Der glücklichste Mensch unter der Sonne

Ich hatte einmal mein eigenes Büro. Darin konnte ich machen, was ich wollte: rauchen, aus dem Fenster gucken, telefonieren, Besuch empfangen - kurz, was man eben so alles „arbeiten“ nennt. Eigentlich fehlte nur ein Schild mit meinem Namen drauf. Mein Chef war der Meinung, darum müsste ich mich schon selbst kümmern. Damit war ich nicht einverstanden, denn was ich selbst auf ein Schild schreibe ist die eine Sache, aber was mein Chef darauf schreibt, eine ganz andere. So kam es, dass es kein Schild gab. Aber das war wirklich das Einzige, was fehlte. Sonst hatte ich alles - dachte ich. Dann musste mein Chef aus seinem Büro ausziehen, zog in meines ein und ich hatte keins mehr. Immerhin hatte ich noch einen Musikraum, in dem ich einen Schreibtisch und einen Aktenschrank stellte.

Irgendwann gab ich auch den Musikraum auf. Weshalb ich das tat, weiß ich heute nicht mehr. Aus irgendeinem Grund zog ich es vor, keinen Raum mehr zu haben, für den ich selbst und allein verantwortlich war. Ich bekam die Schlüssel für eine Kunstwerkstatt und konnte jetzt dort arbeiten, wenn die Werkstatt geschlossen war. Zu allen anderen Zeiten gehe ich seitdem dorthin, wo die Menschen gerade sind, mit denen ich arbeite. Erst hielt ich das alles für den langsamen aber stetigen Abstieg meiner Arbeit und ich befürchtete, sie würde in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Seit ein paar Wochen weiß ich es aber besser. Ich bin Hans im Glück! Ich bin auf dem besten Wege, alles zu verlieren, was einen bremst, aufhält und ablenkt. Statt dessen gewinne ich dafür alles, was glücklich macht: Anerkennung, Aufmerksamkeit und Zuneigung. Nun könnte man sagen, darum ginge es doch gar nicht. Es geht doch um die Menschen, für die man zuständig ist und denen man helfen soll. Aber man kann andern eben nur helfen, wenn man selbst einigermaßen glücklich ist.

Mein letzter Verlust in diesem Sinne war das kleine Auto. Aber seit es fort ist, sind auch all die kleinen und großen Kümmernisse verschwunden: Werkstatttermine machen, Reifen wechseln, Auto waschen, Geld zur Seite legen, Stellplatz verteidigen. Besonders das Letztere kostete viel Energie. Jetzt steht irgend ein Auto aus der Nachbarschaft auf dem Platz und hält ihn warm. Ich habe Hinweise aus der Bevölkerung bekommen und den Rat, das nicht zu dulden und etwas dagegen zu unternehmen. Aber ich werde mich hüten! Denn erst wenn alle Steine in den Brunnen gefallen sind, bin ich wirklich der glücklichste Mensch unter der Sonne.

Kopfrum

Manchmal muss man die Welt ein bißchen auf den Kopf stellen. Dann gehe ich morgens einkaufen und belade meinen Einkaufswagen, bis nichts mehr hineinpasst. An der Kasse ist es sehr voll. Ich muss lange anstehen. Ich lege jeden einzelnen Artikel auf das Band, denn ich habe nichts zu verschenken. Als ich endlich dran bin, scannt die Kassiererin und scannt und scannt. Manchmal muss sie etwas von Hand eintippen. Dabei kaut sie Kaugummi. Dann ist sie fertig und ruft triumphierend: Hundertfünfundsechszig fünfundsiebzig. Ich öffne mein Portemonnaie. Die Kasse springt auf und die Kassiererin zählt mir das Geld hin. Ich stecke es ein und bringe meinen Einkauf nach Hause. Je mehr man einkaufen kann, desto mehr Geld bekommt man. Ich schaffe nicht immer so viel. Ich habe auch nicht so viel Platz zu Hause und kenne nicht viele, die mir etwas von den Einkäufen abnehmen würden. Natürlich nicht für umsonst. Manche gehen aber mehrmals täglich einkaufen und haben Geld wie Heu. Keine Ahnung, wie sie das machen. Manchmal kommt es zu Einbrüchen in Supermärkten, wobei Ganoven versuchen, ganze LKW-Ladungen Ware wieder in die Regale zu stapeln. Darauf stehen schlimme Strafen. Zu Recht.

Was macht man nun mit dem ganzen Geld? Nun, die meisten bezahlen damit ihre Arbeitsplätze. So einen Arbeitsplatz muss man mieten und monatlich dafür abdrücken. Am teuersten sind natürlich die Arbeitsplätze, auf denen man am wenigsten tun muss. VW-Chef zum Beispiel. Dieser Posten ist aber schon wieder unbezahlbar. Ein politisches Amt kann sich dagegen fast jeder leisten. Allerdings hat man als Inhaber eines politischen Amtes keine Zeit mehr, einkaufen zu gehen und hat dann schnell kein Geld mehr, um seinen Arbeitsplatz zu bezahlen. Dann muss man zurücktreten. Darum sollte man verheiratet sein und die Partnerinnen und Partner von politischen Amtsträgern machen eigentlich nichts anderes, als einzukaufen.

Papst und Bischof sind dagegen zwei der wenigen Arbeitsplätze, die es unentgeltlich gibt. Darum müssen der Papst und Bischöfe auch nicht einkaufen. Wenn sie es doch machen, tun sie nur so, um sich mit dem Volk irgendwie gemein zu machen. Manche haben es in der Vergangenheit etwas mit dem Einkaufen übertrieben. Jeder weiß, ich meine den Bischof Tebarz-van Elst und seine goldene Badewanne. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass er eben nur so getan hat, als würde er einkaufen. In Wirklichkeit hatte er es gar nicht nötig.

Aus: Wittgensteins Leiter (2015)

Was zu hoffen bleibt

Das Kurzzeitgedächtnis scheint ein bisschen angeschlagen. Alles, was ich mir nicht aufschreibe, verschwindet im Nebel. Das wäre nun nicht weiter schlimm, verschwände es dort auf Nimmerwiedersehen. Aber es kommt wieder raus, und zwar meistens nachts. Da kann ich es aber nicht gebrauchen. Ich habe wichtige Informationen für meine Kollegin, gleich werde ich sie sehen und kann alles loswerden. Sie kommt herein, ich freue mich - und weiß nicht mehr, was ich ihr eigentlich mitteilen wollte. Kein Problem, ich gehe noch mal die Treppe hoch und wieder runter - ja, da ist es wieder! Also nicht das, was ich eigentlich sagen wollte, aber etwas anderes, Wichtiges. Ich eile ins Büro - weg. Gähnende Leere. Nebelbänke. Mir bleibt nichts weiter übrig, als der Kollegin zu sagen, es gäbe eben sehr, sehr, ja geradezu existenziell wichtige Informationen. Da müsse sie nun aber allein drauf kommen, ich könne ihr nicht helfen. Was ich nicht aufschreibe, verschwindet im Nebel. Und es verschwindet schnell. Ich kann gar nicht so schnell schreiben, wie es wieder weg ist. Eben war da noch der Gedanke: Wir müssen jemanden anrufen oder irgendwas anderes erledigen. Ich zücke den Notizblock - ja, wen anrufen und warum? Was erledigen und bis wann? Ich habe keine Ahnung. Die Informationen verschwinden immer schneller. Dabei fällt mir auf, dass ich mir die falsche Uhr gekauft habe. Es müsste doch eine Uhr geben, die man sich an die Schläfe halten kann, wenn ein Gedanke da ist. Dann piept das Telefon, und der Gedanke ist aufgeschrieben. Professor Dumbledore konnte sich mit seinem Zauberstab Erinnerungen aus dem Kopf ziehen, und sie für später aufbewahren. Das muss ein wunderbares Gefühl sein. 

Das Vergessen ist eine feine Sache. Wir wären alle verrückt, -also noch viel verrückter, als ich- wenn es das Vergessen nicht gäbe.  Man müsste nur noch selbst entscheiden können, ob und wann man wieder auf das Vergessene zugreifen will. Zurzeit entscheidet darüber noch das Vergessene. Es meldet sich zu den unpassendsten Zeiten und stiehlt einem die Gegenwart. Gedankenverloren gieße ich heißes Wasser über den Salat und Dressing über die Ingwer-Teebeutel. Man soll viel trinken in dieser Erkältungszeit. Die Schlüsselfrage aber lautet: Wie kriegt man die Gedanken aus dem eigenen Kopf. Leer werden. Nichts denken. Einfach morgen weitermachen. 

Menschen mit Großhirnrinden sind bemitleidenswerte Geschöpfe. Ein Fisch, ein Vogel, der Koala, das Faultier - sie alle kennen diese Quälerei mit dem Denken nicht. Sie leben im Paradies. Das wäre jedenfalls das, was zu hoffen bleibt. 

02.11.2016

Wer ist B. Traven?

Was man bis heute nicht geschafft hat, schafft man bis zum Jahresende auch nicht mehr. Es gibt also keinen Grund für Hektik. Ich wollte zum Beispiel wieder ein kleines Buch machen, das ich als Weihnachtsgeschenk einwickeln kann. Ich habe es nicht geschafft. Das ist aber auch gar nicht notwendig, denn es gibt eine Vielzahl von Büchern, die andere schon geschrieben haben und die man genauso gut einwickeln und verschenken kann. Ich brauche mir auch gar keine Mühe damit zu geben, zu bemerken, dass das Buch diesmal nicht von mir ist. „Ja, Ja…“ Es wird verschmitzt gelächelt und das Geschenk wechselt den Besitzer. Da ich in den letzten Jahren nur Bücher von mir verschenkt habe, glaubt mir jetzt keiner mehr, dass ich auch fremde Bücher verschenken kann. Dass ein fremder Autor draufsteht irritiert niemanden, auf meinem ersten Buch stand ja auch nicht, dass es von mir war. B. Traven hat zeitlebens unter Pseudonym geschrieben. Die wahre Identität B. Travens ist bis heute umstritten. Würde ich beispielsweise das Totenschiff verschenken, könnte das Rätsel als gelöst gelten. Schlussendlich wird dieser Umstand dazu führen, das einmal alle Bücher auf der Welt als von mir geschrieben gelten. Es abzustreiten hätte gar keinen Zweck.

So gesehen brauche ich also auch im nächsten Jahr kein neues Buch zu machen. Ein Buch mehr oder weniger, was soll’s? Was kann man noch alles nicht machen? Wie ist es mit Wäsche waschen? Ich glaube, das ist sogar verboten. Zwischen den Jahren Wäsche zu waschen ist ein No Go. Es bringt Unglück und schlimmstenfalls den Tod. Aber das ist natürlich alles Aberglaube. Wäsche waschen nach Neujahr ist selbstverständlich auch nicht besser.

Stattdessen sollte man… - Entschuldigung. Ich wurde gerade abgelenkt und jetzt ist dieser wichtige Gedanke unwiederbringlich futsch. Was man stattdessen sollte, bleibt nun für immer im Dunkeln, es sei denn, jemand anders weiß es. Ich war vor ein paar Monaten auf einmal in einem Krankenhaus und hatte keine Ahnung, wie ich dorthin gekommen war. Soweit ich weiß fand ich das damals kein bisschen beunruhigend. Irgendwann wusste ich ja auch wieder Bescheid. Trotzdem fange ich manchmal noch Sätze an, die wahrscheinlich gar nicht von mir stammen. Ich glaube mein User hat sie eingegeben. Dann bekam er einen Anruf und musste sich um andere Dinge kümmern. Ja, vielleicht sollte ich stattdessen herausfinden, wann ich von meinem User benutzt werde und wann ich ein Eigenleben führe. Dann: Wer ist mein User? Oder einfach: Wer ist B. Traven?

Doch Weihnachten

Eigentlich wollte ich gestern noch mal einkaufen. Ich saß beim Frühstück und öffnete mein Türchen für den 23.12. Meine Therapeutin, die auch meine Freundin ist, hatte mir einen digitalen Adventskalender gebastelt und hinter dem Türchen das Weihnachtsoratorium im Leipziger WG-Konzert versteckt. Ich kannte es noch nicht, sah bloß die Dauer von 52 Minuten und wollte es eigentlich nicht anmachen. Dann habe ich es aber doch geklickt und Weihnachten begann einen Tag früher. Ich wurde um das endzeitliche Gedränge im vorweihnachtlichen Lebensmitteldiscounter gebracht aber ich jauchzte und frohlockte 52 Minuten lang und ich tue es immer noch. Vor fünf Jahren wollte ein Leipziger Musikstudent seinen Abschied feiern und hatte die Idee, das Weihnachtsoratorium in seiner WG aufzuführen. An die achtzig junge Menschen drängeln sich in der 3-Zimmer-Altbauwohnung und machen mit großer Leichtigkeit große Musik. Warum sind wir eigentlich so verzagt? Ich weiß es gar nicht mehr. Zugegeben, vor fünf Jahren sah die Welt noch ganz anders aus. Aber in dem Video sieht man die Menschen, die einmal ihre und unsere Welt gestalten werden. Es kann eigentlich nur ganz wundervoll werden.

Warum können nicht alle einfach nur Musik machen? Das Handwerkszeug dazu wäre das einzige, was man in der Schule zu vermitteln hätte. Alles andere lernt man so nebenbei, wenn man es denn überhaupt braucht. Jeder spielt ein, zwei, drei Instrumente, gut genug für den Hausgebrauch und jede freut sich über ihre Stimme, die sie nun einmal hat. Niemand käme auf die Idee, von sich selbst zu behaupten, man wäre unmusikalisch. Das wäre ungefähr genauso, als würde man von sich sagen, man wäre unmenschlich. Auf Arbeit ginge auch nichts ohne Musik. Musik wäre das, worum sich alles dreht. Wenn man damit fertig ist und noch Zeit hat, kann man ja noch etwas anderes machen. In den Supermarkt kämen die Leute hauptsächlich, um Musik zu hören. Wenn die Musik vorbei ist, wird vielleicht ein bisschen was verkauft oder mal kurz telefoniert. Aber es ist unwahrscheinlich, dass man jemanden erreicht, weil woanders ja auch gerade Musik gemacht wird. Musik machen funktioniert gut mit einer Flasche Bier aber gar nicht mit einem Smartphone. Das ist doch seltsam, nicht?

Bevor sie Politik machen wird erst mal musiziert. Nicht Nationalhymne singen oder die Internationale, sondern richtig miteinander singen und spielen. Vielleicht sollten Debatten auch nur als Sängerwettstreit durchgeführt werden. Dann wird gestimmt. Ich bin sehr zuversichtlich: Es wird doch Weihnachten und ich werde dabei sein.

https://www.youtube.com/watch?v=Wi0ekhf6_J0


Kein Plan

Manchmal möchte ich gern in der Stadt wohnen. Ein bisschen erhöht, vielleicht im 2. Stock über einer schönen Einkaufsstraße. In so einer Erkerwohnung mit Blick nach mehreren Seiten. Besonders in der Weihnachtszeit ist dieser Wunsch sehr stark. Ich würde am Fenster sitzen und auf das bunte Gewimmel blicken. Es müsste natürlich auch in einer Fußgängerzone sein. Idealerweise schneit es noch und die Menschen haben alle bunte Päckchen und Pakete unterm Arm. Stattdessen wohne ich in einem Dorf mit Regionalbahnanschluss und gucke auf eine Landstraße. Das ist auch schön. Zurzeit fahren viele Autos vorbei, die sich Weihnachtsbäume auf das Dach gebunden haben. Ein schöner Brauch. Schnee liegt nicht und es fällt auch keiner, was sich aber zu dieser Jahreszeit schnell ändern kann.

Veränderungen fühlen sich immer dann unangenehm an, wenn man sich gerade eingerichtet hat, wobei einem dann dämmert, dass es so nicht bleiben wird. Dann bekommt man ein bisschen schlechte Laune. Eigentlich wäre es schlau, sich überhaupt nicht oder so wenig wie möglich einzurichten und jeden Tag neugierig zu sein, was sich so alles verändert. Aber so sind wir nicht. Irgendwie haben sich die sesshaften Einrichter auf diesem Planeten festgesetzt und ich bin einer ihrer Nachkommen. Die Wanderer, die es ja immer noch gibt, setzen sich eben nicht fest. Darum fallen sie nicht weiter auf und letztlich auch nicht ins Gewicht. Dabei ist die Weihnachtsgeschichte die Veränderungsgeschichte schlechthin! Alles wird auf den Kopf gestellt: Schwäche wird verehrt und man huldigt einem Neugeborenen. Die revolutionäre Kraft dieser Geschichte konnte nur eingedämmt werden, indem sie in Brauchtum eingehegt wurde. Durch das alljährliche Zelebrieren verbrämt mit regionaler Folklore verliert auch die Weihnachtsgeschichte ihren Schrecken und wird zur Dystopie.

Auf keinen Fall will ich hier den Eindruck erwecken, als wünschte ich mir irgendeine Veränderung! Mir wäre es im Gegenteil am liebsten, ich könnte wenigstens die nächste Woche mit allen ihren Ereignissen ganz genau planen und alles würde dann auch so ablaufen. Ich versuche es auch immer wieder. Es hat nur noch nie funktioniert und das verursacht mir doch immer eine gewisse Aufregung. In letzter Zeit bemerke ich jedoch eine neue Fähigkeit an mir. Ich habe nämlich inzwischen durch Erfahrung eine gewisse Sicherheit im Improvisieren gewonnen. Irgendwie weiß ich jetzt schon vorher, was aus Plan A und aus Plan B werden wird: „Geh’n tun sie beide nicht.“[^1] Darum bin ich bei der Planung inzwischen ein bisschen schlampiger geworden. Das spart Energie für’s Improvisieren und das macht dann wiederum immer öfter Spaß. So ist zum Beispiel dieser Text entstanden. Merkt man aber auch. Irgendwie.

[^1]: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/ballade-von-der-unzulaenglichkeit-menschlichen-planens-770#.WjU1qEuDOCQ

Advent

Leider bin ich in diesem Jahr mit der Adventsdeko ein bisschen in Verzug geraten. Weder bin ich schon dazu gekommen, Fenster und Balkon kunstvoll zu illuminieren, noch habe ich ein nach der Kirchenjahreszeit benanntes Kranzgebinde aufgestellt. Ich hoffe, dass ich das noch nachholen kann. Immerhin habe ich aber einen Türchenkalender geschenkt bekommen und kann nun jeden Tag eins aufmachen. So ein Adventskalender funktionierte übrigens auch mit einfachen kleinen Bildchen, ohne irgendwas besonderes. Es war trotzdem spannend. Ich glaube irgendwann hat meine Mutter mal einen wiederverwendbaren mit lauter beklebten Streichholzschachteln gebastelt, in die sie dann Süßigkeiten hineinsteckte. Ich habe jetzt den digitalen Adventskalender von Türchen.com, bis gestern mit Musikvideos. Am Wochenende besuchte ich meinen Vater und wir öffneten am Frühstückstisch das zehnte Türchen. Vier reizende junge Damen spielten als Streichquartett den Kanon von Pachelbel. Ich setzte ein verklärtes Gesicht auf und lächelte fein. Meinem Vater hingegen gefielen Stück und die Darbietung nicht. Es sähe aus, wie eine Übungsstunde. 

Dann fiel ihm ein, dass er von der Oma ein Album voller Schallplatten mit klassischer Musik geerbt hätte. Er holte es hervor. Es enthielt alle Folgen von „Willy Schwabes Rumpelkammer“ auf feinstem Vinyl. Er legte die erste Folge auf und es erklang „Jawoll meine Herrn“, dargeboten von Theo Lingen und Heinz Rühmann. Seine Laune besserte sich signifikant und wir frühstückten fröhlich zu Ende. Ich erinnerte mich daran, wie ich Hitparade spielte, wenn ich aus der Schule kam und niemand zu Hause war. Ich legte die Pösnecker Musikanten auf und moderierte Minuten lang „Du, du liegst mir Herzen“ an. Von meinem Entertainer-Talent weiß bis heute kaum jemand etwas. Ich pflegte es nur wenn ich allein war. Diese Zeit war knapp bemessen, darum nutzte ich auch die Sitzungen auf der Toilette. Vom Klopapier las ich meistens den Abspann wie Dieter-Thomas Heck. Nur einmal habe ich mich geoutet, als ich vor meinen Eltern und den Nachbarskindern Roger und Roland eine komplette Dalli-Dalli-Folge aufführte. Ich hatte sie wochenlang akribisch vorbereitet. Eltern und Kinder waren die Kandidaten-Teams. Ich war Hans Rosenthal und Peter Alexander als Stargast. Ich weiß nicht, ob ich ähnlichen Gleichmut wie meine Eltern bewahren könnte, wenn meine Nichten eine Folge GNTM zelebrieren würden.

Inzwischen habe ich zur angemessenen Dekoration der Wohnung wenigstens eine Kerze gefunden. Ich könnte sie anzünden, wenn ich jetzt auch noch ein funktionierendes Feuerzeug fände. Ach ja, der Advent. Was für eine schöne und aufregende Zeit!

Nur eins ist geblieben

Die Lieferdienste haben es auch nicht leicht. Erpressungen, Drohungen und nicht zuletzt die Kunden! Wenn die ganzen Kunden nicht wären, könnte so ein Lieferdienst ganz in Ruhe seine Arbeit machen. Nur wegen der Kunden entsteht der ganze Stress. Das ist eigentlich in der ganzen Arbeitswelt so. Im Krankenhaus stören die Patienten, bei Versicherungen die Versicherten und im Einzelhandel auch wieder die Kunden. Alle wollen sie irgendwas und dann immer das Falsche zum falschen Zeitpunkt. Das ist der Lauf der Welt und leider nicht zu ändern. Ich habe mir zum Weihnachtsfest ein neues Wohnzimmerradio bestellt. Der Verkäufer wusste, wie er mit Kunden umgehen muss und schickte es sofort los, damit er seine Ruhe hat und sein Geld behalten kann. Dann kam der Lieferdienst ins Spiel. Diesmal war es DPD. Ich bekam eine Email mit einem Knopf zur Paketverfolgung. Die verlinkte Internetseite nannte mir den Tag und sogar die Stunde, wann das Paket zugestellt würde.

Auf der Seite gab es wiederum ein Knopf, der zu einer Karte führte, auf der ein Schlitten mit Nikolaus auf seiner Position relativ zur Lieferadresse zu sehen war. Der Schlitten kam definitiv näher. Glöckchen klingelten. Zur bezeichneten Stunde sah ich wieder nach und diesmal stand dort, die Sendung hätte nicht zugestellt werden können. Hätte ich unten vor der Tür warten müssen, um das Paket entgegenzunehmen? Oder an der Straße, wo es abgeworfen wird, weil der Schlitten nicht jedesmal anhalten kann? Etwas später am Abend war auf der Internetseite zu lesen, der Nikolaus würde noch einmal kommen. Wenn es mir nicht passe, könne ich Optionen auswählen. An Optionen war die Lieferung an einen Paketshop, eine Abwurferlaubnis und die Angabe eines Wunschnachbarn verfügbar.

Ich entschied mich für den Wunschnachbarn oder besser für die Nachbarin, weil mir der Vorname des Mannes nicht einfallen wollte. Ohne Vornamen kam man aber nicht weiter. Am nächsten Morgen verließen der Nachbar und die Nachbarin das Haus. Ich sah schon kommen, dass ich zwar zu Hause sein, aber mein Paket trotzdem nicht kriegen würde, weil ich ja die Zustellung an die Nachbarin verfügt hatte. Letztlich ist aber alles gut gegangen. Der Nachbar war dann doch wieder zu Hause und ich bekam mein neues Radio. Seitdem kann ich leider nicht mehr fernsehen, weil beides gleichzeitig nicht gut funktioniert. Man kann mit Radios heute auch ganz andere Sachen machen als früher. Nur eins ist geblieben: Wenn man auf UKW Stereo hören will, rauscht es.

Ich glaube

Wir wurden alle von einer Mutter geboren. Jedenfalls, wenn wir einen Bauchnabel haben. Unmittelbar danach haben wir dann die verschiedensten Erfahrungen gemacht und an keine von ihnen können wir uns erinnern. So manche Seele wurde schlimm verletzt und für ihr Leben gezeichnet, viele erlebten Wärme und Geborgenheit. Wir haben aber alle immer wieder erlebt, wie der Kontakt zur lebensnotwendigen Mutter abbrach und wie uns Angst, Verzweiflung und Wut überfluteten. Wenn alles gut ging, dauerte dieses Verlassen-Sein nie lange und die Mama war wieder da mit ihrer Stimme, ihrem Geruch, ihrer Wärme und ihrem Herzschlag. Aber das Gefühl des Verlassen-Werdens bleibt und geht nie mehr weg. Die Reaktion darauf passt aber später nicht mehr zu den Situationen, durch die es ausgelöst wird. Darum ist es so wichtig, dieses Gefühl bei sich selbst genau zu kennen und wahrnehmen zu können. Denn nur dann, kann man es durchschauen und schließlich beherrschen. Dafür braucht man seinen Verstand.

Die materiellen Grundlagen unserer sozial-emotionalen Ausstattung haben sich seit mehr als 100.000 Jahren nicht mehr verändert. Für die Entwicklung von lebendigen Strukturen ist das auch eine kurze Zeit, aber für die Entwicklung von Kulturen sind 100.000 Jahre ziemlich viel. Die Angst vor fremden Individuen und Gruppen war einmal sinnvoll, denn aggressives Verhalten sicherte das Überleben in weiten Räumen mit begrenzten Ressourcen. In einer überfüllten Straßenbahn kommt diese Angst möglicherweise auch wieder, wenn ein fremd aussehender Mann laut auf arabisch telefoniert und sich drei andere in einer Sprache unterhalten, die man vielleicht noch nie gehört hat. Aber jetzt laut zu schreien und vielleicht mit einer Keule zuzuschlagen wäre für die Situation ganz sicher nicht förderlich und hätte für das Überleben der eigenen Gruppe auch keine positiven Folgen. Wir können uns beherrschen, wenn wir das Gefühl bei uns kennen, es durchschauen können und der Verstand sagt: Es wird dir nichts geschehen.

Es heißt, dass einmal ein Kind geboren wird, das alle diese Begrenzungen und Behinderungen hinter sich lässt. Ein neuer Mensch, der sich selbst und den anderen nur noch mit Liebe begegnet und der in der Lage ist, über die Instinkte aus der alten Welt zu herrschen, der er auch ja entstammt und angehört. Es ist diese Geschichte vom Advent, die mich angesichts einer aus den Fugen geratenen Welt zu trösten vermag. Diese Geschichte und die Zeichen dafür, dass sie wahr ist. Nach diesen Zeichen bin ich auf der Suche und ich sammle sie. Und falls mich einer fragt: Ja, ich glaube.