. Das Gute am Regen wäre auch, dass man so ein Grundgeräusch hat, das alle anderen Geräusche ein bisschen verschluckt. In der flirrenden Sommerhitze hört man einfach alles. Ich höre zum Beispiel, dass unter mir jemand eine Möhre isst. Ich höre das Knacken beim Abbeißen und dann scheinbar endlose Kaugeräusche. Warum gibt es keine Bockwurst? Oder Buletten? Ich möchte am liebsten hinunter brüllen: „Hey! Gehts noch?!“ Aber dann müsste ich ja meine Deckung aufgeben und alle würden wissen, dass ich hier oben bin. Ich muss mir also auf die Zunge beißen und mich still ärgern. Irgendwann ist schließlich auch die größte Möhre aufgegessen. Dann gibt es Kohlrabi.

Wie man sieht, habe nach einem Jahr endlich zu meiner alten Form zurückgefunden. Ich kann mich wieder sehr schön über gar nichts ärgern. Darüber freue ich mich dann so sehr, dass ich es gar nicht erwarten kann, mich endlich weiter zu ärgern. Über die Fliegen zum Beispiel. Es gibt so viele Fliegen in diesem Jahr, dass sie manchmal in der Luft zusammenfliegen. Dabei machen sie dann einen unbeschreiblichen Radau. Wahrscheinlich kämpfen sie wie Superman gegen Batman um die Lufthoheit. Ärgerlich, das alles, sehr ärgerlich. Und sehr schön. Wunderwunderschön!!

Die Gegenwart

Auf meinem täglichen Fußweg zur Arbeit komme ich an verschiedenen Grundstücken vorbei, die von Hunden bewacht werden. Einer von ihnen hat mir immer besondere Angst eingejagt. Er ist schwarz, ziemlich groß und klingt mächtig gefährlich. Wenn ich vorbeigehe kommt er an den Zaun gejagt und verbreitet dort Angst und Schrecken. Ich dachte immer: hoffentlich ist das Gartentor gut verschlossen. Vorgestern war das einmal nicht der Fall. Das Tor stand offen und irgendwelche Leute beluden ein Auto. Noch ehe ich auch nur daran denken konnte, kam der Hund heraus. Er sprang auf mich zu, machte einen Höllenlärm - aber er kam nicht an mich heran. Ich ging einfach weiter und mir passierte nichts. Der Satz „Hunde, die bellen, beißen nicht“ stimmt nur insofern, als dass sie eben nicht gleichzeitig bellen und zubeißen können. Ich glaube aber, ein Hund nimmt das ohne Weiteres in Kauf. Er knurrt dann eben.

Ich dachte: Was wenn mir der Höllenhund die linke Hand abgebissen hätte? Es hat nicht viel dazu gefehlt. Ich wäre geliefert gewesen. Ich könnte nicht mehr Gitarre spielen, mein Brot nicht mehr mit ehrlicher Arbeit verdienen und müsste verschmachten. Dann fiel mir aber die Geschichte von Paul Wittgenstein ein, der seinerzeit ein begnadeter Pianist war. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde eingezogen und bei einem Angriff in Polen gleich so schwer verwundet, dass er seinen rechten Arm verlor. Statt jedoch daraufhin zu verschmachten, entwickelte er im Klavierspiel mit der linken Hand allein eine große Kunstfertigkeit. Er lehrte das Instrument am Neuen Wiener Konservatorium und heiratete im Alter von 52 Jahren eine seiner Schülerinnen, die damals 25jährige Hilde Schania, die ihn schließlich um vier Jahrzehnte überlebte.

Und jetzt verstehe ich endlich die Geschichte von Orpheus: Nachdem sich sein Glück so krass ins Unglück gekehrt hatte, konnte er nicht mehr nach vorne schauen. Er blickte zurück und suchte sein Glück im Vergangenen. Und es sah tatsächlich danach aus, als könnte er es dort finden. Selbst Hades, der Verwalter und Verschließer alles Vergangenen, schien nachzugeben. Aber damit es gelänge, die Vergangenheit ungeschehen zu machen und Eurydike wieder ins Leben zu führen, hätte er die Vergangenheit, der Eurydike ja angehörte, ruhen und hinter sich - und damit Eurydike zurück lassen müssen. Ein teuflischer Widerspruch, der nicht aufzulösen war und an dem er scheitern musste. Zu trauern bedeutet loszulassen. Das Vergangene hat keinen Platz für uns und was kommt, wissen wir nicht. Allein die Gegenwart gehört uns und allein in ihr können wir etwas bewirken. Jetzt. Hier.