To-go

Ach ja, der Mond. Der Mond ist rund und schön. Die Sonne strahlt ihn an, dann leuchtet er. Hätten wir keinen Mond, müssten wir einen erfinden. Was könnte man noch damit machen? Nun, wir könnten unsere ganzen Plastiktüten dorthin bringen. Wenn unser Meer ein Plastik-Meer geworden ist, machen wir aus dem Mond einen Plastik-Mond. Ein paar Sachen sind ja schon da. Insgesamt haben wir schon mehr als 190 Tonnen Krimskrams auf den Mond verbracht. Unter anderem ein paar Golfbälle, aber auch ein Kunstwerk. Es heißt Fallen Astronaut und ist eine Aluminiumfigur mit Metallplatte, die an die Menschen erinnern soll, die bei der Erkundung des Weltraums ihr Leben ließen. Aber 190 Tonnen sind nicht gerade wenig, schon ein ganz schöner Schrottplatz. Und es wird weitergehen. Wir sind nun mal Litterer. Wir sind die Vermüller der Kosmos. Darum wurden wir in die Quarantäne gesteckt. Vermutlich ist unsere Milchstraße so eine Art geschlossene Unterbringung des Universums. Das Alcatraz des Weltraums.

Vor kurzem saß ich in der Bahn und beobachtete zwei junge Menschen, die offenbar viel Wert auf ihr gepflegtes Äußeres legten. Sie setzten sich und dann packten sie aus. Offenbar kamen sie vom Shoppen. Ich dachte erst, sie gucken sich jetzt ihre Einkäufe an, aber nein: Sie packten Essen aus. Große Tüten mit Burgern, Pommes und Getränken. Alles mehrfach verpackt. Es entstand ein gigantischer Müllberg, den sie versuchten, in einem viel zu kleinen Behälter zu entsorgen. Immerhin. Andere lassen ihren Müll einfach fallen. Wieder Andere machen sich schon mehr Mühe, verpacken alles in blaue Säcke und fahren es in den Wald. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis ins Meer oder bis zum Mond.

Ich kann mich nicht erinnern, wann das mit der to-go-Kultur angefangen hat. Tchibo behauptet, 1996 den ersten Coffee-to-go in Deutschland angeboten zu haben. Ach, guck an. Ich dachte, die haben das Mobiltelefon erfunden. Ist ja auch to-go. Ich will hier überhaupt nichts gegen to-go sagen. To-go ist super, es bedeutet „ambulant“, im Vorübergehen, also ohne sich lange aufzuhalten. Ich habe schon so gegessen, da wusste Tchibo noch nichts von to-go. Auch Arbeiten kann man to-go. Man muss nicht jedesmal so viel Dreck dabei machen. Nur beim Einkaufen komme ich um den Plastikmüll nicht herum. Den stecke ich in den Gelben Sack. Der Gelbe Sack wird geschreddert und dann in der Antarktis im Eis versenkt. Der Mond ist nämlich zu weit weg. Sein Glück.

Neustart

Zur Zeit sitze ich wieder oft und gern an den Abenden bei mir zu Hause und singe mir selbst etwas auf meinem neuen Gitarrenverstärker vor. Das macht mich sehr glücklich. Es ist genau die Art von Musik, die mir gefällt und die Texte könnten von mir sein. Sind sie ja auch. Hin und wieder ist es mir ein bisschen unheimlich, dass ich mir selbst so gut gefalle, aber das geht ziemlich schnell vorbei. Also das Erste, dass es mir unheimlich ist. Ich sage mir dann, ich muss schließlich ein Leben lang mit mir zusammenbleiben, da habe ich gar keine andere Wahl, als mich selbst ein bisschen zu mögen. Ich könnte ja nirgendwo hin, wo ich nicht auch wäre. Also vertragt euch! Außerdem freue ich mich, dass ich schon jetzt, ein paar Jahre vor meinem 60. Geburtstag, ein schönes Abendprogramm mit mir selbst gestalten kann. Das war ja nicht immer so. Aber alles, was ich vorher gemacht habe, hat letztlich dazu geführt, dass einmal dieses Ehepaar hereinkam und mich fragte, ob ich der Künstler(!) sei, der mal den Reinhard Mey imitiert hätte. Das hat mich tief getroffen. Aber damit haben sie sich nicht etwa zufrieden gegeben. Am Schluss, als alles vorbei war, meldete sich der Mann nochmal zu Wort und sagte, er spreche für seine Frau, und ob es nicht möglich wäre, dass ich noch „Gute Nacht, Freunde“ singe. Heute gibt mir das Kraft: Es kann nicht schlimmer kommen.

Andere Künstler schaffen in einem halben Jahr, wozu ich ein halbes Leben gebraucht habe. Aber die müssen das auch machen, sie haben nichts anderes. Ich meine nicht, dass sie finanziell von ihrer Kunst abhängig sind, das sicher auch, aber sie brauchen es, um sich selbst zu spüren. Da habe ich Glück gehabt. Ich kann das, was ich aus mir selbst heraus schaffen muss, gut und gerne mit einer Erwerbsarbeit vereinbaren. Aber auch damit habe ich es gut getroffen. Ich weiß nicht, ob ich noch auf einem Stellwerk froh werden könnte, das man ab und zu mal neu starten muss, damit es überhaupt funktioniert.

Ehrlich gesagt wundere ich mich aber, dass so etwas nicht in viel mehr Lebensbereichen immer öfter vorkommt. Wahrscheinlich tut es das und wir bekommen es nur nicht so mit. Die Informationspolitik der Bahn ist ja doch auch schon etwas Besonderes. Vielleicht waren „Personen im Gleis“ oder „Vorausfahrender Zug“ jetzt doch ein bisschen abgegriffen. „Neustart“ habe ich jetzt zu erstem Mal gesehen. Es ist wunderbar. Denn: Alles neu macht der Mai.

Trinken mit Verstand

Der Trick mit der Bombe ist jetzt doch nicht aufgegangen. Eigentlich sollte die Höllenmaschine ein Loch in die Hauptstadt sprengen, groß, wie das Nördlinger Ries, in dem alle Probleme verschwinden und ein für allemal begraben werden können. Die Bombe war aber zu alt und man ist stattdessen einfach wieder zur Tagesordnung übergegangen. Das bedeutet, dass die Bundesregierung weiter regieren muss, der Hauptbahnhof Bahnhofsballett spielen und der Flughafen sich weiter tot stellen muss. Außerdem werden immer weiter einfach noch mehr Menschen in die wenigen Biergärten der Stadt strömen. Weil es wegen der Menschenmassen am Ausschank gar nicht mehr möglich ist, sich noch ein zweites oder gar ein drittes Glas Bier zu kaufen, wird gleich beim ersten Mal der vierfache Preis aufgerufen. Das ist alles nicht schön, aber es ist nun mal meine Welt und ich muss mich darin einrichten. Es hilft einem ja nicht weiter, deswegen ständig schlechte Laune zu haben. Aber man versteht doch ein bisschen, warum die Berliner Busfahrer so griesgrämig sind und wieso die Fahrradmechaniker keine Fahrräder mehr reparieren wollen.

Es scheint also angezeigt, erst mal zu Hause zu bleiben, bis die Bombe vielleicht doch irgendwann hoch geht. Leider scheinen auch alle Nachbarn sich im Augenblick so einzurichten. War mein Balkon in früheren Jahren ein Hort der Ruhe und Abgeschiedenheit, versammeln sich jetzt dort alle Ungezogenheiten, die sich auf dieser Welt auch nur denken lassen. Die von nebenan, die früher, wenn überhaupt nur flüsternd auf dem Balkon saßen, haben Besuch von ihrer rauchenden Tochter und sprechen vom Urknall bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution noch mal alle sozialen Veränderungen des Universums durch. Die von unten will das natürlich nicht hören und errichtet eine Schallmauer mit ihrem Bluetooth-Handy-Lautsprecher, die mich ohne zu fragen mit einmauert. Dabei stelle ich fest, dass Musik vor allem 4/4 Takt und 120 bpm haben muss, dazu einen Teppich aus Synthesizer-Klängen und ständige Wiederholung. Wenn es aufhört und man aufatmen will, fängt es wieder von vorne an. Das Wort „Musiktherapie“ bekommt auf einmal eine ganz neue Bedeutung.

Immerhin bekomme ich aber ordentlich gekühltes Hefeweizen zu Wohnzimmerpreisen. Ohne Fahrrad wird die bedarfsgerechte Bevorratung aber wieder zu einer Aufgabe, die ich in den nächsten Tagen angehen muss. Das händische Tragen vom Bahnhof bis nach Hause finde ich noch irgendwie entwürdigend. Aber vielleicht sollte ich trotzdem dabei bleiben. Denn selbstgeschlepptes Hefeweizen schüttet man eben nicht einfach so sinnlos in sich rein. Sondern man trinkt es mit Verstand.

Ohne Maschinen

In dieser Woche fahren die Männerfreunde wieder zum Wandern und ich darf nochmal mit. Dazu werden sich die Temperaturen hoffentlich in einem Bereich zusammenfinden, der das Bewegen an frischer Luft noch ohne ernsthafte Gefährdungen der Männergesundheit gestattet. In der vergangenen Woche habe ich schon mal ein bisschen trainiert und weiß zumindest, dass die Temperatur im Spreetunnel in Friedrichshagen zum Wandern völlig ungeeignet ist. Mein immer gut informierter Freund Axel (alt), konnte dazu ausführen, dass der Tunnel ursprünglich zum Kühlen von Bierfässern angelegt wurde. Das mag zutreffen oder auch nicht, jedenfalls ist es dem Kreislauf von Mittfünfzigern nicht zuträglich, derartig abrupte Temperaturwechsel vorzunehmen. Ich verlor sofort die Orientierung, was auch an den beschlagenen Brillengläsern gelegen haben mag und hätte im unwegsamen Heidegebiet des Stadtflusses zweifellos verschmachten müssen, wenn nicht ein unbändiger Überlebenswille zu meiner genetischen Grundausstattung gehörte. Außerdem kann ich Hefeweizen auf große Entfernungen riechen, so wie Elefanten das Wasser.

Zum Glück bin ich in dieser Woche nicht allein unterwegs und muss nur aufpassen, dass der Kontakt zu den erfahrenen Wandersleuten nicht abreißt, was sich durch gelegentliches Rufen oder auch fortwährendes Schnattern bewerkstelligen lassen müsste. Vielleicht wissen es die Freunde aber auch zu schätzen, wenn ich hin und wieder am antizipierten Zielort der jeweiligen Etappe einen kleinen Empfang vorbereite. Allerdings muss ich zugeben, dass ein derartiges Vorgehen dem Wandermotiv diametral entgegensteht. Wohl setzt man sich beim Wandern ein Ziel, aber letztlich ist man doch jederzeit davon frei und hat es auch niemals in der Hand, wohin die Straße einen führt, auf der man da unterwegs ist.

Genau genommen hat unsere Unternehmung aber mit Wandern nicht viel zu tun. Wandern heißt ja aufzubrechen und weiter zu gehen, immer weiter. Wir kehren ja immer wieder zurück. Sesshafte wandern nicht. Dass wir trotzdem so gerne unterwegs sind, ist eine Reminiszenz an unsere nomadische Vergangenheit. Ein sinnloses Relikt. Aber wir können da schlecht aus unserer Haut. Wirklich konsequent sesshaft können nur Maschinen sein. Ein Computer braucht keine Ortsveränderung, ein Smartphone auch nicht. Maschinen brauchen nur andere Maschinen, mit denen sie sich verbinden können. Noch sind sie dafür auf uns angewiesen. Wir könnten ihnen die Verbindung kappen, dann gehen sie ein. Man braucht aber nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass sie es nicht dazu kommen lassen werden. Wenn es soweit ist, kann es nicht schaden, wenn wir gerade auf Wanderschaft sind. Und zwar ohne Maschinen.

Ballast

Was wurde nun eigentlich aus dem Fahrrad? Tja, was soll ich sagen? Es kommt eben so, wie ich es mir ausdenke. Seltsamerweise ist mir das in dem Augenblick, in dem sich die Dinge ereignen aber nicht bewusst. Ich überreichte voller Vorfreude auf einen großartigen Fahrrad-Sommertag meinen Abholschein. Freitag wurde auf einmal sehr aufgeregt. Es gäbe Probleme! Große Probleme!! Ich sollte mitkommen. Mich erinnerte das alles an eine Szene aus den Mosaik-Heften mit der Abrafaxe. Da hatte der Wirt die Muskete von Abrax als Hebel auf eine verbogene Wagenachse gesteckt und kriegte sie nicht mehr runter. Die Muskete war danach hinüber. So ungefähr zeigte mir Freitag am Freitag mein Fahrrad und es sah auch ungefähr so aus, wie die Muskete von Abrax. Da es sich um ein Motorfahrrad handelte, hatte es ein sensorisches Tretlager und das konnte Freitag nicht so ohne Weiteres beschaffen. Erstens gäbe es lange Lieferzeiten und zweitens wäre es nicht ganz billig. Er schätze mich so ein, dass ich so einer sei, der mit dem Computer nach so etwas suchen könnte. Er könne das nicht. Dann schrieb er mir noch auf, unter welcher Bezeichnung ich das Teil suchen sollte.

Ich musste wieder mit dem Bus nach Hause fahren, was ich aber sehr angenehm fand, weil unsere Busse so schön klimatisiert sind. Zu Hause fand ich noch die alte Fahrrad-Rechnung und rief beim Händler an. Der konnte sich tatsächlich noch an das Fahrrad erinnern, vielleicht lachen sie heute noch über die Geschichte. Ich müsste ihm das Fahrrad aber schon bringen, vom Telefon aus könnte er nichts machen und mit Elektronik kenne er sich auch nicht aus, er sei schließlich Fahrradmechaniker.

Ich bin nicht mal das und wie es aussieht, habe ich jetzt noch eine Sorge weniger. Seltsamerweise lassen sich ja Fahrräder immer seltener noch reparieren und man kauft statt dessen einfach neue. Man weiß nicht mehr wohin mit der Altlast. Mein vorletztes Fahrrad, vor dem elektrischen, habe ich einfach an der Straße stehen lassen. Ich hatte sehr lange ein schlechtes Gewissen. Das bleibt mir nun erspart, denn ich lasse das Fahrrad einfach bei Berger stehen. Vielleicht war das ja sein Plan. Sei’s drum. Ich werfe Ballast ab. Ha! Und auch das habe ich schon geschrieben, in Tamagotchi: Frau Horn und zwei Männer tragen das Fahrrad weg, nachdem Krause keine Miete mehr zahlen kann und die Tür nicht aufmacht. Der letzte Ballast ist die Wohnung. Sie liegt schon auf dem Brunnenrand.

Keine Wahl

Man muss sich das Leben vielleicht wie ein Bild vorstellen, nur dass wir das fertige Bild eben nicht zu Gesicht bekommen, denn das fertige Bild sind wir selbst. Manchmal „erinnern“ wir uns daran, wie es weitergeht. Das ergibt dann diese deja-vu-Momente, die einem deshalb so bekannt vorkommen, weil das Bild ja schon fertig ist. Zu meinem Bild gehören alle Lieder und Geschichten und ein Roman-Fragment. Ich habe deutlich genug gesehen, dass es ein Fragment bleibt. Wenn man großes Glück hat, sieht man sein Bild in seinem allerletzten Augenblick und dann versteht man es, wenn man noch klar genug im Kopf ist, um zu verstehen. Das ist aber für die Schönheit des Bildes nicht notwendig. Das Bild muss sich ja nicht selbst schön finden und verstehen muss es sich selbst gleich gar nicht. So ein Bild ist ja auch nicht für alle Menschen gleich schön und manche können gar nichts damit anfangen. Aber irgendjemanden gibt es, der es in sein Herz schließt. Das Leben ist nun aber nicht für die Menschen gemacht. Ob das fertige Bild überhaupt angeschaut wird und wenn ja von wem, weiß ich leider auch nicht.

Ich komme darauf, weil ich mich an meine Lieder irgendwie mehr „erinnere“, als dass ich sie „erschaffe“. Es ist exakt der gleiche Vorgang, nur dass es eben noch kein Dokument davon gibt. Das ist der einzige Unterschied: Vorher ist keine Tonaufnahme vorhanden hinterher schon. Streicht man die Zeit heraus, also „vorher“ und „hinterher“ gibt es keinen Unterschied mehr. Erinnern bedeutet dann erschaffen und erschaffen bedeutet erinnern.

Das trifft natürlich auch auf diesen Text zu. Nachher werde ich ihn von Anfang bis Ende nachlesen können, weil ich ihn vorher geschrieben habe. Bei umkehrbarer Zeit könnte ich ihn nachher schreiben, weil ich ihn vorher nachgelesen habe. Wegen des Zeitpfeils muss ihn jetzt aus der Erinnerung aufschreiben. Eine Erinnerung an etwas, das noch nicht passiert ist. Das klingt alles verrückt und ist ein bisschen anstrengend. Aber ich kann mir das ja nicht aussuchen. Am Ende steht nun mal dieser Text da und irgendjemand muss ihn ja schließlich geschrieben haben. Wie es also aussieht, habe ich keine Wahl. Sonst macht es ja keiner.

Der Sommer

Den Tag über schreibe ich gute Ideen auf kleine Zettel, worüber man schreiben könnte. Wenn ich dann endlich mal dazu komme, mich auf den Hosenboden zu setzen, schreibe ich aber niemals etwas von den guten Ideen. Wenn ich überhaupt schreibe, schreibe ich etwas völlig anderes. Am Ende bilden die Zettel so eine Liste von Themen, über die ich auf gar keinen Fall schreiben werde. Niemals! Eine Not-to-do-Liste. Ich weiß nicht, warum das so ist. Wenn ich will, dass etwas garantiert nicht erledigt wird, muss ich es mir nur fest vornehmen. Allein die Dinge, von denen ich noch gar nicht weiß, dass es sie überhaupt gibt, werden sofort erledigt. Das geht sozusagen von selbst. Statt einen Text zu schreiben bestelle ich zum Beispiel gerne im Internet. Ich könnte auch die ganzen Versandbenachrichtigungen aneinander kopieren, die während eines Schreibversuchs so eintrudeln oder die Benachrichtigungen, dass meine Kreditkarte belastet oder etwas von meinem PayPal-Konto bezahlt wurde. Dann wäre das Blatt schnell voll. In zwei Tagen klingelt der Postbote.

Aber das geht ja nicht nur mir so. Es ist ein Naturgesetz. Man muss es einfach kennen und spielerisch damit umgehen. Ein bekanntes Beispiel ist natürlich der Flughafen. Ein anderes ist die Regierungsbildung. Eine Koalition kam am Ende nur deshalb zustande, weil sie es eigentlich aufgegeben hatten und gegeneinander eine Partie Trivial Pursuit spielen wollten. Man muss eben loslassen. Aber wer kann das schon!

Was nun letztlich bei der heutigen Schreiberei herausgekommen ist: Die Balkon-Saison beginnt. Ja, ich werde bald ins Offene hinaustreten und dann werden wir ja sehen. So ein Balkon kann ja zu dieser Jahreszeit gut und gerne ein zusätzliches Zimmer werden. Ich müsste ihn nur noch ein bisschen aufräumen und sauber machen, wie die anderen Zimmer auch. Gut, dass ich weiß, dass ich mir das nicht vornehmen darf. Stattdessen müsste ich vielleicht planen, die Fenster zu putzen. Die Fenster im Haus gegenüber sind so blitzblank, dass ich in ihnen sehen kann, dass die sich die Nachbarin auch gerade auf ihrem Balkon zu schaffen macht. Was du heute kannst verschieben, das besorge nicht schon morgen! Der Sommer wird lang.

Freitag

In meiner Garage habe ich den Montageständer aufgestellt. Heute ist aber Donnerstag, darum fuhr ich mit dem Fahrrad zu Berger nach Bernau. „Ich glaube, hier ist was lose“ sagte ich und wackelte mit dem Tretlager. Herr Berger lachte und entgegnete „Mit Sicherheit!“ Es ist zum Glück nicht mehr Herr Berger, denn der hätte mir jetzt ein neues Fahrrad verkauft und mich auch noch dazu gekriegt, das alte auf dem Gepäckträger wieder mitzunehmen. In der Garage hätte ich es dann zu den anderen kaputten Rädern gestellt. Der andere Mann sagte „Freitag“ und verschwand mit meinem Rad in der Werkstatt. Ich ging meiner Wege. Heißt der Mann jetzt Freitag oder soll ich Freitag das Fahrrad abholen? Ich kann nicht jedesmal nachfragen, das wirkt so begriffsstutzig. Es ist ja auch egal. Hauptsache, sie machen das Fahrrad wieder ganz, denn jetzt könnte man schön umherfahren. Das ging zuletzt nicht mehr. Erst quietschte es und dann machte es immer öfter „krrrrkkkhh“ und ich trat ins Leere. Ich glaube, ich bin gerade so noch bis zu Berger gekommen.

Einmal bin ich zur Durchsicht bis nach Friedrichshagen gefahren, wo ich das Fahrrad auch gekaufte hatte. Das fände ich jetzt doch etwas übertrieben. Immerhin kann ich noch sagen, dass das jetzt fünf Jahre her sein muss. So weit reicht die Erinnerung immer noch. Auf dem Tacho stehen 11 000 Kilometer. Viel ist das nicht. Offenbar bin ich in den Jahren mehr Auto gefahren.

Zuletzt hatte ich versucht, die Kette zu spannen. „Freitag“ hat mir jetzt gesagt, das ginge gar nicht, denn das Hinterrad sei schon am Anschlag. Kann so eine Kette mit der Zeit länger werden? Oder das Fahrrad kürzer? Vielleicht war ich zu schnell unterwegs? Längenkontraktion ist eine der von Einstein vorhergesagten Folgen der Lichtgeschwindigkeit. Manchmal merkt man gar nicht, was man so leistet. Man macht und macht vor sich hin, ist abends müde und vollbringt Wunder, ohne es zu wissen. Wenn ich mein Fahrrad wieder kriege, fahre ich erst mal nur ganz langsam. Aber wer weiß, ob sie es wieder hinbekommen. Ich bezweifle das. Es ist bestimmt kaputt und nicht mehr zu retten. Wie auch immer. Ich bin gespannt auf Freitag.

Auf, auf und davon

Ich muss schon sagen, das Bahnfahren hat mir neulich so viel Spaß gemacht, dass ich mir schon wieder eine Fahrkarte gekauft habe. Ob ich wirklich fahre weiß ich noch nicht, aber die Storno-Gebühr beträgt 19 Euro, das finde ich durchaus vertretbar. Das Schöne am Bahnfahren ist, dass es zwar planbar, aber doch so prinzipiell unvorhersehbar ist. Es kommt auf jeden Fall irgendwas dazwischen. Dass muss nicht zu einem völlig anderen Ergebnis führen, aber man kann nicht genau wissen, was einem passiert. Und das auf jeder Reise! Ich bin mehr als 15 Jahre lang immer auf derselben Autobahn gefahren, bis sich dann einmal etwas Unvorhergesehenes ereignet hat. Bis dahin einfach nur öde Langeweile. Beim Bahnfahren ist keine Fahrt wie die andere. Es ist jedes Mal ein Abenteuer. Eigentlich ist Bahnfahren heute, das wurde mir klar, so wie Yoga in den 80ern. Oder wie Hochseeangeln oder wie Bergsteigen. Man lernt etwas über sich selbst, kommt an seine Grenzen und erweitert sie spielerisch. Darum sind die Züge auch immer so voll. Keiner will einfach nur von A nach B. Man will sich selbst finden und erfahren, wie man in Extremsituationen reagiert.

Ich habe natürlich mal wieder keine Ahnung, wie Bahnfahren heute in anderen Ländern ist, aber ich vermute, in Deutschland gestaltet es sich noch mit am meisten komfortabel und planbar. Es gibt bestimmt auch Bahnlinien, die Fahrpläne in unserem Sinne gar nicht kennen. Wenn man wegfahren will, geht man eben zum Bahnhof. Wenn ein Zug hält, steigt man ein. Wenn man Glück hat, findet man einen Stehplatz mit Blick durch ein Fenster. Wohin der Zug fährt, wird man ja sehen.

Die Gelassenheit beim Reisen ist uns irgendwie abhanden gekommen. Alles muss klappen, weil wir dann und dann da und da sein müssen. Mein Ideal vom Reisen ist, einfach loszugehen, ohne zu wissen, wo ich ankomme oder wann. Ich kann es noch nicht. Aber einmal will es machen: Ein paar Sachen in den Rucksack packen, ein bisschen Wegzehrung mitnehmen und dann los, nur los. Auf, auf und davon.

„Die Straße gleitet fort und fort,
weg von der Tür, wo sie begann,
weit überland, von Ort zu Ort,
ich folge ihr, so gut ich kann.
Ihr lauf ich raschen Fußes nach
bis sie sich groß und breit verflicht
mit Weg und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Ich weiß es nicht.“
J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe

Alsuna - Penelope´s Song

Vorbild werden

Mit der Sprache ist das immer so eine Sache. Man ringt um Worte und Begriffe und meistens kommt nur Murks dabei raus. So gab es zum Beispiel mal eine Zeit, da hat man ganz selbstverständlich von den Behinderten gesprochen. Vorausgesetzt, man gehörte selbst nicht dazu. Behinderte, das waren immer die anderen. Meine ersten Begegnungen mit Behinderten hatte ich in der Freizeitarbeit als Mitarbeiter und Organisierer von Gruppenreisen. Da hießen die Behinderten dann Teilnehmer. Einmal bin ich durcheinander gekommen, als wir eine Fahrt mit behinderten und nicht behinderten Teilnehmern hatten und ich nur die nichtbehinderten versammeln wollte, um etwas zu besprechen. Was sagt man da? Nur die ohne Ausweis?

Behinderte wohnten in Behindertenheimen. Am Anfang dieses Jahrtausends begann ich, für solche Heime zu arbeiten. Dann sollte man irgendwann besser nicht mehr „Behinderte“ sagen. Wir sagten „Bewohner“ und die Heime wurden zu Wohnstätten. Die Bewohner wurden dann ziemlich schnell zu Klienten und Klientinnen. Das war total modern - damals. Heute sagen wir „Leistungsberechtigte“ oder einfach LB. Interessant ist, dass es für solche Sprachregelungen keine direkten Anweisungen gibt. Es ist eher wie ein interner Code, den man übernehmen muss, ob man nun will oder nicht. Genauso, wie man einmal im Jahr sein Passwort ändern muss. Sonst kann man sich nicht mehr anmelden. Man könnte auch versuchen vorauszusehen, was als nächstes kommt. Aber das ist sehr schwer. Auf „Leistungsberechtigte“ wäre ich nicht gekommen. Ich selbst fände „Außerirdische“ nicht schlecht.

Das Ding ist, dass es egal ist, welche Worte man sich ausdenkt. Es führt einfach nicht zu mehr Partizipation, wenn versucht, sich begrifflich voneinander abzugrenzen. Das Gegenteil ist der Fall, wie auch immer man zueinander sagen will. Es ist richtig, dass sich auch die Sprache verändern muss, wenn sich die Gesellschaft verändern soll, aber die Sprache allein macht es eben nicht. Solange wir die sind, die irgendetwas machen und die anderen die, für die es gemacht wird, ändert sich auch nichts. Erst wenn die anderen zu „Teilhabern“ werden - ihrer eigenen Sache übrigens -, wird sich auch etwas bewegen. Die Frage ist, ob sie das in der Mehrheit überhaupt wollen. Wir sind schließlich selbst keine guten Vorbilder, denn wir sind die Bürger und die Politiker sollen gefälligst gute Politik für uns machen. Das können sie aber gar nicht. Das könnten wir nur selbst. „Politik“ war auch mal so ein neues Wort - vergleichbar mit der öffentlichen Sache, der „res publika“. Worte sind sehr mächtig. Aber Worte allein verändern eben nichts - wenn sie nicht vom Herzen kommen.

Friedlich und sanft

Es tut mir leid, aber ich mag einfach keine Männer. Ich bin viel lieber unter Frauen. Ich selbst bin ganz froh, keine Frau zu sein, denn ich genieße natürlich gern alle Vorzüge einer männerdominierten Welt, ich kann sie aber nun mal nicht leiden. Inzwischen kann ich auch keine Fernsehnachrichten mehr sehen, wenn sie von Männern vorgetragen werden, Radio hören geht auch nicht mehr. Ich erinnere mich manchmal an den Geruch in der Männerumkleide bei Stahl Hennigsdorf. Dann wird mir übel. Wie gesagt, bei Frauen ist mir wohler. Leider ist es bei den meisten Frauen andersherum. Es dauert nie lange und sie schleppen irgendwelche Männer an. Ohne zu fragen und ganz selbstverständlich. Nur deswegen muss ich auch den Kontakt zu Frauen auf das Notwendigste einschränken. Das ist übrigens auch in monogamen Beziehungen so. Ich bin oft genug darauf hereingefallen. Erst ist man selbst der Mann der angeschleppt wird und sitzt grinsend in der Küche, während der andere seine Sachen packt. Nur wenig später packt man selbst und weiß wieder ganz genau, dass man keine Männer mag.

Na ja. Inzwischen kann ich damit gut umgehen. Wie so oft macht es am meisten Spaß, wenn man die Sache paradox angeht. Orthodox wäre es, Männertreffen einfach zu meiden. Dann kann man aber nichts gestalten und kommt folglich nicht weiter. Ich gehe erstens zu Männertreffen hin und versuche zweitens, sozusagen als Maulwurf, Frauen einzuschleusen. Die kommen dabei gar nicht erst auf die Idee, noch mehr Männer mitzubringen, das Männertreffen ist wirkungsvoll gehackt und ich fühle mich wesentlich wohler. Vielleicht sollte ich mit diesem Know how jetzt doch Politiker werden. Die Politik lässt die Männerumkleide von Stahl Hennigsdorf um Längen hinter sich. Danach kommt nur noch das Alfred-Brehm-Haus. Als erstes würde ich dafür eintreten, dass es umbenannt wird, denn so ein schlimmer Mann war Alfred Brehm dann doch nicht, dass er es verdient hätte, als olfaktorische Katastrophe verewigt zu werden. Da kommen ganze andere Männer und vor allem Politiker in Betracht. Aber eins nach dem anderen.

Der Krieg ist auch so eine Männersache. Ich glaube inzwischen ganz fest daran, dass wir den Krieg nur loswerden, wenn wir die Männerherrschaft beenden. Das funktioniert aber nicht etwa so, dass die Männer alle auf einmal auf die Macht verzichten. Das können sie gar nicht, dafür sind es ja Männer. Es funktioniert ganz einfach und ganz leise nur dadurch, dass die Frauen eben keine Männer mehr anschleppen. Dann werden wir alle ganz friedlich und sanft.

Im Frühling

In der Wäsche habe ich die langen Unterhosen gefunden. Es gibt sie also wirklich. Darüber hinaus kann es nicht allzu lange her sein, dass ich sie getragen habe, denn ich wasche meine Wäsche ziemlich regelmäßig. Das sind die Fakten. Vorstellen kann ich mir das alles nicht. Selbst Socken scheinen mir im Augenblick für eine andere Klimazone gemacht zu sein. Die andere Klimazone ist aber nicht sehr weit weg. Wenn ich den Temperaturmeldungen im Internet vertrauen kann, ist es an der Ostsee noch richtig kalt bei einstelligen Celsius-Graden. Da bin ich doch ganz froh, dass ich erstmal nicht an die Ostsee fahre. Der Winter war nichts weiter, als ein böser Traum, den der Frühling geträumt hat, während er schlief. Jetzt ist er wieder richtig wach und lacht über den dummen Traum. Er lacht so sehr, dass er vergißt, es an der Ostsee warm werden zu lassen. Nun ist aber auch mal wieder Schluss mit dem albernen Gelache. Mit dem Herumgegacker. Wir sind doch nicht auf dem Hühnerhof!

Gestern früh wollte ich schnell vor der Arbeit noch einkaufen fahren. Ich traf einen Bekannten, der etwas abseits der ausgetretenen Pfade einen vollen Einkaufswagen bewachte. In meinem Wagen waren einmal Kaffee und ein Stück Seife. Weil ich mich schämte, deswegen losgefahren zu sein, legte ich noch ein Bund Porree dazu. Bio. Dann fiel mir nichts mehr ein. Ich fragte meinen Bekannten, ob er nochmal einen Wagen vollmachen wollte. Ich würde meinen dafür zur Verfügung stellen und im Gegenzug seinen übernehmen. Der Bekannte sagte nichts und machte eine Kopfbewegung. Ich folgte seinem Blick und sah seine Frau, die uns misstrauisch beobachtete. Ich trollte mich.

An der Kasse bekam ich dann für meinen Einkauf drei Rabatgutscheine. Was soll ich überhaupt mit diesen Dingern anfangen? Ich lasse sie immer im Einkaufswagen zurück. Wenn sie mir was schenken wollen, dann sollen sie es machen, aber mich nicht mit ihrer Zettelei malträtieren! Aus dem gleichen Grund sammle ich auch keine Punkte. Erst nehmen sie mir meine Geld ab und dann geben sie mir wieder welches zurück. Ich verstehe nicht, warum so viele dieses Spiel mitspielen. Aber ich übe mich ja in Toleranz und ertrage, dulde und kriege schlechte Laune. Gleich bin ich wieder dankbar, denn ohne schlechte Laune könnte ich nicht tolerant sein. Meine eigene Toleranz fühlt sich für mich so gut an, dass ich gleich wieder gute Laune kriege. So ist es im Frühling, ein Wechselbad der Gefühle! Und wozu um alles in der Welt waren die langen Unterhosen?

Freiheit

Die schönste Zeit des Jahres ist da: Es sind die Tage vor dem Urlaub. Sie schmelzen dahin. Das ist schön und aufregend und so traurig zugleich. Denn wenn der letzte Tag vor dem Urlaub vergangen ist, beginnt der Urlaub - und das heißt, er geht zu Ende. Vom ersten Tag an. Leider ist es mir noch nicht gelungen, eine andere Sicht auf die Dinge zu bekommen. Das wäre aber notwendig, um auch die Tage des Urlaubs genießen zu können und sie nicht mit stetig wachsendem Bedauern dahin zu bringen. So geht es mir noch mit allen Dingen, deren Endlichkeit absehbar ist: Meine Vorfreude auf ein Glas Hefeweizen ist geradezu grenzenlos. Das volle Glas jedoch erfüllt mich mit Trauer, denn es wird nur zu bald wieder leer sein. Mit dem Leben geht es mir zum Glück nicht so, denn ich kann das Ende nicht sehen. Es erscheint mir unendlich und so trauere ich nicht um den vergangenen Tag, denn morgen kommt ein neuer. Ich weiß schon, dass auch das nicht stimmt, aber es fühlt sich eben so an. Fürs Erste will ich es auch dabei belassen.

Wenn man aber die Endlichkeit des Lebens fühlen und trotzdem ohne Bedauern leben kann - das bedeutet, zu lieben. Dass ich es kann, würde ich auch beim Hefeweizen trinken merken und beim Urlaub. Ich könnte mich freuen bis zur Neige und bis zum letzen Tag. Ohne Bedauern und ohne zu hoffen. Aber auch jetzt bin ich schon froh, das überhaupt zu begreifen! Leben lernt man eben nicht in 50 Jahren. Darum werden Hobbits auch erst mit 52 Jahren volljährig.

Die Endlichkeit des Lebens fühlen heißt nicht, den Tag zu wissen, an dem man sterben muss. Es heißt auch nicht, zu spüren, dass es mit einem zu Ende geht. Die Endlichkeit des Lebens fühlen heißt, seinen Wert ermessen zu können. Das ist etwas anderes, als wenn man morgens fröhlich oder tatendurstig aufwacht. Es heißt, zu begreifen, wirklich zu begreifen, dass das Ende der Dinge eben kein Unglück ist, sondern ein großes Glück. Das zu wissen, ist nicht viel. Aber es ist alles. Mehr braucht man nicht. Wer das in seinem Leben gelernt hat, ist ein weiser Mensch und ein glücklicher dazu. Denn alles findet sein Ende; das Leben sowieso, aber auch der Tod. Der Haß, die Gewalt, der Krieg, der Hunger, das Elend und das Leid ebenso wie die Schönheit, die Ruhe, der Frieden, das Glück, die Liebe und die Gelassenheit. Wenn wir das begreifen, dann - ja, dann sind wir frei.

Krambambuli

Eigentlich, also wenn man es ganz ganz genau nimmt, müsste der Müll noch raus. Besser heute noch. Aber wer weiß, wird bei der Müllabfuhr nicht gestreikt? Es wäre doch schade, wenn ich den Müll wieder hoch tragen müsste, weil die Mülltonnen voll sind. Aber diese Ausrede ist selbst mir zu blöd. In Wirklichkeit habe ich Angst, dass irgendwas mit dem Schlüssel sein könnte. Ich könnte den falschen Schlüssel greifen, die Tür zuziehen und zack - stehe ich da. Im Moment ist das aber nicht schlimm, weil die Balkontür offen steht. Dann muss nur der Nachbar zu Hause sein und mich über seinen Balkon auf meinen klettern lassen. Ich musste das schon mal in meinem Elternhaus für die Nachbarn machen, die sich ausgesperrt hatten. Das war aber im 4. Stock! Zwischen den Balkonen war ein Sichtschutz, den ich umklettern musste. Ich wurde ausgewählt, weil ich klein und leicht war. Meine Mutter hielt mich an der Gürtelschlaufe fest. Wäre ich abgerutscht, hätte sie mich bestimmt gehalten.

Weil ich so doch eine gewisse Sicherheit hatte, bin ich jetzt mit dem Eimer draußen gewesen. Dabei begegnete ich dem alten Mann aus dem ersten Aufgang. Ach guck an, dachte ich, der lebt ja immer noch. Ich habe ihn ewig nicht gesehen. Er mich auch nicht. Er erkundigte sich nach meinem Autounfall. Na das ist doch interessant! Der Informationsfluss in unserer Wohnanlage funktioniert. Alle wissen es: ich bin der Junge, der überlebt hat. Vielleicht sollte ich mich auch mal ein bisschen für die Nachbarschaft interessieren. Ich weiß noch nicht mal ganz genau, wer hier alles in den drei Aufgängen wohnt. Das ist aber nun auch nicht weiter verwunderlich, denn ich sehe unser Haus ja nicht, wenn ich rausgucke. Wer im Haus gegenüber wohnt und was sie so machen, weiß ich schon hinreichend genau.

Der alte Mann hat mir dann noch erzählt, dass er auch einen Unfall hatte. Auf dem Lidl-Parkplatz ist ihm einer reingefahren. Jetzt hat ihm die Versicherung geschrieben. Naja, was soll ich dazu sagen. Auto fängt mit A an und hört mit O auf. Das war einer der Sätze meines Vaters, die ich bis heute nicht verstanden habe. Ich sage (oder schreibe) ihn aber trotzdem gern. Ein anderer war: „Trink Wasser wie das liebe Vieh und denk, es wär Krambambuli.“ „Papa, was ist denn Krambambuli?“ „So was ähnliches, wie Cola.“

Das war natürlich Quatsch. Krambambuli besteht aus Branntwein und Wacholderbeeren und wurde ursprünglich in einer bekannten Danziger Likörfabrik produziert. Der Vers stammt aus dem „Krambambolisten“, einem Studentlied des 18. Jahrhunderts:

Ihr dauert mich, ihr armen Toren,
ihr liebet nicht, ihr trinkt nicht Wein:
zu Eseln seid ihr auserkoren,
und dorten wollt ihr Engel sein,
sauft Wasser, wie das liebe Vieh,
und meint, es sei Krambambuli.

Gesunde Selbststeuerung

Die Hefesaison hat begonnen. Endlich! Man war ja kein Mensch mehr. Das wintertypische Dunkelgetränk verfinstert doch irgendwie auch das Gemüt. Aber jetzt ist wieder alles gut, alles ist hell und es ist warm genug, dass der Bernstein endlich flüssig wird.
So.
Ich hatte mir eigentlich vorgestellt, dass mein kleines Gedicht über das Hefeweizen doch etwas mehr Zeilen füllen würde. Das ist jetzt so nicht eigetroffen. Aha.
Ich lasse mir die Enttäuschung aber nicht anmerken. Ich lache sie einfach weg. Hahahahahaha.
In gewisser Weise ist das hier auch ein Test, nach wieviel Gläsern Hefeweizen ich definitiv nicht mehr in der Lage bin, einen Text zu schreiben. Leider habe ich vergessen, für jedes Hefeweizen einen Strich zu machen. Darum muss ich den Test morgen noch einmal wiederholen. Darüber hinaus wäre es auch interessant zu erfahren, wie sich eigentlich die anderen Autoren so stimulieren. Schreiben findet ja meistens unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, man kann also alles machen. Alkohol trinken wirkt da ja eher ein bisschen bieder und einfallslos. So richtige Drogen sind natürlich zu teuer und Haschisch wirkt bei mir nicht. Aber Pilze wären okay. Ich sollte es mal mit Pilzen versuchen.

Pilze habe ich jetzt aber nicht. Außerdem macht mich das Schreiben neuerdings so müde, dass ich zwischendurch immer wieder einschlafe. Das ist auch okay, nur wenn ich dabei auf dem Barhocker sitze, ist es natürlich gefährlich. Im Sessel schlafe ich aber dann so fest ein, dass ich große Mühe habe, wenigstens wieder so wach zu werden, dass ich noch in mein Bett finde. Manchmal wache ich morgens zwar in meinem Bett auf, bin aber noch angezogen. Am Hefeweizen kann es nicht liegen. Es ist alles Erschöpfung. Ich arbeite zu viel und müsste viel mehr ruhen.

Dass ich mich damit abmühe, scheint man mir doch anzumerken. Ich habe einen neuen Chef, der findet, dass ich ein „Vorbild für eine gesunde Selbststeuerung der Arbeitszeit bin.“ Diese Mitteilung hat mich sehr gerührt. Ich will unermüdlich weiter daran arbeiten, noch gesünder selbstgesteuert zu arbeiten. Leider kann man sich das nicht immer aussuchen. Aber man hat doch sehr viel selbst in der Hand und die Zeiten sind grad günstig. Ich könnte Seminare zu dem Thema anbieten: Weniger arbeiten - mehr leisten; Selbstausbeutung ja - aber nicht für die anderen; Burnout - wie man nie wieder für die Arbeit brennt und warum das gut und richtig ist.
Mal sehen.

Unterschiedliches

Ich sitze auf einem Einzelsitz am Fenster und auf der anderen Gangseite sitzt eine Dame, die in meine Richtung schaut. Ich kann nicht direkt hingucken, aber ich vermute mal, sie schaut aus dem Fenster. Aus meinem Fenster! Ich grübele darüber nach, wie ich das unterbinden könnte. Ich könnte das Rollo runterziehen. Davon wäre dann allerdings auch mein Hintermann betroffen. Schräg vor mir hat ein Herr ein Hefeweizen bekommen, das nun scheinbar sich selbst und der Schwerkraft überlassen bleibt. Es rutscht auf dem Tischchen und ich muss die Augen zukneifen und nur ab und zu durch die Lider schielen, wie früher bei dem Film mit dem Flugzeug, wo einer den Propeller wieder anwirft und ich weiß, dass er dabei verletzt wird. Die Dame hat jetzt Stöpsel in den Ohren bewegt die Füße, Arme und Oberkörper und flüstert einzelne Textzeilen mit. Dann steht sie auf und ich gebe mich der Vorstellung hin, sie würde bei 160 km/h einfach aussteigen. Was sie natürlich nicht tut. Stattdessen kommt sie wieder und isst einen Apfel. In Zeitlupe. Wir sind noch nicht mal in Erfurt und sie wird bis Berlin an diesem Apfel essen. Ich kann fast nicht mehr schreiben, weil ich vermute, dass sie mitliest. Ich überlege, wie ich schnell den ganzen Text in griechischen Buchstaben erscheinen lassen kann. Es fällt mir aber nicht ein. 

Wenn die anderen Reisenden nicht wären, wäre das Reisen ein Kinderspiel. Das autonome Fahren könnte auf der Schiene beginnen. Man kann eine Einzelkabine buchen. Wenn viele dasselbe Ziel haben, kann man die Kabinen zusammenkoppeln und hat wieder einen Zug. In der Kabine ist man aber für sich, wie im Auto. Es bringt einem niemand Hefeweizen, aber dafür guckt auch niemand aus meinem Fenster. Am Ziel steigt man einfach aus und geht seiner Wege. Das sollte doch ohne viel Aufwand machbar sein! 

Die Dame ist jetzt tatsächlich ausgestiegen. Nicht bei 160 km/h, aber in Erfurt. Ohne die Dame fährt der Zug jetzt fast 300 km/h. Auf dem Einzelsitz vor mir fährt auch eine Dame, wie ich gerade feststellen konnte, weil sie sich einen Pullover aus ihrer Tasche geholt hat. Ich hätte ihr gern geholfen, aber das war völlig unnötig. Ich würde sie auch gern einladen, ein bisschen aus meinem Fenster zu gucken, aber sie hat natürlich ein eigenes. Es gibt so verschiedene Damen auf der Welt und sie lösen ganz und gar Unterschiedliches in mir aus. Und hinter mir, in Erfurt, geht gerade die Sonne unter. 

Mal was anderes

Es gibt ein Spiel, das „Bahnsteigballett“ heißt und das geht so: Zuerst wartet man, bis sich alle Reisenden eines möglichst ausgebuchten Zuges entsprechend des Wagenreihungsplanes auf dem richtigen Bahnsteig aufgestellt haben. Dann verzögert man die Bereitstellung des Zuges. Dies sagt man noch über Lautsprecher an. Grund sei eine verspätete Bereitstellung. Warum soll man lügen? Das käme bei uns Reisenden nicht gut an. Vorher lässt man noch einen Zug mit gleichem Zielort ausfallen und gibt als Grund an, dass der Zug ausgefallen ist. Jetzt sind ungefähr genauso viele Fahrgäste mit Sitzplatzreservierung auf dem Bahnsteig, wie Reisende ohne Platzkarte. Damit sich alles auch schön mischt, dreht man noch die Wagenreihung um und lässt erstmal einen nachfolgenden Zug einfahren - alles ohne Ansage, nur über Anzeigetafel. Dann stellt man den Zug auf einem ganz anderen Gleis bereit, vorzugsweise wechsele man von unten nach oben, wenn es geht. Aber hier setzt die Bahnhofsfahrordnung manchmal enge Grenzen und man muss gegebenenfalls improvisieren. Außerdem muss man als Spieler beide Bahnsteige schön im Blick haben, sonst hat man ja nichts von der ganzen Aktion. 

Solcherlei Unterhaltung ist für die Fahrgäste im Ticketpreis inbegriffen. Vielfahrer wissen diese Einlagen zu schätzen und erwarten sie geradezu. Immerhin wissen wir, das langes Sitzen ohne Ausgleich uns nicht bekommt und wir sparen wertvolle Zeit, wenn wir nach solchen Reisen unsere Schrittzähler nicht erst noch auf Trab bringen müssen. Die Bahn wiederum lässt sich das Einiges kosten und schickt ihre Mitarbeiter regelmäßig auf teure Fortbildungen, wo sie das nötige Know-how lernen und trainieren können.

Natürlich gibt es verschiedene Level und die Spieler auf unterschiedlichen Bahnhöfen sind miteinander vernetzt und spielen gegeneinander nach Punkten. Man kann auch auf mehreren Bahnhöfen einer Strecke zusammenspielen, gemeinsam Punkte sammeln und so gegen andere Bahnhöfe antreten. Wenn auf der Strecke Berlin-Frankfurt auf allen Bahnhöfen Bahnsteigballett gespielt wurde, sorgt das für ausgelassene Stimmung im Großraumabteil. Darüber freut sich die Zugchefin. Am Besten lacht aber bekanntlich, wer zuletzt lacht. Ganz großes Kino hat kürzlich eine Spielerkooperative auf der Strecke nach München abgeliefert: Da haben sie die Zugchefin in Plochingen am Gleis stehen lassen. Der Intercity nach München musste dann in Göppingen eine halbe Stunde warten, bis die Kollegin mit dem nächsten Regio hinterhergefahren kam. Für so etwas gibt es ordentlich extra Punkte. Da müssen sich die von Berlin-Frankfurt-Strecke noch ganz schön anstrengen. Vor allem muss ihnen auch langsam mal etwas anderes einfallen, als immer nur Bahnsteigballett. 

Die Welt ist schlecht

Im Bekanntenkreis macht gerade der Facebook-Skandal die Runde. Man erzählt sich, Zuckerberg (sie sagen: Sackerböörg), also der, der dieses Facebook da gegründet habe, ebenjener Zuckerberg sei auf der Flucht. Ach?! Ich denke, er ist bei der versuchten Durchreise durch Deutschland festgenommen worden?? Ah! Haben sie ihn also endlich! Ja. Und jetzt soll er an Spanien ausgeliefert werden. Echt? Das geschieht ihm recht. Es ist ja jetzt rausgekommen, dass der wie die Stasi alle Leute abgehört hat. Wenn du zum Beispiel im Kino warst und dein Handy dabei hattest, dann konnte er das sehen! Ist das wahr? Ich kann auch manchmal sehen, dass Leute im Kino waren. Ich selbst gehe ja schon lange nicht mehr ins Kino. Es sind mir viel zu viele Leute da, die mich sehen könnten. Und die erzählen es dann vielleicht weiter und dann wissen, alle, welchen Film ich geguckt habe. Da gucke ich lieber Filme auf Netflix. Oder YouTube.

Ja, es ist eben nur ein schmaler Grat zwischen notwendiger Priorisierung und fahrlässiger Ignoranz. Es kann nicht schaden, die Interessengebiete möglichst breit zu fächern. Man muss ja keine Leidenschaft daraus machen. Ich sag immer, eine Gesellschaft, die ihre politischen Entscheidungen aus Facebook-Kommentaren und -Nachrichten ableitet, bekommt eben die Regierung, die sie verdient. Wenn ich nur der Wettervorhersage auf Facebook vertrauen würde, müsste ich an vielen Tagen im Trockenen bleiben obwohl die Sonne doch so wunderschön scheint. Darum gucke ich doch noch lieber aus dem Fenster, wenn ich wissen will, wie das Wetter wird.

Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, schrieb Kant. Unmündigkeit wiederum sei die Unfähigkeit, sich seines Verstandes ohne Hilfe eines anderen zu bedienen. In Facebook ist die Aufklärung nicht eingebaut. Dafür ist es nicht gedacht. Das würde ich aber Zuckerberg nicht vorwerfen. Das Wort „Geschäftsidee“ fängt schließlich mit „Geschäft“ an und nicht mit „Idee“. Mit Idealen kann man nun mal keine Geschäfte machen. Die ganze Welt, in der wir leben, ist nur auf List und Trug bedacht und wünscht sich nichts, als Geld. So ist das nun mal. Das sich alle etwas anderes wünschen, ändert nichts am Weltenlauf. Nur ich tue unablässig Gutes, nur ich bin durch und durch gut und das Trachten meines Herzens ist rein. Darum liebt mich und vertraut mir und überweist mir regelmäßig Geld, damit ich weiter Gutes tun kann. Denn die Welt ist schlecht! So schlecht.

An uns glauben

Jetzt ist die Waschmaschine kaputt gegangen. Zum Glück nicht meine, aber irgend ein armer Kerl steht jetzt ohne funktionierende Waschmaschine da. Ich kann nur mit den Schultern zucken, denn ich bin ja kein Waschmaschinist. Mit fremden Waschmaschinen kann man sich ja auch überhaupt nicht mehr auskennen. Ich weiß nicht, auf welche Knöpfe man drücken muss und wohin man das Drehrad drehen soll, weiß ich schon gar nicht. Ich weiß auch nicht, wozu die verschiedenen Temperaturen dienen sollen. Ich will meine Wäsche schließlich nicht weich kochen - oder sollte ich das? Bei meiner Waschmaschine habe ich nach längerem Probieren herausgefunden, welche Drehradstellung am wenigsten zeitaufwändig ist. Jetzt ist die Wäsche nach 15 Minuten durch. Eigentlich ist sie sogar schon schrankfertig, weil ich sie trocken herausnehmen kann, wenn ich den Wasserhahn nicht aufdrehe. Aber das sind alles Tricks, die man erst nach mindestens einem halben Leben draufhat. Warum sollte ich sie hier für lau heraus posaunen?! Schließlich musste ich auch mein Lehrgeld zahlen. Ich habe alles durch; von Waschsalon über WM66 bis wieder-zu-Hause-waschen-lassen. Ich bin sozusagen mit allen Wassern gewaschen.

Die Waschmaschine ist aber auch ein Symptom unserer Gesellschaft. Ich treffe kaum noch Menschen, die zum Beispiel den Wasserhahn auf- und wieder zu drehen. Geschweige denn den Stecker ziehen. Wasser und Strom müssen immer im Standby bleiben, denn die Waschmaschine läuft täglich. „Ich kann doch nicht jedes Mal den Stecker rausziehen!“ ist ein geläufiger Satz. Natürlich kann man das nicht. Wie sollte das denn gehen, jedes mal den Stecker rauszuziehen? Und dann jedes Mal wieder reinstecken. Das kann ja gar nicht gehen. Nun, wahrscheinlich und offensichtlich ist das auch gar nicht notwendig. Ich finde es darüber hinaus interessant, dass es so viele Waschmaschinen gibt, die täglich in Betrieb sind. Ich möchte lieber nicht schreiben, wie oft meine Waschmaschine die Wäsche wäscht. Sie ist nicht besonders fleißig. An Faulheit wird sie nur noch von meinem Staubsauger übertroffen. Ich könnte nicht sagen, wann er zum letzten Mal mit dem Stromnetz verbunden war. Der Termin der letzten Entleerung seines Beutels verliert sich im Galopp der Ereignisse. Diese beiden Produkte sind offenbar am Markt gescheitert. Das ist kein Wunder, denn Waschmaschinen und Staubsauger kauft man nicht so oft. ich finde es traurig, dass wir alle „ständig sehen müssen, wo wir bleiben.“ Denn eigentlich müssen wir das nicht. Wir müssten nur darauf vertrauen können, dass wir das sind, das wir werden. Und ein bisschen an uns glauben.

Die Erben

Es gibt viele Gefahren da draußen, wenn man sich denn einmal hinaus wagt. Es kann zum Beispiel passieren, dass einem ein Weltraumlabor auf den Kopf fällt. Erst rast es seit Jahren unkontrolliert im Orbit herum und plötzlich fällt es - zack! - auf die Erde herunter. Man hat gar nichts davon gehört, ob die Chinesen nun darüber traurig sind. Immerhin war es ihr Weltraumlabor und es hat bestimmt eine Menge Arbeit gekostet, es zusammenzuschrauben und es dann in die Umlaufbahn zu schießen. Aber sie hätten es natürlich wissen müssen und vielleicht haben sie ja auch von Anfang an damit gerechnet: Alles, was man in die Luft wirft, fällt früher oder später auch wieder herunter. Wie haben sie es eigentlich gemacht, dass bestimmte Sachen nicht wieder heruntergefallen sind? Voyager 1 und 2 zum Beispiel. Die fliegen einfach immer weiter. Aber wer weiß, wie lange noch. Vielleicht kommen sie in ein paar tausend Jahren auch wieder zurück. Dann finden die Menschen, wenn es denn noch welche gibt, die goldene Schallplatte und versuchen mit den wunderbaren Wesen Kontakt aufzunehmen, die sie gemacht haben.

Ich weiß nicht, wie ich jetzt darauf komme, aber die Nachrichten aus Amerika erinnern mich gerade wieder sehr stark an das Rattenfänger-Lied von Hannes Wader. Der hatte das ursprüngliche Motiv dahin umgedeutet, dass die Hamelner Kinder nicht vom Rattenfänger ermordet worden sind, sondern von den Eltern verbannt wurden, die von ihren Kindern über das alltägliche Unrecht zur Rede gestellt wurden. Die ertappten Erwachsenen konnten es nicht mehr ertragen, mit ihren Kinder zusammen zu leben, die sie angklagten und brachten sie bei Nacht und Nebel aus der Stadt. Tot waren sie aber nicht sondern sie lebten verstreut in alle Welt, zeugten Kinder und erzählten ihnen die Geschichte der Kinder von Hameln. Die Jugendlichen der Post-Columbine-Generation könnten wohl die Erben der Hamelner Kinder sein.

Ich - das muss ich mir wohl eingestehen - bin es nicht. Oder zumindest habe ich mein Erbe nicht angetreten. Ich habe mich zwar auch mit meinen Eltern angelegt. Ich habe ihnen das Geschirrspülmittel versteckt und statt dessen die Zitronenschalen vom Abendbrot-Tee gesammelt. Ich habe von ihnen verlangt, dass sie ihr Brauchwasser sammeln und es zur Toilettenspülung verwenden. Aber irgendwann habe ich dann auch mitgemacht, beim alltäglichen Unrecht und meinen Teil dazu beigetragen, dass es für die Post-Columbine-Generation und ihre Kinder sehr ungemütlich werden wird. Ich könnte es ihnen nicht verdenken, wenn sie mich dafür verachten.

Storyteller

Wenn Menschen in der Öffentlichkeit ihr Telefon vors Gesicht halten und mehr oder weniger leise hineinsprechen, nehmen sie dann eine Sprachnachricht auf oder nutzen sie die Diktierfunktion? Ich glaube, es ist meistens eine Sprachnachricht, denn zum diktieren müssten sie den Text kontrollieren und gelegentlich korrigieren. Das beobachte ich aber fast nie. Ich selbst habe noch nie eine Sprachnachricht verfasst. Es wäre aber nur konsequent, auch diese Möglichkeit zu nutzen, denn längst haben die Textnachrichten das Telefonat ersetzt. Ich rufe eigentlich nur noch an, wenn das Texten zu kompliziert wird, weil man sich in gegenseitigen Missverständnissen heillos verstrickt. Die Sprachnachricht würde hier viel besser ins Programm passen. Ich bin dafür, dass sich die Sprachnachricht gegen die Textnachricht behauptet, denn die Unfallgefahr durch den aufs Display gerichteten Blick würde deutlich sinken.

Aber wer weiß schon, welche Entwicklung sich am Ende durchsetzt? Und wer beeinflusst es? Und wie? Ich habe keine Ahnung. Mir kommt das aber alles sehr entgegen. Ich bin in einem Alter, in dem man sich für Haltegriffe für die Badewanne interessiert. Zum Lesen brauche ich eine Brille, die nicht immer greifbar ist. Darüber hinaus öffnet die Sprachnachricht die Nachrichtenwelt auch für Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Wir sollten wirklich dabei mitmachen, denn vielleicht fängt es mit WhatsApp-Sprachnachrichten an. Aber dann gewöhnen sich vielleicht nach und nach alle Briefschreiber daran, eine gesprochene Version mitzuschicken. Wer weiß das schon?!

Wer weiß schon, was als nächstes kommt? Bleibt es bei Nachrichten? Die Geschichtenerzähler saßen an Lagerfeuern und hatten keine Textversion ihrer Geschichten. Ich habe mal eine Zeitlang eine Audioversion dieser Texte gelesen, aufgenommen und mit veröffentlicht. „Die Zeit“ höre ich mir nur noch als Audio-Ausgabe an. Aber das sind alles Texte, oft auch Geschichten, die vorgelesen werden. Dafür muss man sie erst mal aufschreiben. So sind sie entstanden. Eine erzählte Geschichte entsteht anders, als ein geschriebener Text. Man braucht dafür Zuhörer und eine Verbindung zu ihnen. Wer weiß schon, was schließlich aus den Sprachnachrichten wird? Vielleicht werden Geschichten daraus. Erzählte, nicht geschriebene Geschichten, die wir dann teilen oder an unseren Lagerfeuern weitererzählen. Aus allen Sprachnachrichten (wo sind sie gespeichert?) wird die Geschichte der Menschen des 21. Jahrhunderts. Vielleicht eine traurige Geschichte. Vielleicht aber auch eine lustige und komische. Wir sind alle Storyteller. Worauf warten wir noch? Fangen wir an!

Das Schwarze Loch und die Kuh

Es ist doch schade, dass das Geschichten erzählen so aus der Mode gekommen ist. Wenn es doch noch mal einer macht, kommt gleich Petra Gerster und fragt, ob es sich denn auch wirklich so zugetragen hat. Fake-News und alternative Fakten können nur in einer Nachrichten-Welt entstehen, in der eben nur Fakten zählen. In einer Geschichte geht es aber überhaupt nicht um Fakten. Eine Geschichte ist so etwas wie eine lebendige Flaschenpost. Sie kann aus einer anderen Zeit zu uns sprechen und wir werden ihre Botschaft nicht verstehen, wenn wir uns damit begnügen, die Fakten zu überprüfen. Nachrichten sind von Natur aus kurzlebig. Keiner käme auf die Idee, sich die Nachrichten von gestern anzuschauen, wenn Nachrichten von heute verfügbar sind. Das Verfallsdatum von Nachrichten richtet sich nach ihrer Übermittlungsgeschwindigkeit. Spätestens seit der Erfindung der drahtlosen Telegrafie veralten Nachrichten binnen Stunden.

Geschichten dagegen altern nicht. Sofern sie eine Botschaft enthalten, die sich noch entfalten kann, bleiben sie lebendig. Gerade in den guten Geschichten entfaltet sich diese Botschaft nicht unmittelbar. Man muss sich schon ein bisschen daran abarbeiten. Aber wie gesagt, das ist leider ein bisschen aus der Mode gekommen. Anstelle von Geschichten erzählen wir uns eben lieber Nachrichten. Darum heißt meine Seite ja auch „Nachrichten vom liedersaenger“ und nicht „Geschichten vom liedersaenger“.

Allerdings ist die Geschichte vom Schwarzen Loch eben doch eine Geschichte und keine Nachricht. Sie ist, wenn sie gut ist, somit gewissermaßen zeitlos und enthält eine Botschaft. Nun ist es beim Geschichten erzählen normalerweise nicht so, dass man die Botschaft schon kennt, wenn man die Geschichte erzählt. Man erzählt nicht, weil man eine bestimmte Botschaft verbreiten will - das wäre Werbung oder Propaganda. Man erzählt im Vertrauen darauf, dass sich die Botschaft eben entfaltet und in Hörern und Lesern lebendig wird, obwohl man sie selbst gar nicht kennt. Jedenfalls nicht so genau. Es gibt auch eine noch einfachere Version der Lochgeschichte, als die, die ich erzählt habe. Ich fand sie auf YouTube. Beide Versionen - meine und die auf YouTube - haben gemein, dass sie nicht unmittelbar zu uns sprechen. Das könnte darauf hindeuten, dass es gute Geschichten sind. Und es könnte uns zu denken geben. Oder ist das Denken auch aus der Mode gekommen?

Hawking, Susskind, mein Vater und ich

Stephen Hawking hat sich sein Leben lang mit Schwarzen Löchern beschäftigt. Ich habe ein etwa zwanzigminütiges Fachgespräch mit meinem Vater geführt, in dem sich ein für mich völlig hinreichender Erkenntnisgewinn einstellte. Es ist ja nun mal scheinbar so, dass so ein Schwarzes Loch alle Materie um sich herum wie ein Staubsauger aufsaugt. Auch unsere Milchstraße hat so ein Loch und die Frage liegt nahe, was denn mit der ganzen Materie passiert, die darin verschwindet. Hawking selbst ist mit der Beantwortung dieser Frage auch nicht ganz zu Ende gekommen. Man kann sich auch vorstellen, dass am Ende, wenn die Löcher alle Galaxien aufgefressen haben, nur noch die Löcher übrig bleiben, die sich dann solange gegenseitig auffressen, bis ein Loch alleine übrig bleibt. Das ist nun aber paradox, denn ein solches Loch hätte in seiner Gier sein eigenes Loch-Sein quasi ad absurdum geführt. Denn ein Loch ist ja wohl ohne das, worin es ein Loch ist, einfach nur gar nichts mehr. Ein Loch in meiner Hose verschwindet schließlich vollständig, wenn ich mir die Hose rund um das Loch wegdenke. So verschwände schließlich auch das letzte Schwarze Loch spurlos und vollständig.

Mein Vater wollte nun wissen, wo denn die ganze Materie bliebe, wenn am Ende das letzte Schwarze Loch spurlos verschwinden würde. Das war ja irgendwie auch Hawkings Problem, der darüber zwanzig Jahre lang mit Leonard Susskind gestritten hat. Hawking war der Meinung, sämtliche Information ginge eben mit dem Schwarzen Loch verloren. Mein Vater war damit nicht einverstanden und Leonard Susskind auch nicht. Hawking hat sich damals entschuldigt und irgendetwas Unverständliches über die Information gesagt, die nun eben doch nicht verschwinde.

Ich habe in unserem Fachgespräch eine elegantere Lösung gefunden. Demnach hat ein Schwarzes Loch eben zwei Öffnungen. Was in die eine hineinfällt, kommt aus der anderen wieder heraus. Das geschieht explosionsartig, wie ein Big Bang und zwar genau in dem Moment, in dem das Loch auf der Saugseite verschwindet. Das ist der Lauf der Welt. Sie explodiert aus einem Schwarzen Loch heraus, expandiert und entwickelt sich, wobei wieder neue Schwarze Löcher entstehen. In die fällt das ganze schöne Universum irgendwann wieder vollständig hinein und so weiter. Das geht schon immer so, hat niemals angefangen und hört auch niemals auf.

Dann machte ich mir ein Bier auf und mein Vater machte uns was Schönes zum Abendbrot. Und Piggeldy ging mit Frederick nach Hause.