Alt wie ein Stein

Die aktuellen Zeitläufte bieten gerade nicht so viel Schreibstoff, will man nicht in das aufgeregt besorgt-mahnende Gemurmel einstimmen. Darum gebe ich mich wieder der Erinnerung hin. Eine, die sich in den letzten Tagen und Wochen vermehrt eingestellt hat, war die, dass ich als Kind gerne alt sein wollte. Wäre eine gute Fee gekommen und hätte mir die ewige Kindheit geschenkt - ich hätte mich in meinem Akkordeonkoffer zusammengerollt und den Deckel zugeklappt. Nein, Kindsein war damals wirklich nichts für mich. Ich wollte lieber erwachsen sein und sehr gerne auch alt. Meine Urgroßmutter war zum Beispiel alt. Sie verbrachte die Vormittage vor einem großen Spiegel und ordnete ihr schütteres Haar. Dann machte sie sich in der Küche zu schaffen und zerkochte Kaninchen, Hühner und ähnliches Hof-Getier zu lutschbarer Konsistenz. Mir gefiel das gut.

Wenn ich mich sehr genau beobachte, kann ich feststellen: ich arbeite zurzeit genau darauf hin. Der einzige Unterschied ist noch, dass kein Enkelkind auf meiner Ofenbank sitzt und mir ehrfürchtig zusieht. Das mag daran liegen, dass ich keine Ofenbank besitze, was wiederum dem Zufall geschuldet ist, dass ich meine Wohnung noch nicht mit einem solchen quasi-antiken Accessoire beheize, vor das man eine Ofenbank stellen könnte. Das kann alles noch kommen. In meiner ersten eigenen Wohnung hatte ich einen Kachelofen. Ich hatte Kohlen im Keller und wenn ich morgens los musste, bevor ich die Ofentüre zumachen konnte, war die Wohnung am Abend kalt und auch nicht mehr vor dem Schlafengehen warm zu kriegen. Aber ich war damals noch nicht alt genug für einen Kachelofen. Ich zog in modernisierte Wohnungen, in denen ich es dann gar nicht mehr in der Hand hatte, ob es warm wurde oder nicht. Alles nicht wichtig.

Ich weiß jetzt nicht, ob Enkelkinder unbedingt zum alt-sein dazugehören. Wenn ja, habe ich auch das wieder vergeigt. Wenn nicht, habe ich mein Ziel inzwischen erreicht. Ich bin so alt wie ein Stein. Jedenfalls fühlt es sich meistens so an. Ich finde das super. Endlich! Die Kindheit kann bleiben, wo sie ist: in der Erinnerung. Da ist sie gut aufgehoben. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! In Wirklichkeit habe ich mich übrigens überhaupt nicht verändert. Es ist nur so, dass alle meine Mitkinder jetzt eben auch alt sind. Die haben mir auch damals schon zugehört, mich ernst genommen und mich hin und wieder mal was gefragt. Sie hatten nur selber nichts zu sagen und konnten nichts bewegen. Das ist jetzt anders. Und es fühlt sich toll an.

Nichts als Musik

Musik ist eigentlich Bewegung. Bewegung ist Musik, die man (noch) nicht hört. Ohne Bewegung kann man keine Musik machen. Das gilt auch für Musik auf Tonträgern. Bei der Schallplatte bewegt sich noch ganz viel. Wenn man die Abtastnadel vergrößern könnte, würde einem bestimmt schwindelig davon, wie sie in der Rille tanzt. Bei CD’s und Magnetbändern dreht sich wenigstens noch etwas, aber es ist schon keine richtige Bewegung mehr drin. MP3-Player, Smartphones und Tablets sind aber auf der einen Seite absolut bewegungsfrei. Auf der anderen Seite bewegt sich immerhin noch eine Lautsprechermembran. Ich könnte nicht sagen, dass es schlechter klingt, aber irgendwas ist anders. Es mag ein bisschen Nostalgie drinstecken, aber Vinyl ist nicht zuletzt wegen der Bewegung wiedergekommen. Es ist sicher möglich, akustische Erlebnisse direkt ins Gehirn einzuspeisen. Dann braucht sich überhaupt nichts mehr zu bewegen. Das wäre dann das Ende der Musik. Dann könnten wir akustische Phänomene wie ein Computer wahrnehmen.

Das wollen wir aber nicht. Wir wollen uns bewegen. Manche Menschen bewegen sich so, andere anders. Das ist Musik. Tiere bewegen sich und Bäume auch und das Gras. Der ganze Planet bewegt sich und auch die anderen Planeten und ihre Monde. Das Sonnensystem ist in Bewegung und das Sternsystem auch. Der ganze Kosmos bewegt sich. In der pythagoreischen Kosmologie der Antike taucht das Konzept der Himmelsharmonie zum ersten Mal auf. Demnach erzeugt jeder Himmelskörper einen Ton, je nachdem wie schnell er sich bewegt und in welchem Abstand er sich zur Weltmitte befindet. Wir hören die Klänge der Himmelsharmonie aus demselben Grunde nicht, weswegen wir die Luft nicht wahrnehmen, die wir atmen: Man benötigt die Erfahrung der Abwesenheit von Etwas, um es bewusst wahrnehmen zu können.

So ist das eben mit Segen und Fluch neuer Erfindungen. Machten die Tonträger die Musik einerseits zum Allgemeingut, wird ihre ständige Verfügbarkeit und ihr unaufhörliches Vorhandensein schließlich dazu führen, dass wir sie nicht mehr hören können. Es wird vielleicht eine neue Form von Taubheit und Blindheit entstehen, die auf der Dauerbestrahlung mit Klängen und Bildern beruht. Dass wir die Sphärenmusik nicht hören können, sollte uns zumindest nachdenklich machen. Vielleicht gibt es sie ja auch gar nicht. In der modernen Physik gewinnt das uralte Konzept mit der Superstringtheorie jedoch wieder an Aktualität. Der Physiker Brian Greene meint, der ganze Kosmos sei „nichts als Musik“. Die Menschen haben es immerhin geschafft, ein bisschen davon hörbar zum machen. Sie schaffen auch wieder das Gegenteil. Das muss aber nicht sein. Denn überall ist ein Knopf dran.
Aus.

Der gute Hirte

Jetzt ist es soweit! Ich finde meine eigenen Texte nicht mehr. Ich bin auf der Suche nach der Geschichte, die mit einem Brathering begann und mit dem Zusammenbruch des Versandhauses Quelle endete. Sie ist weg. Aber da es sich - wie bei allen Geschichten die ich schreibe - um eine wahre Geschichte handelt, kriege ich sie auch noch so zusammen. Also, ich wollte nicht mehr im Betriebsrestaurant essen, weil sie dort dynamitgefischten Brathering aufgetischt hatten und suchte nach einer Alternative. Ich war bereit, die Zubereitung meines Essens selbst zu bewerkstelligen. Zu dieser Zeit wohnte ich aber sehr abgelegen und besaß kein eigenes Kraftfahrzeug, um wenigstens die rudimentärsten Zutaten einzukaufen. Alle Lieferdienste winkten damals noch ab. Außer Bofrost. Als die erste Lieferung kam, merkte ich, dass ich ein Tiefkühlgerät benötigte und keins hatte. Ich bestellte eins bei Quelle, das dann nicht bei mir ankam.

Nach einigen Nachforschungen wurde mir mitgeteilt, dass mein Betreuer das Gerät entgegengenommen hätte. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass ich einen Betreuer habe und bin dann auf die ungeheuerliche Tatsache gestoßen, dass wir in einem riesigen Netzwerk aus Betreuern und Betreuten leben. Jeder von uns hat einen Betreuer oder eine Betreuerin. Und diese Betreuerinnen und Betreuer haben auch wieder Betreuer und Betreuerinnen, die wiederum von Betreuerinnen und Betreuern betreut werden. Es ist einfach gigantisch. Damit die ganze Sache auch funktioniert, müssen diese Beziehungen und alle Aktivitäten natürlich geheim bleiben, denn wer lässt sich schon gern betreuen! Es handelt sich dabei um die sogenannte „Verdeckte Betreuung“. Wahrscheinlich ist die Geschichte auch deshalb aus allen denkbaren Medien verschwunden, weil sie eine zu große Entdeckungsgefahr darstellte. Auch mit diesem Text hier überschreite ich wieder eine Grenze.

Diesmal gehe ich aber noch einen Schritt weiter. Ich behaupte nämlich, dass es eine Person geben muss, die dieses gigantische Netzwerk kontrolliert. Am Anfang der vergangenen Woche dachte ich dabei noch an Steinmeier. Aber dann las ich ein Interview mit Gerhard Schröder. Ja, Schröder war es doch, der Steinmeier seinerzeit aus Brakelsiek in die große Stadt geholt hat! In dem Interview wusste Schröder einfach alles: wie die Sondierungen ausgehen, wie lange Trump noch an der Macht ist, wie man mit Erdogan umgehen muss und überhaupt. Aber dann hat er mich selbst auf die richtige Fährte gesetzt, als er über Putin gesprochen hat. Vor Putin muss man gar keine Angst haben, er ist der gute Hirte und alle tun ihm Unrecht. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, wer die Welt eigentlich in seiner Hand hält. Und ich lächelte in meine PC-Kamera hinein, klappte den Deckel zu und ging beruhigt schlafen.

Die Schildbürger

Vierhundert Kilometer über unseren Köpfen fliegen ständig sechs Menschen um die Erde herum. Sie bilden die Besatzung der Internationalen Raumstation. In zehn Kilometer Höhe sind es schon eine Million Menschen, die ständig gleichzeitig in der Luft sind. Sie sitzen in Flugzeugen und fliegen von irgendwo nach irgendwo. Genau genommen könnten sie also auch unten auf dem Boden bleiben, aber da laufen schon mehrere Milliarden herum. Wie viele davon ständig auf dem Wasser oder unter Wasser sind, weiß ich jetzt nicht. Wahrscheinlich nicht so viele, wie die, die durch die Luft fliegen. Das ist äußerst erstaunlich, denn der Mensch ist eigentlich nicht für das durch die Luft fliegen gemacht. Er tut es trotzdem. Aber wer weiß, wie lange noch. Das Ende ist schon abzusehen. Schon in fünfzig Jahren wird man sich wahrscheinlich fragen, wie sie es damals fertiggekriegt haben, einen Flughafen zu bauen. Genau, wie wir heute nicht wissen, wie sie Pyramiden gebaut haben. Es ist ein Rätsel.

Man wird auch nicht mehr wissen, wie man eine Fluglinie wirtschaftlich betreiben kann. Man wird nur noch wissen, dass die Menschen in der Vorzeit so etwas mal zustande gebracht haben. Schon gar nicht wird man in fünfzig Jahren in der Lage sein, eine Regierung zu bilden. Vielleicht waren es ja Außerirdische, die dieses geheime Wissen irgendwie auf die Erde gefunkt haben und im Laufe der Zeit ist es eben wieder verloren gegangen. So war es natürlich nicht. Der Mensch war mal ganz schön schlau. Er war von geradezu sagenhafter Schläue. Wie die Schildbürger. Die benutzten ihre Schlauheit irgendwann dazu, um ‚vernünftig zu verblöden‘, damit sie der Kaiser nicht mehr als seine Ratgeber von ihren Familien wegholte. Das hat auch funktioniert, nur dass der Kaiser dann nur noch tun konnte, was Kaiser eben ohne schlaue Ratgeber so können: Krieg führen. Da war es dann bald vorbei mit der Stadt Schilda und ihren Bürgern und an ihre Schlauheit konnten sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern.

Warum die Menschen heutzutage innerhalb von 2-3 Generationen freiwillig verblöden, kann man nicht sagen. Die Generation meiner Eltern hat noch alles gewusst. Das war die Generation, die es fertiggebracht hat, auf dem Mond zu landen. Meine Generation hat einen Großteil der dafür entwickelten technischen Intelligenz alltagstauglich und allgemein zugänglich gemacht. Die nächste Generation wiederum ist gerade dabei, ihr Gehirn und ihre Denkfähigkeit an die Produkte dieser technischen Intelligenz abzutreten. Die Alten schütteln ihre Köpfe und ich zucke mit den Schultern. Aber das wird wohl auch nicht helfen.

Wer‘s glaubt

Unser Lebensgefühl unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem der Menschen vor 500 Jahren. Das kann man im zu Ende gehenden Lutherjahr noch mal schreiben. Die Menschen lebten in dem Gefühl, dass die Welt, wie sie sie kannten, vor die Hunde geht und vor allem, dass sie Schuld daran waren. Das kam nämlich alles wegen der Sünde, wegen der Schlechtigkeit in der sie ihr Leben lebten. Darum mussten sie ins Fegefeuer. Das wollte natürlich keiner und darum haben sie nach jedem Strohhalm gegriffen, der sich ihnen bot: Buße, Ablass, Opfer, Sündenböcke. Luther hat immerhin erkannt, dass das so nicht funktionieren kann. Er hat sich mit der Frage sehr gequält: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wir wissen heute auch, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor die Hunde geht. Nur nach einem gnädigen Gott fragt heute keiner mehr. Vielleicht ist das der Unterschied?

In der Tat. Wenn man sich bewußt macht, dass es keine philosophische oder theologische Frage war. Es war eine existenzielle Frage. Ihr Auslöser war: Angst. Es ist nun nicht so, dass uns die Angst verloren gegangen wäre. In Deutschland ist die Angst geradezu zu Hause. Nur wovor wir uns ängstigen ist etwas ganz anderes als das, was das Mönchlein vor 500 Jahren umtrieb. Wir haben Angst vor Terrorismus, vor politischem Extremismus, vor Ausländern, vor der Finanzkrise, vor Schadstoffen in Nahrungsmitteln, vor noch mehr Asylbewerbern und vor Naturkatastrophen. Das wir an unserer Seele Schaden nehmen könnten, befürchtet den öffentlichen Umfragen zufolge niemand mehr. Dessen ungeachtet nehmen die Diagnosen seelischer Störungen ständig zu. Aber niemand fürchtet sich mehr davor, im Jüngsten Gericht vor seinem Schöpfer nicht zu bestehen oder sein Leben nicht verantworten zu können.

Wir ängstigen uns vor dem Falschen. Ich auch! Die größte Angst, die mich umtreibt und die hinter den oben genannten sieben größten Ängsten steht, ist die Angst, dass ich mein Leben verändern und auf Bequemlichkeiten und Gewohnheiten verzichten müsste und Angst vor Veränderung lässt nun mal keine Veränderung zu. Dagegen helfen auch keine Warnungen an die Menschheit, seien sie nun von 10 oder von 10.000 oder 100.000 Forschern unterschrieben. Hätte man den Menschen von vor 500 Jahren gesagt, sie sollen nur noch zum Kochen Holz verbrennen, hätten sie verständnislos geguckt. Wozu denn sonst noch? Wenn heute meine Heizung ausfällt, ist das eine Katastrophe und vierundzwanzig Stunden ohne Strom sind gar nicht vorstellbar. Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Gar nicht, es sei denn, geschenkt. Diese Erkenntnis sollte reichen, das eigene Leben zu verändern. Wer‘s glaubt!

Schlüssel und Schloss

Alles hat seinen Ort und alles hat seine Bedeutung. Manchmal tun wir Dinge, die überhaupt nicht in die Situation passen, die wir oder die anderen gerade erleben. Eigentlich passiert uns das aber nur in früheren Phasen unserer Entwicklung. Als Erwachsene funktionieren wir so gut, dass wir uns adäquat verhalten können. Zum Beispiel singen wir nicht mitten in einer Sitzung plötzlich die Arie der Königin der Nacht. Grotesk wird es, wenn jemand nur noch zwei sehr hohe Töne aus dieser Arie singt, aber das immer wieder und ständig. Das ist auch nicht mehr sozialverträglich. Außerdem ist es nicht mehr als Teil dieser Arie zu erkennen, auch für den Sänger / die Sängerin nicht. Es ist ein großer Glücksfall, wenn es gelingt, das Verhalten und die passende Situation wieder zusammenzubringen. 

Ich habe noch eine Schul-Beurteilung in der steht, ich müsse noch lernen, meine Späße im richtigen Moment wirken zu lassen. Ich weiß nicht genau, ob ich es gelernt habe. Es ist ganz schön schwer, weil Situationskomik nun mal nicht auf den richtigen Moment warten kann. Danach ist es eben nicht mehr komisch. Einmal habe ich - auch während der Schulzeit - gefragt, ob Kaninchen Geflügel sei. Mir wurde das sehr übel genommen. Es war aber so ein Benimm-Kurs nach Knigge und es ging gerade darum, dass man Geflügel mit der Hand essen dürfe. Meine Frage zielte auf die Ausnahmen von dieser Regel, was so formuliert aber nicht komisch gewirkt hätte. Ich hatte die Lacher auf meiner Seite, aber der Lehrkörper witterte Aufbegehren gegen Autoritäten und Lächerlichmachen der Veranstaltung. Ich war schon zu alt und zu groß, um am verdrehten Ohr hinausgeführt werden zu können, bekam aber eine verbale Breitseite. Ich glaube, der Referent hat die Sache aufgeklärt, denn diese Ausnahme gibt es ja tatsächlich. 

Aber auch diese Geschichte passt natürlich überhaupt nicht zum Thema. Manchmal fühlt sich ja das Leben selbst so fremd an, dass man meinen könnte, es passe ganz und gar nicht in die Situation, in die wir sozusagen geworfen sind. Es könnte schon sein, dass es in eine ganz andere Situation, gleichsam in eine ganz andere Welt oder Umwelt gehört. Vielleicht gibt es das ja auch für das eigene Leben, dass auf einmal ganz unvermittelt die Situation da ist, in die es hineinpasst, wie ein Schlüssel ins Schloss. Das ist dann ein großer Glücksfall und das Glück, das man dann fühlt, muss ganz einfach unbeschreiblich sein. 

Singen statt sülzen

Die Anschaffung des großen Bettes hat sich wirklich gelohnt. Es sollte mir ja den Lebensabend erleichtern und versüßen, aber irgendwie kam ich von der Bettflucht nicht los, die mich nie sehr lange auf den weichen Matten verweilen ließ. Erst fand ich abends nicht hinein und dann lag ich wach, lange bevor der Morgen graute. Tagsüber war mit mir nichts anzufangen. Seit meinem Glücks-Fall am 1. Juli hat sich das grundlegend verändert. Bereits mit Einbruch der Dämmerung am frühen Nachmittag setzt geradezu unstillbares Gähnen ein, das mich zwingt, meine Schritte in die Richtung meiner Wohnhöhle zu lenken, um sie zu erreichen, bevor mir die Augen zufallen. Idealerweise habe ich dann schon meine Lagerstatt erklommen und liege ausgestreckt wie ein leerer Sack auf dem Rücken. Bei der Verweildauer im Bett habe ich gerade einen neuen Rekord aufgestellt: 10 Stunden 35 Minuten. Natürlich schlafe ich nicht die ganze Zeit. Gefühlt mache ich kein Auge zu. Aber anders als früher, kann ich vom ausgestreckt-auf-dem-Rücken-liegen einfach nicht genug bekommen. Ich muss schier übermenschliche Willenskraft aufbringen, um aufzustehen. Hier kommt mir nun zugute, dass ich mir die Schultergymnastik wie das Zähneputzen angewöhnt habe. Sonst könnte ich mich nach den langen Liegezeiten wahrscheinlich gar nicht mehr bewegen. 

Tagsüber schaffe ich dann leider nicht mehr so viel, wie man an meiner eingeschränkten Schreibarbeit sehen kann. Es bleibt zwischen Mahlzeiten und Ruhephasen ein schmales Zeitfenster, das ich aufgrund vertragsmäßiger Pflichten für die Erwerbsarbeit nutzten muss. Hiermit bin ich außerordentlich gut bedient, was mir auch erst so richtig seit einem Vierteljahr bewußt wird: Den größten Teil der Zeit, die ich zur Verfügung stellen muss, kann ich das machen, was ich am besten kann: Lieder singen. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Manchmal müssen Menschen, die eigentlich malen können oder die Schauspieler sind, den ganzen Tag Zahlen untereinander in eine Tabelle schreiben oder in einem Callcenter arbeiten. 

Ein bisschen muss man aber immer machen, obwohl man es überhaupt nicht kann. Ich sollte vorige Woche Essen austeilen, das schon gekocht war, aber im Kühlschrank stand. Normalerweise stellt man es dann für 7 Minuten in eine Mikrowelle. Ich hatte mir das genau erklären lassen und es dann sehr gewissenhaft so gemacht. Es war aber Sülze und Remouladensauce. Immerhin war die Remouladensauce nach der Mikrowellenbehandlung noch da. Aber in der Verpackung, die zuvor die Sülze enthielt, war jetzt etwas anderes. Es hat mir sehr leid getan. Schuster bleib bei deinem Leisten! Will heißen: Singen statt sülzen. 

Ein Glück

Als Kind hatte ich überhaupt kein Geld. Gar nichts. Niente. Rien. Nada. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass es mir gefehlt hätte. Irgendwann bekam ich „Taschengeld“, allerdings nur aus pädagogischen Gründen, wie mir erklärt wurde. Ich sollte den Umgang mit diesem zwar nutzlosen, jedoch gesellschaftlich notwendigen Accessoire erlernen. Zunächst bekam ich dreißig Pfennige im Monat, deren Eingang und Ausgang ich in einem eigens dafür angelegten Oktavheft zu dokumentieren hatte. Mein Bruder bekam - glaube ich - eine Mark. Mir war das egal, weil ich auch mit einer Mark nichts weiter anzufangen wusste. Dieses seltsam distanzierte Verhältnis zu Geld prädestinierte mich schließlich zum Essengeldkassierer meiner Schulklasse. Hier fand ich tatsächlich meine wahre Bestimmung: Ich konnte zählen, buchführen, herausgeben und abrechnen. Aufgrund ihres geringen Volumens war das mit meiner Privatschatulle bisher nicht möglich gewesen. Jetzt verstand ich endlich, was man mit Geld alles anfangen konnte: zählen, aufteilen, einnehmen, ausgeben, es auf eine unendliche Reise schicken. Die Reise des Geldes endet niemals. Ich bekam es von den Mitschülern, die es von ihren Eltern erhielten; deren geheimnisvolle Quellen lagen im Dunkeln. Ich brachte es dann schließlich zur Frau des Hausmeisters. Sie bezahlte damit das Essen, das in großen grünen Kübeln täglich geliefert wurde. Dann verlor sich die Spur des Geldes wieder. Fest stand allein, dass es immer weiter reiste.

Eigentlich war klar, dass ich Banker werden musste. Aber das Schicksal geht sonderbare Wege. Erst bekam ich die Zulassung zum Abitur wegen politischer Unzuverlässigkeit nicht. Dann stellte sich heraus, dass ich auch für eine Ausbildung ohne Abitur aufgrund einer Farbschwäche nicht geeignet war. So war meine Geschichte mit dem Geld beendet, bevor sie richtig begonnen hatte und ich blieb so arm, wie zuvor.

Heute könnte ich mit Geld wahrscheinlich eine ganze Menge machen. Vielleicht könnte ich mir ein Haus kaufen. Aber wozu? Ich müsste es instand halten und hätte wieder nichts als Arbeit. Selbst wenn ich nur von meinem Geld leben wollte, müsste ich es wahrscheinlich irgendwie anlegen und hätte einen Haufen Sorgen. Darum ist es besser, wenn man erst gar kein Geld hat. Denn wenn es erst einmal im Haus ist, wird man es nicht so schnell wieder los. Dann kommen Leute, die etwas davon abhaben wollen, man soll Steuern zahlen und was weiß ich nicht alles. Nichts als Scherereien hat man mit dem Geld. Hab ich ein Glück, dass ich keins habe!

Die Stunde der Delfine

Die Zahnpasta ist alle. Schon seit einer Woche. Natürlich könnte ich einfach neue kaufen. Ich besuche zwei- bis dreimal in der Woche einen riesengroßen Einkaufsladen. Obwohl er bis 21:00 Uhr geöffnet hat, muss man sich ranhalten, weil man ihn aufgrund einer ausgeklügelten Logistik einmal ganz durchqueren muss, selbst, wenn man nur Zahnpasta kaufen will. Empfindsame Gemüter wie ich geraten dabei leicht in Stress, kaufen, was sie kriegen können und vergessen darüber die Zahnpasta. Dahinter steht natürlich planvolle Absicht, die bis in die Architektur der Zahnpastatube durchdacht ist. Denn wie oft kauft man schon Zahnpasta? Alle zwei Monate? Das hält kein Markt aus. Darum sind die Zahnpastatuben so konstruiert, dass sie auch, wenn sie leer zu sein scheinen, nicht leer sind. Man kriegt immer noch was raus! Ich stelle zwar jedes Mal fest, dass ich wieder die Zahnpasta vergessen habe, aber das macht gar nichts. Eine leere Bierflasche verhält sich nicht so.

Eigentlich ist das schade. Käme ich abends nach Hause und hätte vergessen, Bier zu kaufen (was niemals vorkommt), ja, was wäre dann? Könnte ich die (vermeintlich) leere Bierflasche nehmen und mir noch ein großes Glas daraus voll gießen? Und dann noch eins und noch eins? Wahrscheinlich nicht. Irgendetwas läuft hier falsch. Die Marktpsychologie wird nicht dazu genutzt, dass mein Leben leichter wird. Es geht ganz offensichtlich um etwas anderes. Das ist aber nicht weiter wichtig. Ich finde es eher interessant, dass ich mir die Zähne putzen muss, um mich einigermaßen wohl zu fühlen. Pferde putzen sich zum Beispiel niemals die Zähne. Fühlen sie sich darum weniger wohl? Würden sie aus ihren Koppeln ausbrechen und unsere Drogerien überfallen, wenn sie etwas über das Zähneputzen wüßten?

Das würden sie natürlich nicht tun, denn sie könnten mit ihren Hufen weder eine Zahnbürste halten, noch könnten sie die Zahnpasta zweckmäßig aus der Tube drücken. Das sagt erstmal noch gar nichts über ihr Hygienebewusstsein aus. Genau, wie man nicht daraus auf die Intelligenz von Delfinen schließen sollte, weil sie ihr Essen nicht kochen. Im Wasser kann man nun mal kein Feuer machen. Seit Menschen das an Land können, haben sie nicht aufgehört, alles halbwegs Brennbare auch anzuzünden. Es wird nicht mehr sehr lange dauern, bis nichts mehr übrig ist. Wir sind alle Rapa Nui und die Kontinente sind die auseinander gebrochene Osterinsel. Wenn nur noch unsere Steine übrig sind, die man nicht verbrennen kann, kommt die Stunde der Delfine.

Klang der Klingel

Es ist soweit. Die Kinderbanden sind unterwegs. Früher bin ich an diesem Tag einfach abgehauen, an Orte wo es keine Kinder gibt. Das ist mir heute zu aufwändig. Also lösche ich das Licht und sitze stundenlang im Dunkeln. Ich vertreibe mir die Zeit damit, mir das Geräusch der Wohnungsklingel vorzustellen, denn sie wird nur an diesem einen Tag im Jahr von den Kinderbanden benutzt. Anständige Menschen klingeln nicht bei mir. Sie rufen an oder schreiben Nachrichten und dann treffen wir uns. Wenn die Klingel dann losgeht, bekomme ich einen riesigen Schreck. Ein Mordsschreck ist das, geradezu ein Ur-Schreck. Übelst! Wenn ich mich davon erholt habe, habe ich meistens wieder vergessen, wie das Geräusch nun wirklich klang. Aber das ist nicht weiter schlimm, es kommt ja noch ein paar Mal an diesem Abend.

Natürlich habe ich nichts gegen Kinder. Ich liebe sie. Nur wenn sie in Banden auftreten, machen sie mir Angst. Als ich noch jünger war, fuhr ich mal als Betreuer in ein Kinderferienlager nach Österreich. 40 Kinder in einer Berghütte. Es regnete jeden Tag und alle blieben im Haus. Nach drei Tagen lagen alle Erwachsenen apathisch in ihren Betten, während um uns herum das Haus in seine Einzelteile zerlegt wurde. Der einzige, der wirklich wusste, wie man Kinderbanden bändigt, war Janus Korczack. Alle anderen Reformpädagogen haben letztlich kapituliert, bis zur Androhung von Waffengewalt (Makarenko). Auch die Internatsromane um Harry Potter (Rowling) sind so eine Kapitulation, weil die Erwachsenen die Kinder nur mit Zauberei in Schach halten können. Nicht umsonst spielt in ihnen Halloween eine herausragende Rolle.

Aber ich wollte nicht ins Dozieren abgleiten. Ich sitze immer noch im Dunkeln und es hat noch kein einziges Mal geklingelt. Vielleicht ist meine Klingel kaputt? Ich kann ja nur darum nicht aufmachen, weil ich keine Süßigkeiten im Haus habe. Das hängt wahrscheinlich mit meiner eigenen schwierigen Kindheit zusammen: Wir hatten damals einfach keine Süßigkeiten. Ich kaute Würfelzucker und Schlagersüßtafel. Beides konnte man nicht lutschen, weil man sich sonst damit den Gaumen aufschlitzte. So habe ich mir freilich die Zähne ruiniert. Das wäre das Einzige, was ich den Kinderlein mitgeben könnte, wenn sie bei mir klingeln: Esst nicht soviel Süßigkeiten!

Wie klingt meine Klingel denn nun eigentlich? Ich werde es nie erfahren.
(2016)